Die Sehnsucht nach dem Wahren

Oskar Roehlers Film "Die Unberührbare" - Eine Besprechung

Von Bernd Reinhardt
20. Mai 2000

Der Regisseur Oskar Roehler hat mit seinem Film Die Unberührbare einen für die heutige Zeit ungewöhnlich ernsten und sehenswerten Film gedreht. "Andere Regisseure", erklärte er in einem Interview, "machen eben in der Heinz-Rühmann-Tradition deutsche Nachkriegswirtschaftswunderhumorfilme, ich wollte eine andere Tradition fortsetzen". Ihn hätten seit frühester Jugend Filme wie Händler der vier Jahreszeiten oder Angst essen Seele auf von Rainer Werner Fassbinder beeindruckt. "Ich war 12, 13 Jahre alt und bin danach in den Park gegangen und habe über diese Filme nachgedacht." Die Unberührbare wird diesem Anspruch ebenfalls gerecht.

Roehlers Schwarzweißfilm gewährt Einblick in den persönlichen Zusammenbruch einer westdeutschen Schriftstellerin, die seit den 60er Jahren als radikale Linke galt und mit dem Ende der DDR die letzte Hoffnung auf eine menschlichere Gesellschaft jenseits des Kapitalismus verloren hat. Bei der Figur der Hanna Flanders orientierte sich der Regisseur am Leben und Tod seiner Mutter, der Schriftstellerin Gisela Elsner, die mit ihrem erfolgreichen Erstlingsroman Riesenzwerge 1964 den Nerv der Zeit traf, in die stalinistische DKP eintrat und, als Radikalität aus der Mode kam, von den westdeutschen Verlagen zunehmend ignoriert wurde. Ihr Vater saß im Vorstand von Siemens, und sie selbst war eine mondäne Erscheinung, die, billigen Massenkonsum verabscheuend, einen auserlesenen, teuren Geschmack pflegte. Schließlich nur noch in der DDR verlegt, alkohol- und tablettenabhängig, beging sie 1992 Selbstmord.

Als die Mauer fällt, sitzt Hanna Flanders, völlig aufgelöst in ihrer Münchener Wohnung. Der Fernseher zeigt den Jubel der DDR-Bevölkerung, die sich Wunderkerzen schwenkend mit den Westberlinern verbrüdert. Mit flatternden Händen hält die Schriftstellerin Zigaretten und Telefonhörer, spricht erregt von "Verrat" und "Ich bring mich jetzt um". Sie ist fassungslos und versteht nicht, warum die Bevölkerung den Fall der Mauer feiert, um sich begeistert in die Arme des Kapitalismus zu stürzen. Für sie war die DDR immer eine "heile Welt", ein Land, das ihre gesellschaftskritischen Bücher druckte, wo andere Werte zu zählen schienen, als Konsum und Markt. "Jetzt frisst die Konsumgesellschaft uns alle auf", stellt sie hart gegenüber einer Journalistin fest, wobei neben ihrer Empörung auch naives Staunen, über das Verhalten der DDR-Bevölkerung hörbar wird. "Die kämpfen nicht im Sinne Lenins für die Wahrheit, sondern für ‚Mon Chéri."

Ihr nun folgender spontaner Umzug nach Ostberlin scheitert, das ganze Geld geht dabei drauf. Doch zurück in die alte Wohnung nach München kann sie auch nicht mehr, weil diese nun unbezahlbar geworden ist. Hanna hat plötzlich kein zu Hause mehr. Diese äußere Situation entspricht ihrem inneren Zustand. Von den für sie völlig unvorbereitet auftretenden politischen Veränderungen überrascht wird sie zum Strandgut, das von den entfesselten Kräften herum geschleudert werden kann. Obwohl Hanna sich wehrt, besitzt sie auf der einen Seite nicht die notwendige Widerstandskraft, auf der anderen nicht die nötige Anpassungsfähigkeit, um wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Die Quellen einstiger Kraft sind versiegt, nichts kann ihr mehr Halt geben.

Zunächst sucht Hanna ihren schriftstellernden Sohn Viktor in Westberlin auf, dem ihr Erscheinen sichtlich unangenehm ist. Früher war er auf Droge und hatte auch der Mutter ab und zu Speed besorgt. Nun läuft er wie aufgescheucht den ganzen Tag im Osten herum und findet ihn "geil". Seine Freundin ist gerade joggen, um ihre Aggressionen abzureagieren, wie er fahrig und nervös erklärt, denn seit dem Fall der Mauer rauchen beide nicht mehr.

Im Ostberliner Verlag "Volk und Welt", der ihre Bücher bisher herausgab, herrscht schon seit Tagen Ausnahmezustand. Mit viel Alkohol versucht man sich den neuen Tatsachen zu nähern. Die "verwöhnte Kuh aus dem Westen" hätte die politischen Verhältnisse der DDR nie verstanden und bloß an die DDR geglaubt, weil die als einzige ihre Bücher verlegt hätte, bekommt Hanna plötzlich von einem Mitarbeiter zu hören, als sie auf der merkwürdigen Party im Verlag auftaucht. "Die Zeiten haben sich dramatisch geändert", versichert ihr auch der ehemalige Mentor Joachim mit freundlicher Selbstverständlichkeit. Vor nicht allzu langer Zeit hatte er noch erklärt, dass, wenn sie in den Osten käme, er ihr zu jeder Zeit eine Wohnung besorgen würde.

Während die ehemaligen "politischen Freunde" durchblicken lassen, dass sie als Westdeutsche, die inneren Belange der DDR und den neuen Kurs auf die Marktwirtschaft nicht zu kritisieren habe, erlebt Hanna bei der einfachen Bevölkerung etwas ganz anderes: "Endlich sind wir wieder vereint". Als ein angetrunkener Geschichtslehrer sie beleidigt, steht man ihr bei. Dem Regisseur gelingt es, die in der Bevölkerung vorherrschende Stimmung, die voll von Wärme und Herzlichkeit ist, die überschwängliche Freude, das Bedürfnis allen Menschen diese Freude mitzuteilen und sie daran teilhaben zu lassen, sehr treffend einzufangen. Ein ehemals gefeuerter Kulturjournalist äußert begeistert und bewegt, er hätte es nie für möglich gehalten, dass es in der DDR so etwas geben könnte, "diesen Drang nach Freiheit", während seine junge Frau ergänzt: "Die Wahrheit ist aus uns herausgebrochen".

Hannas bisherige naive Haltung gegenüber dem DDR-Regime entspricht dem nun allgegenwärtigen, blauäugigen Optimismus mit dem die DDR-Bevölkerung in die kapitalistische Zukunft blickt. Als Hanna einer Großfamilie aus Thüringen am Tisch erklärt, dass sie selbst unter den Verhältnissen im Westen gelitten hätte, blickt sie in ungläubige, verständnislose Gesichter. Auf ihre kritische Frage, ob der derzeitige Rausch ewig anhalten wird, lautet die Antwort mit entwaffnender Unbekümmertheit: "Es wird schon".

Sie will nicht im Osten bleiben. "Das sind doch ganz andere Menschen. Was hab ich denn mit denen zu tun. Ich hab doch da überhaupt keine Chance." Sie ist verunsichert und hilflos. Alles scheint plötzlich auf den Kopf gestellt. "Ich kenn mich nicht mehr aus."

Sie flüchtet zu den reichen, in einer Villa lebenden Eltern im Westen, um sich Geld zu leihen und erhält, im Gegenteil zu sonst, auch hier eine Abfuhr. "Nimmst du immer noch soviel Tabletten", fragt die Mutter barsch und droht damit, die nächste Entziehungskur nicht mehr zu bezahlen. Hanna solle sich endlich krankenversichern, denn man habe es satt, immer diese "astronomischen Summen" zu bezahlen. Durch den Fall der Mauer haben die Eltern, die schon immer die politischen Ansichten der Tochter ablehnten, eine Bestätigung ihrer eigenen gefunden. Die Tochter, inzwischen um die 50, soll endlich erwachsen werden. "Wir wollten dich anrufen, um zu sehen, ob bei dir der Groschen gefallen ist."

Hanna verlässt das Elternhaus Hals über Kopf. Als sie zufällig auf dem Bahnhof ihrem Ex-Mann, Viktors Vater begegnet, fährt sie mit ihm nach Darmstadt. Dieser versucht die Gegenwart zu ignorieren und lebt völlig in der Vergangenheit, in einer altern, abgestandenen Welt. Nur für einen kurzen Augenblick fühlt sich Hanna in eine gemeinsam verbrachte Zeit zurückversetzt. Je mehr Schnaps sie miteinander trinken, desto offener zeigt sich die Leere zwischen ihnen und eine innere Müdigkeit. Bruno ist verbittert über den Verlauf der letzten Jahrzehnte in seinem Leben. Er liebt Hanna noch immer und hat nicht aufgehört zu trauern über den Tod der "Mädchen" von der RAF. Bruno ist alt geworden, wirkt krank und ist aufgeschwemmt vom vielen Alkohol.

Der Regisseur hat mit seinem Film ein sehr sensibles psychologisches Porträt geschaffen. Die Schauspielerin Hannelore Elsner (nicht verwandt mit Gisela Elsner) versteht es hervorragend, die verschiedenen Nuancen der Hanna Flanders für den Zuschauer sichtbar werden zu lassen. Sie erklärte, es hätte viel von ihr selbst in der Figur gesteckt. Ohne lehrstückhaft-pädagogisch zu wirken drückt sich in Hanna die ernüchternde Bilanz einer ganzen Schicht von Künstlern und Intellektuellen aus, die sich in den 60er Jahren spontan und voller Begeisterung von der damaligen Massenbewegung mitreißen ließen.

Oft wurden dabei in konfuser Weise die verschiedensten Ideologien aufgegriffen, wenn sie sich nur verbal radikal gegen das Establishment und gegen die wieder zu Amt und Würden gekommenen ehemaligen Nazis in der BRD richteten. Nicht wenige der damaligen jungen Studenten und Künstler stammten wie Hanne aus wohlhabenden Verhältnissen, nicht wenige Töchter aus kirchlichen Kreisen tauschten vorübergehend ihren Glauben an Gott gegen den Glauben an Stalin und Mao Tse-tung, wie die heutige Vizepräsidentin des Bundestages Antje Vollmer. Andere huldigten dem bewaffneten Kampf, wurden Terroristen.

Hanna hat, wie sie alle, "einen Traum verloren". Doch kehrt sie am Ende nicht, wie so viele andere, reumütig in die Arme der Gesellschaft zurück, um sich der persönlichen Kariere zu widmen. Sie zählt sich eher zu denen, die, wie sie selbst sagt, im Alter am Straßenrand stehen und Blumen verkaufen. Sie sieht einen "schmarotzerischen Pöbel der sich hier breit macht" und die Wolken einer düsteren Zukunft heraufziehen, wo "die Verunstaltung zum Gebet wird". Der Freitod ist die letzte Schlussfolgerung einer erschöpften, starken Persönlichkeit, die sich selbst treu bleibt, ihrer, wie die Hauptdarstellerin erklärte, "Sehnsucht nach dem Wahren".