Globalisierung Marx und politische Macht: Ein Briefwechsel mit Nick Beams

25. Mai 2000

An das WSWS,

Hier nur eine Anmerkung zur Antwort von Nick Beams auf Chossudovsky, der die Globalisierung an sich kritisiert, anstatt - wie es Nick Beams nahelegt - den Zusammenhang mit der kapitalistischen Ausbeutung zu sehen, aus der Globalisierung hervorgeht:

Beams bezieht sich auf einige berühmte Ausführungen von Marx sowohl über das Verhältnis von Produktivkräften zu Produktionsverhältnissen hinsichtlich seines revolutionären Potentials, als auch über die Notwendigkeit, dass die internationale Arbeiterbewegung die nostalgische Romantisierung der Vergangenheit zurückweisen muss, die aus den Programmen des Kleinbürgertums spricht und insbesondere, wie Beams erklärt, auch Chossudovskys Zurückweisung der Globalisierung durchdringt.

Im Ganzen möchte ich Beams zustimmen und bin auch der Meinung, dass die technologischen, sozialen und politischen Realitäten, die der Kapitalismus ins Leben ruft, nicht zugunsten der vielleicht weniger furchteinflössenden Realitäten ihrer weniger komplizierten Vergangenheit zurückgewiesen werden dürfen, sondern vielmehr ihr Potential studiert werden muss, inwiefern es die Widersprüche des Kapitalismus bis zur langersehnten Krise verschärfen kann. Darin liegt jedoch eine Gefahr. Für Marx war, wie wir alle wissen, der historische Materialismus eine Methode der dialektischen Analyse, jawohl, aber darin war außerdem eine teleologische Metaphysik enthalten, die es Marx erlaubte, aus der Verschärfung der kapitalistischen Ausbeutung nichts anderes als Hoffnung zu schöpfen, weil die Revolution für ihn unmittelbar bevorstand.

Heute gibt es jedoch Aspekte der Macht, mit denen sich Marx noch nicht auseinandersetzen musste. In seiner Analyse muss das Proletariat nur das entsprechende Organisationsniveau, Motivation und historisches Bewusstsein erreichen, um zu revoltieren. Niemals kamen größere Zweifel an dessen Fähigkeit auf, die Bourgeoisie tatsächlich zu überwinden, sobald der Kapitalismus es erst für seine historische Mission gerüstet hätte. Schließlich sei es ja nichts anderes, als die ungeheure Mehrheit der Gesellschaft, konzentriert und vereint in den Industriezentren. Natürlich wurde auch Marx Zeuge gescheiterter Revolutionen, wie in Frankreich, aber dennoch erkannte er kein Machtproblem, sondern nur den Umstand, dass das Proletariat noch kein ausreichendes Bewusstsein über die Erfüllung seiner Mission erreicht habe (Siehe dazu den 18. Brumaire des Louis Bonaparte von Karl Marx).

Heute jedoch, wo der Kapitalismus bereit ist, den Arbeitern der fortgeschrittenen Industrieländer einige beschwichtigende Zugeständnisse zu machen, weil er die Arbeitskraft in der Dritten Welt umso brutaler und effizienter ausbeuten kann, entsteht ein neues Problem. Wenn das Proletariat, wie Marx es verstand (d. h. unter so verzweifelten materiellen Bedingungen, dass dadurch revolutionäres Bewusstsein ermöglicht wird), nur in unterentwickelten Ländern und über die ganze Welt verstreut existiert, mögen wir uns tatsächlich zu fragen beginnen, ob es nicht für ein kleines Prozent der Reichen der Welt möglich wird, Millionen von Arbeitern auszubeuten ohne Angst vor wirksamer Vergeltung, sogar wenn jene Millionen zum Widerstand bereit wären. Ich sage dies, weil es die heutige Militärtechnologie, die zum größten Teil in den Händen der Ausbeuter konzentriert ist, möglich macht, eine Revolution von weitem, von der Luft her, etc. zu unterdrücken.

Marx ging davon aus, dass die Revolutionäre sich zusammen mit den Kapitalisten in den Industriezentren selbst befinden würden, und das Verhältnis, wie Marx es verstand, ließ kaum Besorgnis über Fragen der Gewalt zu, wenn die große Revolution erst einmal begonnen hätte. Das Problem ist - und hier hängt es mit der Chossudovsky-Beams Debatte zusammen - dass die Umstände, die für die modernen Zeiten charakteristisch sind, uns nicht erlauben, jede Entwicklung, die die Macht und Brutalität des Kapitalismus verstärkt, zu begrüßen und immer wieder mit dem Vertrauen aufzufassen, dass wir uns der Revolution ständig nähern würden.

