Veteran im Kampf gegen Faschismus und Stalinismus

Zum 90. Geburtstag von Nathan Steinberger

Von Verena Nees
26. Juli 2000

Am 16. Juli feierte Nathan Steinberger seinen 90. Geburtstag in Berlin. Er gehört zu den wenigen ehemaligen KPD-Mitgliedern, die den stalinistischen Lagern in der Sowjetunion lebend entronnen sind und trotz dieser furchtbaren Erfahrungen ihre sozialistischen Grundüberzeugungen nicht aufgegeben haben.

Sein Leben umfasst nicht nur nahezu das gesamte 20. Jahrhundert, sondern drückt auch in besonderer Weise die tragischen Erfahrungen der Arbeiterbewegung der vergangenen Periode aus.

1910 im Zentrum Berlins als jüngstes Kind einer jüdisch-orthodoxen Familie geboren, wuchs Nathan in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein frühes Weltbild prägte sich durch Krieg und Hunger und die darauffolgenden revolutionären Kämpfe der Arbeiter in Berlin. Als der erste Weltkrieg begann, war Nathan vier, und als die Russische Revolution ausbrach, sieben Jahre alt. Heute nach seiner Kindeserinnerung befragt, erzählt Nathan Steinberger: "Die russische Oktoberrevolution hat Berlin aufgewühlt. Die Namen Lenin und Trotzki waren in aller Munde. Rückblickend steht für mich fest: es waren die russischen Ereignisse, die einen kolossalen Einfluss auf das Leben in Berlin und ganz Deutschland ausübten."

Einige der großen Demonstrationen und Straßenkämpfe der Novemberrevolution 1918 fanden in unmittelbarer Umgebung der Wohnung der Familie Steinberger statt. Nathans Spielzeug waren die Patronenhülsen, die er in den Feuerpausen der Schlachten zwischen Spartakus-Anhängern und Freikorpssoldaten auf der Straße einsammelte. Nicht selten schloss er sich nach der Schule den Massendemonstrationen an, und abends lief er von zu Hause fort, denn die hitzigen Debatten auf politischen Arbeiterversammlungen zogen ihn magisch an.

Unter dem Einfluss seines älteren Bruders Adolf, der später von den Nazis in einem Konzentrationslager ermordet wurde, schloss sich Nathan bald der kommunistischen Bewegung an. Mit 14 Jahren wurde er Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands und beteiligte sich am Aufbau der KoPeFra (Kommunistische Pennälerfraktion) und des Sozialistischen Schülerbunds SSB. Hier übernahm er eine führende Rolle.

In sehr jungen Jahren lernte Nathan auch die Probleme der deutschen Arbeiterbewegung kennen und erlebte ihren Versuch, die Russische Revolution in Deutschland zu wiederholen. An das Jahr 1923 erinnert er sich heute noch als ein Jahr voller Hoffnung und Spannung sowohl unter kommunistischen als auch sozialdemokratischen Arbeitern. Das ganze Jahr kam es bereits zu Streiks. "Es lag in der Luft. Jeder, der politisch wach war, fühlte - bald wird es losgehen!" erzählt Nathan Steinberger. "Wir alle, die Arbeiterschaft in Berlin und die Jugend, fieberten der deutschen Oktoberrevolution entgegen. Ich habe das damals deutlich empfunden." Umso größer war die Enttäuschung, als die KPD-Führung endlos zögerte und den Höhepunkt der Bewegung verpasste. "Eines Tages merkte ich, die Sache ist aus. Plötzlich kam es zu einem Stillstand. Ich konnte es mir nicht erklären, irgendwie ließ auf einmal die Spannung nach und Enttäuschung machte sich breit. Die nicht bei der KPD organisierten Arbeiter waren besonders enttäuscht. Es herrschte einige Tage lang eine bedrückende Stille."

Mit den Fraktionskämpfen, die sich in der russischen Kommunistischen Partei zwischen der Stalin-Fraktion und der Linken Opposition unter Leo Trotzki entwickelten, brachen nach 1923 auch in der KPD Auseinandersetzungen aus. Nathan, noch zu jung, um die politischen Fragen zu erfassen, wurde dennoch 1926 mitsamt seiner Ortsgruppe aus dem KJVD ausgeschlossen. Begründet wurde dies mit dem Einfluss von Karl Korsch auf die Gruppe, einem führenden Mitglied der KPD-Oppositionellen, der die Parteilinie kritisierte.

