Ein Blick hinter die Kulissen des Geschäftsgeheimnisses

Microsoft-Prozess entlarvt räuberische Geschäftspraxis des Konzerns

Von Mike Ingram
3. Juni 2000

Das kartellrechtliche Verfahren des US-Justizministeriums gegen Microsoft hat ans Tageslicht gebracht, dass zwischen den großen Konzernen ein regelrechter Krieg um die Märkte der Computertechnologie, Telekommunikation und Medien tobt.

Der Kampf um die Kontrolle neuer Technologien und Märkte ist durch das Aufkommen des Internet als Massenmedium verschärft worden. Kaum eine Woche vergeht ohne neue Allianzen, Zusammenschlüsse und Umstrukturierungen.

Das offene Eingreifen der US-Regierung ist ein Zeichen für die Schärfe, die dieser Kampf jetzt angenommen hat. Dass sich die Regierung in solche Fragen einmischt, ist an sich nicht neu. Es gehört zu ihren Routineaufgaben, in Konflikten zwischen verschiedenen Fraktionen des Kapitals zu vermitteln, um die Interessen des amerikanischen Kapitalismus als Ganzem zu wahren. Die Intensität der Auseinandersetzung zwischen den Computer- und Internetgiganten hat jedoch ein solches Ausmaß angenommen, dass die üblichen Methoden von Verhandlungen und Absprachen hinter den Kulissen nicht mehr ausreichen.

Normalerweise werden Konzernpraktiken wie Erpressung und Bestechung mit scheinlegalen Methoden abgewickelt und im Namen des "Geschäftsgeheimnisses" vor der Öffentlichkeit verborgen. Wenn sich die Regierung allerdings einmal gezwungen sieht, zugunsten des einen oder anderen Lagers einzugreifen, muss sie zwangsläufig den heiligen Schleier des Geschäftsgeheimnisses ein wenig lüften. Dann kann man einen kurzen Einblick in die Geschäftspraktiken des Kapitals gewinnen. Der Fall Microsoft ist ein solches Beispiel.

Das von der Regierung und dem Justizministerium vorgelegte Beweismaterial und die juristischen Schlussfolgerungen von Richter Thomas Penfield Jackson zeigen, dass die Praktiken von Microsoft nicht nur dazu dienten, die Konkurrenten des Computerriesen aus dem Feld zu schlagen, sondern durch die Unterdrückung technologischer Innovation die Gesellschaft als Ganze schädigten.

Die Tatsache, dass gerade Microsoft, und nicht seine Rivalen Netscape und Sun Microsystems, im Fadenkreuz des Justizministeriums stehen, liegt weniger an den persönlichen Charaktereigenschaften oder psychologischen Schrullen seines Konzernvorsitzenden Bill Gates. Individuelle Gier und Rücksichtslosigkeit spielen eine Rolle, aber letztlich wird Microsoft für seine kriminellen und wettbewerbsfeindlichen Praktiken verurteilt, mit denen der Konzern auf die Herausforderung reagierte, die das Aufkommen des Internets für seine Position als größtes Monopol darstellte.

Microsoft hält ein weitgehendes Monopol bei Intel-kompatiblen PC-Betriebssystemen mit derzeit mehr als achtzig Prozent Marktanteil. Dies ist in gewisser Weise ein sich selbst erhaltendes Monopol: Da Microsoft die weitverbreitetste Plattform ist, ist es diejenige, für die am ehesten Anwendungen entwickelt werden. Und weil mehr Anwendungen dafür verfügbar sind, ist Microsoft die Plattform, die von Endanwendern am ehesten gekauft wird, insbesondere von Geschäftskunden. Im Bereich der Büroanwendungen kontrolliert Microsoft mit seinem Office-Paket neunzig Prozent des Marktanteils.

Als beherrschende Kraft im "traditionellen" Markt für Computer-Software sah Microsoft das Aufkommen neuer Technologien als direkte Bedrohung seiner Position und versuchte ganz bewusst, sie zu unterdrücken. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Chefs seiner Rivalen in der selben Lage anders gehandelt hätten.

Richter Jacksons rechtliche Schlussfolgerungen gründeten sich auf Gutachten von Experten, die Hunderte Seiten umfassten. Diese Gutachten geben einen Einblick in die Methoden der großen Konzerne, wenn ihre Märkte bedroht sind.