Dass wir uns eine zielgerichtete gewisse Überheblichkeit nicht leisten können, bedeutet jedoch nicht, dass wir nicht optimistisch sein könnten. Aber ohne die zweckbestimmte Sicherheit, dass der Kapitalismus ohnehin zusammenbricht, müssen wir vorsichtiger sein als Marx, wenn es darum geht, zuzulassen, dass gewisse Trends im Namen des allgemeinen Fortschritts die Oberhand gewinnen. Statt dessen muss dem Kapitalismus an jeder Wendung mit Widerstand entgegengetreten werden. Es ist nicht so, dass ich der Meinung wäre, Herr Beams würde dies nicht erkennen. Noch einmal, ich unterstütze zum größten Teil seine Position gegen kleinbürgerliche Mentalität. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass Marx gewisse metaphysische und empirische Gründe hatte, über die schnelle Verschärfung der Ausbeutung des Kapitalismus ausschließlich zufrieden zu sein, während wir auf der andern Seite die ganze Zeit argwöhnisch und wachsam sein müssen, was manchmal bedeuten könnte, dass wir uns gewissen progressiven Trends verweigern müssen, selbst wenn sie scheinbar unvermeidliche Entwicklungsschritte des kapitalistischen Produktionsmotors sind.

J. 10. Mai 2000

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Lieber J,

vielen Dank für Ihre E-mail zu unserer Analyse von Professor Chossudovskys Kritik der Globalisierung. Zunächst stimmen Sie zu, dass die internationale Arbeiterklasse "die nostalgische Romantisierung der Vergangenheit zurückweisen muss, die aus den Programmen des Kleinbürgertums spricht". Ihre folgenden Einwände gegen unsere Analyse führen Sie aber unweigerlich genau in deren Lager zurück.

Eingangs möchte ich feststellen, dass Marx, entgegen Ihrer Aussage, keine "metaphysische" Sichtweise hatte, wonach die Revolution "unmittelbar bevorstand". Im Kommunistischen Manifest erklärte Marx: Die Kommunisten "kämpfen für die Erreichung der unmittelbar vorliegenden Zwecke und Interessen der Arbeiterklasse, aber sie vertreten in der gegenwärtigen Bewegung zugleich die Zukunft der Bewegung" (Abschnitt IV). Er wollte damit sagen, dass die Kommunisten bei ihrem Bemühen, den Kampf der Arbeiterklasse voranzubringen, nicht die unmittelbar gegebene Lage, wie wir sie wahrnehmen, als Ausgangspunkt nehmen, sondern langfristige historische Prozesse - die objektive Logik der Ereignisse.

Ich weiß nicht, wie weit Sie mit Marx‘ Biographie vertraut sind. Ich möchte nur in Erinnerung rufen, dass er nach den Niederlagen der Revolutionen 1848 mit den Emigrantengruppen im Londoner Exil brach. Diese behaupteten, neue revolutionäre Unruhen ständen unmittelbar auf der Tagesordnung. Marx wandte sich wieder dem Studium der politischen Ökonomie zu, um sich auf die künftigen Kämpfe vorzubereiten, die aus der Entwicklung des Kapitalismus entstehen mussten.

Beim Studium von Marx‘ Analyse, schreiben Sie, müssten wir uns darüber klar sein, dass es "Aspekte der Macht (gibt), mit denen sich Marx noch nicht auseinandersetzen musste", und dass "heute... wo der Kapitalismus bereit ist, den Arbeitern der fortgeschrittenen Industrieländer einige beschwichtigende Zugeständnisse zu machen, weil er die Arbeitskraft in der Dritten Welt umso brutaler und effektiver ausbeuten kann, (...) ein neues Problem" entsteht.

Diese Sichtweise wurde unter den besonderen Bedingungen vertreten, die sich während des Nachkriegsbooms von 1950 bis 1973 entwickelten. Alle Spielarten der kleinbürgerlichen Radikalen behaupteten, dass die Arbeiterklasse der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder, nachdem sie einen höheren Lebensstandard erreicht hatte, nicht länger eine revolutionäre Kraft sei, und dass die revolutionäre Kraft nun die Bauernschaft und die unterdrückten Massen in der sogenannten Dritten Welt seien.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale wandte sich gegen solche Vorstellungen und beharrte darauf, dass entgegen den unmittelbaren Erscheinungsformen alle Widersprüche des kapitalistischen Weltsystems sich gerade in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern anhäuften. Diese Analyse ist ganz sicher bestätigt worden.

