Was treibt der US-Gesandte Thomas Pickering in Sri Lanka?

Von Barry Grey
30. Mai 2000

Mit der Reise des US-Gesandten Thomas Pickering nach Indien und Sri Lanka haben sich die Vereinigten Staaten direkt in den Bürgerkrieg eingeschaltet, der den Inselstaat vor der indischen Südküste schon seit 17 Jahren verwüstet. In der Person von Pickering setzen die USA ihr Gewicht gegen einen bevorstehenden militärischen Sieg der tamilischen separatistischen Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) ein.

Wie üblich erklärte der US-Unterstaatssekretär für Politische Angelegenheiten, die Intervention Washingtons sei ausschließlich von humanitären Erwägungen getragen. Pickering, einer der dienstältesten und verlässlichsten Köpfe des US-Außenministeriums, sagte der indischen Presse, er treffe sich mit Spitzenpolitikern, um eine "humanitäre Katastrophe" auf der srilankischen Halbinsel Jaffna zu verhindern. Durch erstaunliche militärische Fortschritte im letzten Monat ist die LTTE bis wenige Meilen vor die Stadt Jaffna vorgerückt, das Zentrum der überwiegend von Angehörigen der tamilischen Minderheit Sri Lankas bewohnten Region. Etwa 30.000 srilankische Soldaten, die am Meeresstreifen, der Sri Lanka von Indien trennt, eingescHlossen sind, drohen von LTTE-Kräften überrannt zu werden.

Kein informierter und objektiver Beobachter der US-Außenpolitik kann auch nur im Geringsten den humanitären Beteuerungen Pickerings Glauben schenken. Seit fast zwanzig Jahren leistet Washington nun schon mehreren srilankischen Regierungen, die gegen die tamilische Bevölkerung im Norden und Osten des Landes Krieg führen, wirtschaftliche, militärische und politische Unterstützung. Seine "humanitären" Impulse reagierten nicht auf Mord, Folter, Militärbesetzung und Repression der herrschenden singhalesischen Bourgeoisie. Der Bürgerkrieg, den diese gegen die Tamilen führt, hat laut Dokumenten des US-Außenministerium das Leben von fast 60.000 Menschen gefordert und 600.000 zu Flüchtlingen gemacht.

In Wirklichkeit hat die Aussicht auf eine verheerende Niederlage der singhalesischen herrschenden Klasse und ein Auseinanderbrechen des srilankischen Staates Pickering nach Neu-Delhi und Colombo getrieben. Wie immer stehen hinter Washingtons Rhetorik von Demokratie und Menschenrechten die globalen ökonomischen und geopolitischen Interessen des amerikanischen Imperialismus.

Am 24. und 25. Mai erklärten Pickering sowie der indische Außenminister Lalit Mansingh und der indische Verteidigungsminister George Fernandes nach mehreren Treffen ihre gemeinsame Opposition gegen eine "militärische Lösung", wie auch gegen die Forderung der LTTE nach einem separaten Staat Tamil Eelam. Pickering bestand darauf, dass Indien aggressiver gegen einen LTTE-Sieg aktiv werden und auch seine Marine einsetzen müsse, um srilankische Truppen aus Jaffna zu evakuieren, wenn die Volksallianzregierung in Colombo dies wünsche. Außerdem verkündete er die amerikanische Rückendeckung für die norwegischen Bemühungen, einen Waffenstillstand zu vermitteln und Friedensgespräche zwischen der srilankischen Regierung und der LTTE einzuleiten. Eine norwegische Delegation hält sich im Moment in Colombo auf.

Während er darauf bestand, die USA hätten nicht die Absicht, eine direkte Rolle in diesen diplomatischen Aktivitäten zu spielen, erklärte Pickering ominös, Washington "beobachte die Situation in Sri Lanka sorgfältig". Sowohl die USA als auch Indien bestreiten, dass sie Pläne für eine militärische Intervention auf Seiten der srilankischen Streitkräfte in Jaffna hätten, aber Indien hat eine Flottille der Marine und Kampfflugzeuge vor der Küste von Jaffna in Stellung gebracht, und die USA haben einen Teil ihrer im persischen Golf stationierten Flotte in den südlichen Teil des Arabischen Meers westlich von Sri Lanka verlegt.

