Berliner Filmfestspiele

The Million Dollar Hotel von Wim Wenders

Die Spannung zwischen der filmischen Vision und dem Leben selbst

Von Stefan Steinberg
8. März 2000

Der neue Film des deutschen Regisseurs Wim Wenders The Million Dollar Hotel eröffnete die 50. Internationalen Filmfestspiele in Berlin. Wenders nimmt eine praktisch einzigartige Position dadurch ein, dass er den europäischen mit dem amerikanischen Film verbindet. Er ist der einzige deutsche Filmemacher mit Format, dem es möglich war, mit einer gewissen Unabhängigkeit von den großen amerikanischen Studios zu arbeiten.

Nach seinen eigenen katastrophalen Erfahrungen und Konflikten mit Francis Ford Coppola und den amerikanischen Filmstudios während der Dreharbeiten zu Hammett leckte Wenders seine Wunden, verarbeitete seine Hollywood-Erfahrungen in dem Film Der Stand der Dinge(1982) und gewann wieder Boden unter den Füßen. Besonders seit dem Erfolg von Buena Vista Social Club(1999) ist er nun in der Lage genug Gelder aufzutreiben, um seine eigenen Projekte zu entwickeln und einige der größten Talente dies- und jenseits des Atlantiks für die Mitarbeit zu gewinnen.

Wenders begann seine Filmarbeit in den 60-er Jahren als Teil der Bewegung, die als Neues Kino bekannt ist. Wenders äußerte sich über die besonderen Probleme deutscher Filmemacher zu dieser Zeit, im Anschluss an die Erfahrung des Faschismus und die allgemeine kulturelle Stagnation im Nachkriegsdeutschland. "Ich denke, dass kein anderes Land einen solchen Verlust an Vertrauen in seine eigenen Bilder, Geschichten und Mythen erlebt hat, wie wir ihn haben. Wir, die Regisseure des Neuen Kinos, haben diesen Verlust am schärfsten in uns selbst gefühlt, als Abwesenheit einer eigenen Tradition, als Generation ohne Väter." Wenders und andere machten sich daran, neue Quellen für wirkungsvolle Bilder und Geschichten zu finden, eine neue Basis für den deutschen Film selbst.

In seiner gesamten Filmarbeit stand Wenders stark unter den Einflüssen des amerikanischen Films - zu nennen wären vor allem Nicholas Ray und John Ford. Wenders erinnert sich, dass in den späten 60-ern, als der Radikalismus an den Universitäten seinen Höhepunkt erreichte, er von Kommilitonen gedrängt wurde, an politischen Treffen teilzunehmen. Wenders zog es vor, amerikanische Western anzuschauen. Er verheimlichte nicht seine Bewunderung für Roadmovies wie Easy Rider,und viele seiner eigenen Film drehen sich um eine Reise oder Suche.

In einer Reihe seiner Filme spielte Wenders auch mit dem klassischen Thema des Thrillers in Form eines ermittelnden Detektivs. Hammett ist dem Kriminalschriftsteller Dashiell Hammett und seiner Verstrickung in rätselhafte Vorgänge gewidmet. In Bis zum Ende der Welt(1991) zeigt Wenders einen Ermittler, der über den ganzen Kontinent reist, während die Reise der Filmheldin ihren Höhepunkt im Weltall findet. Indem Individuen ohne Wurzeln gezeigt werden (Travis, die Hauptfigur in Paris, Texas(1984) taucht plötzlich aus der amerikanischen Wüste auf - offensichtlich ohne Vergangenheit), die von unmittelbaren sozialen Bindungen frei sind, verweisen Wenders Filme wiederkehrend auf einen Bruch, der im Leben seiner Charaktere stattgefunden hat.

Traditionell wurde sowohl das Roadmovie wie auch der Kriminalfilm dazu benutzt, einen strikten Rahmen für die Entwicklung einer Filmgeschichte zu bilden. In seinen eigenen Filmen zeigt Wenders allerdings, dass das überschäumende Leben kaum in den engen Rahmen des klassischen Thrillers passt, wirkliches Leben niemals so klar beginnt und endet wie eine Fahrt mit dem Bus.

Wenders Suche nach neuer filmischer Inspiration und einer neuen Sprache verweist auf die Stärken und Schwächen seines Werkes. Er nutzt Formelemente des traditionellen amerikanischen Filmgenres für seine eigenen Themen, über die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses, über Kommunikationsschwierigkeiten, über die Art, wie wir die Welt wahrnehmen, und wie diese Wahrnehmung vom Film selbst erhellt oder verzerrt werden kann.

Wenn man ihn mit anderen Vertretern des Neuen Kinos, beispielsweise R.W. Fassbinder oder Volker Schlöndorff, vergleicht, offenbart Wenders dabei eine Tendenz, sich von schwierigen gesellschaftlichen und historischen Fragen zurückzuziehen. Sowohl Fassbinder (der von dem deutsch-amerikanische Regisseur Douglas Sirk mit am stärksten beeinflusst wurde) als auch Schlöndorff haben Fragen der deutschen Vergangenheit und insbesondere des Faschismus frontal angegangen. Bei vielen Gelegenheiten sind ihre Filme auf Kritik und Feindseligkeit, ausgehend von maßgeblichen sozialen Interessen, gestoßen.

