53. Filmfestspiele in Cannes

Von Stefan Steinberg
31. Mai 2000

Am Sonntag vor einer Woche wurden bei den Filmfestspielen in Cannes die Auszeichnungen verliehen. Insgesamt wurden in diesem Jahr 700 Filme aus 75 Ländern gezeigt. Nur 23 Filme nahmen am Wettbewerb teil. Damit setzte sich eine Tendenz fort, die bereits auf dem diesjährigen Berliner Filmfestival erkennbar war - die geringe Vertretung von europäischen Ländern mit starker Filmtradition. Deutschland, Italien und Spanien nahmen nicht am offiziellen Wettbewerb teil. Großbritannien war nur mit einem Film vertreten, der neuen Produktion von Ken Loach, Bread and Roses.

Vier Filme aus den Vereinigten Staaten waren beim Wettbewerb vertreten, darunter der neue Film der Brüder Coen O Brother, Where Are Thou?, der keine Auszeichnung erhielt. Nurse Betty von Neil LaBute gewann den Drehbuchpreis, und Amos Kolleks Komödie Fast Food, Fast Women wurde mit den Preis der ökumenischen Jury ausgezeichnet. Interessante Beiträge außerhalb des offiziellen Wettbewerbs waren der Film Shadow of the Vampire über die Entstehung von F.W. Murnaus Klassiker Nosferatu im Jahre 1922 und Requiem of a Dream, der neue Film von Darren Aronofsky ( Pi).

Insbesondere Asien und der Nahe Osten waren bei den Festspielen stark vertreten. Sie nahmen mit insgesamt neun Filmen am Wettbewerb teil; einige von ihnen wurden bei der Preisverleihung hoch ausgezeichnet. Der Regiepreis ging an den taiwanesischen Regisseur Edward Yang für seinen Film Yi Yi, der von den Widrigkeiten im Leben einer taiwanesischen Familie über einen Zeitraum von wenigen Wochen handelt.

Den Preis der Jury teilten sich die schwedische Satire Sanger fran andra vaningen( Songs aus dem zweiten Stock) von Roy Andersson und Takhte Siah( Tafeln), dem Streifen der 20-jährigen iranischen Filmemacherin Samira Makhmalbaf über das Elend der Kurden im Iran. Weitere Auszeichnungen gingen an die Filme In the Mood for Love aus Hongkong und Eureka aus Japan.

Der letztere, von dem Regisseur Aoyama Shinji, ist ein interessanter Film, der von einem Trauma dreier Personen nach einer Tragödie erzählt. Das Trio, zwei Kinder und ein Busfahrer, sind die einzigen Überlebenden eines gewalttätigen Geiseldramas. Der Fahrer hat sich zwei Jahre lang treiben lassen, bevor er beschließt, die Kinder ausfindig zu machen. Gemeinsam unternehmen sie eine Reise mit dem Ziel, ihr gemeinsames Trauma in den Griff zu bekommen. Als Schwarzweißfilm mit wenigen Dialogen unterscheidet er sich radikal vom japanischen Mainstream; er zeichnet sich aus durch lange Einstellungen, eine sich langsam entwickelnde Handlung und Aufmerksamkeit gegenüber Details in Bezug auf die psychologische Entwicklung seiner Charaktere.

Die Goldene Palme für den besten Film ging an den dänischen Regisseur Lars von Trier für Dancer in the Dark, in dem die isländische Popsängerin Björk die Hauptrolle spielt, wofür sie den Preis für die beste Darstellerin gewann. Von Trier galt als Favorit unter den Regisseuren in Cannes, nachdem er für seine letzten beiden Filme Breaking the Waves und Idioten bereits Preise gewonnen hatte. Zu Idioten erklärte von Trier, dass er mit Filmkonventionen breche und neue Regeln für ein nicht-elitäres Filmschaffen etabliere. Mit seinem neuen Film hat er die meisten seiner eigenen Regeln über Bord geworfen und einen Streifen produziert, der als Mischung aus Melodram und Musical beschrieben wurde.