Die Bedeutung des World Wide Web

Das Aufkommen des World Wide Web eröffnete die Möglichkeit eines großen Fortschritts beim Einsatz von Computern. Entwickelt auf der Grundlage von offenen Protokollen, die den unterschiedlichsten Kombinationen von Hard- und Software die Kommunikation erlauben, versprach das Web, die Abhängigkeit vom Desktop Computer und v.a. den Betriebssystemen und Anwendungen von Microsoft zu überwinden.

Nicht lange nach dem Aufkommen der ersten Browser wurde immer klarer, dass es nicht nur möglich war, Dokumente auf jedem ans Internet angeschlossenen Computer zu lesen, sondern dass der offene Charakter des Internets genutzt werden konnte, um Anwendungen auf jedem angeschlossenen Computer laufen zu lassen. Das Internet als "Netz der Netzwerke" musste zwangsläufig zum Aufkommen von Netzwerk-Computern führen. Diese waren sehr kostengünstig und konnten das Internet sowohl für Speicher als auch für Verarbeitungsgeschwindigkeit nutzen. Der Browser wurde zur wesentlichen Schnittstelle, über die alle Computeranwendungen liefen.

Eine Reihe neuer Programmiersprachen wurde entwickelt, um dies zu erleichtern. Die bekannteste ist Java. Sie wurde im Mai 1995 von Sun Microsystems entwickelt. Java-Programme sind nicht für die Maschinensprache einer bestimmten Kombination Hardware und Software geschrieben. Stattdessen nutzt Java eine virtuelle Maschine, die auf ein bestehendes Betriebssystem aufsetzt. Ein in der Java-Sprache geschriebenes Programm wird in eine Bytecode-Datei zerlegt, die auf jedem Betriebssystem läuft, auf dessen Plattform Java vorhanden ist.

Netscape, dessen Navigator damals den größten Marktanteil bei Browsern hielt, baute die Java-Technologie in den Navigator ein. So wurden Netscape und Sun Microsystems die beiden größten Gegenspieler von Microsoft.

Der Browserkrieg

Im "Browserkrieg", der daraufhin einsetzte, entwickelte Microsoft eine Strategie, die sicherstellen sollte, dass der Navigator keine Plattform zur Entwicklung alternativer Software wurde.

Laut den juristischen Schlussfolgerungen von Richter Jackson "ging es Microsoft niemals darum, mit dem Internet Explorer direkt nennenswerte Einkünfte zu erzielen". Die Bedeutung des Internet Explorer (dem Browser von Microsoft) lag vielmehr in dem Potenzial der Browser-Software, zu einer Schnittstelle für sogenannte plattformübergreifende "Middleware" zu werden.

Die Bezeichnung "Middleware" bezieht sich auf Software, die nicht direkt mit dem Betriebssystem verbunden ist. Stattdessen greift sie auf eine dritte Komponente wie den Browser zu. Ein Beispiel dafür sind Web gestützte E-Mail Programme wie hotmail.com. Ein Nutzer kann mit einem Browser von jedwedem Computer E-Mail senden und empfangen. Weil die Software, mit der die web-gestützte E-Mail Anwendung läuft, sich auf dem Internet-Server und nicht auf dem Tischcomputer des Anwenders befindet, arbeitet sie unabhängig vom Betriebssystem und ist daher plattformübergreifend.

Weil plattformübergreifende Middleware auf eine Schnittstelle zugreifen kann, die nicht von Microsoft kontrolliert wird, und auf die mit vielen verschiedenen Betriebssystemen zugegriffen werden kann, hat sie das Potenzial, die Entwicklung von Anwendungen außerhalb der Kontrolle von Microsoft zu ermöglichen, was den Markt für Microsofts Anwendungen und letztlich auch den für sein Betriebssystem bedroht.

Jackson schreibt: "Microsoft hat die Middleware früh als das trojanische Pferd erkannt, das, wenn es einmal die Grenze der Anwendungen überwunden hat, es konkurrierenden Betriebssystemen ermöglicht, ungehindert in den Markt der Intel-kompatiblen PC-Betriebssysteme vorzudringen. Einfacher ausgedrückt, die Middleware hat Microsofts begehrte Monopolstellung bedroht. Durch diese Bedrohung aufgeschreckt, setzte Microsoft etwa vier Jahre lang alles daran, zu verhindern, dass die Middleware-Technologie die Entwicklung von ausgereiften, plattformübergreifenden Anwendungen begünstigte und die Grenze der Anwendungen überwand."

Im Juni 1995 schlug Microsoft Netscape vor, keine Browser für die 32-Bit-Versionen von Windows (Windows 95 und NT) herauszubringen. Als Netscape sich weigerte, das Projekt fallen zu lassen, begann Microsoft eine Kampagne, um seine Verbreitung gering zu halten.

Jackson erklärt, dass die Strategie von Microsoft darin bestand, "solche Firmen mit den effektivsten Kanälen zur Verbreitung der Browser dazu zu veranlassen, den Internet Explorer statt den Navigator einzusetzen."

Die ersten Adressaten dieser Kampagne waren Hardware-Hersteller. Jackson führte aus, dass die Kampagne an drei Fronten geführt wurde: "Erstens band Microsoft den Internet Explorer zuerst vertraglich und später technologisch an Windows, um die herausragende (und schließlich ständige) Präsenz des Internet Explorer auf jedem Windows-PC sicherzustellen. ... Microsoft hat den OEMs (Hardware-Herstellern) starke Beschränkungen auferlegt, Windows 95 und 98 zu rekonfigurieren, um zu verhindern, dass die OEMs entgegen der vertraglichen und technologischen Hindernisse, die Microsoft zwecks Bindung des Internet Explorer an Windows eingesetzt hatte, den Navigator einsetzen konnten. ... Microsoft benutzte Anreize und Drohungen, um besonders wichtige OEMs zu veranlassen, in Vertrieb, Werbung und Technik Internet Explorer auf Kosten von Navigator zu fördern."

Jackson erklärt, dass die Entscheidung von Microsoft, den Internet Explorer an Windows zu binden, nicht als Versuch gewertet werden kann, den Verbrauchern zu nützen oder die Effizienz der Software zu steigern, "sondern vielmehr als Teil einer größeren Kampagne, Innovationen zu ersticken, die seine Monopolstellung bedrohten."

Die Behauptung von Microsoft, die "Integrität" der Windows-Plattform schützen zu müssen, wies der Richter ebenfalls zurück. "Microsoft selbst hat Instabilität und Unzuverlässigkeit erzeugt oder zumindest in Kauf genommen, indem Microsoft-freundliche Veränderungen am Desktop und der Boot-Sequenz zugelassen und öfter neue Versionen vom Internet Explorer als von Windows herausgebracht wurden."

Das zweite Ziel von Microsofts Angriff im Browserkrieg waren die Internet-Provider (IPs). Für den Internet Explorer und die zugehörige Software vergab Microsoft kostenlose Lizenzen an Hunderte solcher Anbieter. Dann verschickte Microsoft kostenlos wertvolle Werbepakete an die zehn wichtigsten IPs. Dafür sollten diese den Internet Explorer und nicht den Navigator vertreiben. Microsoft gewährte Vergünstigungen und zahlte manchmal sogar Prämien an Provider, die ihren Kunden Zugangssoftware mit dem Internet Explorer statt dem Navigator anboten.

Das Gericht kam zum Schluss, dass Microsoft sich ein "vertragliches Recht eingeräumt hat, einen IP von seiner Liste des Referral Server oder aus dem Ordner ‚Online-Dienste‘ zu entfernen." [Der Referral Server ist ein Server, der verschiedene Provider zur Auswahl anbietet, wenn der Anwender den Internet Verbindungsassistenten aufruft]. Das geschah selbst dann, wenn der IP den Navigator nicht in seine Zugangssoftware aufgenommen, jeden Hinweis auf ihn von seiner mit dem Referral Server verbundenen Website getilgt und keinen anderen Browser als den Internet Explorer an seine Nutzer verteilt hatte.

Microsoft hatte behauptet, dass Netscapes Beschwerden gegen die Firma auf die Forderung nach "freier Fahrt" auf den Märkten hinauslaufen, die von der Microsoft Plattform geschaffen wurden. Das Gericht befand, dass "Microsofts Beschränkungen in beträchtlichem Umfang die Vertriebsmöglichkeiten für den Navigator einschränken, die ohnehin keineswegs ‚freie Fahrt‘ für ihn bedeutet hätten."

Richter Jackson zog den Schluss, dass "Microsofts Druck auf die OEMs und IPs den Navigator praktisch aus den zwei Vertriebskanälen verbannte, die am ehesten zur Nutzung eines Browsers führen."