In Wenders Filmen bleiben die Spuren der Vergangenheit entweder nur Spuren - politische Parolen auf einer Wand im Hintergrund - oder sie nehmen eine absurde Form an - so wie der Nazi-Kriegsfilm, der in Der Himmel über Berlin(1987) geprobt wird. Dies soll nicht heißen, dass sich jeder deutsche Filmemacher in seinem gesamten Werk der deutschen Vergangenheit widmen muss, aber Wenders zeigt eine Abneigung sich mit den Wurzeln der Probleme auseinanderzusetzen, die von den Figuren in seinen Filmen an den Tag gelegt werden: Einsamkeit, Verzweiflung, Verwirrung.

Wenders plante ursprünglich einen Science-Fiction-Film mit dem Titel The Billion Dollar Hotel, dessen Handlung im späten 21. Jahrhundert stattgefunden hätte. Ein begrenztes Budget war der Grund dafür, dass der fertige Film, der auf einer Idee des U2-Popsängers Bono basiert, im Hier und Jetzt spielt. Eines der exklusivsten Hotel im Los Angeles der 20-er Jahre ist inzwischen zu einem Aufenthaltsort für arme, gesellschaftlich ausgeschlossene und geistig gestörte Menschen geworden und stellt die Bühne für die Handlung.

Der Film beginnt mit einem langen Schwenk über die Skyline von Los Angeles, der auf dem Dach des Hotels endet. Einer der Hotelbewohner, Tom Tom (Jeremy Davies), rennt das Dach entlang und wirft sich hinunter. Durch Tom Toms Augen erleben wir den Sturz vom Dach und passieren in Zeitlupe die Fenster der einzelnen Stockwerke. Während des Falls erhaschen wir einen kurzen Blick auf die Bewohner des Hotels und ihre Aktivitäten. Tom Toms Sprung erinnert an eine Szene aus Wenders früherem Film Der Himmel über Berlin - die Landung eines Engels auf der Siegessäule in Berlin. In Der Himmel über Berlin bringt der Fall des Engels auf die Erde neues Leben, denn der Engel tauscht seine ewige, himmlische Existenz gegen eine irdische, sterbliche.

In The Million Dollar Hotel ist der kindliche, unschuldige Tom Tom nach seinem selbstmörderischen Sprung zweifellos vom Schicksal dazu bestimmt, einen Weg in die entgegengesetzte Richtung zu nehmen. Die Szene mit den Hotelfenstern ist Beweis für das scharfe Auge des Regisseurs und die künstlerische Vision, die den Film durchdringt. Sein Ausgleichen von Licht und Schatten, wodurch seine Objekte innerhalb des Rahmens eines Zimmers oder einer Straße gesichert werden, erinnert insbesondere an die Bilder von Edward Hopper. Gleichzeitig wird die Handlung durch sorgfältig ausgesuchte Rockmusik vorangetrieben.

Wir erleben nicht Tom Toms Aufprall auf dem Boden - statt dessen sagt seine Stimme: "Nachdem ich gesprungen war, war alles klar." Er fährt fort, die Geschichte des Films zu erzählen, die zurück in die Vergangenheit geht, um die Umstände hinter Tom Toms Selbstmord zu erklären. Vor Tom Tom hatte ein anderer Hotelbewohner, Izzy, den gleichen Weg genommen. Fiel er oder wurde er gestoßen? Izzy hat einen reichen Vater, der die Wahrheit erfahren (oder unterdrücken?) will und einen Superagenten, FBI-Agent Skinner (Mel Gibson als schnüffelnde "Cruise Missile") engagiert, um die Todesursache im Sinne des Vaters zu klären.

Die Bewohner des Hotels werden uns vorgestellt. Dixie (Peter Stormare) spielt Gitarre, hat lange Haare und behauptet, er sei der fünfte Beatle - der Mann, der für John Lennon und Paul McCartney die Songs schrieb. Geronimo (Jimmy Smith) ist ein Indianer, mit esoterisch-künstlerischen Interessen und zurückhaltend; seine stille Art erinnert an die indianische Figur in Milos Formans Einer flog über das Kuckucksnest(der, wie Wenders bekennt, Einfluss auf diesen Film ausübte). Eloise (Milla Jovovich), kühl und reserviert, ist eine junge Frau, die tagsüber Zuflucht in einem Buchladen sucht und nachts Fremden ihren Körper anbietet.

Tom Tom liebt Eloise, und im Verlaufe des Films entwickelt sich eine Beziehung zwischen ihnen. Die verschiedenen Bewohner des Hotels treffen aufeinander, werden aus ihrer Lethargie gerissen und planen gemeinsam, wie sie Izzys Tod und das Interesse eines Teils der Medien daran zu ihren Gunsten benutzen können.

