Hinter den Gräueltaten im Sudan - der Kampf um Öl

Von David Rowan
24. Mai 2000

Neuen Berichten zufolge sind westliche Petroleumkonzerne in den blutigen Konflikt im Sudan verwickelt, der vorwiegend im Gebiet des Ölfeldes Unity und in der westlichen oberen Nilregion ausgetragen wird.

Der Kern dieses Konflikts und sein Blutzoll unter der Zivilbevölkerung werden detailliert im jüngsten Sudan-Bericht von Amnesty International beschrieben. Er schildert die Gräueltaten, die von Regierungstruppen, regierungstreuen Milizen und oppositionellen Rebellen gleichermaßen an der Zivilbevölkerung verübt werden.

Regierungstruppen haben das Gebiet um Bentiu, 470 km südlich der Hauptstadt Khartum, gesäubert. Sie haben dabei Kampfhubschrauber eingesetzt und aus großer Höhe Splitterbomben abgeworfen.

"Die Zivilbevölkerung, die in den Ölfeldern und den angrenzenden Gebieten lebt, war vorsätzlich das Ziel von Menschenrechtsverletzungen - Zwangsumsiedlung, Luftangriffen, Dörfer wurden aus tieffliegenden Kampfhubschraubern unter Beschuss genommen, es kam zu Hinrichtungen ohne Prozess, Folterungen, Vergewaltigungen und Entführungen", sagte Maina Kiai, die bei Amnesty International für Afrika zuständig ist. Es gibt Berichte über Massenhinrichtungen männlicher Zivilisten und darüber, das Regierungstruppen Frauen und Kindern die Kehle aufschneiden oder sie mit Eisenspitzen an Bäume nageln.

Die Rebellen der Volksbefreiungsarmee des Sudan (SPLA), die seit 17 Jahren Bürgerkrieg führen, sollen Massenerschießungen, Vergewaltigungen und die Zerstörung von Wohnhäusern vorgenommen haben, um die Bevölkerung der Region zu terrorisieren. Die SPLA und ihr politischer Flügel, die Volksbefreiungsbewegung des Sudan (SPLM), rekrutieren sich hauptsächlich aus dem Dinka-Stamm. Es gibt zahlreiche Berichte aus den gesamten 90-er Jahren über Gräueltaten, die von der SPLA/M gegenüber anderen ethnischen Gruppen begangen wurden. Ein ehemaliger Offizier der SPLA/M, Doktor Peter Nyaba, beschrieb die Organisation als "degeneriert zu einem Werkzeug der Plünderung und des zerstörerischen Kampfes".

Weitere Terrormethoden, die von beiden Seiten gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt werden, sind die Zerstörung der Ernte, Viehraub und ständige militärische Besatzung. Sowohl das Streichen der UN-Hilfsgelder für die Region, das die Regierung in Khartoum veranlasst hat, wie auch die Bewegungen der SPLA/M, die dazu dienen, die Aktivitäten der Nichtregierungsorganisationen (NGO) in der Region zu kontrollieren, führten zur Vertreibung vieler Menschen und haben die Gefahr einer Hungersnot verschärft. Kinder werden von der Regierung für die paramilitärische Volksverteidigungstruppe zwangsrekrutiert und zumeist zum Kampf an die Front geschickt.

Westliche Verwicklungen

Sicherheitsdienste, die für die ausländischen Ölkonzerne in der Region arbeiten, werden dem Bericht zufolge eingesetzt, um die regierungstreue Miliz, die Verteidigungstruppe des südlichen Sudan (SSDF), auszubilden und militärisch zu beraten. Die SSDF wurde aus einigen abgespaltenen Fraktionen der SPLA/M gebildet, die 1997 mit der Regierung ein Friedensabkommen unterzeichneten. Sie ist gezeichnet durch innere Kämpfe und eine Führung, die in ihren Loyalitäten ständig schwankt.

