Japan: Mord an Zweijähriger zeigt wachsende soziale Entfremdung

Von Angela Pagano
27. Juli 2000

Als Ende letzten Jahres eine 35-jährige Mutter von zwei Kindern, Mitsuko Yamada, die zweijährige Tochter ihrer Nachbarin ermordete, schockte der Fall Japan und führte zu einer breiten öffentlichen Diskussion darüber, wie solch ein Verbrechen passieren konnte. Die Antworten weisen auf tiefe soziale Spannungen sowie auf ein wachsendes Gefühl der Entfremdung, Isolation und Frustration hin.

Bei ihrer Verhandlung im März bekannte sich Yamada schuldig. Sie hatte das Kind, Haruna Wakayama, von einem Kindergarten im Zentrum Tokios mitgenommen und auf einem öffentlichen WC erwürgt. Den Körper des Kindes brachte sie anschließend in einer Tüte mit dem Zug zur Wohnung ihrer Mutter und begrub ihn dort.

Vier Tage später stellte sich Yamada, eine frühere Krankenschwester, der Polizei und gestand. Offensichtlich verwirrt durch ihre eigene Tat, entschuldigte sie sich wiederholt vor Gericht: "Ich nahm der unschuldigen Haruna das Leben und brachte große Trauer über ihre Familie. Ich sollte nicht länger leben dürfen."

Während dieser Zeit porträtierten die Medien den Mord als Verbrechen aus Eifersucht. Yamadas eigene 2jährige Tochter hatte kürzlich eine Aufnahmeprüfung für einen Platz im vornehmen Otawa-Kindergarten nicht bestanden, während die Tochter der Nachbarin bestanden hatte.

Im Bunkyo-Distrikt im Zentrum Tokios, wo die beiden Familien leben, befinden sich viele private Vorschulen und Grundschulen, die direkt mit führenden Universitäten in Tokio verbunden sind.

Von 1.500 Bewerbern wurden nur 70 Kinder an der Otawa-Vorschule aufgenommen. Diese ist direkt verbunden mit der Ochanomizu-Universität.

In ihrer Verhandlung bestritt Yamada aber, dass Eifersucht das Motiv gewesen wäre. Sie sagte dem Gericht, dass die Beziehung zur Mutter des Kindes unerträglich geworden sei. Sie sagte, die Frau meide sie bewusst und verleumde ihren 5-jährigen Sohn, der den selben Kindergarten besucht, wie der 5-jährige Sohn der Nachbarin.

Der Polizei sagte sie, durch die Ermordung Harunas würde sie nicht länger mit der Mutter des Opfers zu tun haben müssen.

Der Mordfall erhielt große Aufmerksamkeit in den Medien und löste eine öffentliche Diskussion über den hochgradigen Wettbewerb innerhalb des Erziehungssystems und die damit verbundene, oft unerträgliche Verantwortung der Mütter aus, den Erfolg ihrer Kinder zu garantieren.

Ein Leitartikel der Zeitung Tokyo-Shimbun kommentierte: "Der derangierte geistige Zustand, der zu diesem Mord führte, wurde geschaffen durch die Beziehungen zwischen Hausfrauen, die durch ihre Kinder leben. Die Herausforderung dieses Prozesses ist, diese tief verwirrte Gesellschaft zu verstehen, die selbst Müttern ein Motiv gibt zu töten." Doch die eigentliche Frage, die es zu verstehen gilt, ist nicht, wie die "Gesellschaft der Mütter" ein solches Verbrechen hervorbringen konnte, sondern wie die japanische Gesellschaft als Ganzes die Bedingungen für diese Tragödie schuf.

Während die Ehemänner gezwungen sind, lange zu arbeiten, um ihre Jobs zu behalten, wird die Last der gesamten Kindererziehung in den meisten japanischen Familien den Frauen aufgebürdet.

Unter Tokios nicht arbeitenden Frauen der Mittelschicht wirft der schulische Erfolg des Kindes ein Licht auf die Mutter. Viele Frauen sehen es als die einzige Möglichkeit an, sich durch ihre Kinder selbst zu verwirklichen. Junge Frauen in den Stadtzentren, isoliert von ihren Großfamilien und mit wenig oder keiner Hilfe - aufgrund der Abwesenheit ihrer Ehemänner - können durch diese Wettbewerbssituation überfordert werden.

Machzawa Shizuo, eine Psychiaterin aus Tokio, äußerte zu dem Fall: "Sie war in eine Kultur eingebunden, in der die Hauptinteressen das berufliche Weiterkommen des Ehemannes, die Schulausbildung der Kinder und der allgemeine soziale Status der Familie sind." Weiter sagte Shizuo, sie hätte eine ansteigende Anzahl von Patienten, die Nervenzusammenbrüche wegen diesem Snobismus und der damit zusammenhängenden Schikaniererei erlebt hätten.

Genturo Kawakami, Professor für Soziologie an der Shumei- Universität und ein Kritiker des Erziehungssystems, kommentiert: "Die Leute haben diese Illusion, dass ein glückliches Leben auf einen wartet, wenn man auf eine gute Schule geht. Wir erziehen heute in Japan Kinder, als ob wir Tiere abrichten würden.

Als ich jung war, waren die menschlichen Beziehungen besser, nicht nur unter Verwandten, sondern auch in Nachbarschaften. Es gab vielfältige Wege, das Potential eines Menschen zu fördern. Heutzutage ist die Gesellschaft derart engstirnig darauf ausgerichtet, uns nur noch durch IQ-Tests und Schulnoten zu messen. Wenn sie sich einem Fremden vorstellen, geben die meisten Mütter sogar die Firma ihres Mannes und die Schule ihres Kindes an."

Als die Zeitung Yomiori-Shimbu eine Serie von Artikeln über Yamadas tägliches Leben herausbrachte, bekam sie mehr als 1000 Briefe, Faxe und Emails. Die meisten waren Symathiebekundungen für Yamada. "Kinder in einem kleinen Kreis von Bekanntschaften zu erziehen ist eine deprimierende, einsame Pflicht", schrieb eine Frau. "Hausfrauen, die keinen Kontakt zu anderen in ihrer Nachbarschaft haben, leiden, weil sie niemanden zum Reden haben", schrieb eine andere Frau.

Norito Hiramatsu, Mutter von zwei Kindern in derselben Vorschule, kannte beide Mütter. In einem Interview mit der Washington Post sagte sie: "Anfangs waren sie Freundinnen. Aber jeder kann Opfer der Schikaniererei werden. Die Opferrolle wechselt von einer zur anderen." Die Mutter des ermordeten Kindes beschreibt sie als offenherzig und wohlhabend. "Yamada sagte nie ihre eigene Meinung und zeigte niemals ihre Gefühle. Das bleibende Bild, das ich von Yamada habe, ist ihr Nicken, während sie anderen Leuten zuhörte."

Sich nicht ausdrücken zu können, das fehlende Prestige eines wohlhabenden Ehemannes sowie Hohn und Spott anderer brachten Yamada in einen Zustand, in dem die Situation für sie unerträglich wurde und sie regelrecht "ausrastete". "Ich habe großes Verständnis für die Gedanken, die Yamada hatte", sagte Hiroko Kusama, eine Lehrerin und alleinerziehende Mutter. "Eine Menge Frauen teilen diese Gedanken, wenn auch nicht bis zum Mord, aber viele Frauen sind nicht weit davon entfernt."

Während die Wettbewerbssituation in diesen sozialen Kreisen Japans immer schon sehr intensiv war, ist die Situation durch die anhaltende wirtschaftliche Rezession noch verschlimmert worden. Die Top-Plätze in jedem Bereich der Bildung und des sozialen Lebens zu erreichen, gilt als immer wichtiger werdendes Zeichen des Erfolgs.

Die letzten Arbeitslosenzahlen zeigen 4,9 Prozent oder 4,39 Millionen Menschen arbeitslos - die höchsten Zahlen der Nachkriegszeit. Über 320.000 Menschen, meist in den Zwanzigern, konnten keine Arbeit finden, obwohl sie an Universitäten graduiert hatten. Das System lebenslanger Arbeitsplätze, die die Regierung und große Firmen früher garantierten, existiert nicht mehr.

Unter diesen Umständen lastet ein noch höherer Druck auf Eltern. In der Hoffnung, ihnen dadurch eine sichere Zukunft zu geben, müssen ihre Kinder die Aufnahmeprüfungen bestehen. Zwei Jahre alte Kinder sitzen in Examen, in denen ihr Benehmen und ihr Wissen getestet werden, um Plätze in Elitekindergärten zu bekommen, die mit wichtigen Schulen und Universitäten verbunden sind.

Die dominante Philosophie des Erziehungssystems steht gegen die Vorstellung, dass Kinder in diesem Alter spielen und Spaß haben sollten. Ein Kindergartenrektor eines wohlhabenden Distrikts erklärt: "Ich mache seit 30 Jahren Früherziehung und ich weiß, dass Eltern die beste Erziehung für ihre Kinder wollen. Was ist falsch am Wettbewerb? Es geht nicht darum, die Kinder mit Wissen und Regeln zu mästen, sondern darum, ihnen eine gewisse Disziplin beizubringen, die sie zu Hause nicht bekommen, sie so zu formen, wie unsere Gesellschaft sie braucht. Zu diesem Zweck reicht es nicht aus, Kinder essen und schlafen zu lassen. Was wir ihnen geben, ist ein Sinn für Ziele."

Falls Eltern ihr Kind in eine Eliteschule bekommen, die mit einer Universität verbunden ist, hat das Kind größere Chancen im Elitesystem zu bleiben und nicht in private Nachhilfeschulen, die sogenannten "juku", gehen zu müssen. Diese Schulen kosten bis zu 910 Dollar im Monat. Kinder besuchen sie nach der regulären Schulzeit von 17 bis 21 Uhr, um sich auf die schwierigen Aufnahmeprüfungen der Eliteschulen vorzubereiten.

Dieser oft grausame Zeitplan und die finanzielle Bürde können den Familien einen hohen Preis abverlangen. So investierte eine Familie 1.800 Dollar im Monat über drei Jahre hinweg, um ihren 11 Jahre alten Sohn Ryohei in eine solche Schule zu bekommen. Als er die Aufnahmeprüfung nicht bestand, waren Mutter und Sohn am Boden zerstört. "Mehrere Wochen weigerte er sich, mit jemandem zu sprechen oder seine Freunde zu treffen", sagte die Mutter.

"Ich war ebenfalls schockiert. Es war ein harter Schlag für die ganze Familie. Aber nach einigen Beratungen riss ich mich zusammen und entschuldigte mich bei meiner Familie. Wir verbrachten viel Zeit mit Ryohei. Obwohl wir noch einige Stresssymptome sehen, scheint es, als würde er sich an seine jetzige staatliche Schule anpassen können."

Einst wurde Japan als Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit gesehen, doch das ist nicht länger der Fall. Wirtschaftliche Probleme erzeugen riesige soziale Spannungen. Wenn Einzelne keine Lösung mehr für ihre oder die Probleme der Gesellschaft sehen, kann dieser Druck tragische Folgen haben. Ähnlich wie bei den Schulschießereien in den USA, kann auch die Schuld am Mord an Haruna Wakayama nicht einfach dem Individuum zugeschrieben werden, sondern ist Symptom einer kranken Gesellschaft.