100 Jahre Deutscher Fußballbund

Zur politischen Geschichte des Deutschen Fußballs

Von Robin Kruse
19. Mai 2000

Der Deutsche Fußballbund, mit 6,3 Millionen Mitgliedern und über 26.000 angeschlossenen Vereinen der reichste und größte Sportverband der Welt, feierte Anfang dieses Jahres in Leipzig sein 100jähriges Bestehen. Doch verknüpft er dieses Jubiläum keinesfalls mit einer längst fälligen kritischen Untersuchung der eigenen Geschichte.

Dies zeigt sich auch in der Ausstellung "Der Ball ist rund", die zur Zeit im Oberhausener Gasometer zu besichtigen ist. Sie besteht aus einer Menge Kuriosa wie der Wembleylatte, an der der Ball im Endspiel der Weltmeisterschaft von 1966 Deutschland gegen England abprallte und als strittiges aber entscheidendes Tor für England gewertet wurde, und einem Sammelsurium von Bällen. Die unangenehmen Seiten der Geschichte werden nur am Rande angesprochen, wie der Ausschluss jüdischer Mitglieder oder die stillschweigend hingenommene Ermordung des jüdischen Nationalspielers Julius Hirsch in Auschwitz.

Nach wie vor lehnt die DFB-Zentrale in Frankfurt jede Anfrage von unabhängigen Historikern nach Einsicht in ihr Archiv ab, oft mit dem Hinweis, dass die Unterlagen aus den Jahren vor 1945 im Krieg zerstört worden seien. Nicht umsonst fürchtet der Verband bei der Enthüllung seiner Vergangenheit einen enormen Imageverlust und will seine Geschichte lieber als eine Aneinanderreihung von sportlichen Erfolgen und Ereignissen verstanden wissen.

Der Politikwissenschaftler und Redakteur der Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik Arthur Heinrich hat die politische Geschichte des DFB in seinem jüngst erschienen Buch genauer unter die Lupe genommen. Unter dem Titel Der Deutsche Fußballbund. Eine politische Geschichte(Papyrossa Verlag, Köln, 296 Seiten, DM 29,80) befördert er Zusammenhänge und Fakten ans Licht der Öffentlichkeit, über die der DFB sein Schweigen fortsetzen würde.

Natürlich ist der DFB von heute nicht identisch mit dem DFB der Kaiserzeit oder dem Verband, der sich dem NS-Staat bereitwillig unterordnete. Dennoch ist es erstaunlich, wenn ein Verband mit einer derartigen Bedeutung sein 100jähriges Bestehen feiert, ohne eine ernsthafte und kritische Untersuchung der eigenen Vergangenheit durchzuführen oder überhaupt zu ermöglichen. Und das bei dieser Verbandsgeschichte!

Hierzu bieten die Untersuchungen von Arthur Heinrich einen äußerst wertvollen Ausgangspunkt. Er hat umfangreiche Recherchen durchgeführt und eine erstaunliche Menge an Material zutage gefördert. Mit seiner politischen Geschichte des DFB schließt er hier eine Lücke, die nur allzu lange offen geblieben ist.

Der DFB, der sonst eher als ein politisches Neutrum auftritt, weist eine politische Vergangenheit auf, die mit Sicherheit Anlass für weitere Untersuchungen sein wird. Vor allem die Kontinuität nationalistischer Positionen, aufgrund derer sich der Verband von seiner Gründung an immer wieder auf der politischen Rechten wiederfand, ist erschreckend. Das Buch von A. Heinrich sollte nicht zuletzt aus diesem Grund zur Pflichtlektüre eines jeden Fußballinteressierten gehören, ist aber auch für jeden anderen, der sich mit der Geschichte Deutschlands des zuende gegangenen Jahrhundert befasst, hochinteressant.