Nathan Steinberger blieb im SSB aktiv. Gemeinsam mit seinen Freunden diskutierte er nicht nur über Politik, sie organisierten auch Gespräche mit Erich Kästner, Arnold Zweig und anderen Schriftstellern oder Debatten über Fragen der Psychologie und Sexualität. Nach seinem Abitur 1929 schrieb sich Nathan zunächst an der medizinischen Fakultät ein, in der Hoffnung, auf diese Weise sein Lieblingsfach Psychologie studieren zu können, wechselte dann aber zur Nationalökonomie. Er spezialisierte sich auf Agrarwissenschaft und arbeitete mit dem bekannten Wissenschaftler Karl Wittfogel zusammen, damals Vertreter des Internationalen Agrarinstituts in Moskau.

Ungeachtet seines früheren Ausschlusses aus dem kommunistischen Jugendverband wurde Nathan 1928 Mitglied der KPD. Im selben Jahr begannen heftige Auseinandersetzungen innerhalb der Partei über die von Stalin inspirierte "Sozialfaschismus-Theorie", der zu Folge es zwischen Sozialdemokratie und Faschismus keinen Unterschied gab, und die darauf abzielte, jeden gemeinsamen Kampf von sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitern gegen den wachsenden Einfluss der Faschisten zu verhindern. Nathan lehnte diese Position instinktiv ab. Heute sagt er dazu: "Dieser ultralinke Kurs war eine Sache für politische Analphabeten. Diejenigen, die die Erfahrungen der Revolution von 1918 und 1923 hinter sich hatten, lehnten überwiegend die Gleichsetzung der SPD und der Faschisten ab. Ich habe jedenfalls das Wort Sozialfaschismus niemals in den Mund genommen, wenn ich Straßenagitation betrieb." In dieser Zeit kam Nathan Steinberger zum ersten Mal mit den Schriften von Leo Trotzki in Berührung, der für eine Einheitsfront der Arbeiter eintrat und davor warnte, dass Stalins Politik zur Spaltung der Arbeiterklasse führe und den Nazis in die Hände arbeite.

Kurze Zeit später sollte sich das Leben von Nathan Steinberger grundlegend ändern. Auf Empfehlung von Karl Wittfogel wurde er noch vor Beendigung seines Studiums 1932 nach Moskau an das Agrarinstitut berufen. Seine zwei Jahre ältere Freundin Edith, ebenfalls aktives KPD-Mitglied, ging mit. Der Aufenthalt in Moskau war für zwei Jahre geplant, aber als Hitler 1933 an die Macht kam, gab es für die beiden jungen Leute kein Zurück mehr. Nicht nur dass sie bekannte KPD-Mitglieder waren, sie waren außerdem noch Juden.

Die Niederlage der Arbeiterbewegung und der Sieg des Faschismus in Deutschland hatten Nathan und Edith tief erschüttert. Zu gleichen Zeit mussten sie die Erfahrung machen, dass die Sowjetunion unter Stalins Regime nichts mehr von der revolutionären Aufbruchstimmung der 20er Jahre ausstrahlte, die beide in die Politik gebracht hatte. Im Agrarinstitut erfuhr Nathan von älteren Kollegen, welche furchtbaren und grausamen Ereignisse im Zuge der Zwangskollektivierung auf dem Lande stattfanden. Er lernte alte Bolschewiken wie Fritz Platten, einen Schweizer Revolutionär und engen Mitarbeiter Lenins, kennen und musste erleben, wie er und andere alte Parteimitglieder zunehmend isoliert wurden. Die Anhänger Leo Trotzkis waren zu diesem Zeitpunkt längst verhaftet. Auf den Parteiversammlungen, an denen Nathan teilnahm, gab es kaum mehr offene politische Diskussionen. Die Parteidemokratie wurde zusehends von Bürokratismus und Intrigen erstickt.

Nathan promovierte 1935 zum Thema "Die Agrarpolitik des Nationalsozialismus" und seine Arbeit wurde noch veröffentlicht. Doch schon kurze Zeit später wurde seine wissenschaftliche Tätigkeit jäh unterbrochen. Nach dem Mord an dem Leningrader Parteisekretär Kirow begannen die großen Säuberungen. Nicht nur bekannte Oppositionelle, sondern immer mehr auch bisher treue Stalin-Anhänger gerieten in die Fänge der stalinistischen Geheimpolizei GPU. 1936 wurde Nathan aus dem Agrarinstitut entlassen und versuchte zunächst, die Familie - seine Tochter Marianne war 1935 zur Welt gekommen - mit Deutschunterricht über die Runden zu bringen.

