Vorrücken der LTTE sorgt für Panikstimmung in den herrschenden Kreisen Sri Lankas

Von unserem Korrespondenten
5. Mai 2000

Der am 22. April angekündigte "taktische Rückzug" der srilankischen Armee aus ihrer stark befestigten Stellung Elefantenpass im Norden der Halbinsel Jaffna hat sich mittlerweile in eine wilde Flucht verwandelt. Die Separatistenbewegung Tamil Tigers of Tamil Eelam (LTTE) erobert rasch weitere strategische Schlüsselpositionen. Am vergangenen Wochenende überrannte sie das Militärlager Pallai 15 Kilometer nördlich des Elefantenpasses. Außerdem fiel ihr ein weiterer bedeutender Stützpunkt bei Pullopalai in die Hände.

Die LTTE rückt nun mit Kampfverbänden, Geschützen und Artillerie auf ihr erklärtes Ziel Jaffna vor. Jaffna ist mit einer halben Million Einwohnern die zweitgrößte Stadt Sri Lankas. Das Militär hat zugegeben, dass ihr entscheidender Marinestützpunkt Kilali an der Südküste der Halbinsel unter Mörserbeschuss steht und möglicherweise schon gefallen ist. Dabei hat die LTTE eigenen Angaben zufolge auch einen 12 Kilometer langen Abschnitt der Main Supply Route (MSR), des wichtigsten Nachschubwegs der Armee erobert.

Vor-Ort-Berichte sind spärlich, da die srilankische Regierung keine Journalisten in das Kriegsgebiet einreisen lässt. Offenbar befinden sich die Verbände der LTTE rund 30 Kilometer vor Jaffna und bereiten die Positionierung ihrer Artillerie gegen den Luftwaffenstützpunkt Palali vor. Dieser bildet - neben dem Seeweg - die einzige Möglichkeit für das srilankische Militär, Nachschub und Verstärkung anzuliefern bzw. Truppen zu evakuieren.

Allem Anschein nach steht die srilankische Armee am Rande einer Katastrophe. Rund 35.000 bis 40.000 ihrer insgesamt schätzungsweise 100.000 Mann sitzen auf Jaffna fest, ohne dass ihnen ein Landweg zum Abzug offen stünde. Die gegnerischen LTTE-Truppen sind zwar kleiner, doch nach dem Fall des Elefantenpasses verfügt die Armee weder über hinreichend Ausrüstung noch über genügend Kampfmoral. Ihr Befehlshaber gibt an, die LTTE verfüge mittlerweile über mehr Feuerkraft, als seine eigenen Truppen.

Die bislang in Jaffna stationierten UN-Vertreter haben die Halbinsel bereits verlassen und den Abzug weiterer Institutionen angekündigt. Der amerikanische Nachrichtensender CNN zitierte einen Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation mit den Worten: "Unter den Leuten hier herrscht eine immense Unsicherheit. Sie befürchten Schlimmes für die kommenden Tage." Die Nahrungsmittelpreise in der Stadt sind in der vergangenen Woche um 50 bis 100 Prozent gestiegen. Andere Meldungen berichten von Truppenbewegungen. Soldaten und schwere Ausrüstung würden zwecks Evakuierung zum Luftwaffenstützpunkt Palali gebracht.

Der schwere Bürgerkrieg reicht bis in das Jahr 1983 zurück. Die LTTE, die für einen eigenen Tamilenstaat im Norden und Osten des Landes kämpft, hatte die nördliche Halbinsel mit der Stadt Jaffna bereits von 1990 bis Dezember 1995 kontrolliert, dann jedoch wieder an die Armee verloren. Ihre jüngste Offensive schließt sich einer Reihe von Erfolgen der LTTE in der Region Vanni an; auch dort hatte die Armee im vergangenen Oktober eine Reihe Stützpunkte verloren und waren die Soldaten geflohen.

Das politische und militärische Establishment in der Hauptstadt Colombo ist gegenwärtig wie gelähmt. Die Generäle versuchen zu beweisen, dass ihre Niederlagen keine Katastrophen seien, und dass der Fall strategischer Schlüsselpositionen lediglich auf "taktische Rückzüge" zurückzuführen sei. Nach dem Verlust des Elefantenpasses kündigte die Armee an, sie werde ihre Verteidigungslinien im Norden neu ausrichten, und gab die Zahl ihrer Gefallenen mit 80 Soldaten und 8 Offizieren an. Am nächsten Tag übergab die LTTE dem Internationalen Roten Kreuz 126 Leichen. Eine Woche später, als auch die neuen Verteidigungslinien bei Pallai versagten, sprach die Armee von 13 Toten und die LTTE übergab 45 Leichen. Die Lügen sollen offenkundig die von Tag zu Tag schlechtere militärische Lage der Armee vertuschen.