Amnesty International bemerkt: "Dies wirft weiterhin die Frage auf nach dem Ausmaß, in dem die Ölkonzerne direkt oder indirekt zu dem Konflikt beitragen." Die Regierung in Khartoum hat zugegeben, dass der Krieg durch Ölverkäufe finanziert wird, und Amnesty International weist auf die deutliche Verbindung hin, die zwischen dem Wohlstand durch Ölverkäufe und den Ausgaben für polnische Panzer und Waffen aus China und Bulgarien besteht.

Ein Artikel in der britischen Tageszeitung Observer vom 16. April stellt Fragen zu den Aktivitäten der Ölkonzerne, die unmittelbar zu Menschenrechtsverletzungen führen, und den eskalierenden Kämpfen zwischen rivalisierenden Gruppen um die Kontrolle über die Region.

Der Observer schildert im einzelnen barbarische Akte gegen Zivilisten, die neben den Helig-Ölfeldern leben, im Norden der Region Bentiu. Es werden Augenzeugenberichte darüber zitiert, wie die SPLA/M Dörfer zerstörte und Männer, Frauen und Kinder zu Tode quälte. Ein Vertreter des Neuen Kirchenrats von Sudan (NSCC) sagte: "Die Regierung nutzt die Straßen und Landebahnen der multinationalen Konzerne, die im Sudan Öl fördern, für militärische Zwecke."

Der Bericht des Observer konzentriert sich auf die Operationen des Greater Nile Oil Consortiums, das von der kanadischen Talisman Inc., der China National Petroleum Corporation, Petronas aus Malaysia, Sudapet aus dem Sudan und der anglo-amerikanischen Firma BP Amoco gebildet wurde. BP Amoco ist dabei mit 40 Prozent der größte Teilhaber am Projekt.

Obwohl der Bericht hauptsächlich die extreme Brutalität der sudanesischen Regierung und der SPLA-Truppen schildert, hat das wachsende Interesse westlicher Regierungen, insbesondere der Vereinigten Staaten, seit der Eröffnung der Ölpipeline im August 1999 zur zunehmenden Unterdrückung beigetragen. Die Vereinigten Staaten unterstützten früher die Rebellen der SPLA, aber Teile der Clinton-Regierung favorisieren nun eine Annäherung an die Regierung in Khartoum, da man ihr eher zutraut, die amerikanischen Interessen in der Region zu wahren. Am 29. August 1999, am Tag bevor die erste Schiffslieferung Öl den Sudan verließ, wurde Harry Johnston zum Sondergesandten der Vereinigten Staaten für den Sudan ernannt. Dem folgte im September die Aufhebung von diversen Sanktionen gegen den Sudan seitens des Internationalen Währungsfonds.

Im März diesen Jahres reiste Johnston nach Khartoum und beschrieb seinen Besuch als "sehr produktiv, sehr bildend". Am 20. April kehrte Donald Teitelbaum auf seinen Posten als Geschäftsträger der Vereinigten Staaten in Khartoum zurück. Vor zwei Jahren war er zurückbeordert worden, als die Vereinigten Staaten eine pharmazeutische Fabrik in Khartoum bombardierten. Dieser Angriff basierte auf der unbewiesenen Behauptung, dass die Fabrik zur Herstellung von chemischen Waffen für Terroristen genutzt wurde.

Eine Reihe von Artikeln auf der Website www.stratfor.com, auf der die amerikanische Außenpolitik analysiert wird, wies auf die veränderte geopolitische Strategie der USA in dieser Region hin. Ein Artikel vom September 1999 stellt fest: "Das Gebiet des südlichen Sudans, gelegen zwischen den anderen größeren afrikanischen Konfliktherden, ist Ölland. Zunehmende Unterstützung der Vereinigten Staaten für die Regierung und abnehmende Unterstützung für die Rebellen zeigen eine Stabilisierung der Ölexporte an. Am anderen Ende der Pipeline gibt es den Vereinigten Staaten größeren strategischen Einfluss auf die Schiffslinien im Roten Meer. Seit dem Debakel in Somalia war der Einfluss der Vereinigten Staaten auf die Küstenregionen des Roten Meers ein strategisch schwacher Punkt." Port Sudan ist der einzige Zugang des Landes zum Roten Meer, um Öl zu exportieren. Der Hafen liegt im Norden des Sudan, der von der Regierung Al-Bashirs in Khartoum kontrolliert wird.