Pickering soll Vertreter der srilankischen Regierung am 29. Mai in Colombo treffen. Während seines Aufenthalts in Sri Lanka will er außerdem mit den norwegischen Vermittlern sprechen. Unterdessen hat auch die srilankische Präsidentin Chandrika Kumaratunga die Tür für eine direktere diplomatische, wenn nicht militärische Rolle der USA geöffnet: Sie sagte einem Fernsehreporter, sie würde es begrüßen, wenn die USA zusammen mit Norwegen und Indien sich am "Friedensprozess" beteiligten.

Washingtons ausgeprägte Aktivitäten, die LTTE an den Verhandlungstisch zu zwingen, stehen im Zusammenhang mit seiner Annäherung an Indien, das es gerne zu seinem regionalen Stellvertreter auf dem Subkontinent aufbauen würden. Während der Zeit des Kalten Krieges hatte Washington Indien, das seit seiner Unabhängigkeit von der Kongresspartei regiert wurde, als Strohmann der Sowjetunion betrachtet, und sich bemüht, Pakistan als Gegengewicht aufzubauen.

Aber als die BJP (Bharatiya Janatha Party) in Neu-Delhi an die Macht kam, ging Washington auf Distanz zu seinem früheren pakistanischen Verbündeten und begann demonstrativ, seine ökonomischen, militärischen und geheimdienstlichen Verbindungen zur indischen Regierung zu stärken. Die BJP wird von amerikanischen Banken und transnationalen Konzernen mit Sympathie betrachtet, weil sie sich verpflichtet, die vom Internationalen Währungsfond geforderten Privatisierungen und Deregulierungen schneller und rücksichtsloser als ihre Rivalen von der Kongresspartei durchzusetzen.

Die Annäherung der Clinton-Regierung an das BJP-Regime überführt an sich schon die Behauptung der Lüge, dass Washingtons Politik von demokratischen und pazifistischen Grundsätzen bestimmt sei. Die BJP ist eine chauvinistische Hindu-Partei mit Beziehungen zu faschistischen Organisationen. Sie ließ ihre aggressiven und martialischen Absichten erkennen, als sie vor zwei Jahren nahe der pakistanischen Grenze einen Atomtest durchführte.

Indien und die USA sehen einen militärischen Sieg der LTTE in Sri Lanka und die Aussicht auf eine unabhängige tamilische Nation als eine ernste Gefahr für die Integrität Indiens, das mit einer ganzen Anzahl separatistischer Bewegungen zu tun hat, vor allem in Kaschmir, aber auch in dem südlichen Bundesstaat Tamil Nadu.

Die Verbindung mit der rechten BJP ist nur einer der zahlreichen Widersprüche in der offiziellen Außenpolitik Washingtons. Noch offensichtlicher ist der Widerspruch zwischen seiner Feindschaft gegenüber den tamilischen Separatisten in Sri Lanka und seiner Unterstützung für die albanischen Separatisten im Kosovo. Genau vor einem Jahr hatten sich die USA mit der UCK ("Kosovo-Befreiungsarmee") verbündet und einen blutigen Luftkrieg gegen Serbien geführt, weil Belgrad angeblich für die ethnische Säuberung und den Völkermord an der albanischen Mehrheitsbevölkerung in seiner südlichen Provinz verantwortlich war.

Heute werden die gleichen humanitären Parolen ins Feld geführt, um das Eingreifen gegen die LTTE-Separatisten und zugunsten der Unterdrückung der tamilischen Mehrheit im Osten und Norden Sri Lankas durch Colombo zu rechtfertigen. Wie ist dieser offensichtliche Widerspruch zu erklären? Was führt dazu, dass die Humanität Washington einmal dazu veranlasst, die Diplomatie fallen zu lassen und Bomben auf die Serben zu werfen, und das andere Mal, eine diplomatische Lösung zu fordern, um die singhalesische Bourgeoisie zu retten?

Amerikanische Politiker beschäftigen sich in ihrer Arroganz und ihrem Zynismus nie mit solchen Fragen, weil sie genau wissen, dass die durch und durch korrupten amerikanischen Medien sie nicht stellen werden.

