Bankenbericht weist auf Finanzturbulenzen

Von Nick Beams
21. Juni 2000

Die Lektüre des jüngsten Jahresberichts der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) über den Zustand der globalen Wirtschaft und des internationalen Finanzsystems erinnert unwillkürlich an eine berühmte Passage aus dem Kommunistischen Manifest.

"Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse", schrieb Marx, "die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsverhältnisse hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor."

Nach mehr als 140 Seiten Analysen von Wachstumstendenzen, des Zustands der Finanzmärkte, des Zustands sogenannter "aufstrebender Volkswirtschaften" und der Finanzbeziehungen zwischen den großen kapitalistischen Mächten muss die BIZ, die gelegentlich als die Bank der Zentralbanken bezeichnet wird, eingestehen, dass sie keine Ahnung hat, wo und wann die nächste Finanzkrise ausbrechen könnte, geschweige denn, was zu tun sei, um sie zu verhindern.

In der Zusammenfassung des Berichts heißt es: "In den dreißiger Jahren verschlimmerten Zusammenbrüche im Finanzsektor den Wirtschaftsabschwung in vielen Industrieländern auf schwerwiegende Weise und führten dazu, dass die Regulierung im Finanzgeschäft drastisch verschärft wurde. In der Nachkriegszeit kam es zu einer zunehmenden Liberalisierung, als die Erinnerung an frühere Schwierigkeiten verblasste und die potentiellen Vorteile freierer Finanzmärkte größere Anerkennung fanden. Wiederkehrende Finanzkrisen in den letzten drei Jahrzehnten, sowohl in den Industrieländern als auch in den aufstrebenden Volkswirtschaften, haben jedoch drei wichtige Fragen wieder ins Zentrum gerückt: Wie können künftige Krisen vermieden werden? Wie können sie leichter bewältigt werden, wenn sie auftreten? Und wie können sie - u.a. durch Schuldenreduzierung - letztlich überwunden werden? Hinsichtlich jeder dieser Fragen sind beträchtliche Fortschritte erzielt worden, die jedoch in keinem Verhältnis zu dem stehen, was noch zu tun ist. In einigen Bereichen gibt es immer noch keinen internationalen Konsens über ein vernünftiges Vorgehen, und in nahezu allen Fällen bringt die tatsächliche Umsetzung akzeptierter Vorschläge nach wie vor enorme praktische Herausforderungen mit sich."

Wie um die allgemeine Verwirrung in führenden Finanzkreisen auf den Punkt zu bringen, erklärt die BIZ: "Es scheint weitverbreitet der Eindruck zu bestehen, dass die Weltwirtschaft nunmehr an einer Schwelle steht, doch die Frage ist, wie der Weg dahinter weitergeht."

Zwar ist der Hauptteil des Berichts optimistisch gehalten - Wachstumsraten steigen an, die Asienkrise ist überwunden, die Finanzturbulenzen der letzten beiden Jahre sind ausgestanden - aber die BIZ warnt, dass dieser Optimismus selbst zur Ursache von Problemen werden könnte.

In der Einleitung heißt es: "Ironischerweise birgt selbst ein wohlbegründeter Optimismus die heimtückische Tendenz, sich ins Übermaß zu kehren, wie die Geschichte wiederholt gezeigt hat. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Entwicklung schien im Berichtszeitraum zunehmend größer zu werden."

Bezeichnenderweise liegt die Quelle dieser Gefahr nicht in den "aufstrebenden Volkswirtschaften", sondern in der Beziehung zwischen den beiden größten Ländern, den Vereinigten Staaten und Japan.

Der Bericht vermerkt die "beunruhigende" Beobachtung, dass verschiedene gesamtwirtschaftliche und finanzielle Kräfte "auf ungewöhnliche Weise miteinander verknüpft zu sein schienen". "Beispielsweise erhöhten die steigenden Aktienkurse in den USA (insbesondere im Hochtechnologiebereich) das Vermögen der privaten Haushalte und erleichterten die Unternehmensfinanzierung, was wiederum zu höheren Verbraucherausgaben und Investitionen beitrug. Durch eine lebhaftere Nachfrage und die Steigerung der Kapitalintensität verbesserte sich die gemessene Produktivität, was den Optimismus hinsichtlich der Gewinnaussichten förderte, die Aktienkurse zusätzlich stützte und so weiter. Natürlich können solche sich gegenseitig verstärkende Prozesse Schwankungen an den Finanzmärkten wie auch in der Realwirtschaft übersteigern, vor allem wenn sie durch entsprechende Wechselkursänderungen noch verstärkt werden.

