San Francisco Filmfestival

Wenig erhellende Filme zu wichtigen Themen

Von David Walsh
10. Juni 2000

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Reportagen, Interviews und Kritiken über das Filmfestival in San Francisco, das vom 20. April bis 4. Mai 2000 stattfand. Sie sind einer Serie entnommen, die zur Zeit in Fortsetzung auf der englischen Seite des WSWS erscheint.

Die meisten heutigen Dokumentarfilmemacher werden ihrer Aufgabe nicht gerecht. Die Oberfläche der gesellschaftlichen Realität verwirrt diejenigen, die oberflächlich, selbstgefällig und gedankenlos vorgehen. In den letzten zehn Jahren haben Filmemacher bedeutsame Veränderungen erlebt, doch die meisten von ihnen verstehen leider recht wenig davon. Zu viele akzeptieren die offizielle Version, dass diese Welt zwar nicht die beste aller Welten, aber auf jeden Fall die einzig mögliche sei.

Um mehr in die Tiefe zu gehen, muss man allerdings einen kritischen Standpunkt einnehmen. Welchen Sinn macht es, eine vollendete Tatsache einfach zu registrieren? Daraus hat noch niemand großen Nutzen gezogen. Vielleicht muss der Dokumentarfilmemacher vor allem einen Sinn für die Geschichte und die geschichtliche Entwicklung besitzen. Wie viele haben heute diesen Sinn? Damit hätten es Künstler sicher leichter, dem Argument entgegenzutreten, die heutige Gesellschaft repräsentiere das letzte Entwicklungsstadium der Menschheit.

Zurecht erwarten wir von Dokumentarfilmen, dass sie schön, kritisch und gehaltvoll sind. Statt dessen stellen sie oft nur trocken und farblos die Oberfläche der Realität dar: Ereignisse und Namen und Daten, ohne darüber hinaus zu blicken. Dokumentarfilmemacher folgen auch ihren eigenen Klischees. Die "fortschrittlichen" Filmemacher sind davon abgekommen, Personen nur erzählen zu lassen, verzichten auf Begleitkommentare, Untertitel und ähnliche Stilmittel. Der Zuschauer wird einfach mitten ins Geschehen geworfen und soll sich gefälligst einen Reim darauf machen. Er wird aufgefordert, seinen Verstand zu gebrauchen. Das wäre völlig in Ordnung, wenn etwas Aussagekräftiges und Wichtiges angeboten würde. Inzwischen ist es jedoch gang und gäbe, dass mit dem Verzicht auf billige Erklärungen die Entschuldigung einhergeht, dass man überhaupt keine Erklärung liefert. Das Publikum bekommt also einfach eine Szene vorgesetzt und soll nun etwas daraus machen.

Als Beispiel sei Agujetas, Cantaor genannt, ein Film über einen zeitgenössischen Flamenco-Sänger, unter der Regie von Dominique Abel (1962 in Frankreich geboren). Agujetas Vater war ein legendärer Sänger ( cantaor) im südspanischen Jerez. Der Sohn arbeitete als Schmied, ehe er Sänger wurde. Seine Musik ist rätselhaft, ausgesprochen unmelodisch. Er begibt sich in eine Art Trance und singt über Schmerz, Leid, Tod, Schicksal. Seine Darbietungen bewegen sich an der Grenze zum Wahnsinn.

Agujetas sagt: "Die Texte kommen aus dem Leben, dem Leid, das man ertragen muss. Je mehr man leidet, desto besser singt man. Wer kein Leid erfahren hat, kann nicht singen. So ist das Leben." Er singt: "Ich bin ein Bild voller Trauer". Und dann: "Welch unglückliches Schicksal haben wir doch, wir Armen".

Interessant, aber könnte man daraus nicht mehr machen? Ein Individuum, das ein solches Pathos vermittelt, stellt nicht nur sich selbst dar. Er bzw. sie "spricht" für ein ganzes Volk oder eine gesellschaftliche Klasse bzw. einen größeren Teil davon. Darin steckt etwas "Welthistorisches". Der Film sagt uns nichts über die Region, die leidvolle Geschichte Spaniens , über die heutige Situation. Es muss doch Möglichkeiten geben, solche Aspekte künstlerisch einzubringen. Man bleibt unzufrieden zurück. Die Filmemacherin hat ihre Aufgabe nicht erfüllt. Solche Filme, so interessant sie im Moment auch sein mögen, darf man getrost vergessen.