Die Anfänge bis zur Weimarer Republik

Arthur Heinrich zeigt auf, dass die Geschichte des DFB in erster Linie die einer ungebrochenen Kontinuität von Personal und Ideen ist. Die erste Generation von Funktionären, die den DFB am 28. Januar 1900 in Leipzig gründete, sah die Ideologie des Kaiserreichs als selbstverständlich an und übernahm sie, egal ob es sich um den Militarismus handelte, der die gesamte Gesellschaft durchdrang, oder um den exzessiven Nationalismus.

Am Anfang war der in Vereinen organisierte Fußball hauptsächlich eine Bewegung des Bürgertums. Arbeitern war es schon aus finanziellen Gründen und aufgrund mangelnder Freizeit nicht möglich, sich Vereinen anzuschließen. Aber auch "das an studentische Verbindungen angelehnte Vereinswesen war eine andere Welt, auf die sich die Proletarier nicht einlassen wollten". Aber auch aus Gründen des "Standesdünkels" wurden sie zu vielen Vereinen gar nicht erst zugelassen.

Der aggressive Nationalismus war das entscheidende Merkmal, das den DFB in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg prägte. Ein nicht unwesentlicher Aspekt war der Vorwurf, "gehorsame Affen des Auslands" zu sein, der den Fußballern oft wegen der englischen Herkunft des Fußballs entgegen gehalten wurde und den sie widerlegen wollten. Der Nationalismus wird gut durch das Lied "Des Fußballspielers Gelöbnis" verdeutlicht, das zu dem damaligen Liedgut der Fußballer gehörte. Es beginnt mit "Oh Vaterland, du heilig Land ..." und endet mit "So stählen wir alle uns Herz und Hand - Zu leben und sterben fürs Vaterland". Aber auch die "Wacht am Rhein" oder "Deutschland Deutschland über alles" gehörten zum Repertoire der Vereine.

Dieses Liedgut entsprang dem gleichen Selbstverständnis, das auch schon die Deutsche Turnerschaft geprägt hatte und das, wie Heinrich aus der Deutschen Turnerzeitung von 1899 zitiert, als Bestandteil der "notwendigen Vorschule des werdenden Vaterlandsverteidigers" verstanden wurde. Bei diesem Selbstverständnis war klar, dass der DFB im Jungdeutschlandbund nicht fehlen wollte. Dieser wurde im November 1911 auf Initiative des Generalfeldmarschalls Freiherr von der Goltz "mit huldvoller Genehmigung des Kaisers" gegründet und sollte alle Organisationen vereinen, die Jugendarbeit betrieben. Dabei konnte er auf die großzügige finanzielle Unterstützung des Preußischen Staatsministeriums rechnen. "Das Ziel des Jungdeutschlandbundes war eindeutig: Schaffung einer kriegsverwendungsfähigen Jugend", kommentiert Heinrich.

Die Stimmungen, die im DFB bei Ausbruch des ersten Weltkriegs vorherrschten, werden von Heinrich treffend zusammengefasst: "Der Deutsche Fußballbund war weltanschaulich bestens auf den Krieg vorbereitet. Die vollständige Identifikation mit den Herrschaftsverhältnissen, dazu die aufrichtige Zustimmung zu den machtpolitischen Ambitionen des Wilhelminismus, eine rigoros nationalistische Ausrichtung und ein verbreiteter Gesinnungsmilitarismus - das summierte sich zu einer Sichtweise, deren Mittelpunkt der Kampf ums Dasein bildete und in der dem Krieg ein Platz als Motor der Entwicklung zukam." Bestätigt wird das durch einen Aufruf des Norddeutschen Fußballverbands: "Durch den Sport wurdet ihr für den Krieg erzogen, darum ran an den Feind, auf ihn und nicht gezittert!" Solche kriegstreiberischen Parolen wurden noch bis zum Kriegsende 1918 von den Fußballverbänden verbreitet.

