1. Türkische Filmfestspiele in Frankfurt/Main

Zeichen der Hoffnung - und viele Fragen

Teil 1

Von Justus Leicht
11. Mai 2000

Vom 27. bis-30. April fanden in Frankfurt die Ersten Türkischen Filmtage statt, bei denen acht Filme neueren Datums gezeigt wurden. Alle setzten sich - mehr oder weniger direkt, in unterschiedlichen Formen und mit unterschiedlichem Erfolg - mit den vielfältigen sozialen und politischen Problemen der Türkei auseinander. Auch wenn man kein Experte auf dem Gebiet des türkischen Kinos ist, drängt sich der Gedanke auf, dass sich in dem Land unter der Bleidecke von politischer Repression, Nationalismus und Religion ein Gärungsprozess kritischen Denkens entwickelt. Zunehmend scheint es Künstler und Intellektuelle zu geben, die versuchen, die traumatischen Erfahrungen der Gesellschaft aufzuarbeiten und nach einem Ausweg aus der Krise der Türkei zu suchen.

"Wo die Rose verwelkt"

Das Festival wurde eröffnet mit "Wo die Rose verwelkt" (1999) von Ismail Günes. Die Rahmenhandlung ist eine Zugfahrt. Zwei Männer unterschiedlichen Alters sitzen im selben Abteil. Der jüngere schläft die meiste Zeit und spricht im Traum von seinen früheren Erlebnissen. Als Student verliebte er sich in ein junges Mädchen und heiratete sie. Beim Militärputsch 1980 wird er verhaftet, eingesperrt und verhört.

Die Rückblenden, in denen er von sadistischen Folterknechten auf alle erdenklichen Weisen gequält und erniedrigt wird, machen einen großen Teil des Films aus. Sein Geschichtslehrer landet in seiner Zelle. Auch er wird gefoltert. Der junge Mann erinnert den Lehrer, wie er ihn in der Schule geschlagen hat, dann reden die beiden darüber, wie die Gewalt sich seit der Frühzeit des Osmanischen Reiches durch die gesamte türkische Gesellschaft gezogen hat. Die Frau des jungen Mannes wird in die Haftanstalt geholt. Während sie sich "aus Sicherheitsgründen" umziehen muss, schauen die Polizisten mit ihm durch einen Einwegspiegel zu und machen obszöne Gesten und Äußerungen. Als er anschließend zu seiner Frau gelassen wird, steht sie in der Polizeiuniform seiner Peiniger vor ihm. Er bringt kein Wort heraus. Irgendwann wird er schließlich aus dem Gefängnis entlassen.

In der Gegenwart, im Zug, wird der ältere Mann immer trauriger. Der Jüngere erinnert ihn an seinen während des Putsches gefolterten und ermordeten Sohn. Die anderen Fahrgäste sind: Zwei Gefangene, die von je zwei Soldaten bewacht werden. Der eine versucht erfolglos zu fliehen, der andere findet sich mit seinem Schicksal ab, lacht und scherzt mit den beiden Soldaten. Eine Mutter, die mit ihren kleinen Kindern schimpft. Der Schaffner, der über "all die verfluchten Landesverräter" schimpft und über die "Schwarzfahrer, diese Staatsfeinde, die man allesamt aufhängen sollte". Und einer, der sich ständig über die Rückständigkeit der Türkei auslässt und wie viel besser doch die Polizei, die Eisenbahn und überhaupt alles in Deutschland sei.

Auf einem Bahnhof verlassen der jüngere und ältere Mann den Zug. Der jüngere bittet, seiner Frau, die an der Endstation wartet, einen Brief von ihm zu übergeben, in den er ein Rosenblatt gelegt hat, und seinen Ehering. Der Ältere verspricht es ihm. Er besucht den Geschichtslehrer und unterhält sich mit ihm. Als er die Frau am Endbahnhof trifft, bringt er es nicht übers Herz, ihr Brief und Ring zu geben. Statt dessen nimmt er sie zur Wohnung des jungen Mannes mit und versucht diesen zu bewegen, doch zu ihr zurückzukommen. Doch er weigert sich. "Es geht nicht. Sie [die Polizisten] haben alles vernichtet." In der Schlussszene geht die junge Frau geht traurig weg, während gerade wieder irgend ein Gefangener von zwei Soldaten abgeführt wird.