Es gibt wichtige Unterschiede zwischen dem Kosovo und dem Schicksal der Tamilen in Sri Lanka, aber diese unterstreichen nur Washingtons Heuchelei. Serbiens Unterdrückung der Kosovo-Albaner verblasst im Vergleich mit dem 17-jährigen Krieg Colombos gegen die Tamilen. Die höchsten Schätzungen an getöteten Kosovaren im Verlauf der serbischen Unterdrückung und der NATO-Bombardierungen belaufen sich auf etwa tausend Opfer. Im Krieg Colombos gegen die Tamilen ist die Zahl der Opfer um das sechzigfache höher.

Um nur einen einzigen Punkt aus einem Bericht über die Menschenrechtslage in Sri Lanka anzuführen, den das amerikanische Außenministerium im Februar 1999 selbst erstellt hat: "Die meisten Folteropfer waren Tamilen, die verdächtigt wurden, LTTE-Aufständische oder Sympathisanten zu sein. Zu den Foltermethoden gehörten Elektroschocks, Schläge, besonders auf die Fußsohlen, Aufhängen an den Handgelenken oder den Füßen in unnatürlichen Positionen, Verbrennungen und beinahe Ertränken. In anderen Fällen wurden die Opfer gezwungen, lange Zeit in unnatürlichen Körperhaltungen zu verharren, oder über ihren Köpfen wurden Beutel mit Insektenvernichtungsmitteln, Chilipulver oder Benzin aufgehängt. Verhaftete berichteten über gebrochene Knochen und andere ernsthafte Verletzungen als Folge ihrer Misshandlungen."

Darüber hinaus hat die LTTE trotz ihrer spalterischen Politik in ihrer Geschichte eine wesentlich größere Unterstützung im Volk gehabt, als die UCK. Den US Behörden waren die Verbindungen der UCK zur albanischen Mafia und ihre Verstrickung in den Drogenschmuggel durchaus bekannt, als das Außenministerium sie von der Liste der Terrororganisationen strich und zu einer "nationalen Befreiungsbewegung" ernannte. Die LTTE aber, die aus dem jahrzehntelangen Widerstand der Tamilen gegen die Unterdrückung und Diskriminierung durch das singhalesische Regime entstand, wird von Washington weiterhin verteufelt. Der Bürgerkrieg selbst war 1983 ausgebrochen, nachdem Hunderte Tamilen Pogromen zum Opfer gefallen waren, die von der Regierung unterstützt wurden.

Keine Analyse des Eingreifens der USA in Sri Lanka wäre vollständig ohne eine Untersuchung der Standpunkte von Thomas Pickering zu Demokratie und Pazifismus. Im Range eines Karrierebotschafters, des höchsten Rangs im amerikanischen Auslandsdienst, war dieser Veteran der amerikanischen Diplomatie an einigen der schmutzigsten außenpolitischen Episoden der vergangenen drei Jahrzehnte beteiligt.

Als aufsteigender Stern der amerikanischen Außenpolitik diente Pickering 1973-74 als Sonderassistent von Henry Kissinger, als die USA versuchten, die Niederlage in Vietnam aufzuhalten. Er war auch Kissingers Sonderassistent, als dieser den Putsch in Chile vorbereitete und unterstützte, der den faschistischen General und Massenmörder Augusto Pinochet an die Macht brachte.

Er diente unter Reagan als Botschafter in El Salvador, als Washington das Todesschwadronen-Regime dort unterstützte. Sein letzter Botschafterposten war Moskau (1993-96), wo er Jelzin im Oktober 1993 bei der Bombardierung des russischen Parlaments zur Hand ging.

Das ist die Bilanz von Washingtons Mann vor Ort in Sri Lanka. Das unterstreicht die reaktionäre Substanz hinter der Rhetorik der amerikanischen Politik auf dem indischen Subkontinent.

Siehe auch:
Weitere Artikel zu Sri Lanka in deutscher:
http://www.wsws.org/de/aktuell/asien/srilanka.shtml
und (umfassender) in englischer Sprache:
http://www.wsws.org/sections/category/news/as-lanka.shtml