Das Thema des Films Der Jazzmusiker aus dem Gulag(Regie: Pierre-Henry Salfati, 1953 in Frankreich geboren) ist wirklich bemerkenswert. Der Bandleader und Trompeter Eddie Rosner, 1910 in Berlin als Kind einer polnischen jüdischen Familie geboren, war um 1930 ein berühmter Sänger. Bei einer Umfrage über den führenden Trompeter der Welt erreichte er einmal den zweiten Platz hinter Louis Armstrong. Rosner brachte in Deutschland Schallplatten heraus, die 1933, als die Nazis an die Macht kamen, als "entartet" denunziert wurden. In den dreißiger Jahren war er in Europa auf Tournee und feierte Riesenerfolge.

Bei Ausbruch des Krieges war Rosner in Polen. Mit seiner Frau (der Tochter Ida Kaminskas, welche das berühmte Theater für Jiddische Kunst leitete und dort auch Schauspielerin war) floh er Richtung Osten. Rosner wurde zum Lieblingssänger des Führers der Belorussischen Kommunistischen Partei, der ein Jazzliebhaber war. Man stellte ihm einen Zug zur Verfügung, und Rosner war viel auf Reisen. Später bemerkte Rosner, "Meine Trompete war an der Front gegen den Faschismus". Er hatte Erfolg in der gesamten Sowjetunion, selbst als der Krieg in vollem Gange war.

Bei einer eigenartigen Begebenheit wurde er einmal darum gebeten, in einem Theater auf der Krim aufzutreten. Als er mit seiner Band ankam, war das Theater leer. Kümmern Sie sich nicht darum, sagte der Organisator, spielen Sie und spielen Sie gut! Wie sich herausstellte, saß natürlich Stalin in der Loge, als einziger Zuhörer. Stalin schenkte ihm offensichtlich zu diesem Zeitpunkt Anerkennung.

Die Stadien waren voll, wenn Rosner spielte. Als jedoch der Krieg endete, wurde Rosner als "Verkäufer des Vulgären", als "Kosmopolit" (Bezeichnung für "Jude") angegriffen. Im November 1946 wurde er unter absurden Spionagevorwürfen festgenommen. Siebeneinhalb Monate hielt er geistiger und physischer Folter im berüchtigten Lubjanka-Gefängnis stand. Schließlich unterschrieb er ein "Geständnis" und wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. In stalinistischen Arbeitslagern, in Magadan und an anderen Orten leitete er - schier unglaublich - wieder Musikgruppen, dieses Mal auf Anordnung seiner Gefängniswärter. Er bereiste die Lager und gewann erneut Bewunderer und Anhänger.

Nach Stalins Tod kehrte Rosner nach Moskau zurück. Wieder waren die Stadien gefüllt mit seinen Fans. Er spielte zusammen mit Benny Goodman, als dieser zu einer Tournee in die UdSSR kam. Rosner wollte ausreisen; erst nach 15 Jahren wurde sein Antrag genehmigt. Er kehrte nach Berlin zurück, wo er ausgesprochen unfreundlich empfangen wurde. Nicht viele erinnerten sich an ihn, und andere wurden durch seine Anwesenheit an die Nazi-Verbrechen gegen die Juden erinnert, an die sie nicht mehr denken wollten. Er lebte isoliert, ohne große Mittel. Am 8. August 1976 starb Rosner. Am Tag darauf kam Post von der Bundesregierung mit der Benachrichtigung an, dass sein Antrag auf Entschädigung als Nazi-Opfer bewilligt worden sei. Eine faszinierende, tragische Geschichte.

Ein anderer Film wäre hoch interessant geworden, wäre der Regisseur nicht so selbstgefällig und überheblich. Der britische Filmemacher James Marsh produzierte Wisconsin Death Trip für eine BBC-Filmreihe. Thema ist das öffentliche Chaos und der Irrsinn, der in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts im Norden Wisconsins ausbrach.