Nach dem ersten Moskauer Schauprozess erfasste die Verhaftungswelle auch die deutschen Emigranten, die vor den Nazis in die Sowjetunion geflüchtet waren. "Stalin", so Nathan heute dazu, "richtete sich gegen jeden, der ein potentieller Kritiker seiner Politik sein könnte. Und er wusste, dass die Niederlage in Deutschland vor allem das Ergebnis seiner Politik gewesen war."

Am Vorabend des 1. Mai 1937 wurde Nathan abgeholt. Seine Frau Edith ereilte dasselbe Schicksal 1941 mit Beginn des deutschen Einmarschs in die Sowjetunion. Die damals sechsjährige Tochter wurde von einer befreundeten jüdischen Familie aufgenommen.

Das Martyrium, das nun begann, endete erst 1956. Nathan kam zunächst ins berüchtigte Butyrki-Gefängnis und wurde von dort nach Kolyma in Sibirien transportiert. Ihm wurde "konterrevolutionäre trotzkistische Tätigkeit" vorgeworfen und unter anderem sein Ausschluss als 15jähriger aus dem KJVD zur Last gelegt. Seine Frau wurde in ein Arbeitslager in Kasachstan deportiert und entkam dort nur knapp dem Tod.

Im Burtyrki wurde Nathan klar, dass die Verhaftungen nicht willkürlich waren. Sie richteten sich in erste Linie gegen die ergebensten Parteimitglieder, die die Oktoberrevolution mitgetragen hatten. In seiner ersten Zelle traf er mit einem Sohn des Linksoppositionellen Sinowjew zusammen und mit dem alten Bolschewiken und Parteihistoriker Wladimir Iwanowitsch Newskij, der 1917 im Petrograder Revolutionskomitee an der militärischen Vorbereitung des Aufstands beteiligt und in der ersten Arbeiterregierung unter Lenin Verkehrsminister war. Nur wenige Wochen später wurde Newskij aus der Zelle geführt und erschossen.

Nathan und Edith Steinberger überlebten, im Gegensatz zu fast allen ihren Freunden jener Zeit. Mit ihrer Tochter wieder vereint durften sie 1956 nach Berlin zurückkehren, unterlagen aber in der DDR einer strikten Schweigepflicht. Nicht ein einziges Wort durfte über die stalinistischen Lager gesprochen werden. Erst mit dem Untergang der DDR vor zehn Jahren und der anschließenden Auflösung der Sowjetunion begann Nathan Steinberger, seine Erfahrungen unter dem stalinistischen Terror zu berichten. Im Gegensatz zu anderen überlebenden Gulag-Häftlingen wandte er sich nicht nach rechts sondern blieb den sozialistischen Idealen seiner Jugend treu ergeben.

Auf seiner Geburtsfeier am 16. Juli, auf der sich viele Freunde und Bekannte aus seiner Jugendzeit ebenso wie aus seiner Zeit in der DDR versammelt hatten, fasste Nathan Steinberger die Schlussfolgerung aus seinem Leben in folgenden Worten zusammen: "Ich will der Jugend verständlich machen, was Stalinismus war. Der Sozialismus muss endgültig vom Kehricht der Lüge, vom Kehricht der Fälschung, vom Kehricht der Unterdrückung - vom Stalinismus gereinigt werden. Die Regime in der Sowjetunion und in deren Einflussbereich hatten nichts, aber auch gar nichts mit Sozialismus zu tun."

Zu seinem 90. Geburtstag wurden auch Glückwünsche von der Partei für Soziale Gleichheit (PSG), der deutschen Sektion der Vierten Internationale überbracht. In einem Glückwunschtelegramm von David North, dem Vorsitzenden der amerikanischen Socialist Equality Party, der auch im Namen aller anderen Sektionen des Internationalen Komitees der Vierten Internationalen sprach, heißt es:

"Dein Leben und das Deiner geliebten Edith, umspannen fast das gesamte 20. Jahrhundert. Die Hoffnungen, Ideale, Kämpfe und Tragödien dieser stürmischen Epoche waren wesentlicher Inhalt Eurer beider bemerkenswerter Biographien. Ihr habt zwei Weltkriege durchlebt, die Bestialität des Faschismus und den Verrat des Stalinismus. Immer wieder wurden Euer Charakter und Euer Glauben aufs äußerste auf die Probe gestellt. Aber, trotz alledem, hast Du mit Deiner unverminderten Aufrichtigkeit, Deinem ungebrochenen Geist und Deiner unablässigen Aufopferung für den Sozialismus die Schwelle ins 21. Jahrhundert überschritten. Du, lieber Nathan, bist mit Deinem Alter von 90 Jahren Inspiration und Beispiel für uns alle - und besonders für die Jugend."

Siehe auch:
An interview with Nathan Steinberger
(7. April 1997)

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen