Filme der 50. Berlinale

Gelungene Beschreibung eines Zeitgefühls

Zoe - von Maren-Kea Freese

Von Bernd Reinhardt
2. März 2000

Die 26jährige Karola ist aus einer kleinen Stadt nach Berlin gekommen. Hier nennt sie sich Zoe, lebt von der Hand in den Mund, schläft bei unterschiedlichen Bekanntschaften und will vor allem eines nicht: so leben wie ihre Eltern. Ihren Besitz schleppt sie in einer Anzahl von Plastiktüten mit sich herum. Sie kommt und geht, wie sie Lust hat. Keiner soll über ihr Leben, keiner über die Art der Musik bestimmen, die sie abspielt, wenn sie ab und an in einem schlecht laufenden Klub als DJ aushelfen kann. Es macht ihr nichts aus, allein zu der Musik zu tanzen, wenn sie nur ihr gefällt. Auf die Frage, was sie dann überhaupt daran fände, Platten aufzulegen, erklärt sie, es mache ihr Spaß, "wenn die Leute ihren Arsch hochkriegen". Doch da sind keine Leute, die ihre Musik wollen.

Von ihrer Zukunft hat sie nur verschwommene Vorstellungen, etwas mit Menschen und Musik wolle sie machen, "... und schön soll es sein", erklärt sie der alternden Rosi, die, vom Leben enttäuscht, nichts mehr erwartet. Der schüchterne Arbeitslose, bei dem man sich breit macht, ihn hänselt und die Miete schuldig bleibt, ist für die meisten gerade gut genug zum Bierholen. Eine junge Schwangere nutzt ihn für ihre Zwecke aus. Derjenige, der Zoe noch am nächsten steht, spricht schon seit Ewigkeiten von einer Tour nach London, die er mit ihr unternehmen will. Irgendwann, wenn er ein Stipendium bekomme, wolle er vielleicht seinen Doktor nachmachen, sinniert dagegen der Betreiber des Klubs.

Sie hängen alle irgendwie in der Luft und haben sich im wesentlichen nichts zu sagen. Jeder kennt die täglichen Litaneien des anderen. Man stochert nicht in der Wunde, die den Frust verstärkt, schwimmt mit auf der Welle voll alkoholfeuchter Lethargie, veredelt mit einem Hauch Romantik. Wer das nicht tut, stößt plötzlich an eine Wand.

Zoe ist ein Störfaktor in diesem Klima, wird überall nur geduldet. Zuerst wirkt ihre Ruppigkeit im Film etwas aufgesetzt. Sie hat nicht jenen sympathischen jugendlichen Rebellencharme, sondern wirkt eher plump, verschlossen, ihre Abruptheit zickig. Erst mit der Zeit erschließt sich die Figur dem Zuschauer. Zoes Vater ist ein seit dem Tod der Mutter kraftloser Mensch. Der Höhepunkt in Mutters Leben, die als Zimmermädchen im Hotel und auch in der Familie "bloß immer für andere da war" scheint ein Steppkurs gewesen zu sein. Zoe will sich nicht nur gegenüber diesen traurigen Vorbildern behaupten, sondern kämpft ständig auch gegen den sie umgebenden Sumpf ihrer so labilen wie egoistischen Freunde an. Dabei leiten sie weniger konkrete Ideen, als ihre aufwallenden Emotionen.

Gefühle schleppt man das ganze Leben mit sich rum, wie einen Haufen Plastiktüten, meint Rosi. Man weiß dabei nicht, was eigentlich in jeder Tüte drin ist und irgendwann, im Laufe der Zeit, kommt eine nach der anderen abhanden. Als Zoe am Schluss des Films, nach einer im Freien verbrachten Nacht betrunken an einer Rolltreppe hockt, völlig irrational ihre Habseligkeiten auf die Stufen legt und nacheinander langsam in der Tiefe verschwinden lässt, "Ausverkauf! Alles zum Nulltarif!" lallend, entsinnt sie sich plötzlich der Worte Rosis. Sie rennt dem Halbwüchsigen, der sich eine ihrer Taschen schnappt, hinterher.

Der Film bringt zum Ausdruck, dass Jugendliche es heute schwer haben, ihren eigenen Weg und sich selbst zu finden. Das liegt nicht in erster Linie an der sozialen Unsicherheit, von der die gesamte Gesellschaft zunehmend geprägt ist. Für die Jugendlichen sind solche Dinge oft zweitrangig. Sie lieben das Risiko. Doch wenn die Gesellschaft keine anstrebenswerten humanen Ideale mehr vermittelt, den Jugendlichen solche Träume verloren gehen, verwandelt sich das Streben nach Selbstverantwortung in Selbstisolation, gerät Elan und Stolz zu Verbissenheit und Sturheit, Romantik geht über in Alkoholismus. Gefühle, diese wertvollen und starken Katalysatoren, stauen sich auf, kommen unberechenbar zum Ausbruch und treiben schließlich die eigene Selbstzerstörung voran. Die Regisseurin hat einen Film geschaffen, der die jungen Menschen in keiner romantischen Subkultur zeigt, aus der man jederzeit wieder in die Normalität der Gesellschaft zurückkehren kann, wenn die Sache keinen Spaß mehr macht. Sie zeigt ein Stadium des Verfalls. Der Zuschauer merkt nach einer Weile, dass Zoe sich nicht einfach nur ausprobiert, sondern in großer Gefahr schwebt und in einen Zustand der Verwahrlosung und Obdachlosigkeit abzukippen droht. Ungeschminkt, ohne jegliche Sentimentalität zeigt der Film diese Gratwanderung und hinterlässt einen tiefen Eindruck.

Als auf der letzten Biennale der Regisseur Andreas Dresen in dem Film Nachtgestalten ein junges Obdachlosenpaar auf die Leinwand brachte, wirkte es in seiner Unverbrauchtheit etwas merkwürdig. Der Zuschauer hatte den Eindruck, als hätten zwei Durchschnittsjugendliche nur mal kurz ihre Kleidung mit zwei Obdachlosen getauscht. Dresen wollte natürlich auch normale Leute zeigen, die lediglich obdachlos geworden sind. Doch das Leben auf der Straße verändert das Verhalten von Menschen, ihre Persönlichkeit.

Der Wert von Zoe ist, dass der Film eine Zwischenphase zeigt, die mit einem solchen Abstieg verbunden ist. Gleichzeitig portraitiert er eine gesellschaftliche Normalität, in der irgendwelche Ideale oder moralische Normen, die einen solchen Prozess bremsen könnten, fehlen.