Der dritte Aspekt von Microsofts Angriff auf den Navigator bestand in einer Mafia-ähnlichen Kombination von Bestechungen und Drohungen gegen Konkurrenten wie Geschäftspartner. Das bekannteste Beispiel war Microsofts erzwungenes Abkommen mit Apple, den Internet Explorer und nicht den Navigator auf den Apple Macintosh Computern zu vertreiben. Microsoft hatte gedroht, die Produktion der Mac-Version seines Office-Pakets zu stoppen, falls Apple sich weigere. Die Anwerbung von Apple stellte sicher, dass Entwickler den Navigator nicht mehr wirklich als ein plattformübergreifendes Middleware Produkt akzeptierten.

"Microsofts Bereitschaft, das Geschäft mit dem Mac Office zu opfern, und die Zugeständnisse, die es von Apple hinsichtlich der Browser Software verlangte, können nur mit Microsofts Interesse erklärt werden, die Anwendungsbarriere zu schützen, die durch einen Einbruch mittels des Navigator bedroht war", schrieb Jackson.

Die Unterminierung der Java-Programmiersprache

Um die Übertragbarkeit von in Java geschriebenen Anwendungen zu unterminieren, entwickelte Microsoft seine eigene Java-Implementierung für Windows, die mit anderen Implementierungen nicht kompatibel war. Das Unternehmen beeinflusste Entwickler dann dahingehend, die Windows-Implementierung zu verwenden und nicht Sun-kompatible. Jackson: "Es verfolgte diese Taktik direkt mittels Täuschung und Gegengeschäften und indirekt durch seine Kampagne, den Nutzeranteil des Navigators zu vermindern." Microsoft nutzte seine Monopolstellung außerdem, um Firmen wie Intel daran zu hindern, die Entwicklung von plattformübergreifenden Schnittstellen zu unterstützen.

Rebecca Henderson, Professorin an der Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology, schrieb in ihrem Gutachten für das Gericht: "Microsoft unterminierte die plattformübergreifenden Fähigkeiten der Java-Technologie auf verschiedene Arten. Eine Methode war, Entwicklungstools international zu verbreiten, mit denen Anwendungen entwickelt wurden, die nur unter Windows liefen, und die Entwickler absichtlich nicht darauf hinzuweisen, dass die Produkte dieser Tools nur auf Win-32 Plattformen liefen." Sie zitiert eine Microsoft E-Mail von 1996, in der es heißt: "[Wir] sollten den Anteil von J++ [Microsofts Entwickler Tool] stillschweigend erhöhen und davon ausgehen, dass die Leute unsere Systeme nutzen, ohne jemals zu bemerken, dass sie Java Applets konstruieren, die nur unter Win-32 laufen."

Richter Jackson schloss. "Microsofts Maßnahmen, die Bedrohung durch Java zu kontern, gingen weit über die Entwicklung einer attraktiven Alternative zur Sun-spezifischen Implementierung der Technologie hinaus. Insbesondere übte Microsoft erfolgreich Druck auf Intel aus, das in vielerlei Hinsicht vom Wohlwollen Microsofts abhängig war, die Entwicklungsarbeit von Sun und Netscape an der Java-Technologie nicht zu unterstützen. ... Microsoft konstruierte seine Java-Entwicklungstools absichtlich so, dass auch Entwickler, die ihren Schwerpunkt auf Übertragbarkeit statt auf Performance legten, nichtsdestoweniger Java-Anwendungen schrieben, die nur unter Windows liefen."

Monopol-typische Praktiken

Es gibt deutliche Hinweise, dass die Regierung ursprünglich nicht auf eine Zerschlagung Microsofts hinarbeitete. Dem Unternehmen wurden vielfältige Möglichkeiten geboten, einen Vergleich zu schließen und seine Geschäftspraktiken zu verändern. Auch nach dem Urteil des Gerichts, dass Microsoft die Anti-Trust-Gesetze verletzt habe, wurde Bill Gates ehrenvoll im Weißen Haus empfangen.