Es gibt immer noch Kräfte in den herrschenden Kreisen der USA, die die politische Behandlung des Sudans als Schurkenstaat fortsetzen möchten. Diese Position entstand 1991, als der Sudan im Golfkrieg den Irak unterstützte. Die Kommission für Internationale Religiöse Freiheit, die 1998 in den USA gegründet wurde, um "religiöse Freiheit auf der ganzen Welt zu wahren", bat kürzlich Washington um "nicht-tödliche Hilfe" ("non-lethal aid") für oppositionelle Kräfte. Dies solle sobald wie möglich geschehen, wenn die Regierung in Khartoum ihre Haltung in Fragen der Religionsfreiheit und Menschenrechte nicht verbessere. Die Organisation fordert außerdem die Durchsetzung von Flugverbotszonen und ein Verbot des Einsatzes von Kapital ausländischer Firmen in den Ölfeldern des Sudans, wenn dieses aus dem Markt der Vereinigten Staaten stammt. Dies stände in Einklang mit einem Gesetz, das im vergangenen November von der amerikanischen Regierung erlassen wurde und direkte Lebensmittelhilfen an die SPLA erlaubt. Der Sudan bleibt auf der Liste der Staaten, die von den USA als Unterstützer des "Terrorismus" angesehen werden.

Im Januar 2000 wandte sich Regierungschef Al-Bashir gegen seinen Regierungspartner Hassan Al-Turabi, den Parlamentssprecher und wichtigsten islamischen Ideologen. Dies war eine deutliche Botschaft an die Westmächte, dass Khartoum mit der isolationistischen Politik bricht, die Turabi personifiziert. Letzterer wurde in den Hintergrund gedrängt und Al-Bashir begann von dem Bedürfnis nach "mehr Demokratie" zu sprechen.

Das Al-Bashir-Regime unternimmt nun verzweifelte Versuche, eine Regierung mit mehr Rückhalt in der Bevölkerung und größerer Nähe zu den Westmächten zu etablieren. Diese soll aus Einzelpersonen und Parteien bestehen, die bis vor kurzem der regierenden Nationalen Kongresspartei (der ehemaligen Nationalen Islamischen Front) feindlich gegenüberstanden. Die Aufmerksamkeit der Regierung gilt vor allem der Bereitstellung von besten Bedingungen für die Förderung und den Export von Öl.

Es gibt Anzeichen, dass die oppositionelle Koalition, die Nationaldemokratische Allianz (NDA), aufgrund dieser Schachzüge auseinander bricht. Die NDA besteht aus der muslimischen Umma Partei, den Demokratischen Unionistenparteien, der Kommunistischen Partei des Sudans und anderen Organisationen. Sie wurde 1989 gegründet und vereinigt Parteien der nördlichen und südlichen Oppositionskräfte. Auch die SPLA/M ist Teil der NDA. Politisch steht sie für einen säkularen Staat und die Kontrolle des Südens.

Im März diesen Jahres verließ die maßgebliche oppositionelle Umma Partei, die 1989 durch einen Staatsstreich von Al-Bashirs Nationaler Islamischer Front gestürzt worden war, ein Treffen der NDA. Man sagte ihr nach, sie würde "das Handtuch werfen". Die Führer der Umma entfernen sich nun von ihrer alten oppositionellen Strategie und nähern sich dem Al-Bashir-Regime an in der Hoffnung, einen Platz in der Regierung und einen Anteil am neuen Wohlstand zu erhalten.

