Filme der 50. Berlinale

Ein Interview mit der Regisseurin von Zoe, Maren-Kea Freese

Von Bernd Reinhardt
2. März 2000

Maren-Kea Freese (geb. 1960) studierte zunächst Filmwissenschaft, Publizistik und Germanistik an der FU Berlin, war Regieassistentin bei George Tabori und Rosa von Praunheim sowie beim Stadttheater Aachen. Als Regie- und Redaktionsassistentin arbeitete sie in der Redaktion "Literatur und Kunst" beim ZDF und begann 1990 ein Studium an der Film- und Fernsehakademie Berlin. Die ersten Kurzfilme entstehen ab 1983. Zoe ist ihr Abschlussfilm und gleichzeitig ihr erster langer Spielfilm.

Du bist auch die Drehbuchautorin des Films. Wie kamst du zu deinem Stoff?

Eigentlich geht das bei mir immer vom Gefühl aus. Mir ging es, nennen wir es jetzt mal so, um ein Gefühl innerer Heimatlosigkeit, was ich jetzt partiell von mir kenne oder auch von Freunden, und ich denke manchmal, es ist auch ein Zeitgefühl. Ich bin dann in die Szenerie gegangen, wo es am stärksten vertreten ist. Ich habe im Obdachlosenmilieu recherchiert. Ich habe da sehr viele Gespräche geführt, hatte auch am Anfang die Idee, dass ich vielleicht dort eine Frau oder ein Mädchen finde, die das spielen kann. Ich habe dann aber gemerkt, dass die Menschen dort teilweise doch zu verletzt sind, als das man mit ihnen so terminlich arbeiten kann. Und dann wurde mir auch klar, dass ich die Figur eigentlich lieber aus einem Mittelstandsbereich haben möchte, ähnlich dem, wo auch ich herkomme. Der Film ist kein Obdachlosenportrait, sondern die Beschreibung von einem Lebensgefühl. Man könnte ihn schon eher in eine Reihe stellen mit, es gibt da schon fast eine Tradition, Streuner- und Tagediebefilmen. Es ist eine Gratwanderung, wo die Möglichkeit des Abrutschens gegeben ist.

Was war dir wichtig in deinem Film zu zeigen?

Es ging mir um das Porträt einer Figur, dieser Zoe, aber auch um eine Form von Kommunikationslosigkeit, denn es läuft ja alles nicht direkt gut. Beziehungslosigkeit, die eigentlich tragisch ist, wo man genauer überlegt, die aber auch eigentlich etwas Lustiges, "easy going" hat. Es ist eine Mischung. Das war für mich ein Zeitgefühl, das ich selbst empfunden habe. Ich lebe ja auch hier in Berlin und dachte, das möchte ich an Hand einer Figur versuchen auszudrücken.

Ist es ein Berlin-Film?

Nein, es ging um eine Person, die aus einer kleineren Stadt in die große Stadt kommt, da eine neue Identität sucht und mit der Vergangenheit erst einmal nichts mehr zu tun haben will. Sie heißt ja eigentlich auch Karola und nennt sich dann Zoe. Sie will erst einmal jemand anders sein, wobei sie aber noch nicht so genau weiß, wer das sein wird. Sie ist eine Person auf der Suche.

Eine interessante Reaktion auf den Film Nachtgestalten war im letzten Jahr, dass eine ganze Reihe von Rezensenten erklärte, der Film behandle Außenseiter. Es wären diese exotischen Figuren, die ganz am Rande der Gesellschaft stehen. Der Regisseur antwortete darauf, der Film behandle eigentlich ganz normale Leute.

Ich denke schon, dass es immer noch einen Bereich von Außenseiterfiguren gibt. Ich denke aber auch, dass zunehmend mehr Außenseiterfiguren existieren, und wenn man genau guckt, kennt jeder eigentlich auch ein Außenseitergefühl. Aber ich mag eben solche Menschen besonders gern und denke, dass sich an ihnen ganz besonders gesellschaftliche Dinge kristallisieren, dass man sie da erkennen kann und dass es eben zunehmend mehr von diesen Menschen gibt, dass auch die Gratwanderung von: Schaff ich's, oder rutsch ich ab?, immer krasser wird.

Wenn man jetzt aber ganz konkret in der Obdachlosenszene lebt, und ich habe da wirklich unheimlich viele Gespräche geführt, das ist schon anders. Da ist so eine Stufe. Da wieder hochzukommen... Leute, die in Wärmestuben sitzen und da frühstücken - das ist wirklich etwas anderes. Da würde ich auch Dresen widersprechen. Aber es gibt eben dieses Zwischenfeld. Meine Figur ist so eine Mittelfigur.

Und da ist eine Kraft. Die hat diese Zoe-Figur. Das war mir auch wichtig: zum Schluss zu zeigen, dass es diese Kraft gibt, dass einem eben doch noch etwas wichtig ist. Deswegen empfinde ich den Schluss auch eher als positiv, ein offenes Ende, aber mit positiver Färbung.

Man meint im ersten Teil des Films zunächst, sich in einer Art anarchistischen Wohngemeinschaft zu befinden. Was auffällt dabei, ist die geistige Leere aller Figuren, anders als in den sechziger und siebziger Jahren, als diese Lebensweise verbunden war mit Diskussionen über Kunst, Kultur, alternative Lebensformen, eine bessere Gesellschaft. Gibt es dafür eine Erklärung?

Was manchmal erschreckt, ist gerade heute wieder die Mode der siebziger Jahre. Ein bisschen in der Richtung ist Zoe ja auch angezogen, oder auch diese Faust, diese "Partida Socialista" bei ihr, eigentlich Embleme aus der 68er Bewegung, die zu einem Modegag verkommen sind. Das hat auch etwas Tragisches, das wird sich eben einfach so angezogen. Ich denke, man weiß nicht so recht, wo es hingehen soll. Es ist eine Mischung aus Existenzkampf und Langeweile. Trotzdem auch immer eine Aufbruchsstimmung da ist, aber nicht so inhaltlich gefüllt, geht es doch mehr darum den Kopf über Wasser zu halten. Die Utopien der 68er haben sich eben nicht eingelöst und groß was anderes außer kapitalistischen Religionen oder Programmen, wie man das nennen will, gibt es anscheinend auch nicht.

Es gibt den einen Satz, den die Rosi sagt: "Die meisten Menschen, die ich so kenne, sind entweder esoterisch geworden oder familiär. Unglücklich sind sie alle." Das sind dann so Ersatzreligionen. Zoe ist eigentlich auch in diesem Umfeld relativ vage. Sie sagt, sie möchte etwas machen mit Menschen und Musik und schön soll es sein. Sie möchte eigentlich auch irgendwo am Leben teil haben, sie möchte sich lebendig fühlen, aber so richtig konkret ist es nicht. Ich denke, dass dies schon ein Zeitgefühl ist. Ich meine, die Maueröffnung hat auch erst mal nichts gebracht, außer kapitalistische Ideen.

Hast du Vorbilder im deutschen Film?

Das ist schwer, da man meistens von einem Regisseur nicht alle Filme toll findet, sondern nur ein paar. Wen ich schon sehr bewundere, ist Fassbinder. Er gibt einem eine Energie, auch wenn man ihn liest. Da gibt es ein paar Essay-Bücher, die lese ich mir immer mal wieder durch. Einige Herzog-Filme mag ich auch, so frühe wie Stroszek, der zum Beispiel ein Lieblingsfilm von mir ist. Ich mag an Herzog nicht alles. Aber er ist auch ein Mensch, der mir imponiert und der sehr eigen ist. Bei den Neuen gibt es Leute, die was probieren, aber irgendwie inspiriert einen das nicht so. Dann eher das junge französische Kino, auch das englische Kino. Mike Leigh finde ich einen tollen Typen, interessant.

Man hat diese ganze Periode gehabt, wo man alle möglichen Mittelklasse-Klamotten hatte. In letzter Zeit kamen Filme wie St. Pauli Nacht, Nachtgestalten und Wege in die Nacht. Es scheint da eine Entwicklung zu geben.

Ja, es ist da schon so eine Müdigkeit, immer diesen übersättigten Mittelklasseleuten zuzugucken mit ihren Ehe- oder Beziehungsproblemen. Man merkt zunehmend, dass der Rand der Gesellschaft sich erweitert und dass man, wenn man dorthin guckt, mehr über das Leben oder über Deutschland erfahren kann, zumindest viel. Man kann mit Sicherheit auch, wenn man in der Mittelklasse genau schaut, einiges erfahren, aber es ist schon, glaube ich, so ein Zeitgefühl heute. Wenn man U-Bahn fährt, die Straßenzeitungsverkäufer sieht, kann man nicht vorbeigucken. Das ist, finde ich eigentlich, eine gute Tendenz. Ich finde schon, dass der deutsche Film von daher ein bisschen einen Auftrieb kriegt, mehr als vor ein paar Jahren noch.

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