Der Film ist außerordentlich bedrückend, ja deprimierend. Nirgendwo scheint es einen Schimmer Hoffnung, einen Funken Menschlichkeit zu geben. Schon zuhause wird der junge Mann immer verprügelt. Als sein Großvater sich einmal einmischt, entgegnet diesem der Vater: "Du schlägst mich doch heute noch." Der ältere Mann im Zug stellt sich als Staatsanwalt heraus. Er gibt im Gespräch mit dem Geschichtslehrer zu, dass für ihn Folter eigentlich immer etwas völlig normales gewesen sei, bis sie seinen eigenen Sohn traf. Der Lehrer sagt, das schlimmste in seiner Haft sei nicht die eigene Folterung gewesen, sondern die Schreie der anderen. "Ich dachte, die ganze Welt müsste sie hören. Aber niemand hörte sie." Auch für ihn ist die Folter eigentlich nichts verwerfliches. "Ich habe versucht, meine Folterer zu verabscheuen. Aber ich konnte es einfach nicht."

Der Film stellt in aller Schonungslosigkeit die unmenschliche Unterdrückung während der Militärdiktatur dar. Er macht auch deutlich, dass ihre traumatischen Nachwirkungen bis heute wie ein schwerer Alptraum auf der Türkei lasten und der Militärstiefel immer noch auf dem Nacken der Bevölkerung sitzt.

Offenbar scheint er dies jedoch als unabänderlich hinzunehmen. Die staatliche Brutalität scheint allmächtig zu sein und jeden Menschen nach Belieben unterwerfen, physisch auslöschen oder zumindest seelisch zerbrechen zu können. Schlimmer noch, der Film scheint davon auszugehen, dass sie allgemein akzeptiert wird und sozusagen der Türkei seit Jahrhunderten "im Blut liegt".

Die Kernaussage ist damit ähnlich wie die von Daniel Goldhagens "Hitlers willige Vollstrecker", der davon ausgeht, dass die Nazis aufgrund eines allgemeinen deutschen Antisemitismus gesiegt hätten. Auch für die Türkei stimmt eine solche vereinfachte Vorstellung nicht. Während der Film, soweit er überhaupt auf die Gründe für den Putsch Bezug nimmt, andeutungsweise die offizielle Rechtfertigung übernimmt, der Putsch habe sich nur gegen studentische radikale Gruppen gerichtet, war er in Wirklichkeit die Antwort auf eine gewaltige linke Massenbewegung in der Türkei, die seit Ende der sechziger Jahre stetig anwuchs und weite Teile der Arbeiter, Studenten, Intellektuellen, Bauern und selbst Soldaten erfasste. Nur dank der politischen Verwirrung und Desorientierung durch die verschiedenen Spielarten des Stalinismus und Maoismus konnte der Staat die Bevölkerung erst mit faschistischen und islamistischen Schlägerbanden terrorisieren und schließlich die Militärherrschaft durchsetzen. "Wo die Rose verwelkt" rührt zwar, das muss man ihm zugute halten, ein bis heute nicht verarbeitetes Trauma der Türkei an. Er leidet aber selbst wohl zu sehr unter dem Eindruck dieses Traumas und ist nicht in der Lage, etwas zu seiner Aufarbeitung beizutragen.

"Reise zur Sonne"

Mehr in der Gegenwart angesiedelt ist "Reise zur Sonne" (1999), der bereits auf dem wsws vorgestellt worden ist (http://www.wsws.org/de/1999/mar1999/berl-m10.shtml). Der Streifen des Regisseurs Yesim Ustaoglu behandelt die Freundschaft des jungen türkischen Arbeiters Mehmet mit dem kurdischen Straßenhändler und politischen Aktivisten Berzan. Die beiden lernen sich in Istanbul kennen, als sie vor nationalistischen Fußballfans flüchten müssen.

Mehmet wird später bei einer Polizeikontrolle festgenommen, weil er als "kurdischer Terrorist" verdächtigt wird. Er wird tagelang eingesperrt, verhört, gefoltert, verliert Arbeit und Wohnung. Berzan hilft ihm, besorgt ihm Jobs und Unterkunft. Berzan wird später bei einer Demonstration von der Polizei getötet. Mehmet schafft es, die Leiche seines Freundes zu bekommen und macht sich mit Auto und Zug auf seine "Reise zur Sonne", um den Sarg in Berzans Heimatdorf an der irakischen Grenze zu bringen. Mehmet, der wegen seiner dunklen Haut oft selbst fälschlicherweise für einen Kurden gehalten wird, gehen während seiner Reise zunehmend die Augen über die Unterdrückung der Kurden auf. Gegen Ende gibt er sich sogar selbst für einen Kurden aus.