Die Al-Bashir-Regierung führt tatsächlich zwei Bürgerkriege - einen in der südlichen Region gegen die SPLA/M und einen in Mitte-Ost-Sudan gegen die NDA. Es besteht die Möglichkeit, dass Al-Bashir der NDA und SPLA/M beschränkte Autonomie in den von ihnen kontrollierten Regionen gewährt. Beide Gruppen haben die 1.000 km lange Ölpipeline, die sich von den Helig- und Unity-Ölfeldern bis Port Sudan erstreckt, angegriffen, um die Regierung in Khartoum unter Druck zu setzen und die eigene Position am Verhandlungstisch zu stärken. Ahmed Hassan, ein Sprecher der Umma Partei, machte ihre Position deutlich, als er sagte: "Ölexporte sind angreifbar und können nur durch ein Abkommen der Parteien geschützt werden."

Im vergangenen und in diesem Jahr nahm die Al-Bashir-Regierung erneut diplomatische Beziehungen zu Uganda, Äthiopien und Eritrea auf. Diese drei Länder hatten die Unterstützung der Vereinigten Staaten durch die "Initiative der Frontstaaten", deren Arbeit in der Destabilisierung des islamischen Regimes in Khartoum und der Rückendeckung für die SPLA/M bestand. Die Beziehungen zu Ägypten haben sich auch verbessert, Al-Bashi traf dort im April mit dem ägyptischen Außenminister zusammen. Die zwei Länder hatten ihre diplomatischen Beziehungen 1995 abgebrochen, als Ägypten den Sudan beschuldigte, in den gescheiterten Mordanschlag auf Präsident Mubarak verwickelt gewesen zu sein. Die NDA und SPLA/M unterhalten beide Büros in Ägypten, und Ägypten ist der Hauptunterstützer der Umma Partei.

Die Regierung in Khartoum hat ebenfalls ihre diplomatischen Beziehungen zu den Golfstaaten verbessert, die aufgrund der sudanesischen Unterstützung für den Irak im Golfkrieg den Kontakt abgebrochen hatten. Kürzlich ist ein Handel mit den Vereinigten Arabischen Emiraten zustande gekommen, der letzteren das Schürfen nach Gold und Kupfer in der mineralienreichen Region Darfur erlaubt.

Die Wurzeln des Konflikts im Sudan reichen zurück in die Zeit der britischen Kolonialherrschaft über die Region (1899-1956). London unterzeichnete 1899 eine Vereinbarung mit Ägypten, nach der Ägypten die Herrschaft über den Sudan zugesprochen, das Land allerdings als britische Kolonie verwaltet wurde. Die Briten sorgten mit ihrer Politik bewusst dafür, dass der Norden und Süden des Sudans geteilt blieben. Sie führten im vorwiegend christlichen Süden eine Politik der "geschlossenen Türen" durch, um die Ausbreitung des Islams zu verhindern, denn der Islam wurde als Kraft angesehen, die die unterschiedlichen Völker möglicherweise vereinigen könnte.

Die Machenschaften der Briten führten zu einer ökonomischen Entwicklung des Nordens und Ostens des Landes, aber der Süden blieb isoliert und wirtschaftlich unterentwickelt. Großbritannien hoffte zu diesem Zeitpunkt, den südlichen Sudan in das zu integrieren, was damals Britisch-Ostafrika war und heute Uganda, Tansania und Kenia ist.

Der Sudan wurde 1956 unabhängig, aber die ökonomischen, religiösen und kulturellen Trennlinien, die auf den britischen Kolonialismus zurückgehen, hatten schon ein Jahr zuvor einen Bürgerkrieg entfacht, der bis 1972 anhielt. 1983 begann ein zweiter Bürgerkrieg auf den gleichen Grundlagen und kostete 1,5 Millionen Menschen das Leben.

Die Berichte von Amnesty International und dem Observer zeigen, dass das zunehmende Gerangel um Öl im Sudan am wenigsten eine Grundlage für die Lösung dieses Konflikts bietet, sondern die Menschen in diesem verwüsteten Land mit noch brutalerer Unterdrückung bedroht.