Russland droht Afghanistan mit Bombenangriffen

Von Wladimir Wolkow
25. Mai 2000

In einer Presseerklärung vom 22. Mai drohte der für Tschetschenien zuständige Kremlsprecher Sergej Jastrschembskij mit russischen Präventivschlägen gegen einzelne Regionen Afghanistans, in denen Trainingslager für Terroristen unterhalten würden.

Moskau betrachtet Afghanistan als Instabilitätsfaktor in Zentralasien und für den Süden Russlands. Den Worten Jastrschembskijs zufolge habe sich Afghanistan "in einen Herd des internationalen Terrorismus verwandelt", und Bombardierungen seien demnach "eine völlig reelle Perspektive für den Fall, dass sich dort ein negatives Szenario entwickelt".

Der Anlass für diese scharfe Äußerung des Kremls waren Informationen, wonach der tschetschenische Präsident Aslan Maschadow die Führung der afghanischen Taliban um Unterstützung im Krieg gegen Russland gebeten habe, die ihm auch zugesichert worden sei, sowie Informationen über Verhandlungen mit Vertretern Osama bin Ladens, der als "Terrorist Nr. 1" angesehen wird. Ein Sondergesandter Maschadows habe die afghanische Stadt Mazar-e Sharif besucht, dort um Hilfe gebeten und nach deren Zusage ein Protokoll über die Gewährung militärischer Unterstützung für die bewaffneten tschetschenischen Einheiten unterschrieben.

Der russische Geheimdienst behauptet, in den kommenden Tagen solle eine erste Abteilung von 70 Mudschaheddin über das Territorium Aserbaidschans nach Tschetschenien gelangen. Danach solle der Zustrom von Kämpfern und Waffenausrüstung aus Afghanistan erhöht werden. Es sei außerdem vereinbart worden, ein neues Lager in der Nähe von Mazar-e Sharif einzurichten, in dem speziell Kämpfer für zukünftige Einheiten Maschadows ausgebildet werden sollen.

Bemerkenswert ist, dass Jastrschembskij in derselben Erklärung auch den Europarat angriff und diesem geheime Absprachen mit den Führern der tschetschenischen Separatisten vorwarf. Er verwies auf ein Telefongespräch des Europaratsvorsitzenden Lord Russell-Johnston mit Maschadow und erklärte, hinter Russlands Rücken würden "Geheimverhandlungen mit dem Ziel geführt, Russland zu Gesprächen zu zwingen, damit es die Operationen gegen die Terroristen beende". Eine derartige Herangehensweise stelle Russland mit den Terroristen auf eine Stufe.

Als mögliches "negatives Szenario" schilderte Jastrschembskij eine großangelegte Invasion bewaffneter, in afghanischen und pakistanischen Lagern ausgebildeter Einheiten in das Territorium der zentralasiatischen Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Eine solche Invasion könne voraussichtlich im Juli-August stattfinden.

Wie die Internetzeitung gazeta.ru schreibt, ist die Erklärung Jastrschembskijs "die erste öffentliche Herausforderung eines anderen Staates - auch wenn er nicht von der internationalen Gemeinschaft anerkannt ist - von Seiten Russlands seit dessen Unabhängigkeit". Die UdSSR hat in ihrer Geschichte lediglich etwa zehn Mal anderen Ländern mit Gewalt gedroht. Von 1960 bis 1990 gab es nur zwei solcher Vorfälle: Das erste Mal während der Kubakrise 1962, das zweite Mal während des Krieges mit Afghanistan Anfang der 80er Jahre, als Pakistan bedroht wurde.

Zwei Tage nach der Erklärung Jastrschembskijs unternahm der russische Präsident Putin eine Reise nach Zentralasien, wo er Usbekistan und Turkmenistan besuchte. Während seines Besuches versprach er den Präsidenten Usbekistans, Islam Karimow, und Turkmenistans, Saparmurad Nijasow, Hilfe bei der Verteidigung ihrer Südgrenzen. Es wurde außerdem vereinbart, die Truppen der "nördlichen Allianz" zu unterstützen, die in Opposition zu den Taliban stehen und von Achmed Schah Massud geführt werden.

Darüber hinaus legte Putin dem russischen Parlament einen Vertrag über die Vertiefung der militärischen und militärtechnischen Zusammenarbeit mit Usbekistan zur Ratifizierung vor. Dieser Vertrag bildet die rechtliche Grundlage für die Lieferung neuester Waffentechnik und Ausrüstungen, "um einen hohen Grad an Mobilisations- und Kampfbereitschaft" der bewaffneten Kräfte beider Seiten aufrechtzuerhalten.