In The Million Dollar Hotel greift Wenders wieder auf das Kriminalthema zurück, aber es wird in dem Werk keine sichtbare Reise unternommen - abgesehen von dem langen Fall Tom Toms vom Hoteldach zum Boden. Unsere Aufmerksamkeit ist gänzlich auf die Hotelbewohner und die Entwicklung ihrer Beziehungen zueinander gelenkt. In dieser Hinsicht sind Wenders beachtenswerte filmische Fähigkeiten nicht in der Lage, die Dürftigkeit des Plots und die Unzulänglichkeit der Charaktere zu verbergen.

Eloise ist zu Beginn des Films ein regelrecht autistisches Wesen, sie weist jede Gesellschaft von anderen zurück und nicht bereit ist zu kommunizieren. Unter ihrem Arm trägt sie ein Buch mit dem Titel Ein Jahrhundert der Einsamkeit. Sie spricht nur unter Zwang und dann, um zu erklären, dass sie nicht existiert. Nachdem sie von Agent Skinner vor einer nächtlichen Vergewaltigung gerettet wurde, öffnet sie sich weit genug, um eine liebevolle Beziehung mit Tom Tom zu beginnen. Ihre Momente allein mit Tom Tom gegen Ende des Films enthalten echte Zärtlichkeit und sind gefühlvoll gefilmt, aber die Verwandlung von Eloise bleibt unerklärt und vollzieht sich zu abrupt.

In seiner Einführungsszene funktioniert FBI-Agent Skinner wie eine Art Robo-Cop, skrupellos schüchtert er Verdächtige ein und versteckt Wanzen. Doch sein Kopf wird von einer Halskrause gestützt. Sein Rücken ist schon seit frühester Kindheit schrecklich entstellt. Nur ein Stützkorsett vermag die völlig verdrehte Wirbelsäule halbwegs stabil zu halten. In einer Szene, die an das Werk David Cronenbergs erinnert, liegt Skinner, nachdem er den Hotelbewohnern nachspioniert hat, hilflos gekrümmt, unter quälenden Schmerzen auf dem Tisch seines Zimmers. Der Law-and-Order-Mann gibt schließlich zu, genauso ein Freak zu sein, wie die Leute, gegen die er ermittelt, und nach seiner eignen plötzlichen Kehrtwende beschützt er den Verdächtigen Tom Tom vor der polizeilichen Verfolgung.

Tom Tom ist der Erwachsene mit der Spontaneität eines Kindes, der Unschuld eines Engels. Sein Blick auf die Welt ist direkt und frei von ideologischem Ballast, seine Spontaneität beendet Spannungen zwischen den Hotelbewohnern. Das Thema der kindlichen Wahrnehmung der Welt ist ein weiteres wiederkehrendes Thema von Wenders. Je stärker wir uns allerdings den Charakteren nähern, um so unbefriedigender werden sie. In seinen Anmerkungen zur Berlinale erklärt Wenders: "Das Hotel kann als eine Art Irrenhaus verstanden werden, außer dass, wenn man es letztlich mit der Welt drum herum vergleicht, die vermeintlich verrückten Bewohner ziemlich normal und gesund erscheinen." Wenders hat Parallelen zwischen seinem Film und Lars von Triers Idioten bestätigt.

Ohne die "Zerrüttung der echten Welt" in Frage stellen zu wollen, birgt solch ein Standpunkt bestimmte Probleme. Stecke eine geistig gestörte mit einer relativ gesunden Person zusammen und sie geraten zwangsläufig in Konflikt. Stecke zwei geistig und sozial gestörte Menschen zusammen und sie werden sich ausgleichen und in Harmonie leben - verhalten sich die Dinge wirklich so einfach? Aber dies scheint die Botschaft zu sein, die von den harmonischen und demokratischen Treffen der Hotelbewohner ausgeht.

Wenders selbst ist nicht blind gegenüber der Wirklichkeit des modernen Los Angeles. Tatsächlich bemerkt er, dass während der Dreharbeiten am Hotel täglich Krankenwagen und Polizeiautos zu sehen waren - die bei Streitigkeiten und Unruhen eingriffen und das jüngste Opfer einer Überdosis wegschafften. In seinem Film entscheidet sich Wenders allerdings dazu, solche Äußerungen von Armut und Geisteskrankheit größtenteils auszuschließen, und erweist damit seinen Charakteren einen schlechten Dienst. Der Film präsentiert uns reine und gleichzeitig privilegierte Seelen, zu gut für diese Welt und zur Zerstörung verdammt.

Wenders gesamte Filmlaufbahn verströmt eine anhaltende Unzufriedenheit und Unbehagen mit den Konventionen und trivialen Prioritäten, die die moderne Gesellschaft zu bieten hat - Prioritäten, die von den Massenmedien gefördert werden, die das Kritikvermögen abstumpfen. Aber in seinem jüngsten Film ist Wenders zu willfährig beim Ausbügeln der widersprüchlichen Elemente des modernen Lebens, die seinem künstlerischen und filmischen Konzept in den Weg geraten könnten. Darunter leiden infolge nicht nur seine Geschichte und die Charaktere - mit der Zunahme von sozialen Spannungen steigt die Gefahr, dass eine solche Einseitigkeit das Werk des Filmemachers auf das Niveau des Sinnträchtigen aber Substanzlosen reduziert.

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