Der DFB und die Weimarer Republik

Bei dieser Vorgeschichte wundert es nicht, dass der DFB nach dem verlorenen Krieg zu den Anhängern der Dolchstoßlegende gehörte und vom Ende der Monarchie und deren Ablösung durch die Republik als das "Schicksal, das über uns hereingebrochen ist" sprach. Die eigene Kriegsbegeisterung wurde auch nach der Niederlage in ihren Konsequenzen keinesfalls überdacht oder gar deren Richtigkeit angezweifelt. "Der Krieg war im Nachhinein aller Ehren wert und jeglicher Kritik entzogen, genauso wie die eigene Einstellung."

Nicht die neu entstandene Republik, sondern "alles auf Bewahrung Abgestellte genoss Sympathie". So auch die Freikorps, die auf Bestreben der obersten Heeresleitung mit der tatkräftigen Unterstützung der Sozialdemokratie aus zurückkehrenden Soldaten aufgebaut wurden, um im Inneren die revolutionäre Arbeiterbewegung zu terrorisieren. Aus ihnen ging später die faschistische SA hervor. Hier führt der Autor ein interessantes Beispiel an, wie das Regiment Preußen in der Zeitung des westdeutschen Verbandes für sich werben durfte. Zunächst mit nationalistischen Versen, dann mit einem Aufruf, sich dem Freikorps anzuschließen, der mit den Worten endet: " ... Gelegenheit zur sportlichen Betätigung gegeben; Fußball vorhanden."

Die Mannschaften der Freikorps durften ganz selbstverständlich am Spielbetrieb teilnehmen. So trug Schalke 04 sein erstes Spiel nach dem Krieg gegen das Freikorps Hacketau aus. Die in der Führung des DFB vorherrschende reaktionäre Haltung wird auch dadurch gut veranschaulicht, dass es bei Länderspielen noch lange nicht selbstverständlich war, die Schwarz-Rot-Goldene Fahne der Republik zu hissen, da man innerhalb der Führung noch an der Schwarz-Weiß-Roten Bundesfahne hing. Das kann nicht nur als rückwärtsgewandte Sympathie mit dem Kaiserreich, sondern muss vor allem als öffentlicher Ausdruck der Distanz des Verbandes zur Weimarer Republik verstanden werden.

Die Auffassung der Fußballrepräsentanten, dass das Fußballspiel der Erhaltung der Wehrkraft zu dienen habe, blieb auch nach dem Krieg bestehen. Aufgrund der Beschränkung des Versailler Vertrages, wonach die Wehrmacht nicht mehr als 100.000 Mann stark sein durfte, sahen sie die Bedeutung des Sports als noch gestiegen an. Er war jetzt nicht nur eine Ergänzung der Wehrpflicht, sondern zu einem Ersatz für sie geworden. Das Fußballspiel selbst wurde mit dem Krieg verglichen, wo der Einzelne sich einer Taktik und einem gewissen Plan unterzuordnen habe.

Zu Beginn der Weimarer Republik noch nicht auf eine Unterlaufung des Versailler Vertrages durch Wehrsport gezielt, nahmen bis Ende der 20er Jahre die Militarisierungstendenzen nicht nur im Fußball enorm zu. "Mitte 1931 wurden Pläne des DRA ( Deutscher Reichsausschuss für Leibesübungen) bekannt, die Anforderungen zum Erwerb des Sportabzeichens neu zu fassen. Segelfliegen sollte demnach zur Ausbildung zählen, nicht aber Prüfungsfach sein wie Gepäckmarsch oder Klein- und Großkaliberschießen." Es wäre falsch zu glauben, dass der Fußballbund diese Entwicklung auslöste, aber er machte sie ohne zu klagen mit.