Leider macht Marsh aus dem Material ziemlich wenig. Er deutet die Zeitumstände allenfalls an. Die Stadt Black River Falls in Wisconsin war 1854 von Norwegern, Deutschen und anderen Europäern gegründet worden. Einigen Einwanderern hatte man weisgemacht, es gebe sehr viel und billiges Land. Zu den falschen Versprechungen kam der wirtschaftliche Niedergang in den Jahren um 1890. Bergwerke wurden geschlossen, Banken brachen zusammen. Die Menschen hatten wenig zu essen und anzuziehen. Eine Diphtherie-Epidemie suchte die Kinder der Region heim. Ein strenger Winter verschlimmerte noch das Elend.

Die Stadt und Region schienen einem Nervenzusammenbruch nahe. Der Film stützt sich auf Zeitungsberichte, die von Ian Holm gelesen werden. Die Meldungen beschreiben eine Vielzahl verzweifelter Handlungen: Man griff einen arbeitslosen Deutschen auf den Eisenbahngleisen auf, der sich vom Zug überrollen lassen wollte. Ein Mann sprengte sich mit Dynamit den Kopf weg. Ein Neunjähriger tötete seine jüngere Schwester. Eine erfrorene Frau wurde nackt aufgefunden. Zwei Jungen erschossen einen Farmer, nahmen sein Haus in Besitz und lebten wie Banditen. Ein 15-jähriges polnisches Mädchen, "einsam und voller Heimweh", brannte ein Haus nieder.

Kleinkinder und Ehefrauen wurden umgebracht, und religiöser Wahn griff um sich. Eine Frau ertränkte ihre drei Kinder, weil sie sich von Teufeln verfolgt fühlte. Eine andere Frau spezialisierte sich auf das Zerschlagen von Glas und zerdepperte Glas im Wert von sage und schreibe Zehntausenden Dollars. Ein Farmer erhängte sich, nachdem ihn eine Frau zurückgewiesen hatte. Ein Ehemann ertappte seine Frau mit einem anderen Mann, erschoss beide und noch ein weiteres Paar. Ein Junge, dem ein Mädchen einen Korb gegeben hatte, erschoss das Mädchen, dann sich selbst. Die schrecklichen Geschichten gehen endlos so weiter.

Marsh fügt in das historische Material unwichtige Szenen aus dem heutigen Black River Falls, einer scheinbar friedlichen und zufriedenen Stadt, ein. Ob er damit sagen will, dass solche Ereignisse heute unvorstellbar seien, oder genau das Gegenteil, dass nämlich unter der ruhigen Oberfläche der Wahnsinn lauert - die Bilder wirken jedenfalls herablassend. Meistens hat man das Gefühl, Marsh wisse nicht, welche Schlussfolgerungen er ziehen soll, und dass er sich wie viele andere Filmemacher heutzutage damit zufrieden gibt, schöne Bilder zu zeigen.

Das Material verlangt geradezu nach irgendeiner Form geschichtlicher Erklärung. Liegt es nicht nahe, dass in einem Zeitalter und einem Land, das den Individualismus verherrlicht, wo Illusionen im Übermaß gedeihen und das politische Bewusstsein vergleichsweise niedrig ist, schwierige wirtschaftliche Bedingungen dazu beitragen, individuelle Gewalt- und Racheakte, religiöse Phantasien, ja sogar Wahnsinn zu provozieren? (Nur ganz am Rande erwähnt Marsh, dass es auch zahlreiche Arbeitskämpfe gab). Kommt einem das irgendwie bekannt vor? Für Marsh ist jedes Nachdenken über das heutige Amerika unter dem Gesichtspunkt dieser Probleme offensichtlich ein Buch mit sieben Siegeln. Er ist viel zu sehr damit beschäftigt, zu beeindrucken, sein Geschick unter Beweis zu stellen. Zu schade.