Die "nördliche Allianz" Massuds kontrolliert kaum mehr als zehn Prozent Afghanistans. Daher nimmt sie umso bereitwilliger militärische Hilfe aus Russland entgegen. Massuds Vertreter in Russland, Abdul Wachab Asseffi, sagte, Russland sei "eines der wichtigsten Ziele der Taliban. Sie versuchen, Unruheherde in Russland zu schaffen, und nehmen dabei das sogenannte unabhängige Tschetschenien als Vorbild. Sie schicken nicht nur materielle Unterstützung nach Tschetschenien, sondern auch pakistanische, arabische und afghanische Talibankämpfer."

Militärisch gesehen bieten Präventivschläge gegen das Territorium Afghanistans keine größere Schwierigkeit. Die Talibanmilizen verfügen lediglich über zwei Dutzend MIG-21-Kampfflugzeuge, wobei jedoch kaum professionell ausgebildete Piloten zur Verfügung stehen. Eine größere Gefahr geht von den Flugabwehrraketen vom Typ "Stinger" aus, mit denen die Taliban noch von der amerikanischen Regierung ausgerüstet worden waren.

Weit gefährlicher könnten dagegen die politischen und militärischen Folgen einer derartigen Aktion werden. Russland könnte in einen noch größeren und anhaltenderen militärischen Konflikt hineingezogen werden, dessen Lasten vor allem die einfachen Bürger zu tragen hätten. Andererseits wäre eine Ausdehnung der "äußeren" Gefahren ein gelegener Anlass für die Machthaber im Kreml, noch repressivere Herrschaftsformen einzuführen, die gegen jegliches Auftreten Andersdenkender, gegen jegliche Opposition und gegen Arbeiter gerichtet sind, die ihre demokratischen Rechte und ihre Lebensbedingungen verteidigen.

Die Logik des Kremls entspricht immer mehr dem bekannten Aphorismus aus dem Roman von George Orwell "1984": "Frieden - das ist Krieg".

Der Krieg gegen Afghanistan wurde in den 80er Jahren zu einem der wichtigsten Gründe für die Krise und das Auseinanderbrechen der Sowjetunion. Im Verlauf dieses Krieges verloren Zehntausende russischer Soldaten ihr Leben und der Krieg führte zu einem tiefgehenden psychologischen Trauma im Massenbewusstsein, das bis heute nicht verarbeitet ist. Eine erneute Verwicklung Russlands in den innerafghanischen Konflikt führt unvermeidlich zum Absinken der Reputation des Kremls in den Augen der einfachen Bürger in Russland, aber auch in anderen Ländern der Welt. Obwohl der Kreml diese Folgen befürchtet, rührt er immer stärker die Trommel des Militarismus.

Das Hauptmotiv dafür besteht im Kampf um geopolitischen Einfluss in Zentralasien und der kaspischen Region. Im Verlauf des vergangenen Jahres wurden die Bestrebungen Russlands offensichtlich, dort seine Positionen gegenüber dem wachsenden Druck von Seiten der westlichen Großmächte zu behaupten. Gleichzeitig haben Moskau und auch der Westen unter der Führung der USA versucht, einen Kompromiss über die Aufteilung der Einflusssphären und des Zugangs zu den strategischen Ressourcen des gesamten eurasischen Raumes zu erzielen.

Nach Meinung der Zeitung Sevodnja, die Bestandteil der "Media-Most"-Gruppe Wladimir Gussinskys ist, könnte eine aktive Einmischung Russlands in Afghanistan mit dem Einverständnis Großbritanniens und der USA rechnen. Im März vergangenen Jahres seien diese Fragen anlässlich eines Besuches des stellvertretende US-Staatssekretärs Karl F. Inderfurth in Moskau diskutiert worden. Dieser habe über das Ziel seiner Reise geäußert, Washington habe seine frühere Unterstützung der Taliban überdacht, weil diese bin Laden nicht ausgeliefert hätten. Es beabsichtige daher eine Zusammenarbeit mit Moskau gegen den "gemeinsamen Feind".

Wegen der Zuspitzung der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen infolge des Kosovokrieges wurde die Frage der Zusammenarbeit vertagt. "Es ist jetzt nicht ausgeschlossen", schreibt Sevodnja, "dass während des Clintonbesuches in Moskau [im Juni diesen Jahres] wieder von einer ‚engen Zusammenarbeit‘ im Kampf gegen den Terrorismus die Rede sein wird. Washington übernimmt die ‚propagandistische Abdeckung‘ und Moskau setzt den Kampf in die Tat um. Im Gegenzug bekommt es eine positive Weltöffentlichkeit und Zugang zu den internationalen Finanzorganisationen."

"Es kann keinen Zweifel daran geben", fährt die Zeitung fort, "dass eine derartige Herangehensweise dem Westen gefallen wird. Aber für Russland ist die Entfachung eines zweiten Afghanistankrieges reiner Selbstmord."

Siehe auch:
Wladimir Putin zum neuen Präsidenten Russlands gewählt
(30. März 2000)