Der Film polarisierte die Meinungen von professionellen Filmkritikern und der Presse. Viele im Publikum waren bei seiner Aufführung in Cannes zu Tränen gerührt. Die Geschichte spielt im Amerika der Nachkriegszeit und handelt von den Schwierigkeiten einer jungen Immigrantin und ihrem Kind. Der Frau (Selma) droht wegen einer Erbkrankheit der Verlust ihres Augenlichts. Das Kind hat dasselbe Leiden. Die Mutter arbeitet in einer Fabrik und spart jeden Pfennig für eine Operation, die das Augenlicht ihres Kindes retten kann. Ihre gesammelten Ersparnisse werden gestohlen. Bei dem Versuch, ihr Geld zurückzubekommen, wird sie in einen tödlichen Unfall verwickelt und schließlich des Mordes angeklagt.

Um das Elend ihres Alltags zu lindern, träumt Selma von einer Welt, "in der niemals etwas Schlechtes passiert" - eine Welt der Musik und des Tanzes. Dancer in the Dark kehrt zu einem Thema zurück, das von Trier (der vor einigen Jahren zum Katholizismus konvertierte) schon in seinem Film Breaking the Waves behandelte - Märtyrertum. Märtyrertum ist auch das Thema eines der Filme, die von Trier am stärksten geprägt haben - Die Passion der Jungfrau von Orleans(1927), dem Stummfilmklassiker von Carl Theodor Dreyer.

In seinem jüngsten Film scheint von Trier zu argumentieren, dass Märtyrertum nicht nur die Reaktion von besonderen Persönlichkeiten unter gegebenen Umständen ist. Für von Trier wird Märtyrertum zum Wesen der menschlichen Beschaffenheit. Das Leben ist bitter und unerbittlich, und das Individuum ist ohnmächtig irgend etwas daran zu ändern - abgesehen vom Rückzug in eine Fantasiewelt, eine Welt, in der Singen und Tanzen möglich ist, selbst auf dem Weg zur Hinrichtung.

Einige Kritiker waren weniger beeindruckt als das Publikum in Cannes und die Mitglieder der Jury (deren Vorsitz der aufgedonnerte und oberflächliche französische Filmemacher Luc Besson innehatte). Das deutsche Magazin Der Spiegel beschrieb den Film folgendermaßen: "Melo-Trivialität in Reinkultur, und von Trier melkt jede Träne aus seinen Zuschauern, ohne ihnen im Gegenzug den Respekt zu erweisen, den Stoff - und sein Frauenbild - für die Gegenwart zu reflektieren."

Einige Zeichen des Dissens

Eine abweichende Meinung zu vertreten ist nicht einfach vor einer Kulisse von sich wiegenden Palmen, selbstgefälligen Medienvertretern, Modenschauen und Heerscharen von Polizisten und Muskelprotzen, die in ihre Sprechfunkgeräte murmeln. Der amerikanische Schauspieler Nick Nolte brachte eine erfrischend saure Note in die Festspiele und zog gegen das Hollywood-Star-System vom Leder. Die Rollenvergabe und die Produktion von Filmen in Hollywood, stellte er fest, sei derzeit dominiert von der Auslese und Finanzierung einer winzigen Gruppe führender Schauspieler, die pro Film zweistellige Millionenbeträge verlangen können. Die Bezahlung einer Handvoll von Schauspielern erreicht nun 30 Millionen Dollar pro Film und zusätzliche 5 Millionen Dollar für Spesen (John Travoltas Standard-Filmvertrag sieht vor, dass am Drehort jederzeit ein Jet verfügbar und startklar ist).