Chris Markers Ein Tag im Leben des Andrej Arsenewitsch fand ich wirklich abstoßend und verantwortungslos. Marker ist ein "linker" französischer Filmemacher, sozusagen eine Kultfigur, der für seine collagenähnlichen Filme bewundert wird. In diesem Streifen beschäftigt er sich mit Leben und Tod des sowjetischen bzw. russischen Filmemachers Andrej Tarkowski. Das Filmmaterial stammt überwiegend aus zwei Videoaufnahmen: Tarkowski am Drehort von Sacrifice(1986), seinem letzten Film, und der Regisseur auf dem Sterbebett, im Jahre 1986.

Einen Film über Tarkowski zu drehen ist völlig gerechtfertigt. Er war ein außerordentlicher Künstler, dessen gelungenste Produktionen zu den besten Arbeiten des letzten halben Jahrhunderts gehören. Doch Marker gibt sich damit zufrieden, das Thema gänzlich im engen konventionellen, d.h. antikommunistischen Rahmen zu behandeln.

Wir erfahren, Tarkowski sei ein russischer Mystiker gewesen, dass er sich den Urelementen wie Erde, Wasser, Luft und Feuer am nächsten fühlte, und so weiter. Ein Dialog aus Stalker wird zitiert: "Sie (die Intellektuellen) glauben an nichts. Das Glaubensorgan ist verkümmert."

Sicher mag als Kontrast zur Rauheit, Kulturlosigkeit und dem Stumpfsinn der russisch-stalinistischen Bürokratie ein pantheistischer und gereinigter religiöser Glaube attraktiv erscheinen, zumindest menschlicher. Doch die Wirklichkeit, und das weiß Marker, ist komplizierter. Man muss sich einfach nur mal Tarkowskis Filme ansehen. Die Filme, die er im Exil drehte - Nostalgie(1983) und The Sacrifice - , als er frei war, seine eigenen Ideen zu verwirklichen, frei von Schikanierung und Zwang, sind zweifellos seine schwächsten, stellenweise wirken sie sogar beinahe peinlich. Seine "Zurück zu Gott und Natur"-Vorstellungen erwiesen sich auch als wenig substantiell.

Die Sowjetunion war nicht einfach ein abscheuliches politisches Regime. Sie hatte eine Geschichte. Eine Revolution, inspiriert von den edelsten gesellschaftlichen Idealen, hatte stattgefunden. Die Revolution wurde in zynischster Weise verraten. Im Namen des "Sozialismus" wurden die schrecklichsten Verbrechen verübt. Doch die sowjetische Bevölkerung verteidigte ihr Land unter schwersten Opfern gegen den Nazismus. Viele Intellektuelle, selbst die, die geschmäht und verfolgt wurden, blieben öffentlich loyal gegenüber der UdSSR. Und es handelte sich dabei nicht einfach um Rückgratlosigkeit. Jahrzehntelang konnte man kein schlimmeres Schicksal erleiden denn als "Feind der Sowjetunion" gebrandmarkt zu werden. Etwas an den Ursprüngen der UdSSR und ihren sozialen Errungenschaften behielt auf Jahrzehnte hinaus seine Anziehungskraft, selbst nachdem die Ideale der sozialen Gleichheit das Leben dort nicht mehr bestimmten.

Tarkowski mag gedacht haben, dies alles hätte nichts mit ihm zu tun, doch seine Filme widersprechen dem. Man muss nicht behaupten, Tarkowski sei jemals ein "loyaler Sowjetbürger" gewesen. Sieht man sich jedoch Iwans Kindheit(1962) oder Der Spiegel(1975) an, dann kann man nicht umhin zu bemerken, dass Tarkowski wesentlich widersprüchlicher mit der sowjetischen Geschichte umging, als er es später zugeben wollte, bzw. als es Marker berücksichtigt zu haben scheint. Tarkowskis Leben gibt gewiss einen Hinweis darauf, dass Opposition zum Stalinismus, wenn sie denn auf lange Sicht künstlerisch wertvoll sein sollte, von links kommen musste, nicht von rechts. Jedenfalls hätte man von Marker ein kritisches Werk erwarten können. Nichts dergleichen. Für mich war das ein Tiefpunkt.