Eines der wichtigsten Entwicklungsmerkmale des globalen Kapitalismus in den letzten 25 Jahren - Ergebnis der unlösbaren Widersprüche des Profitsystems selbst - ist der unablässige Angriff auf die soziale Stellung der Arbeiterklasse in allen wichtigen kapitalistischen Ländern.

Man nehme als Beispiel die Vereinigten Staaten. Nach offiziellen Statistiken lagen die Löhne 1998 um sieben Prozent unter denen von 1973. Unter der Regierung Clintons wurden die staatlichen Sozialprogramme, die im Zuge des New Deal von 1930 und der Great Society von 1960 eingeführt worden waren, großenteils zerstört.

In einer Studie des amerikanischen Soziologen Manuel Castells heißt es: "Das reichste eine Prozent steigerte 1983-92 sein Einkommen um 28,3 Prozent, während das Vermögen der amerikanischen Familien, die zu den unteren vierzig Prozent gehören, im gleichen Zeitraum um 49.7 Prozent zurückging... Der Prozentsatz der Personen, deren Einkommen unterhalb der Armutsgrenze liegt, stieg von 11,1 Prozent im Jahr 1973 auf 14,5 Prozent im Jahr 1994. Das sind über 38 Millionen Amerikaner, davon zwei Drittel Weiße, und ein großer Teil in ländlichen Gebieten. Elend bzw. extreme Armut ist sogar noch schneller gewachsen. Wenn man diese Gruppe als Personen definiert, deren Einkommen weniger als die Hälfte der Armutsgrenze beträgt (für 1994: 7571 Dollar Jahreseinkommen für eine vierköpfige Familie), machten sie 1975 beinahe dreißig Prozent aller Armen aus und 1994 bereits 40,5 Prozent, das sind etwa 15,5 Millionen Amerikaner" [1]. 1995 lagen die Löhne von beinahe dreißig Prozent der amerikanischen Arbeiter an der Armutsgrenze.

Parallel dazu fand eine nie da gewesene soziale, d.h. Klassenpolarisation statt. Der Reichtum der laut dem Forbes-Magazine vierhundert reichsten Amerikaner vermehrte sich von 1997 bis 1999 durchschnittlich um je 940 Millionen Dollar. Dem gegenüber verringerte sich in den zwölf Jahren von 1983-1995 das Nettoeinkommen der unteren vierzig Prozent der Haushalte um achtzig Prozent.

Ähnliche Statistiken liegen für alle wichtigen kapitalistischen Länder vor. Für Australien etwa fand eine jüngere Studie folgendes heraus: "1994 besaßen die oberen zwanzig Prozent der Haushalte vierzig Prozent des gesamten verfügbaren Einkommens; die unteren zwanzig Prozent weniger als sechs Prozent. Im Vergleich zu 1984 verringerte sich der Anteil der untersten drei Fünftel, das vierte Fünftel hielt seinen Anteil konstant und das oberste vermehrte den seinen. Das verfügbare Realeinkommen sank 1994 trotz der Zunahme der Zwei-Personen-Haushalte für alle außer dem obersten Fünftel" [2]. Das heißt, nicht nur relativ ist die breite Mehrheit der Bevölkerung inzwischen schlechter gestellt, auch in absoluten Zahlen geht es ihr schlechter, und die Realeinkommen sind zurückgegangen.

Selbst diese Zahlen geben noch kein vollständiges Bild. Ein weiterer Aspekt der Entwicklung des globalen Kapitalismus ist die "Proletarisierung" breiter Teile der Bevölkerung, die sich der Mittelklasse zurechneten. Der unablässige Drang zur Anhäufung von Profit hat dazu geführt, dass Millionen von Menschen, die einst feste und sichere Arbeitsplätze hatten, Opfer von Entlassungen wurden und der Tatsache ins Auge sehen müssen, dass, soweit es das Kapital betrifft, sie nur Lohnarbeiter darstellen, die nach den Maßgaben des Kapitals geheuert und gefeuert werden.

Indem Sie diese Entwicklung ignorieren, die in allen großen kapitalistischen Ländern bereits zu einer Entfremdung der breiten Massen von der offiziellen Politik geführt hat, gelangen Sie zu dem Standpunkt, dass militärische Stärke die entscheidende Frage in der Weltpolitik sei.