Einige wenige Schauspielerinnen sind nun auch unter die Verdiener von zweistelligen Millionenbeträgen aufgerückt. (Eine von ihnen, Uma Thurman, räumte bescheiden ein, dass sie aufgrund ihrer Begeisterung für den Film Vatel, eine europäische Produktion mit Gerard Depardieu, für eine einzige schlappe Million Dollar als Schauspielerin zur Verfügung stand.) Die Folge hiervon ist, dass die Studios ihrer Darsteller für die Hauptrollen engagieren noch bevor ein Drehbuch existiert. Gleichzeitig zwingen die untragbaren Kosten die Filmstudios immer weniger Filme zu produzieren.

Eine mögliche Alternative zur Monopolisierung der Produktion und des Vertriebs durch die großen Studios wurde in Cannes bei einem Seminar zu neuen Formen des Filmemachens - insbesondere der Digitalisierung des Films - herausgestellt. Der Zugang zu digitalen Kameras von hoher Qualität zu einem vernünftigen Preis, die es Filmemachern ermöglichen, einen Film auf dem eigenen Computer fertig zu stellen, macht sich in der Filmwelt bereits bemerkbar. Eine Reihe von führenden Regisseuren, darunter der deutsche Filmemacher Wim Wenders, haben angekündigt, dass sie die neue digitale Technologie in ihre Arbeit integrieren wollen.

Die Folgen der Digitalisierung werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren erst richtig zur Geltung kommen und zusammen mit dem Internet nicht nur die Filmproduktion revolutionieren, sondern auch den Vertrieb von Filmen, da Filmgruppen, Vereinen und sogar Einzelpersonen die Möglichkeit eröffnet wird, Filme direkt aus dem Internet herunterzuladen.

Eine letzte Salve gegen die vorherrschende Konformität der Filmfestspiel in Cannes wurde von dem britischen Regisseur Ken Loach abgegeben. Mit Bread and Roses hat Loach seinen ersten Film in den Vereinigten Staaten gedreht. Er beschäftigt sich mit dem Elend von Einwanderern in Los Angeles, die in Niedriglohnjobs arbeiten, und ihrem Versuch eine Gewerkschaft aufzubauen. Bei den Filmfestspielen wies Loach darauf hin, dass sich die Löhne der Reinigungsarbeiter, die er in seinem Film porträtiert, in den vergangenen zehn Jahren von 12 Dollar auf 6 Dollar Stundenlohn halbiert haben.

Er nutzte dann seine Pressekonferenz, um die britische Labour-Regierung unter Tony Blair und den Innenminister Jack Straw energisch anzugreifen. Er stellte heraus, dass soziale Ungleichheit und das Fehlen von Gewerkschaftsrechten sich nicht auf die Vereinigten Staaten beschränken: "In Großbritannien hatten wir eine rechte Regierung und nun haben wir eine Regierung, die behauptet links zu stehen, aber aktiv die Politik der Rechten fortsetzt. Die führenden Köpfe dieser Politik kamen auf dem Rücken einer Arbeiterbewegung an die Macht. Aber heute gibt es keine gewerkschaftlichen Rechte mehr... Die Rechte, für die über Generationen gekämpft wurde, sind dabei zu verschwinden." Loach fuhr fort, dass der Labour-Minister für Recht, Sicherheit und Einwanderung Jack Straw "ziemlich repressive Instinkte hat. Er wendet sich an das Publikum auf dem rechten Flügel."

Unabhängig davon, was man von seiner politischen Orientierung insgesamt hält, ist Loach eine seltene Erscheinung auf einer solchen Veranstaltung wie Cannes - er ist jemand, der seine Prinzipien bewahrt hat und nicht bereit ist mit dem Strom der Selbstgefälligkeit und Gedankenlosigkeit zu schwimmen, der die offizielle Filmindustrie, die bei den Filmfestspielen auftrat, weiterhin zu großen Teilen charakterisiert.

In den kommenden Wochen und Monaten werden auf dem WSWS eine Reihe der interessantesten und herausragenden Filme, die in Cannes vorgestellt wurden, ausführlicher besprochen werden. Wir brachten bereits einen Beitrag zu einem der interessantesten deutschen Filme, der außerhalb des Wettbewerbs gezeigt wurde, Oskar Röhlers Die Unberührbare.