Heinrich fasst diese Entwicklung gut zusammen, wenn er schreibt: "Das von DFB-Vertretern gepriesene ‚Stahlbad der Jugend‘ dürfte, was den Fußball anbelangt, in den allermeisten Fällen das Spiel als solches gewesen sein, ein Umstand, der jedoch nur begrenzt zur Entlastung taugt. Denn an dem die Endphase der Republik prägenden gesellschaftlichen Klima, das militärische Exerzitien jedweder Art zunehmend als normal und wünschenswert verbuchte, besaßen Fußballbund und Sportverbände sehr wohl ihren Anteil. Über Jahre hinweg hatten sie durch die Verherrlichung des Krieges, die Idealisierung des Soldatentums und das Bekenntnis zu soldatischen Tugenden von Opfer bis Ehre zur geistigen Wiederaufrüstung beigetragen. Auf dieser Grundlage konnte schließlich darangegangen werden, den Kampf gegen das ‚Friedensdiktat von Versailles‘ aufzunehmen. Die Fußballführung überkam ob eines solchen Resultats gewiss keine Reue."

Der DFB und der NS-Staat

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und dem Beginn der faschistischen Diktatur wurde der DFB insofern unter Anpassungsdruck gesetzt, als dass von ihm verlangt wurde, das "Führerprinzip" in all seinen Ebenen durchzusetzen und auch die alten Landesverbände durch neu zu errichtende Zusammenschlüsse auf Gauebene zu ersetzen.

Was die Gleichschaltung anging, war eine Anpassung nicht mehr notwendig. Davon zeugen allein die Worte des Vorsitzenden des Westdeutschen Spielverbandes Dr. Klein: "...überflüssig, da hier nie demokratische Strömungen zutage getreten [sind], die etwa eine Reform an Haupt und Gliedern erforderlich werden ließen". Aber auch die Führung des Gesamtverbandes begrüßte die undemokratischen Maßnahmen ausdrücklich, wie es durch eine Aussage des Bundesführers Linnemann deutlich wird: "Es gibt keine Bücher, keine Satzungen mehr mit Hunderten von Paragraphen. Die jährlichen Versammlungen fallen fort und damit auch die unendlichen Debatten über neue Paragraphen. Kurz gehaltene Bestimmungen des Führers sind an die Stelle der Gesetzbücher getreten."

Es war nicht nur so, dass es aus den Reihen der DFB Führung keine Kritik gegenüber Maßnahmen des NS-Staates wie z.B. die Unterdrückung der Arbeitersportbewegung gab, sondern es kamen schon sehr früh explizite Ergebenheitsadressen an die faschistische Regierung hinzu. Außerdem fühlte sich der DFB zusammen mit der Deutschen Sportbehörde dazu berufen, für ein besseres Bild des nationalsozialistischen Deutschlands im Ausland zu werben. Die ideologischen Werte- und Denkmuster, die die DFB-Führung noch aus wilhelminischen Zeiten beibehalten hatte, waren ohnehin denen des NS-Staates sehr nahe. Sie werden vom Autor als "Das Primat von Volk und Nation, Favorisierung autoritärer Herrschaftsformen, Ein- und Unterordnung inklusive dazugehöriger Tugenden von Treue bis Disziplin" festgemacht.

Hinsichtlich des Antisemitismus war von diesem Sportverband ebenfalls keinerlei Opposition zu erwarten. Schon im April 1933 stellten sich eine Reihe süddeutscher Fußballvereine der "nationalen Regierung" zur Verfügung und boten ihre Mitarbeit bei der Entfernung von Juden aus ihren Reihen an. Zur selben Zeit beschlossen die Vorstände des DFB, sowohl Juden als auch Personen, die in der marxistischen Arbeiterbewegung aktiv gewesen waren, aus führenden Stellungen der Verbände zu entfernen.

Heinrich schätzt die Position des Deutschen Fußball Verbandes während der NS-Herrschaft wie folgt ein: "Die Repräsentanten des deutschen Fußballs beließen es nicht bei wohlwollender Passivität, sie machten sich auf diversen Feldern zu Sekundanten der NS-Politik. Sie leisteten Hilfestellung bei der Eliminierung der Arbeitersportbewegung, indem sie Arbeitersportlern den Übertritt in die ‚bürgerlichen‘ Vereine verwehrten. Im Umgang mit jüdischen Sportvereinen und jüdischen Vereinsmitgliedern in den eigenen Reihen nahmen sie das staatliche Programm der Diskriminierung und Repression teilweise vorweg. Sie indoktrinierten jugendliche Fußballer im nationalsozialistischen Sinne, zunächst in eigener Regie, später in enger Abstimmung mit der HJ. Schließlich trugen die Fußballführer, immerhin Repräsentanten einer sportlichen Massenbewegung, durch ihr öffentliches Auftreten dazu bei, den Nationalsozialisten in jeder Hinsicht den Rücken zu stärken. Unterm Strich war die Fußballführung auf ihre Weise Teil des braunen Herrschaftsapparates."

Dazu waren keine personellen Veränderungen innerhalb des Verbandes notwendig. Die alte Führung blieb weitgehend bestehen. Ein Personalwechsel innerhalb der DFB-Führung war ohnehin eine Seltenheit. "Zudem begrüßten die Anfang 1933 amtierenden Funktionäre die Machtergreifung der Nationalsozialisten und versicherten sie ihrer unbedingten Loyalität." Diese Loyalität beschränkte sich, wie oben schon erwähnt, nicht nur auf den Sport alleine; so unterstützten die Fußball-Vertreter die nationalsozialistischen Plebiszite und riefen ihre Mitglieder zur Stimmabgabe auf.

Bei Ausbruch des 2. Weltkriegs war von diesem Verband, wie schon zu Ausbruch des ersten Weltkriegs, nichts anderes zu erwarten als völlige Unterstützung. Oder wie es im Fußballjahrbuch 1937 im Artikel "Fußball im Dienst der Volksgemeinschaft" des DFB Funktionärs Koppehel geschrieben steht: "Der Fußballsport ist da, wenn man ihn ruft".

Der DFB nach 1945

Nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 verfügten die Alliierten neben dem Verbot der NSDAP auch die Auflösung des Nationalsozialistischen Reichsbunds für Leibesübungen, womit alle Turn- und Sportvereine zu bestehen aufhörten.

Schon bald sollte jedoch der alte Verband wiederentstehen, was vor allem auf den ersten Nachkriegsvorsitzenden des DFB, Peco Bauwenz, zurückzuführen ist. Er war schon länger innerhalb der Führung des DFB tätig gewesen, so unter anderem innerhalb der Regelkommission der FIFA, dem Weltfußballbund, und später in ihrem Exekutivkomitee. Selbstverständlich war er auch Mitglied der NSDAP gewesen, der er am 1. Mai 1933 beitrat.

Am 10. Juli 1949 wurde in Stuttgart gegen das Besatzungsrecht der Alliierten der Deutsche Fußballbund ausgerufen. Mit diesem Schritt stellten sich Bauwenz und seine Anhänger vor allem erfolgreich gegen einen personellen Neuanfang. Dabei waren ihnen die Mittel egal: "Bei den hohen Idealen, die wir vertreten, hört die Demokratie auf". Er wollte zunächst einmal organisatorische Fakten schaffen, die vor allem gegen einen sportlichen Neubeginn gerichtet waren, auf den unter Umständen auch die ehemaligen Arbeitersportler einen Einfluss gehabt hätten. Das ganze fand statt, ohne dass er sich irgendeine Form von Legitimation verschafft hätte. "Bauwenz' Konzept ging auf. Von Mitte 1946 an kehrten ehemalige Fußballfunktionsträger der Nazizeit nach und nach zurück. In den DFB-Führungsgremien waren denn auch ehemalige Parteimitglieder in stattlicher Zahl vertreten."

Es kann daher nicht verwundern, dass es innerhalb dieser Verbandsführung kein Interesse an einer Aufarbeitung der eigenen Geschichte gab. Als im Oktober 1948 die Besatzungsmächte anlässlich einer Sporttagung den Landes- und Fachverbänden die beiden Fragen stellten: "Warum haben die Weimarer Sportorganisationen so wenig Widerstand gegen den Nazismus bewiesen?" und "Welche Garantien bietet [...] die beantragte Sportorganisation, dass sie von größerer Bedeutung im Widerstand gegen politische Reaktionen ist als ihre Weimarer Vorgängerin?" bezeichnete Bauwenz diese Anfrage als unverschämte Aufdringlichkeit und wies die Fragen zurück. Diese Einstellung teilte übrigens "der wiedergegründete DFB insgesamt".

So blieb die personelle und damit einhergehend auch die ideologische Kontinuität des DFB gewahrt. Was für Leute sich an der Spitze des Verbandes befanden, wird gut durch ein Ereignis aus dem Jahre 1954 verdeutlicht. Nachdem die deutsche Mannschaft bei der Weltmeisterschaft von 1954 den Weltmeistertitel gewonnen hatte, verlor Bauwenz bei einer Feier im Münchner Hofbräuhaus völlig die Kontrolle über sich selbst und fiel in sein gewohntes Vokabular zurück. Er behauptete, der germanische Kriegsgott Wotan habe den deutschen Spielern beigestanden, die Spieler hätten die vom Stadiondach verschwundene deutsche Fahne im Herzen getragen, und als er schließlich auch noch das Führerprinzip als Leitmotiv der Mannschaft ausmachte, wurde es dem Bayrischen Rundfunk zuviel und er brach die Liveübertragung ab.

Dies war aber bei weitem nicht die einzige "Entgleisung" der Nachkriegszeit. Man denke nur an die sogenannte "WM der Generäle" in Argentinien 1978, wo es zur Zeit der Weltmeisterschaft 8.000 politische Gefangene und 15.000 spurlos Verschwundene gab. Nicht nur dass keine Kritik an der herrschenden Diktatur im Gastgeberland geübt wurde, ihr wurde vom Verbandsvorsitzenden Neuberger sogar Sympathie entgegengebracht: "Die Wende zum besseren trat mit der Übernahme der Macht durch die Militärs ein". Aber auch im Quartier der deutschen Mannschaft, einer Erholungsanlage der argentinischen Luftwaffe, zeigte sich, wie sehr man noch an vergangenen Tagen hing. Dort ging der ehemalige Oberst Hans-Ulrich Rudel, ein hochdekorierter Wehrmachts-Kampfflieger und "Vorzeigepropagandist" des rechtsradikalen Münchener Verlegers und DVU-Chefs Gerhard Frey, ein und aus, was der damalige Juso-Vorsitzende Gerhard Schröder als "Provokation aller Demokraten" anprangerte.

Als in den 80er Jahren beschlossen wurde, dass die Nationalspieler von nun an Patriotismus durch Mitsingen der Nationalhymne demonstrieren sollten, wurden beim nächsten Länderspiel Texte der Hymne an die Zuschauer verteilt - inklusive der (verbotenen) ersten Strophe des Deutschlandlieds!

Auch der antisemitische Ausfall des DFB-Sprechers Wolfgang Niersbach bei der WM 1994 in den USA kann nur aus der Geschichte dieses Sportverbandes heraus erklärt werden. Dieser hatte auf eine antideutsche Artikelserie in der Washington Post reagiert, indem er erklärte "80 Prozent der amerikanischen Presse ist in jüdischer Hand".

All dies zeigt hinlänglich, wie bitter nötig der DFB eine kritische Betrachtung und Aufarbeitung seiner Geschichte hat. Dass der Verband dies anlässlich seines Jubiläums nicht leistet, kann kaum mehr verwundern. Arthur Heinrich hat allerdings mit seiner unabhängigen Analyse einen wichtigen Beitrag hierzu geleistet.