Nach ihrer Rückkehr aus Großbritannien räumte Präsidentin Chandrika Kumaratunga vergangene Woche ein, dass ihre Truppen zumindest vorübergehend einen Rückschlag erlitten hätten. Sie erklärte, aufgrund des "Kriegszustands" müssten alle "nicht wesentlichen" Entwicklungsprogramme für drei Monate ausgesetzt werden, um alle Kräfte des Landes auf die Verteidigung Jaffnas zu konzentrieren. Berichten zufolge führt die Regierung intensive Verhandlungen mit internationalen Waffenhändlern, um die in den jüngsten Kämpfen verlorenen Schusswaffen und Munition zu ersetzen. Zum ersten Mal wurden sämtliche Reservisten einberufen.

Zur selben Zeit hält sich Außenminister Lakshman Kadirgamar in Neu Delhi auf und wirbt praktisch offen um die Unterstützung des indischen Militärs, insbesondere zur Rettung der srilankischen Truppen im Falle eines weiteren Vorrückens der LTTE. Das srilankische Militär verfügt nicht über die notwendigen Kapazitäten, um rasch 35.000 Soldaten samt Ausrüstung auf dem See- oder Luftweg zu evakuieren. Kadirgamar traf sich vorgestern mit dem indischen Premierminister Atal Bihari Vajpayee, der ihm jedoch eine Abfuhr erteilte. Der indische Außenminister Jaswant Singh erklärte unverblümt, "eine militärische Intervention Indiens in Sri Lanka ist ausgeschlossen".

Im Oktober stehen Parlamentswahlen an, und entsprechend heftige Vorwürfe werden nun zwischen der Regierung und der oppositionellen United National Party ausgetauscht. Die Eroberung Jaffnas durch die LTTE wäre ein fürchterlicher politischer Schlag für Kumaratunga. Sie hatte die Wahlen von 1994 mit dem Versprechen auf Frieden gewonnen, verstärkte jedoch nach ihrem Amtsantritt den Krieg und brüstete sich mit der Rückeroberung Jaffnas im Dezember 1995. Nun werden Sündenböcke gesucht.

In einer Ansprache an die Nation am 28. April versuchte Kumaratunga, der UNP die Schuld an dem Militärdebakel zuzuschieben: "An dieser Stelle möchte ich erwähnen", sagte sie, "dass wir aufgrund der in Militärsachen mangelhaften Haltung der UNP-Regierung seit 1983 eine schwache Armee erben mussten. Zu jener Zeit hatte die Regierung die LTTE anstatt die bewaffneten Streitkräfte befestigt."

Die UNP ihrerseits machte die Regierung verantwortlich. Ihr Vorsitzender Karu Jayasuriya äußerte in einer Erklärung vom 23. April: "Das Lager [Elefantenpass] ging nicht wegen Unfähigkeit der Soldaten, sondern wegen Unfähigkeit der Regierung verloren. Sie führt den Krieg nur entsprechend ihrer politischen Interessen." Zwei Tage später stieß der UNP-Führer Wickremesinghe ins selbe Horn: "Die Kumaratunga-Regierung und einige unfähige Militäroffiziere tragen die Verantwortung für den Verlust des Elefantenpasses."

Innerhalb der herrschenden Kreise wird aber auch stark auf die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit gedrängt. In einem Leitartikel des Daily Mirror hieß es am 27. April: "Leider hat Mr. Wickremesinghe nach seiner Rückkehr (von einer Auslandsreise) zänkische Töne angeschlagen, anstatt die Regierung beim Umgang mit der Krise zu unterstützen. Er hat die ganze Schuld für das Debakel am Elefantenpass auf die Regierung geschoben und gewisse Bemerkungen gemacht, welche die Terroristen, nicht die Sicherheitskräfte, moralisch aufbauen werden. Dabei sollte die ganze Nation den Sicherheitskräften wegen ihres heroischen Kampfs für die Integrität unseres Landes dankbar sei."