Ein "Happy End" gibt es jedoch nicht. Der Film ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen drehte ihn die türkische Regisseurin zu einer Zeit, als die staatlich geschürte Hysterie und Repression gegen die Kurden in der Türkei auf einem neuen Höhepunkt war. Dementsprechend wurde er paradoxerweise zwar von der Kritik in den türkischen Medien hochgelobt (allerdings erwähnten sie dabei hauptsächlich seine hohe künstlerische Qualität), hatte aber gleichzeitig enorme Schwierigkeiten einen Verleih zu finden.

Zum anderen erscheint die einfühlsame und realistische Darstellung der Bevölkerung und ihrer sozialen Situation außerordentlich gelungen. In seiner Grundhaltung hebt sich der Film deutlich - und zwar positiv - von "Wo die Rose verwelkt" ab. Er prangert nicht weniger scharf die politische Unterdrückung an. Außerdem zeigt er auch die schwierige Situation der Arbeiterklasse und die enorme Armut in dem Land auf. Aber die Menschen verlieren ihre Hoffnung nicht und bleiben menschlich trotz aller sozialen und politischen Unmenschlichkeit. Und sie sind fähig, dazuzulernen, ihre Ansichten zu ändern und zu kämpfen.

"Die Kleinstadt", "Bedrängnis im Mai" und "Die dritte Seite"

"Kasaba (Die Kleinstadt, 1997)" und "Bedrängnis im Mai" (1999), beide gedreht von Nuri Bilge Ceylan, sind sehr ruhige, nachdenkliche Filme mit schönen, unspektakulären Aufnahmen, aber nicht beschaulich.

"Kasaba", ganz in schwarzweiß gedreht, handelt vom Leben einer türkischen Familie auf dem Land, aus der Perspektive der beiden kleinen Kinder, einem Jungen und seiner älteren Schwester. Sie lernen ihre Umwelt kennen, durchstreifen den Wald, setzen sich mit der Pflanzen- und Tierwelt auseinander. Als die Erwachsenen abends am Feuer sitzen und sich unterhalten, sind sie auch dabei. Die Welt der Alten ist ihnen jedoch eher fremd und unverständlich.

Der Großvater klagt darüber, wie teuer alles geworden sei, wie unhöflich und egoistisch die Menschen. Er erzählt, nach der Reaktion der anderen zum x-ten Male, von seiner Zeit im Krieg, seiner Gefangenschaft bei den Briten, der bitteren Not und dem Hunger, den er gelitten hat. Seine beiden Söhne machen sich gegenseitig Vorwürfe. Der eine hat all seine Kraft darangesetzt, der Kleinstadt zu entkommen. Um studieren, in die USA gehen und Ingenieur werden zu können, hat er alle menschlichen Beziehungen vernachlässigt. Am Ende ist er zurück gekommen und hat einen Bewässerungskanal für seine Felder gebaut, der aber kein Wasser führt. Alles, was ihm geblieben ist, ist seine klassische Bildung. Ausführlich ergeht er sich über antike Feldherren und Schlachten.

Der andere ist unzufrieden mit sich und der Welt um ihn herum. Die Familie hat ihm alle möglichen Jobs besorgt, die er aber entweder wieder verloren oder aufgegeben hat. Er verachtet die Kleinstadt, kann sich aber dennoch nicht von ihr trennen. Er ist verbittert und einsam. Die Frau bemüht sich ohne viel Erfolg, die Familie zu versöhnen und die gegenseitigen Vorwürfe zu schlichten. Am Schluss wieder die Kinder, neugierig, suchend, Erfahrungen sammelnd. Sie erscheinen als Hoffnung.

Der Film vermittelt ein unspektakuläres, aber einfühlsames und warmes Bild von den Menschen in der Türkei, ihren Problemen wie ihren Sehnsüchten. Mehr zwischen den Zeilen, vor allem aus den Gesprächen der Erwachsenen, erhält man auch einen Eindruck davon, welche Schwierigkeiten die rasch fortschreitende Industrialisierung, Verstädterung und Integration der Türkei in die moderne Welt in den letzten Jahrzehnten für die Bevölkerung mit sich gebracht hat.

"Bedrängnis im Mai" (1999) hat gewisse Ähnlichkeiten mit "Kleinstadt". Muzaffer, ein erfolgloser Filmemacher, kehrt in sein Heimatstädtchen zurück. Er will einen Film drehen, aber mangels Budget seine Verwandten und Freunde dafür einspannen (worum es darin eigentlich gehen soll, wird nicht ganz klar, offenbar hat es etwas mit dem türkischen Befreiungskrieg 1919-22 zu tun).

Seine Eltern haben freilich andere Sorgen. Der alte Vater kämpft um darum, ein Stück Wald auf seinem Grundstück vor dem Zugriff des Staates zu retten. Muzaffer zeigt einige Amateuraufnahmen, die er früher mit der Videokamera von seinen Eltern gemacht hat. Die liebevoll gedrehten Videos zeigen zwei warmherzige, stolze, aber gutmütige Menschen, die ihr Leben mit harter Arbeit zugebracht haben. Schließlich willigen die beiden ein.

Außerdem gewinnt Muzaffer Saffet für sein Projekt einen jungen Mann, der sich schon mehrmals erfolglos um Aufnahme in die Universität bemüht und gerade einen harten und schmutzigen, aber immerhin einen Job in einer Fabrik bekommen hat. Er gibt den Job auf Muzaffers Versprechungen hin auf, ihm Arbeit in der Metropole Istanbul zu besorgen. Mit den Dreharbeiten, die erst auswärts, dann im Wald des Vaters stattfinden, will es nicht so recht klappen. Saffet sagt dem alten Mann den Text vor, dieser spricht ihn nach, aber es läuft alles nicht nach Muzaffers Zufriedenheit. Abends am Feuer muss Saffet erfahren, dass die in Aussicht gestellte zukünftige Arbeit in Istanbul nur eine leere Versprechung war. Als es mit dem Dreh dann endlich besser klappt, entdeckt der alte Mann, dass während seiner Abwesenheit für Dreharbeiten die Forstbehörden sämtliche seiner Bäume markiert haben.

Der Film ist lang, manchmal auch etwas langatmig. Er beleuchtet das schwere Leben der Menschen auf dem Land, einfühlsam, aber zumeist ohne Sentimentalität. Der Staat kommt nur als drohender Schatten im Hintergrund vor, vor dem man nie sicher ist. Der Film scheint sich an der Figur von Muzaffer auch mit dem Filmemachen selbst auseinander zusetzen: Als er mit echter Hingabe an die Aufgabe heranging, kam ein schönes Video, fast ein Kunstwerk zustande. Als er einfach nur schnell und billig irgend einen Film machen und dafür alle anderen ausnutzen will, führt dies lediglich zu Unglück und Frustration.

Auch "Die dritte Seite" (1999) von Zeki Demirkubuz hat mit dem Filmemachen zu tun, allerdings mehr am Rande. Der Gelegenheitsarbeiter Isa jobbt als kleiner Nebendarsteller in Seifenopern. Sein Studioboss, halb Mafiosi, halb Yuppie, verdächtigt ihn, 50 Dollar gestohlen zu haben, schlägt ihn furchtbar zusammen und gibt ihm einen Tag Zeit, das Geld zu besorgen. Für Isa, der mit seiner Miete vier Monate im Rückstand ist, eine unmögliche Aufgabe. Als ihm, kaum in der Wohnung, sein Vermieter gegenübersteht und seine Miete einfordert, dreht Isa durch und erschießt ihn. Seine Nachbarin von der Wohnung gegenüber hilft ihm, beschützt ihn dann auch vor den Schlägern des Studiobosses, worauf Isa sich prompt in sie verliebt und ihr schwört, er würde "alles für sie tun". Später bittet sie ihn, ihren Mann umzubringen, der sie verprügelt und vergewaltigt. Am Schluss des Films, als der Ehemann tot ist, merkt Isa, wie er von allen belogen und manipuliert wurde. Aber ob die Frau dadurch nicht nur ihrer Armut und Ehehölle entkommen, sondern auch wirklich glücklich geworden ist, erscheint mehr als zweifelhaft. Einziger "Gewinner" scheint die "dritte Seite" zu sein (wer das ist, soll hier nicht verraten werden).

In Form eines spannenden Krimis gemacht, gibt der Film einige gesellschaftliche Einblicke. Da ist der Miethai und der Studioboss. Da sind die armen Schlucker, die sich keine großen Träume erlauben und tagtäglich damit beschäftigt sind, sich irgendwie durchzuschlagen. Da ist die Hausfrau mit Kopftuch, die für ihren Mann putzen, kochen die Kinder versorgen und noch nebenher arbeiten gehen muss, während er das Geld in der Kneipe verzockt und sie misshandelt. Sie alle müssen in einer offensichtlich erbarmungslosen Gesellschaft zurechtkommen, in deren Gesetzen für echte Gefühle und Menschlichkeit kein Raum vorgesehen ist. Nebenbei verteilt "Die dritte Seite", die selbst nicht ganz von Klischees frei ist, noch ein paar Seitenhiebe auf die Seifenopern im Fernsehen, die in der Türkei offenbar ebenso schlecht sind wie in allen anderen Ländern auch.

Siehe auch:
1. Türkische Filmfestspiele in Frankfurt/Main - Teil 2
(12. Mai 2000)