Der iranische Präsident Khatami besucht Goethes Weimar

Eine Farce mit Unterstützung der deutschen Regierung

Von Stefan Steinberg
25. Juli 2000

Nachdem er vor Vertretern der deutschen Wirtschaft gesprochen und Geschäfte in zweistelliger Millionenhöhe abgeschlossen hatte, beendete der iranische Präsident Mohammed Khatami seinen Staatsbesuch in der vorvergangenen Woche mit einem Besuch der Stadt Weimar. Der angebliche Zweck dieses Besuchs bestand darin, das "Verständnis zwischen den Völkern" und den "kulturellen Austausch zwischen Ost und West" zu fördern. In Begleitung des Bundespräsidenten Johannes Rau (SPD) enthüllte Khatami ein Denkmal, das den beiden größten Dichtern Deutschlands und Persiens, Johann Wolfgang von Goethe und Mohammed Schams al Din (Hafis), gewidmet ist.

Für diesen Tag wurde die liebliche Stadt Weimar in eine militärische Festung verwandelt. Die historischen Fassaden und Dächer der Häuser, von denen einige noch aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert stammen, waren mit Scharfschützen und Militärpolizei besetzt. Eine kleine Demonstration von iranischen Oppositionellen wurde zahlenmäßig von der Polizei weit übertroffen und auf ein Gebiet beschränkt, das weit entfernt vom Besuchsziel Khatamis lag - Goethes Haus in Weimar, in dem der berühmteste deutsche Dichter in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts lebte. Die dreitägige Visite des iranischen Präsidenten und Freundes der "Kultur" zog eine der komplexesten und kostspieligsten (9,9 Millionen DM) Polizei- und Militäroperationen der deutschen Nachkriegsgeschichte nach sich.

Tatsächlich demonstriert Khatamis Weimarbesuch die zynische Art, mit der die deutsche und die iranische Regierung ihr herausragendes gemeinsames Kulturerbe missbrauchen, um die zunehmenden Angriffe auf demokratische Rechte in beiden Ländern zu verschleiern.

Im Anschluss an die Enthüllungszeremonie sollte Khatami 20 Minuten lang vor den versammelten Würdenträgern sprechen. Tatsächlich sprach er länger und ging auf die engen historischen Verbindungen zwischen dem Iran und Deutschland ein. Er bezog sich auf Goethes Affinität zu dem Werk des persischen Poeten Hafis aus dem vierzehnten Jahrhundert wie auch auf den persischen Dichter und politischen Führer Muhammad Allama Iqbal (1877-1938).

Khatamis Verweis auf die Beziehung zwischen Goethe und Hafis ist historisch richtig. Goethe stieß 1814 zum ersten Mal auf Übersetzungen des persischen Dichters Hafis. Er wurde unmittelbar ergriffen von den lebendigen, das Leben erfassenden Texten des Persers, der eine große Bandbreite an Metaphern einsetzte, um den Zustand der Menschheit zu erfassen. Goethe erklärte sich selbst zu Hafis Zwillingsbruder und setzte sich das Ziel, Liebe und Wein in der Weise seines Geistesbruders zu rühmen. Mitte des gleichen Jahres schrieb Goethe 30 Verse, die dem iranischen Dichter gewidmet waren.

Goethe wurde oft als der Inbegriff des deutschen Dichters beschrieben - charakteristisch für sein Werk ist allerdings seine Universalität. Sein literarisches Interesse und Studium umfasste die gesamte europäische Literatur, darunter die griechischen und römischen Klassiker wie auch die herausragende Prosa und Poesie Arabiens und des Mittleren Ostens, Chinas und Indiens. 1827 schrieb er: "Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit."

Gleichermaßen richtete sich Hafis, als er im vierzehnten Jahrhundert seine Gedichte schrieb, nicht an ein "nationales" Publikum. Das orientalische Reich dieser Zeit, dessen Herz Persien war, erstreckte sich über die arabischen Länder, Nordafrika, Sizilien und Spanien. Goethe schrieb eine Strophe, die Hafis mit Spaniens berühmtesten Dichter Calderon de la Barca in Verbindung bringt:

Herrlich ist der Orient Übers Mittelmeer gedrungen; Nur wer Hafis liebt und kennt, Weiß, was Calderon gesungen. (Werke, Bd. II, Hamburg 1948, S. 57)

Dieses unermesslich kostbare Kulturerbe wird von der iranischen und deutschen Regierung missbraucht, um die engstirnigen Profitinteressen ihrer herrschenden Eliten zu fördern.