Am 29. April lud Kumaratunga den Oppositionsführer und die UNP zu geheimen Gesprächen über die militärische Lage ein. Außerdem hob die Regierung ein Verbot gegen von der UNP organisierte medizinische Hilfslieferungen an Militärkrankenhäuser auf, das ergangen war, nachdem Wickremesinghe die Medien zur Missachtung der Militärzensur aufgefordert hatte. Wickremesinghe seinerseits sagte zu, er werde den Inhalt der Gespräche mit Kumaratunga nicht in die Öffentlichkeit tragen.

Obwohl also keine dahingehenden Einzelheiten bekannt wurden, liegt auf der Hand, dass Regierung und Opposition eine wie auch immer geartete vorübergehende Koalition in die Wege leiten. Die UNP rief in einer Erklärung zur Bildung eines aus kompetenten altgedienten Offizieren bestehenden Kriegsrates auf, der "nicht nur die territoriale Integrität des Landes verteidigen, sondern auch die Einhaltung von Recht und Gesetz gewährleisten soll". Andere Presseberichte meldeten unter Berufung auf "zuverlässige Quellen", Kumaratunga plane einen Nationalen Verteidigungsrat unter Beteiligung der Präsidentin, des Premierministers, des Oppositionsführers, sowie des Parlamentssprechers und der Fraktionsvorsitzenden.

Eine solche Regierung der nationalen Einheit würde unweigerlich nicht nur eine härtere Kriegsführung, sondern auch weitere Angriffe auf den Lebensstandard und die demokratischen Rechte der Arbeiterklasse und der unterdrückten Massen - singhalesisch und tamilisch - mit sich bringen. Kumaratungas Enscheidung, die "nicht wesentlichen" Entwicklungsprojekte zu suspendieren, zeigt bereits in aller Deutlichkeit, dass die Arbeiter und Bauern für die Kriegsführung aufkommen sollen. In den Medien von Colombo wird bereits die Forderung nach einer Zwangsaushebung laut, um angesichts fehlender Freiwilliger die Lücken zu füllen, die Gefallene und Deserteure in die Reihen der Armee gerissen haben.

Gleichzeitig schüren singhalesisch-chauvinistische Gruppen Hysterie gegen die Tamilen. Sie beschuldigen Volksallianz-Regierung und UNP-Opposition der Verschwörung zur "Teilung des Vaterlandes". Am 26. April gründeten faschistische Kräfte, die im "Forum singhalesischer Helden" (Sinhala Veera Vidahana) und der "Nationalen Bewegung gegen den Terrorismus" organisiert sind, eine neue Gruppierung namens "Partei des singhalesischen Erbes" (Sinhala Urumaya Pakshaya).

Diese Chauvinisten, die erst vor kurzem gegen die Versuche Norwegens demonstrierten, Verhandlungen zwischen der Regierung und der LTTE zu erleichtern, agitieren nun gemeinsam mit anderen gegen eine ausländische Militärintervention. Bizarrerweise forderte diese Woche auch der National Buddhist Sangha Council, der Rat der höchsten Buddhistenmönche des Landes, ebenfalls die Entsendung indischer Truppen, um zu verhindern, dass Jaffna der LTTE in die Hände falle. Im Jahr 1987, anlässlich des indo-srilankischen Abkommens, hatten dieselben Mönche lebhaft gegen die Entsendung indischer Truppen nach Jaffna protestiert.

Die Zeitung Island forderte in ihrem Leitartikel vom 3. Mai militärische Unterstützung seitens sowohl Indiens wie auch der USA: "Die Beziehungen zwischen Indien und Sri Lanka sind heute besser denn je. Die Beziehungen zwischen Indien und den USA haben sich während der vergangenen zehn Jahre grundlegend gewandelt, wie der jüngste erfolgreiche Besuch Präsident Clintons in Indien zeigte. Sowohl die USA als auch Indien haben sich uneingeschränkt dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus verschrieben. Wenn diese Haltung ehrlich gemeint war, weshalb sollte sie sich dann nicht in greifbaren Formen ausdrücken?"

Vorläufig hat Indien die Anfragen aus Sri Lanka abgewiesen, und die Kumaratunga-Regierung hat sich nicht, zumindest nicht öffentlich, an die USA gewandt. Doch der seit 17 Jahren andauernde Krieg steht an einem Wendepunkt, und angesichts der neuen strategischen Arrangements, die gegenwärtig auf dem gesamten indischen Subkontinent eingleitet werden, kann eine größere diplomatische oder auch militärische Intervention nicht ausgeschlossen werden.

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