Ein weiterer Grund, den Optimismus zu zügeln, besteht darin, dass bei vielen der Ungleichgewichte und Strukturmängel, die die Weltwirtschaft in den letzten Jahren geprägt hatten, keine Fortschritte zu ihrer Beseitigung erzielt wurden. In mancher Hinsicht verschärften sie sich sogar. Das auffälligste Ungleichgewicht war der beispiellose Kontrast zwischen dem Rekordhoch der privaten Sparquote in Japan und dem Rekordtief dieser Quote in den USA. Verschiebungen bei den Salden der öffentlichen Haushalte milderten zwar die Wirkungen dieser extremen Werte, wenn auch um den Preis einer drastischen Verschlechterung der Haushaltslage in Japan, doch blieben hohe Leistungsbilanzungleichgewichte bestehen, die das Risiko von Auswirkungen auf den Wechselkurs mit sich brachten."

Die amerikanische und die japanische Wirtschaft halten einander eine Art umgekehrten Spiegel vor. In den Vereinigten Staaten wurden die staatlichen Schulden vermindert, während die private Verschuldung sowohl der Konsumenten als auch der Konzerne gestiegen ist. Die amerikanische Zahlungsbilanz ist auf Rekordhöhe gestiegen und die internationalen Schulden belaufen sich mittlerweile auf ca. 1,9 Billionen Dollar oder zwanzig Prozent des Bruttosozialprodukts.

Im Gegensatz dazu ist die Konsumentennachfrage in Japan gesunken und das Niveau der Sparkonten angestiegen, und das Land hat einen permanenten Zahlungsbilanzüberschuss. Die Staatsschulden sind jedoch durch die ständigen und erfolglosen Versuche, die Wirtschaft anzuheizen, auf Rekordhöhe gestiegen.

Diese beiden Tendenzen - Amerikas Abgleiten in die Auslandsverschuldung und die immer höheren Staatsausgaben Japans - sind auf lange Sicht unhaltbar. Aber die USA und Japan sind gefangen in gegenseitiger Abhängigkeit. Die USA brauchen das hohe Niveau der Ersparnisse in Japan (und infolgedessen Wirtschaftsstagnation, was immer größere Regierungsausgaben erforderlich macht), um das immer tiefere Loch ihrer Zahlungsbilanz zu stopfen, während Japan das hohe Niveau der US-Ausgaben braucht (und infolgedessen auch die Verschuldung), um die Exportmärkte zu sichern.

Diese gegenseitige Abhängigkeit weckt die Befürchtung, dass das globale Finanzsystem wackeln könnte. Wie der milliardenschwere internationale Finanzier George Soros vor kurzem voraussagte, könnte der nächste Finanzsturm leicht aus der Beziehung zwischen den zwei stärksten Währungen entstehen.

Und wie Martin Wolf, Wirtschaftskommentator der Financial Times, in seiner Kolumne vom 6. Juni bemerkte: "Die USA und Japan sind ein wirklich sonderbares Paar geworden, jeder teilweise vom untragbaren Verhalten des anderen abhängig. Die USA brauchen Japans außerordentlich große Ersparnisse, genau wie Japan die übermäßige amerikanische Nachfrage braucht. Es gibt Möglichkeiten, aus dieser gegenseitigen Abhängigkeit von der jeweiligen Maßlosigkeit des anderen herauszukommen. Aber wenn die Anpassung Amerikas schlecht gehandhabt wird oder außer Kontrolle gerät, dann könnte der Ausweg für beide recht holperig werden. Man könnte zum Schluss kommen, dass nur eines noch schlimmer wäre, als die untragbar wachsende amerikanische Nachfrage und das damit einhergehende Außenhandelsdefizit, nämlich deren plötzliches Verschwinden."

Ein Szenario, das zur Zeit gehandelt wird, ist die Möglichkeit eines rapiden Verfalls des US-Dollars. So schreibt die BIZ zum Schluss ihres Berichts: "Aber der US-Dollar scheint stärker zu sein, als es mit der Stabilisierung der längerfristigen Auslandsverschuldungsquoten vereinbar ist."

Weil die wachsenden Aktienmärkte in letzter Zeit die Kapitalströme enorm beschleunigt haben, könnte "die Möglichkeit einer gleichzeitigen Korrektur an beiden Märkten [...] größer sein, als es historische Korrelationen vermuten lassen würden." Anders ausgedrückt, während der steigende Dollar und der Boom der Aktienmärkte bewirkten, dass Kapital zuströmte, könnte diese Tendenz die umgekehrte Auswirkung haben - ein Absinken des Dollars, das zu einem Abfall der Börse führt, was wiederum ein Abfließen von Kapital und einen weiteren Niedergang des Dollarwertes bewirken würde.