Schließlich gibt es die Filme, die man ablehnt, weil sie unaufrichtig liberal oder reformistisch (oder schlimmer) sind, wie etwa Stranger with a Camera, Well-Founded Fear und Long Night's journey into Day.

Stranger with a Camera konnte nur in unserer "multikulturellen" Zeit entstehen. 1967 wurde der kanadische Dokumentarfilmer Hugh O'Connor in Ost-Kentucky kaltblütig von Hobart Ison ermordet, dem Besitzer einiger schäbiger Hütten, in denen Bergarbeiter wohnen mussten. O'Connor hatte mit Erlaubnis des darin wohnenden Bergarbeiters eine Hütte gefilmt. Ison, ein halbverrückter und alternder Reaktionär, kam hinzu und erschoss O'Connor aus kürzester Entfernung.

Schwer vorstellbar, aber die Filmemacherin Elizabeth Barret, die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen in Hazard, Kentucky stammt, hat daraus eine Betrachtung über "die Verantwortung der Medien gegenüber ihren Themen" gemacht. Ist es möglich, fragt der Film an einer Stelle, "Armut zu zeigen, ohne Menschen zu beschämen"? O'Connor, so scheint es, hat gegenüber den ortsansässigen Bewohnern, d.h. den Vermietern der Slum-Hütten, zu wenig Sensibilität gezeigt, indem er filmte, unter welchen Bedingungen die Bergarbeiter lebten. Barret entdeckt Schuld auf beiden Seiten. Jemand sagt über Ison, der übrigens niemals wegen Mordes verurteilt wurde: "Ich konnte verstehen, woher sein Zorn kam." Mir fehlen die Worte.

Well-Founded Fear, von Shari Robertson und Michael Camerini, zeigt das Verfahren, mit dem Einwanderungsbeamte in den USA über das Schicksal von Asylbewerbern entscheiden. Ganz unbedarft könnte man annehmen, ein solcher Film würde von einer Darstellung oder zumindest einer Kritik der amerikanischen Einwanderungspolitik ausgehen, die von Heuchelei und Ressentiments geprägt ist. Man wird enttäuscht. Der Film nimmt vor allem eine mitfühlende Haltung den Einwanderungsbeamten gegenüber ein. Diese Leute sind keine Monster, und einige von ihnen vermitteln einen mitfühlenden Eindruck, doch ist dies wirklich der Punkt, auf den es hier ankommt?

Der Film konzentriert sich auf Entscheidungsprobleme der Einwanderungsbeamten, ob die Erzählungen der Asylbewerber über Gewaltanwendung und Folter zutreffen. Manche Geschichten wirken weniger glaubwürdig als andere. Und? Die Verzweiflung, ob politisch oder wirtschaftlich bedingt, ist real genug. Der Film geht nicht ein einziges Mal darauf ein, dass die US-Einwanderungspolitik möglicherweise grundlegende Fehler hat, ja dass das ganze System nationaler Grenzen überholt und reaktionär ist. Noch weniger vermittelt er die Vorstellung, dass Menschen das Recht haben sollten, in dem Land ihrer Wahl zu leben und zu arbeiten.

Long Night's Journey into Day, von Frances Reid und Deborah Hoffman, ist der Beitrag dieses Jahres zum neuen Südafrika. Das Südafrika nach der Periode der Apartheid ist ein unverfängliches Thema für liberal gesinnte Filmemacher. Die Veränderungen seither werden von der offiziellen Meinung von "links" bis rechts gutgeheißen. Der Film zeigt eine Reihe von Anhörungen vor dem berühmten Ausschuss für Wahrheit und Versöhnung, dem Versuch des neuen Regimes, dem Zorn der Bevölkerung gegen ihre früheren Peiniger ein ungefährliches Ventil zu schaffen. Vier Fälle werden uns präsentiert: Der Mord, begangen von einer Gruppe Farbiger, an Amy Biehl, einer weißen Studentin aus Amerika und Gegnerin des rassistischen Regimes; die Morde der Sicherheitspolizei an farbigen politischen Aktivisten, den Cradock Four; die Ermordung der Guguletu-Sieben, eine Gruppe, die von der Polizei unterwandert und in einen Hinterhalt gelockt wurde; und das Bombenattentat auf ein Auto, in dem weiße Polizisten saßen, begangen vom militärischen Flügel des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC).

Der Film hat aufschlussreiche und bewegende Szenen. Der Fall Biehl ist tragisch und kompliziert. Ihre Mörder wussten nicht, dass sie Gegnerin des Regimes war. Sie war einfach eine Weiße am falschen Ort, ein ahnungsloses Symbol für alles, was sie hassten. Biehls Mutter trifft sich mit der Mutter einer der Mörder ihrer Tochter. Die Eltern appellieren schließlich an den Ausschuss, Milde gegenüber Amys Mördern walten zu lassen. Als einer der Männer freigelassen wird und zu seiner Familie zurückkehrt, sagt seine Mutter über Frau Biehl: "Ich denke an diese arme Frau. Sie wird ihr Kind nicht mehr zurückbekommen."

Die Enthüllungen über die Methoden der ehemaligen südafrikanischen Geheimpolizei bieten zwar nichts Überraschendes, sind aber dennoch sehr lehrreich. Polizeikräfte auf der ganzen Welt, auch in vielen "demokratischen" Ländern, wenden ähnliche Methoden gegenüber der politischen Opposition an. Die Guguletu-Sieben waren eine Gruppe junger Männer in einem verarmten Township, voller Zorn und entschlossen, das Apartheid-System zu bekämpfen. Ein schwarzer Geheimagent infiltrierte die Gruppe, stachelte die Mitglieder an, nutzte ihre politische Naivität und Unerfahrenheit aus. Ein geheimes polizeiliches Mordkommando lauerte den jungen Männern eines Nachts im März 1986 auf und brachte sie alle um. Zehntausende nahmen an ihrem Begräbnis teil.

Der Ausschuss versuchte auch, im Namen der "Gerechtigkeit" über Vergehen zu richten, die von Gegnern des alten Regimes begangen wurden. Robert McBride gehörte dem militärischen Flügel des ANC an. Er leitete den Bombenanschlag auf eine Bar, in der die Geheimpolizisten verkehrten. Er äußert sein Bedauern darüber, dass unschuldige Menschen dabei ums Leben kamen, doch nicht über sein grundsätzliches Vorgehen. McBride bemerkt gegenüber den Filmemachern, dass kein alliierter Veteran des Zweiten Weltkrieges mit einem Nazi verglichen werden will. Es gibt keine Gleichheit von "Verbrechen".

Aber kein Film aus der langen Liste von Filmen über die Veränderungen in Südafrika nimmt die heutigen Bedingungen in diesem Land genau unter die Lupe. Die fortwährende und sogar noch schlimmere Armut und das Elend breiter Schichten der Bevölkerung, sowie die Bereicherung der neuen schwarzen Bourgeoisie und des Kleinbürgertums - dies zur Sprache zu bringen, würde einige unangenehme soziale Fragen aufwerfen, welche die Filmemacher, wie auch natürlich ihre Freunde im ANC-Regime, lieber nicht diskutiert haben möchten.

Live Nude Girls Unite!,von Julia Query und Vicky Funari, befasst sich mit dem Versuch, ein Striplokal in San Francisco gewerkschaftlich zu organisieren. Nach vielen Mühen und Opfern gelingt es den Tänzerinnen der Lusty Lady Peepshow endlich, Mitglied der SEIU zu werden, der Gewerkschaft des AFL-CIO-Vorsitzenden John Sweeney. Stripteasetänzerinnen haben ein Anrecht auf angemessene Arbeitsbedingungen wie jedermann sonst auch, doch die Zeit wird zeigen, ob die beträchtlichen Anstrengungen, um Beiträge an die SEIU zu zahlen, die Mühe wert waren. Wir jedenfalls haben da unsere Zweifel. So oder so, der Film ist mehr als alles andere ein Lobgesang auf die Dummheit und Altersschwäche der radikalen Szene der Bay Area.

Siehe auch:
Die vollständige bisher erschienene Serie in englischer Sprache

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen