Eine Viertelmillion Menschen demonstrieren für die australischen Aborigines

Aber zu wessen Gunsten findet die "Versöhnung" statt?

Von Linda Tenenbaum
8. Juni 2000

Mehr als eine Viertelmillion Menschen nahmen am Sonntag vergangener Woche am "Marsch für die Versöhnung mit den Aborigines" über Sydneys berühmtes Wahrzeichen, die Harbour Bridge, teil. Über fünfeinhalb Stunden lang strömte ein Zug von Menschen über die Brücke, die den Norden von Sydney mit dem südlichen Ende der Stadt verbindet.

Die Demonstration folgte der Konferenz und Feierlichkeit "Corroboree 2000", die am Samstag zuvor stattgefunden hatte. Auf ihr überreichte der Rat für Versöhnung mit den Aborigines (CAR) ein Dokument "Zur Versöhnung" an Premierminister John Howard (Liberale) und an Regierungsvertreter auf staatlicher, bundesstaatlicher und kommunaler Ebene, an Kirchenvertreter und andere Würdenträger vor der Oper von Sydney. Mehrere tausend Menschen wohnten der Zeremonie als Zuschauer bei.

Der CAR wurde 1991 von der Labor-Regierung unter Hawke gegründet; die Regierung folgte damit einer Empfehlung der königlichen Kommission, die den Tod von Schwarzen in Haftanstalten untersuchte. Mitglieder des CARs sind Politiker, darunter der ehemalige Premierminister Malcolm Fraser (Liberale), Medien- und Wirtschaftsvertreter, Gewerkschaftsbürokraten und Führer der Aborigines. Sein angeblicher Auftrag ist, das Problem der "Rassentrennung" des Landes zu lösen.

Am "Nationalen Entschuldigungstag" am Freitag marschierten Tausende durch die Großstädte und forderten eine offizielle Entschuldigung der Regierung bei den australischen Aborigines für die Verbrechen, die seit der Besiedlung durch Großbritannien am Ende des 18. Jahrhunderts an den Ureinwohnern Australiens begangen worden sind.

Zusammengenommen wurden die drei Tage als Höhepunkt eines neunjährigen Prozesses der "Aussöhnung" zwischen der eingeborenen und zugewanderten Bevölkerung des Landes angekündigt. Vorgeblich waren sie dazu gedacht, die Anerkennung vergangener Ungerechtigkeiten, die Rechte der Aborigines und den Beginn einer neuen Beziehung zwischen "Schwarz und Weiß" anzuzeigen.

Die Demonstration wurde angeführt vom CAR und Mitgliedern der "gestohlenen Generation" - jenen Zehntausenden Aborigines, die im Zuge der "Assimilierungspolitik" verschiedener australischer Regierungen bis in die 60-er Jahre gewaltsam von ihren Familien getrennt worden waren. Die Hauptsorge der Organisatoren war, das Wort "Entschuldigung" aus dem Premierminister Howard herauszupressen, was dieser stur verweigert. Während Howard durch Abwesenheit glänzte, marschierten Mitglieder seiner Regierung, die die Existenz der gestohlenen Generation leugnet und immer schlimmere Bedingungen für die heutigen Aborigines durchsetzt, dicht hinter den Organisatoren der Demonstration.

Politiker verschiedenster Parteien (Liberale, Labor, Nationale, Demokraten, Grüne) mischten sich im Demonstrationszug, ebenso Richter, ehemalige Premierminister, Kirchenführer, Firmenvorstände und diverse Berühmtheiten.

Der gewaltige Zug - die größte politische Demonstration in der Geschichte Australiens - war, von Seiten der normalen Bevölkerung, Ausdruck des weitverbreiteten und absolut berechtigten Gefühls der Schande angesichts der mörderischen Politik, die in den vergangenen 200 Jahren an den Aborigines verübt wurde. Es wurde auch Entrüstung gezeigt über die ärmlichen Lebensbedingungen und Diskriminierung, unter denen die Mehrheit der Aborigines weiterhin litt und leidet - auch unter den Regierungen von Labor und Liberalen.

Unter den Teilnehmern fanden sich viele Angehörige der Mittelklasse, Akademiker, Arbeiterfamilien mit Kindern auf den Schultern, viele Studenten und junge Menschen, Einwanderer aus aller Welt, insbesondere aus Asien, und Gruppen von Aborigines aus dem ganzen Land. Die meisten Menschen schlenderten mit ihrer Familie und Freunden über die Brücke, nicht als Teil einer bestimmten Gruppierung. Einige marschierten hinter den Bannern von Regierungsstellen, kulturellen Institutionen, Schulen, Universitäten, Vereinen und politischen Parteien.

Das dominierende Gefühl auf der Veranstaltung war, dass die normale Bevölkerung sich zugunsten der Aborigines einsetzen muss. Zweifellos glauben viele Australier, nicht nur die Demonstrationsteilnehmer, dass durch den sogenannte "Versöhnungsprozess" der Vergangenheit endlich entgegengetreten wird und ihre Wunden zu heilen beginnen. Nur dann würde sich das Los der Aborigines - auf bislang ungeklärtem Wege - bessern.

"Versöhnung" selbst ist zu einer Phrase geworden, die alles umfasst, unter die alle möglichen unklaren Empfindungen fallen, die unterschiedlichen Leuten etwas unterschiedliches bedeutet. Es kann sich praktisch jeder damit anfreunden.

Demonstranten, die vom WSWS nach der Bedeutung befragt wurden, äußerten sich eher vage: ein Akt der individuellen Reue, ein persönlicher Entschluss die Dinge zum Besseren zu verändern, soziale Gleichheit, harmonisches Zusammenleben der Rassen, Frieden, Gleichheit, Liebe. Aber sie hatten keine Vorstellung, wie irgend etwas davon zu erreichen sei und zeigten wenig Vertrauen in Politiker und das politische Establishment als Ganzes.

Niemand von unseren Interviewpartnern hatte darüber nachgedacht, wie das offizielle Vorhaben hinter dem "Versöhnungsprozess" aussehen könnte, und warum dieses so vehement von den Medien unterstützt und vorangetrieben wird. Die Zeitung Sun Herald beispielsweise brachte am Morgen des Demonstrationstages die Schlagzeile: "Stimmt mit euren Füßen ab" und geißelte Howard dafür, dass er am Tag zuvor nicht "Entschuldigung" gesagt hatte. Die nationale Rundfunkanstalt ABC strahlte beinahe ununterbrochen Berichte über die dreitägige Veranstaltung im Radio und Fernsehen aus. Die Zeitung Australian des Medienmagnaten Murdoch trompetete am darauffolgenden Morgen, dass die Demonstranten am Sonntag die "Abbitte des Volkes" geleistet hätten, ungeachtet seines Premierministers.

Ein augenscheinlicher Widerspruch

Ein augenscheinlicher Widerspruch. Auf der einen Seite demonstrierten Zehntausende aus tiefer Sorge um soziale Gerechtigkeit und Gleichheit. Auf der anderen Seite wurde die Veranstaltung in vollem Umfang unterstützt von denselben Politikern, Firmenchefs und Medienbaronen, die für die zunehmende soziale Ungleichheit verantwortlich sind.

Die Lösung findet sich in der politischen Zielsetzung hinter dem "Versöhnungsprozess", die sich aus den vom CAR vorgestellten Dokumenten ergibt.

Es ist nicht verwunderlich, dass diese Dokumente praktisch nicht an die Öffentlichkeit gelangt sind. Denn sie stellen den Versuch dar, die soziale und wirtschaftliche Ordnung, die zur Vernichtung eines Großteil der Aborigines geführt hat und für die fortwährende Unterdrückung der Überlebenden verantwortlich ist, zu unterstützen und zu verewigen.

Die Dokumente beginnen mit der Tatsache, dass Australien das einzige Commonwealth-Land und eines der wenigen in der Welt ist, das kein "Abkommen" mit seiner eingeborenen Bevölkerung geschlossen hat und ihr hierüber "Anerkennung" in der Verfassung gewährt.

Nationen, die dies getan haben, werden als Beispiele aufgeführt, denen es die australische Regierung gleichtun soll, darunter Kanada, die Vereinigten Staaten, Südafrika, Ecuador, Brasilien, Neuseeland und die skandinavischen Länder.

Wie sich die "Methoden der Konfliktlösung", "Entschuldigungen" und "Abkommen", die vom CAR gerühmt werden, tatsächlich auf das Leben der breiten Mehrheit unter der eingeborenen Bevölkerung dieser Länder auswirkten, wird nicht erwähnt. Und dies aus gutem Grund. In allen Fällen haben sie dazu gedient, eine winzige Schicht von wohlhabenden eingeborenen Unternehmern zu schaffen, die die Rückgabe ihres "Heimatlands" und die Entschädigungsgelder nicht dafür benutzt haben die Gesundheitsversorgung, soziale Lage und Bildung der eingeborenen Bevölkerung zu verbessern, sondern sich durch lukrative Investitionen und Spekulationsgeschäfte, insbesondere Glücksspiel, zu bereichern.

Neuseeland ist ein hervorragendes Beispiel. Während der 90-er Jahre zahlte die Regierung viele hundert Millionen Dollar in Form von Land und Entschädigungsgelder an Stammesführer der Maori. Maori-Geschäftskreise kontrollieren nun fünf Milliarden Dollar in Vermögenswerten, Immobilien nicht mitgerechnet. Von diesen sind drei Milliarden Dollar in der Landwirtschaft investiert, fast eine Milliarde in Geschäfts- und Handelsaktivitäten und der Rest in Forstwirtschaft und Fischerei.

Die Nutznießer - eine dünne Schicht von Wirtschaftsführern und Politikern - haben eine schöne Belohnung geerntet und schwelgen im Drum und Dran des geschäftlichen Erfolgs. Maoris der Arbeiterklasse haben auf der anderen Seite einen sozialen Abstieg erlebt. Die Arbeitslosigkeit unter ihnen liegt bei 18 Prozent und damit dreifach über dem Landesdurchschnitt, unter Jugendlichen liegt sie sogar bei 30 Prozent. Jeder andere soziale Indikator - wöchentliches Einkommen pro Haushalt, Bildungsniveau, Inhaftierungsrate, Anzahl der Krankenhausaufenthalte, der Selbstmorde unter Jugendlichen, der Geisteskrankheiten, der Fälle von Diabetes - zeigt eine Verschlechterung ihrer Situation über das vergangene Jahrzehnt.

Die Dokumente zur Versöhnung vom CAR entwerfen eine Reihe von Strategien für "die zu unternehmenden Schritte, um gemeinsam eine versöhnte Nation zu erreichen".

Die wichtigste unter ihnen ist die "ökonomische Befähigung", die, wie der CAR behauptet, zur "ökonomischen Unabhängigkeit und Selbstvertrauen" führen und "nicht durch Wohlfahrtsprogramme eintreten wird". Bezeichnenderweise passt diese "Strategie" haargenau zur rechten politischen Zielsetzung der Howard-Regierung und den Forderungen der australischen Wirtschaft, die Sozialausgaben drastisch zu kürzen und soziale Einrichtungen zu streichen.

Es gibt keinerlei Hinweis auf die Notwendigkeit von Arbeitsplätzen mit anständigen Löhnen, die dringendste Forderung von Aborigines, die in Städten oder auf dem Lande arbeiten. In ländlichen Gegenden beträgt die Arbeitslosigkeit unter Aborigines zum Teil 100 Prozent.

Statt dessen fordert der CAR einen verbesserten Zugang zu Kapital, Unternehmensberatung, Vernetzung und Unterstützung für Firmengründungen, Förderung und Bestärkung von kleinen Unternehmen und die Begünstigung von Partnerschaften mit der Unternehmensgemeinschaft.

Diese Vorschläge sind geeignet eine Entwicklung zu festigen und formal anzuerkennen, die sich bereits abzeichnet: eine wachsende soziale Polarisierung zwischen einigen wenigen Unternehmern unter den Aborigines - den "Abocrats", wie einige junge Aborigines sie am Sonntag gegenüber dem WSWS bezeichneten - und der Masse der verarmten arbeitenden und jungen Aborigines, die keinen Zugang zu Arbeit und Sozialleistungen haben und gezwungen sind entweder "für Arbeitslosengeld zu arbeiten" oder sich als billige Arbeitskraft von Aborigine-Unternehmern in Zusammenarbeit mit der Bergbau- und Tourismusindustrie ausbeuten zu lassen.

Die Dokumente fordern generell eine "stärkere Vertretung in australischen Parlamenten", um durch das Vorhandensein einer Handvoll von Alibi-Aborigines in der Politik die vollkommen diskreditierten Institutionen zu unterstützen und die Masse der arbeitenden Aborigines noch stärker an sie zu binden.

Landrechte der Aborigines

Die Forderung in den Dokumenten nach "Selbstbestimmung im Rahmen der australischen Verfassung" hebt eine weitere Besonderheit des "Versöhnungsprozesses" hervor: seine Beziehung zu den Landrechten der Aborigines und ihren "heimatlichen Eigentumsrechten".

In der traditionellen Gesellschaft der Aborigines war das Konzept des Privateigentums gänzlich unbekannt. Den hauptsächlich als Normaden lebenden Aborigine-Stämmen, die keine Land- oder Viehwirtschaft betrieben, dienten Land und Meer als einzige Lebensgrundlage, und als solche war ihnen eine beachtliche spirituelle Bedeutung verliehen.

Die Ursprünge der Bewegung für "Landrechte" liegen einige Jahrzehnte zurück. In den 1960-er Jahren entstand eine militante Bewegung unter arbeitenden Aborigines in ländlichen Gebieten, die anständige Löhne und Lebensbedingungen forderte. Gleichzeitig wurde die Arbeiterklasse in den Großstädten zunehmend widerspenstig. Aus Angst vor einer vereinten Bewegung von schwarzen und weißen Arbeitern begannen die Regierungen von Labor und Liberalen gleichermaßen eine schmale, privilegierte Schicht von Aborigines-Führern zu züchten. Ihre Funktion bestand darin Blitzableiter zu sein, von gemeinsamen Missständen abzulenken und Uneinigkeit zwischen Aborigines und Nicht-Aborigines zu säen. Im Gegensatz zu klassenspezifischen Forderungen vertraten diese Führer Landrechte, das Recht der eingeborenen Bevölkerung auf das Land ihrer Vorfahren.

Diese Forderung gewann zunehmend an Unterstützung, da die Führung der Aborigines und das "linke" radikale Milieu sie unterstützten. Sie bezeichneten "Landrechte" als Mittel zum Schutz wichtiger kultureller und spiritueller Wahrzeichen, im Vertrauen auf zukünftige Generationen und um den verarmten Gemeinschaften der Aborigines das Recht zu sichern, auf ihrem traditionellen Land zu leben, ohne Angst vor Vertreibung.

Aber "heimatliches Eigentumsrecht" bedeutet all dieses nicht. Es wurde als neuer juristischer Begriff vom Obersten Gericht 1992 im berühmten Fall Mabo geschaffen, nur ein Jahr nachdem der Rat für Versöhnung mit den Aborigines gegründet worden war.

Nach dem Urteil ist das Land, das zuvor Gemeineigentum war oder der "Krone" gehörte, veräußerbar und mit einem Wert in Geld zu veranschlagen. "Heimatliches Eigentumsrecht" wurde vom Gericht geschaffen, nur um zu erreichen, dass es eine Möglichkeit zum Handel gibt, dass ein privates Interesse an dem Land gegeben ist, welches auf dem kapitalistischen Markt gekauft und veräußert werden kann.

Und genau dies ist eingetreten. Dies ist der Grund dafür, warum der Fall Mabo und der "Versöhnungsprozess" gleichermaßen eine solche Unterstützung der australischen Wirtschaft genießen.

Gemeinsam sind sie das Medium geworden, durch das langfristige, kapitalintensive Investitionen im Bergbau und der Tourismusindustrie gesichert werden können. "Heilige Orte" wurden von den Landräten der Aborigines zynisch gegen Bares veräußert.

Vor drei Jahren fand der erste "Versöhnungskongress" im Melbourner World Trade Center statt. Die Kosten beliefen sich auf eine Million Dollar und der Kongress wurde ausgerichtet von den größten Namen im Bergbau und Ölgeschäft, darunter BHP, Shell, CRA-RTZ, Pasminco, North Ltd. und ARCO Coal. Andere Sponsoren waren die ANZ-Bank, Telstra, Canon, Fuji Xerox und der Tourismusrat Australiens (der die großen Hotels und Reiseveranstalter repräsentiert).

In den Plenarsitzungen und Seminaren traten verschiedene wichtige Wirtschaftsvertreter als Sprecher auf, die zum Teil auch am Sonntag mitmarschierten.

Die Zeitung Financial Review vom 28. Mai 1997 erklärte in einem Editorial mit dem Titel "Das Geschäft der Versöhnung" den Grund für das Engagement der Wirtschaft: "Wie die australische Bergbauindustrie nun erkennt, ist die Aufgabe der Versöhnung keine Zwangsvorstellung weißer Schwätzer, sondern eine Frage praktischer Geschäftsinteressen."

Seit dieser Zeit hat beispielsweise die Firma Pasminco regionalen Aborigine-Führern einen Entschädigungsfond von 60 Millionen Dollar als Preis für die heimatlichen Eigentumsrechte an der Century-Zinkmine im Nordwesten von Queensland eingerichtet.

Die Firma Chevron hat jüngst den Weg für eine Gaspipeline im Wert von 3,5 Milliarden Dollar entlang der Küste von Queensland frei gemacht, indem sie sechs Millionen an die First Nations Joint Company überwies, damit diese unter den 26 Aborigines-Gruppen mit heimatlichem Eigentumsrecht verteilt werden. Chevron ließ dem Aborigines-Unternehmen auch die Möglichkeit offen, sich mit zwei Prozent Anteil an dem Projekt zu beteiligen.

Es ist nicht überraschend, dass Corroboree 2000 und der "Marsch für die Versöhnung mit den Aborigines" ebenfalls von großen Unternehmen gesponsert wurden, darunter Toyota, Ansett, Bergbauunternehmen und PBL, der Medienkonzern im Besitz des reichsten Manns Australiens, Kerry Packer, während New South Wales und Regierungen der Bundesstaaten die Organisation der Veranstaltungen großzügig unterstützten.

Ein bemerkenswerter Teilnehmer war der Vorsitzende des Australischen Wirtschaftsrats, David Buckingham. Er sagte gegenüber der Financial Review, dass er an einem "sehr wichtigen nationalen Ereignis" teilnehme, welches "hoffentlich den Stil bestimmt, in dem zukünftig diese Fragen gelöst und entschieden werden."

Entschuldigung sagen

Dass die Chefetagen der Konzerne, die Medien, der CAR und verschiedener Aborigines-Führer darauf bestehen, der Premierminister müsse "Entschuldigung sagen", verdient eine weitere Betrachtung in diesem Kontext.

Lowitja O'Donoghue, die ehemalige Vorsitzende der Kommission von Aborigines und Torres Strait Islander, erklärte diese Frage am Montag vergangener Woche in einer Runde des Fernsehsenders ABC. O'Donoghue wurde gefragt, wie sich das Leben der normalen Aborigines durch die bereits erfolgten Entschuldigungen der Bundesstaaten geändert hätte. Sie antwortete, dass die Entschuldigungen es den Aborigines möglich machten, "enger" mit diesen Regierungen zusammenzuarbeiten, und dies der Grund sei, warum die Aborigines-Führer eine Entschuldigung von Howard hören wollen. Sie sagte, dies würde dazu beitragen, eine zukünftige, enge Zusammenarbeit mit dem Staat zu zementieren.

Deutlicher kann die wirkliche Zielsetzung des "Versöhnungsprozesses" nicht dargestellt werden. Sein Zweck ist, eine sorgfältig ausgesuchte und hoch beförderte Schicht kleinbürgerlicher Aborigines-Bürokraten zu benutzen, um die breite Mehrheit der Aborigines mit den Erfordernissen des Kapitals zu "versöhnen".

Diese Leute wollen "enger zusammenarbeiten" mit einer Regierung, die einen groß angelegten Angriff auf die Arbeitsplätze, Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen gegen die gesamte Arbeiterklasse durchgeführt hat.

Die Schlussempfehlung des CAR in seinen Dokumenten zur Versöhnung ist die Einrichtung einer "Stiftung der Versöhnung", um die Existenz der Versöhnungskörperschaften zu verewigen, die weiterhin mit "der Regierung auf allen Ebenen" zusammenarbeiten werden.

Entschuldigungen, Ausdrücke des Bedauerns, Bezüge auf die "Würde des Menschen", "gegenseitigen Respekt" und "Gerechtigkeit" sind die Mittel, mit denen der CAR, die Regierung und die Medien die Unterstützung breiter Schichten der normalen Bevölkerung für diese reaktionäre Perspektive zu gewinnen versuchen.

Howards Weigerung zu kooperieren hat vernichtende Kritik ausgelöst, die von Editorials und Aufsichtsräten gleichermaßen ausgeht. Er wird zunehmend dafür zusammengestaucht, dass er politisch eigennützig sei und die Relevanz der "Versöhnung" für die australische Wirtschaft nicht erkenne. Angesichts einer abnehmenden Unterstützung für die scharfe Sozial- und Wirtschaftspolitik der Regierung versuchte Howard Einfluss auf rechte und rassistische Elemente in ländlichen Gebieten zu gewinnen, indem er "Law and Order" propagierte. Er bestärkt auch die Meinung, dass Aborigines und Einwanderern die Schuld für die Zerstörung von Arbeitsplätzen und grundlegenden Sozialleistungen zugeschoben werden soll.

Das Editorial der Zeitung Sydney Morning Herald vom Montag wetterte: "Die Menschen haben genug vom Ausweichen, dem Punktesammeln und der kaum vorhandenen Beherztheit der Staatsregierung in Fragen der Beziehung zwischen Schwarz und Weiß." Howards Kurs, fuhr die Zeitung fort, sei "beschränkt" und "destruktiv".

Hugh Morgan, der Aufsichtsratsvorsitzende der Western Mining Corporation und ein bekannter Rechter, sagte gegenüber dem Programm Business Sunday, dass die Howard-Regierung in einigen Bereichen eine "mutige Führung" bewiesen hätte, ihr Verhalten hinsichtlich der "Versöhnung" aber sei enttäuschend.

"In Übersee werden wir mit Geschichten überschüttet", sagte er. "Das zerstört die politische Debatte hier [...] Wir brauchen das nicht. Wir brauchen nicht diese Art von internen Unstimmigkeiten."

In einem Artikel der Financial Review vom Mittwoch mit dem Titel "Das praktische Geschäft der Versöhnung" unterstreicht Robert Champion de Crespigny, der Generaldirektor von Normandy Mining Ltd und Mitglied des Rats zur Versöhnung mit den Aborigines, die Bedenken von Morgan:

"Versöhnung ist offensichtlich eine Frage von Bedeutung für die australische Wirtschaft [...] Mit der zunehmenden Internationalisierung der Wirtschaft und den ständig präsenten Augen der Medien weltweit riskiert Australien ein Schurkenstaat zu werden, in gewisser Hinsicht wie die alte Apartheid in Südafrika. Solche Vorstellungen, wie falsch sie auch in Wirklichkeit sein mögen, können sehr leicht ein Eigenleben führen."

"Dies würde zu beachtlichen Schwierigkeiten für die australischen Wirtschaftsaktivitäten in Übersee wie auch für im Ausland lebende Australier führen. Es wäre auch eine Tragödie, weil Australien eine der erfolgreichsten multikulturellen Nationen in der Welt ist."

Auf diese Weise ist "Versöhnung" zu einem bedeutenden Faktor in der Außenpolitik geworden. Howard anhaltendes Verweigern, eine Entschuldigung zu formulieren, wurde in der gesamten asiatisch-pazifischen Region, eine Gegend von großer ökonomischer Bedeutung für Australiens Wirtschaft, aufmerksam verfolgt. Man äußert die Befürchtung, dass Australiens Fähigkeit, in der Region unter dem Banner der Verteidigung von Menschenrechten "einzugreifen", gefährdet ist, wenn es weiterhin das Bild einer abgebrühten Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen eingeborenen Bevölkerung ausstrahlt.

Viele tausend Teilnehmer nahmen an den Veranstaltungen des vorletzten Wochenendes aus dem Gefühl heraus teil, dass nur durch eine Massendemonstration ihre Sorgen in Bezug auf die Vergangenheit und die Gegenwart Gehör finden können. Dies ist, für sich selbst genommen, von Bedeutung. Aber die wichtigste und herausragende Frage bleibt die nach einer Perspektive. Ohne eine klare Alternative werden die Hunderttausende, die am Marsch teilnahmen, nur ein Werkzeug sein für gerade jene gesellschaftlichen Kräfte, die über die letzten 200 Jahre bewiesen haben, dass sie den Interessen normaler Aborigines gänzlich feindlich gegenüberstehen.

Die schreckliche Unterdrückung der eingeborenen Bevölkerung wird fortgesetzt und verstärkt werden, wenn nicht eine politische Massenbewegung in der Arbeiterklasse entsteht, die Aborigines und Nicht-Aborigines vereinigt und, bewaffnet mit einer unabhängigen sozialistischen Perspektive, die Grundlagen des Profitsystems angreift. Nur indem die Gesellschaft von oben bis unten umorganisiert wird, die großen Industrien, Minen und Banken aus privatem Besitz genommen und in die Hände der Arbeiterklasse als Ganze gelegt werden, können die sozialen, ökonomischen und politischen Rechte der Aborigines gesichert werden.

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