Es ist noch keineswegs sicher, dass die geforderte Zerschlagung, die das Betriebssystem von dem Office-Paket trennen würde, tatsächlich zustande kommt. Microsoft hat erkennen lassen, dass es den Vorgang so lange wie möglich hinauszuziehen beabsichtigt; wenn das Zerschlagungsurteil am 24. Mai bestätigt werden sollte, werde man mehr Zeit fordern, um eine Berufung vorzubereiten. Weitere Verhandlungen könnten bis Dezember hinausgezögert werden. Im Verlauf einer langen juristischen Auseinandersetzung könnte Microsoft einige seiner extremsten Geschäftspraktiken abmildern und mit seinen Gegnern ein Übereinkommen treffen.

Zahlreiche Experten vertreten allerdings die Meinung, dass ein solches Ergebnis nicht möglich sei, weil die Praktiken, um die es bei dem Anti-Trust-Verfahren geht, den Kern von Microsofts Geschäftsgebaren ausmachen. Sie berufen sich auf die Tatsache, dass Microsoft seine räuberischen Geschäftspraktiken noch lange fortführte, nachdem das Gerichtsverfahren eröffnet worden war.

Die MIT-Professorin Henderson macht dies in dem Teil ihrer Vorlage klar, der sich mit Microsofts jüngstem Betriebssystem, Windows 2000, befasst. Sie erklärt, dass das neue Betriebssystem eine beträchtliche Anzahl von Funktionen bietet, die nur arbeiten, wenn die Unternehmen auch ihr Server-System auf Windows 2000 umstellen. Die Einführung des sogenannten Kerberos-Sicherheitssystems durch Microsoft, das bei der Identifizierung von Passwörtern auf Unix-Servern inzwischen Standard ist, funktioniert nur mit Servern, die Windows 2000 benutzen. Ähnlich ist es auch mit neuen Netzwerkkomponenten, die es dem Benutzer nur erlauben, das gleiche Desktopsystem und die Dateien auf anderen Rechnern eines Netzwerk zu benutzen, wenn dieses mit einem Windows 2000 Server arbeitet. Das gleiche trifft auf die Ergebnisse der Arbeitsgruppen zu, die in dem neuen Betriebssystem integriert sind.

Es wird befürchtet, dass Microsoft auch weiterhin Innovationen auf anderen Gebieten verhindern wird. Laut Presseberichten soll es eine E-Mail geben, die angeblich von Gates stammt, in der er Microsoft anweist, seine Software dergestalt umzuschreiben, dass Wettbewerber im Bereich der Palm Tops [Handflächengroße Computer] geschädigt werden. Kommentatoren glauben, dass die E-Mail im Zusammenhang mit dem Konkurrenzkampf steht, der zwischen Handgeräten, die mit dem Microsoft CE-System ausgestattet sind, und den Handgeräte-Serien der Firma Palm tobt. Microsoft Outlook ist das einzige größere E-Mail-Paket, das nicht mit Palm kompatibel ist, sofern der Benutzer nicht zusätzliche Software installiert.

Gesellschaftliche Konsequenzen des Microsoft-Prozesses

Selbst eine kurze Betrachtung der Enthüllungen über Microsoft macht klar, dass seine Praktiken nicht nur vom Standpunkt der amerikanischen Anti-Trust-Gesetze kriminell, sondern insgesamt gegen die Gesellschaft gerichtet sind. Der Fall Microsoft hat für das tagtägliche Leben von Millionen Menschen ernste Konsequenzen. Hunderttausende arbeiten für Microsoft und andere Technologie-Konzerne auf der ganzen Welt. Weitere Millionen haben Ersparnisse in Aktien angelegt, die ausgelöscht werden könnten, wenn zum Beispiel ein rapider Verfall der Microsoft-Aktien Panikverkäufe provozieren würde. Nicht nur Vorstandsvorsitzende und Investmentbanker, sondern immer größere Teile der arbeitenden Bevölkerung sind mit ihren Renten und Versicherungen vom Aktienmarkt abhängig.

Darüber hinaus handeln Microsoft und seine Rivalen mit Technologie, die eine bedeutende Rolle im Leben der Menschen auf der ganzen Welt spielt. Zum Beispiel sind Fortschritte in der Medizin eng mit weiteren Neuerungen in der Computertechnologie verknüpft.

Es leuchtet ein, dass man es diesen Monopolen nicht erlauben kann, das Wohlergehen der Gesellschaft mit Füßen zu treten. Aber kann irgendjemand ernsthaft glauben, dass die Interessen der Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung der Clinton Regierung anvertraut werden können?

Dies ist eine Regierung, die ihre Unterwürfigkeit den großen Konzernen gegenüber wiederholt bewiesen hat. Sie steht für eine beispiellose Bonanza an der Wall Street, die einigen Wenigen enormen persönlichen Reichtum verschafft, während die Arbeiter in immer schlimmere wirtschaftliche Not geraten.

Dennoch hat die US-Regierung mit ihrer Aktion gegen Microsoft unvermeidlich Licht auf einen grundlegenden Widerspruch der heutigen Epoche geworfen: Die enormen technologischen Fortschritte der letzten zwei Jahrzehnte sind zunehmend in Widerspruch zu einem Gesellschaftssystem geraten, das auf der Grundlage des Privateigentums an den Produktionsmitteln und der Produktion für Profit funktioniert.

Das Auftauchen des Internets und seine Nutzung mittels allgemeiner Standards verspricht eine strategische Entwicklung der Computertechnologie und gleichzeitig ein Anheben des gesellschaftlichen und kulturellen Niveaus der Menschheit. Als weltumspannendes Netz von Computern erlaubt das Internet eine beispiellose gesellschaftliche Arbeitsteilung in internationalem Maßstab. Anstatt jedoch die volle Kraft dieser Technologie zu entfalten, wirkt der kapitalistische Markt als Hindernis für ihre vernünftige und progressive Entwicklung.

Microsoft, der mächtigste Technologiekonzern der Welt, ist in der Lage, diese Technologien zu bremsen, wenn sie seine Position bedrohen. Dadurch wirft er tatsächlich den technischen Fortschritt der Gesellschaft zurück. Aber Microsoft steht damit nicht allein.

Während der Termin für die mündliche Verhandlung im Microsoft-Prozess näherrückt, entwickelt sich ein genauso erbitterter Kampf zwischen den Kabelbetreibern um die Kontrolle über Breitbandtechnologie, durch welche die Menschen Zugang zum Internet bekommen. Im gleichen Moment, in dem das Aufbrechen des Microsoft-Monopols tatsächlich in den Bereich des Möglichen rückt, wird ein Megamonopol von America Online (AOL) und Time Warner vorbereitet. AOL ist bei weitem der größte Internet-Provider der Welt, und Time Warner ist der zweitgrößte Kabelfernseh-Betreiber und weltweit in den Bereichen Musik, Film und anderen Medien führend.

Monopole sind das unvermeidliche Ergebnis der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft. Nicht nur in der Computertechnologie, sondern in jeder größeren Industrie führt der Prozess der kapitalistischen Akkumulation dazu, dass kleines Kapital im großen aufgeht, wobei ein Einzelner oder eine kleine Gruppe letzten Endes alles beherrschen. Das Problem ist nicht einfach Bill Gates oder selbst Microsoft, sondern vielmehr ein Wirtschaftssystem, dessen grundlegende Bedürfnisse gesellschaftlich zerstörerische Praktiken diktieren.

Das volle technologische und soziale Potenzial der Gesellschaft wird nicht realisiert, indem dieser oder jener Aspekt des kapitalistischen Marktes reguliert wird. Die Aufspaltung des Microsoft-Monopols in ein Duopol wird wenig nützen, um diese Art räuberischer Geschäftspraktiken zu unterdrücken, die in dem Prozess aufgedeckt wurden.

Die soziale Bedeutung der Technologie, um die es hier geht, ist so groß, dass sie nicht dem persönlichen Interesse einer kleinen Handvoll Geschäftsleute und Investmentbanker überlassen werden kann. Notwendig ist die Umwandlung der kapitalistischen Monopole in öffentliche Einrichtungen, die unter der demokratischen Kontrolle der arbeitenden Menschen stehen.

Der Fall Microsoft weist auf die Notwendigkeit einer fundamentalen Reorganisation der Gesellschaft aufgrund eines sozialistischen Programms hin. An die Stelle des Marktes müssen Expertengremien treten, die darüber entscheiden, welche Standards sich durchsetzen. Sie werden der Bevölkerung Rede und Antwort stehen und für die Standardisierung und Genehmigung von Innovationen zuständig sein. Der Nutzen der Technologie darf sich nicht daran messen, ob sie den Konzernchefs möglichst großen persönlichen Reichtum verschafft, sondern ob sie die Gesellschaft als Ganzes vorwärts bringt.

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