Bis jetzt ist der Dollarwert trotz der immer tieferen Kluft zwischen den Zahlungsbilanzen hoch geblieben. Internationale Investmentfonds wurden von der boomenden Börse und den Profitmöglichkeiten durch Investitionen in neue Technologien in die USA gelockt.

Aber der globale Charakter der Kapitalinvestitionen und der Konkurrenz könnte bewirken, dass der Investitionsfluss seine Richtung änderte. Auf diese Möglichkeit wies ein Kommentar der Financial Times vom 5. Juni hin: "Amerikas Überlegenheit in der neuen Wirtschaft hat sowohl die Börse als auch den Dollar in den letzten fünf Jahren stabil gehalten, weil internationales Geld in die USA geflossen ist, um einen Investitionsboom zu finanzieren. Das ändert sich jetzt. Der Erfolg der US-Wirtschaft ist nicht unbemerkt geblieben, und Europa und Japan unternehmen immer ernstere Anstrengungen um aufzuholen."

Während die USA nach wie vor ihre herausragende Position behaupten, wird doch ihre relative Überlegenheit über den Rest der Welt abnehmen.

"Dies hat zwei große, längerfristige Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Die erste besteht darin, dass der größte Teil der ungenutzten Investitionsreserven sich außerhalb der USA befindet. Die zweite ist eine Dollarschwäche. Trotz aktuellen steigenden Kontendefiziten hat sich der Greenback [der Dollar] durch massive ausländische Direktinvestitionen und Portfolio-Zuflüsse bis heute über Wasser gehalten. Wenn die Investoren woanders hingehen, um profitablere Wachstumsmöglichkeiten zu finden, wird der Dollar in eine Periode strukturellen Niedergangs eintreten."

Im Bewusstsein der Möglichkeit solcher Veränderungen und der verheerenden Auswirkungen, die sie in den USA und anderen großen Volkswirtschaften haben könnten, bemerkt die BIZ, in Zukunft könnte "die größte Herausforderung für die Verantwortlichen darin bestehen, eine plötzliche Umkehr in der Wechselkursentwicklung des Dollars zu bewältigen."

Aber mit welchem Programm könnte dies geschehen? In diesem Punkt gesteht die BIZ, dass die Finanzbehörden, die angeblich die Kontrolle über die Weltmärkte ausüben - wie der überforderte Hexenmeister bei Marx - keine Lösung haben.

"Was die Überwachungsinstanzen am Markt und ihren Beitrag zu einem besseren Funktionieren der Märkte betrifft", erklärt der Bericht in seiner Schlussfolgerung, "so gibt es Hinweise darauf, dass die Märkte weniger atomistisch werden und insbesondere in Stresszeiten eher zum Herdenverhalten tendieren könnten. Die zunehmende Konzentration unter den Marktteilnehmern, gemeinsame Risikomanagement- und Aufsichtssysteme, die wachsende Verwendung von Referenzwerten und Index-Tracking sowie die Nutzung allgemein und unmittelbar verfügbarer Information dürften allesamt dazu beitragen. Wesentlich weniger klar ist jedoch, was die Aufsichtsbehörden angesichts dieser grundlegenden strukturellen Trends tun könnten. Und schließlich stellt sich die zentrale Frage: Weshalb kommt es zu einem Überschießen der Märkte, das praktisch einem Versagen der Marktdisziplin entspricht? In einer vollkommenen Welt müssten diejenigen, die die Preise vom ‚Gleichgewichtsniveau‘ weg bewegt haben, rasch Verluste erleiden, wenn die Preise zum Gleichgewicht zurückkehren. In Wirklichkeit geschieht das jedoch oftmals nicht." Es könne sein, dass solche Fälle von Marktversagen "schlicht ein Preis sind, der gezahlt werden muss, wenn insgesamt von den Vorteilen eines marktwirtschaftlichen System profitiert werden soll."

Diese Erklärung, die von einem der wichtigsten Kontrolleinrichtungen über die kapitalistische Weltwirtschaft kommt, ist ein an Klarheit nicht zu überbietendes Eingeständnis des historischen Bankrotts und der schieren Unvernunft des Profitsystems und seines Modus operandi in der "freien Marktwirtschaft".

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