Diese Vorstellung ist keineswegs neu. Schon Engels setzte sich vor mehr als hundert Jahren in seiner berühmten Polemik gegen Dühring damit auseinander. Dühring, so wies Engels nach, hegte mit Kreisen der Bourgeoisie die Illusion, dass politische Gewalt die Wirtschaftslage umformen und "also die ökonomischen Wirkungen der Dampfmaschine und der von ihr getriebenen modernen Maschinerie, des Welthandels und der heutigen Bank- und Kreditentwicklung mit Krupp-Kanonen und Mauser-Gewehren wieder aus der Welt schaffen" könnte [3].

Kaum vier Jahrzehnte, nachdem diese Zeilen geschrieben worden waren - ein relativ kurzer Zeitraum vom Standpunkt des historischen Prozesses aus - wurde Europa von revolutionären Kämpfen erschüttert, deren Höhepunkt die russische Revolution war.

Gegenwärtig genießen die Vereinigten Staaten die Überlegenheit ihrer Militärkraft und haben diese auch im vergangenen Jahrzehnt zunehmend zu nutzen versucht, um ihre Position zu stärken.

Aber auch die USA sind nach wie vor den Gesetzen der kapitalistischen Ökonomie unterworfen. Die Clinton-Regierung kann ihre Streitkräfte in jeden Winkel des Erdballs entsenden, aber der Chef der amerikanischen Notenbank, Alan Greenspan, der mächtigste Wirtschaftspolitiker der Welt, ist mit einer Entwicklung der Kräfte im Finanzsystem konfrontiert, die er, wie er kürzlich eingestand, selbst nicht versteht, geschweige denn kontrollieren kann.

Die Zuspitzung der Widersprüche in der amerikanischen und Weltwirtschaft - das Schuldenwachstum, die Eskalation fiktiver Aktienkapitalwerte, die übermäßigen Schwierigkeiten, die mit der Profitakkumulation verbunden sind (ausgedrückt in dem rastlosen globalen Kampf um Märkte) und der immer tiefere soziale Graben zwischen den herrschenden Klassen und den breiten Massen der Bevölkerung in den fortgeschrittenen und ärmeren Nationen gleichermaßen - dies alles wird eher früher als später in heftigen politischen Kämpfen zum Ausdruck kommen.

Die entscheidende Frage ist heute die Entwicklung eines Programms und von Perspektiven, um mit dieser Situation umzugehen. Werden sich die Kämpfe gegen den globalen Kapitalismus nach dem Programm des sozialistischen Internationalismus fortentwickeln, oder werden sie in die Sackgasse des reaktionären Nationalismus führen?

Unglücklicherweise scheinen Sie Ihrer Absicht zum Trotz dem letzteren Lager zuzuneigen. Ihre Vorbehalte gegenüber Marx‘ Analyse führen Sie zur Schlussfolgerung, dass "dies bedeuten könnte, dass wir uns gewissen progressiven Trends verweigern müssen, selbst wenn sie scheinbar unvermeidliche Entwicklungsschritte des kapitalistischen Produktionsmotors sind".

Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, was Sie damit meinen, aber es scheint mir ein großer Schritt in die Richtung derjenigen zu sein, die es für notwendig halten, sich der Globalisierung überhaupt zu widersetzen. Eine solche Position wäre die logische Schlussfolgerung aus Ihren Zweifeln an den revolutionären Fähigkeiten der Arbeiterklasse in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern. Wenn es schließlich nicht möglich ist, auf der Grundlage eines sozialistischen Programms, das auf die Entwicklung von politischem Bewusstsein und Fortschritt der Arbeiterklasse abzielt, gegen den globalen Kapitalismus zu kämpfen, dann drängt sich unvermeidlich die Perspektive auf, dass die nationale Souveränität gestärkt werden müsse.

Wenn das Ihre Position ist, dann sollten Sie ernsthaft erwägen, wohin das führt. Wie die Demonstrationen in Washington gegen den IWF und die Weltbank gezeigt haben, kann eine solche Perspektive nur in einer Allianz mit so reaktionären Tendenzen wie dem Neofaschisten Patrick Buchanan und der nationalistischen, antikommunistischen Bürokratie der AFL-CIO resultieren.

Mit freundlichen Grüßen

Nick Beams World Socialist Web Site

Anmerkungen: 1. Manuel Castells, End of Millenium,S. 132-33 (aus dem Englischen) 2. Bryan and Rafferty, The Global Economy in Australia,S. 20 (aus dem Englischen) 3. Friedrich Engels, Anti-Dühring, Dietz Verlag 1978, S. 153/154

Siehe auch:
Marxistischer Internationalismus und radikale Protestpolitik - Eine Antwort auf Professor Chossudovskys Kritik an der Globalisierung
(3. März 2000)