Die meisten deutschen Tageszeitungen priesen Khatamis Besuch in Weimar in den höchsten Tönen und portraitierten ihn als aufgeklärte Figur. Die Frankfurter Rundschau überschrieb einen Artikel über Khatamis Besuch mit einer Zeile aus Hafis Werk: "Lass uns Rosen streuen und Becher mit Wein füllen". In dem Artikel wurde Khatami in seinem hellen Gewand als "strahlendes Licht" im auffallendem Kontrast zu seinem dunkel gekleideten Gefolge beschrieben.

Bei seinem Deutschlandbesuch sprach Khatami wiederholt von der Notwendigkeit zur Toleranz, Freiheit und zum Verständnis zwischen den Kulturen, aber seine eigene Karriere ist eng mit dem Aufstieg des islamisch-fundamentalistischen Regimes unter der Führung von Ayatollah Khomeini verbunden, das nach der Volksrevolution von 1979 an die Macht kam.

Khatami wurde 1982 zunächst von Premierminister Mousavi zum Minister für Kultur und islamische Unterweisung ernannt. Während des Iran-Irak-Kriegs von 1980 bis 1988 war Khatami Chef des Gemeinsamen Kommandos der Streitkräfte und Vorsitzender des Kriegspropaganda-Hauptquartiers. 1989 wurde er von Präsident Rafsanjani ein weiteres Mal zum Kulturminister ernannt. Er trat 1992 von diesem Amt zurück und wurde dann kultureller Berater von Präsident Rafsanjani und Vorsitzender der iranischen Nationalbibliothek.

Khatami beschwört nun den Geist Hafis‘, um sich selbst den Mantel des demokratischen Reformers umzuhängen und gleichzeitig Unterstützung für seinen derzeitigen Fraktionskampf gegen ultraorthodoxe Elemente innerhalb des iranischen Regimes zu gewinnen. Tatsächlich wurde Hafis‘ Werk von den orthodoxen Mullahs lange Zeit ignoriert und vernachlässigt, da sie seinen Versen zum Ruhm von "Liebe und Wein" wenig Sympathie entgegenbrachten. Nach der Erhebung, die das alte Regime des Schahs beiseite schob, missbilligte die islamische Diktatur unter Ayatollah Khomeini und Kulturminister Khatami das Werk Hafis‘. Erst zu Beginn der neunziger Jahre trat eine gewisse Entspannung ein und Hafis‘ Gedichte wurden wieder in der Öffentlichkeit diskutiert.

Von Seiten Deutschlands reichen die "kulturellen Verbindungen" zum islamischen Regime anderthalb Jahrzehnte zurück. Im Jahre 1984 stattete der damalige Außenminister Hans Dietrich Genscher Teheran einen persönlichen Besuch ab. Er legte einen Kranz am Grab der gefallenen Märtyrer für die Revolution nieder und schloss ein "Kulturabkommen" mit der islamischen Regierung des Ayatollahs. Die war ein Schritt von großer Bedeutung, da er dem Khomeini-Regime eine Tür zum Westen öffnete.

Khatami war 1989 Kulturminister, als Ayatollah Khomeini das Todesurteil (Fatwa) über den britischen Autor Salman Rushdie verhängte für dessen kritische Beschreibung Mohammeds in seinem Buch "Satanische Verse". Zu dieser Zeit verteidigte Khatami offen die Fatwa. Vor zwei Jahren, als Präsident, empfahl er, das Todesurteil möge nicht vollstreckt werden - trotzdem hat er nichts getan, um die islamistischen Fundamentalisten im Iran zurückzuweisen, die derzeit nicht nur die Durchführung der Fatwa fordern, sondern diese auch auf die Verleger von Rushdies Buch ausdehnen wollen.

In den vergangenen Wochen veröffentlichte das iranische Wochenmagazin Die Front den Aufruf "Tötet Ihn", mit dem fanatische Anhänger des islamischen Regime aufgefordert werden, einen in Essen lebenden Verleger zu exekutieren, der eine Neuauflage der "Satanischen Verse" in Deutschland plant. In den vergangenen zwei Jahren wurden insgesamt fünf regimekritische iranische Schriftsteller ermordet, nachdem sie wiederholt Morddrohungen erhalten hatten. Obwohl Nachforschungen auf eine Verwicklung der iranischen Geheimpolizei hindeuteten, wurde die offizielle Untersuchung der Mordfälle eingestellt - mit Genehmigung des Präsidenten.

Zudem haben sich die staatlichen Zensurmaßnahmen gegen iranische Zeitungen verstärkt. Im vergangenen November wurde Abdollah Nouri, Herausgeber der zwei Tageszeitungen Khordad und Asr-e Azadegan(Ära der Freien), verhaftet und vom sogenannten Iranischen Sondergericht des Klerus zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Die Anklagen gegen ihn umfassten die Veröffentlichung von anti-islamischen Artikeln und die Beleidigung von Regierungsvertretern. Auch der Herausgeber der Zeitung Neshat(Glück), Mashallah Shamsolva'ezin, wurde verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Shamsolva'ezin wurde wegen Beleidigung des Islams angeklagt und weil er einen Artikel in seiner Zeitung veröffentlicht hatte, der den Wert der Todesstrafe im Iran in Frage stellte.

Nouri ist ein Verbündeter Khatamis und seine Verhaftung durch das Sondergericht des Klerus war ein Versuch, in der heißen Phase vor den Präsidentschaftswahlen, die im Februar dieses Jahres stattfanden, Khatamis Einfluss zu unterhöhlen. Nach den Wahlen jedoch hat sich die politische Unterdrückung der Medien unter Khatamis Herrschaft verstärkt. Erneute Verhaftungen von Journalisten im Iran fanden im April diesen Jahres statt, darunter auch die des Journalisten Akbar Ganij.

Akbar Ganijs Verbrechen bestand darin, dass er über eine Konferenz berichtete, die im April dieses Jahres in Berlin stattgefunden hatte. Die von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung unter dem Thema "Der Iran nach den Wahlen" organisierte Konferenz sollte dem Besuch Khatamis den Weg ebnen und die "demokratische Glaubwürdigkeit" der neuen Regierung demonstrieren. Sie stand unter dem Einfluss der iranischen Regierung. Zu den prominentesten Teilnehmern gehörten eine Reihe von Schriftstellern und Intellektuellen, die dem islamischen Establishment nahe stehen und sich als Stichwortgeber und Handlanger für dieses betätigten.

Iranischen Oppositionellen gelang es, in die Konferenz einzudringen und ihren Verlauf zu stören. Die iranische Regierung versuchte darauf zu verhindern, dass die iranischen Medien über den Skandal berichteten. Insgesamt 13 Zeitungen und Magazine wurden durch den Schlag der Regierung im April dazu gezwungen, ihr Erscheinen einzustellen.

Obwohl Khatami bei seinem Deutschlandbesuch für Offenheit und Toleranz warb, geht die kulturelle Unterdrückung im Iran weiter. In jüngster Zeit wurden zwei iranische Magazine zensiert und erhielten Warnungen, weil sie sich des Verbrechens der "Obszönität" schuldig gemacht hätten. Die Schuld eines Magazins bestand darin, ein Bild der ehemaligen britischen Premierministerin Maggie Thatcher veröffentlicht zu haben, auf dem sie einen kurzen Rock trägt; das andere Magazin druckte das berühmte Bild aus der französischen Revolution - Marianne auf den Barrikaden, die ihre nackte Brust zeigt.

Weitere durch und durch reaktionäre Aspekte des iranischen Regimes, darunter die jüngste Schikanierung und Einkerkerung von 13 Juden, waren bereits das Thema mehrerer Artikel auf dem wsws. Während seines Weimarbesuchs darauf angesprochen, verteidigte Khatami das Verfahren und die Gefängnisstrafen für die Gruppe von Juden und wiederholte die offizielle Regierungslinie, dass alle rechtmäßig der Spionage für schuldig befunden worden wären. Er rechtfertigte auch die Verfolgung der Bahai-Religion, von der Anhänger in Khatamis Amtszeit exekutiert worden sind.

Die scharfen Übergriffe auf demokratische Rechte, die derzeit im Iran stattfinden, können nicht kurzerhand als Produkt einer Gesellschaft mit "verschiedenem Kulturerbe" abgetan werden. Obwohl Khatami in einen ernsten Machtkampf mit einflussreichen, ultraorthodoxen klerikalen Kräften verwickelt ist, hat er sich bei jeder Gelegenheit auf ihre Seite gestellt, wenn die islamische Regierung von Revolten aus dem Volk oder Kritik aus intellektuellen Kreisen bedroht wurde.

Das sind die Referenzen des Mannes, den die Regierungsparteien SPD und Grüne in Weimar so sehr feierten. Die Heuchelei, mit der die deutschen Regierungsvertreter in der Gegenwart Khatamis die poetische Genialität Goethes und Hafis‘ beschworen, ist eine Warnung, dass kulturelle und intellektuelle Kreise in Deutschland zukünftig durch die rot-grüne Regierung keine bessere Behandlung zu erwarten haben als die, die im Moment in Teheran an der Tagesordnung ist.

Siehe auch:
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