Gewerkschaftssekretär in Elmshorn wird von Neonazis terrorisiert

Von David Jarrier
21. Juli 2000

Für den Bevollmächtigten der IG Metall Uwe Zabel im schleswig-holsteinischen Elmshorn stand schon lange fest, dass das Anwachsen von faschistischen Banden und Neonazis ein politisches Problem ist, dass nicht von der Polizei oder diversen Staatsorganen gelöst werden kann. Zabel engagiert sich seit Jahren dafür, ein breites gesellschaftliches Bündnis aufzubauen zur Ächtung von neonazistischer Gewalt, von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. "Wir müssen mit den militanten Neonazis anders umgehen, als wären es irregeleitete Jugendliche oder Modernisierungsopfer," sagt Zabel.

Zabel muss es wissen. Zum einen sind in der Hamburger Region nicht nur die meisten gewaltbereiten Skinheads in Westdeutschland zu finden, sondern auch die führenden Galionsfiguren der Nazi-Szene wie Christian Worch, Thomas Wulff oder Thorsten de Vries, die nach dem Verbot einiger faschistischer Organisationen und Parteien ihre Anhänger nun in "unabhängigen freien Kameradschaften" organisieren. Zum anderen hat sich der Gewerkschafter mit einigen Mitstreitern sehr genau mit der Szene auseinandergesetzt. Gegenüber dem wsws sagte Zabel: "Wir haben die verborgenen Strukturen der Nazis sichtbar gemacht." In akribischer Kleinarbeit wurden Ross und Reiter genannt und die Ergebnisse in einer Broschüre veröffentlicht.

Der Metaller hatte eigentlich erwartet, dass aufgrund seiner Vorarbeit staatliche Stellen gegen die rechte Szene aktiv würden. Doch es kam anders. Seit Monaten schon rufen diverse Neonazis zum Mord an Uwe Zabel auf. Zuletzt am Montag dieser Woche musste Zabel unzählige Plakate mit seinem Steckbrief entdecken. Neben seinem Bild ist darauf zu lesen: "Uwe Zabel - Kopfgeld: 10.000 Mark - tot oder lebendig", "Schlagt ihn, wo ihr ihn trefft."

Die direkte Konfrontation mit den Rechten hatte im April vorigen Jahres begonnen. Die IG-Metall-Jugend hatte ein "Rock gegen Rechts"-Konzert veranstaltet. Dagegen organisierten Kameradschaften aus Hamburg, Pinneberg und Neumünster eine Demonstration "für Meinungsfreiheit" mit etwa 60 Teilnehmern. Zabel wiederum demonstrierte gemeinsam mit der Elmshorner SPD-Bürgermeisterin Brigitte Fronzek und 150 weiteren Antifaschisten dagegen.

Geschockt durch die Ansammlung so vieler Neonazis in der 50.000-Einwohner-Stadt organisierte die IG Metall, unterstützt von der Bürgermeisterin, ein Bündnis gegen Nazis. Das Bündnis sammelte Unterschriften von namhaften regionalen Persönlichkeiten, von Firmen, Gaststätten und Vereinen, die sich von dem rechten Terror distanzierten. Dann druckte es Plakate mit dem Spruch: "Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen." Das Plakat trug neben anderen Unterschriften auch die der Bürgermeisterin und wurde massiv in der ganzen Region verbreitet. Die Tatsache, dass sich Brigitte Fronzek an der Kampagne beteiligte, ermunterte viele Elmshorner, sich in die Unterschriftenlisten einzutragen.

Seit diesem Zeitpunkt erhalten Zabel, die IG Metall, aber auch die Bürgermeisterin Fronzek Drohungen. Allein auf die Büros der Gewerkschaft wurden inzwischen neun Anschläge verübt, bei denen die Glasscheiben zerstört und Drohbriefe vor die Tür gelegt wurden. Am 14. April entfernte die Polizei von einer Brücke über die Autobahn A23 bei Hamburg zwei Transparente. Das eine trug die Aufschrift: "Elmshorner macht Euch frei von der Judentyrannei", das Zweite die bekannte Morddrohung gegen Zabel.

Inzwischen hat sich auch der SPD Innenminister von Schleswig-Holstein, Klaus Buß, eingeschaltet. Ihm müsse niemand erklären, dass man gegen Rechtsradikalismus etwas tun müsse, erklärte er. Die Gewaltbereitschaft sei bedauerlicherweise gestiegen, "aber sie müssen sehen: das gilt auf der rechten wie auf der linken Seite."

Buß wirft Zabel und Fronzek vor, sie hätten sich falsch verhalten. Mit den Aktionen gegen die Rechten hätte man die Situation "hochgeschaukelt". Die Elmshorner seien so an den Ereignissen irgendwie selbst schuld. Hätte man auf die Plakate "Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen" verzichtet, dann wären sie auch nicht mit Hakenkreuzen beschmiert oder abgerissen worden. Die Drohbriefe des Nationalen Wiederstands wären nach Meinung von Buß ebenso ausgeblieben, und es hätte kein kugelgroßes Loch in Brigitte Fronzeks Küchenfenster gegeben, wie auch keine Stahlkrampen in ihrer Straße.

Das sozialdemokratische Innenministerium und sein Chef Buß setzen "unbedingt auf Vorbeugung statt auf Eskalation". Zabels Gewerkschaftsbroschüre über die rechte Szene fällt für den Innenminister jedenfalls in die Rubrik Eskalation.

Die Bürgermeisterin musste sich inzwischen einer "Vandalismusberatung" durch das Landeskriminalamt unterziehen und scheint "geheilt". Zur Belohnung haben auch die an sie gerichteten Drohungen aufgehört.

Anders reagierte Uwe Zabel. "Ich lasse mich durch diese Sachen nicht abschrecken." Angespornt von einer Studie, wonach in Gewerkschaften organisierte Jugendliche anfälliger für nationalistische Parolen sind als andere, hat er sich an die Gewerkschaftsführung gewandt, stärker gegen Rechts vorzugehen.

"Jedenfalls hier im Bezirk Küste haben wir einiges auf die Beine gebracht," meint Zabel. Man gründete in verschiedenen Orten der Region Treffpunkte und Nebenstellen mit Internet-Cafés, um alle Anhänger, Arbeitslose und Gewerkschaftsmitglieder zu erreichen. Auf einen dieser Treffpunkte wurde jedoch auch schon ein Anschlag organisiert.

Vom Landeskriminalamt wurde Zabel in die Gefährdetenstufe fünf eingeteilt. Er hat sich erkundigt: "Das ist, wenn nicht hinter jeder Hecke ein Heckenschütze lauert, aber vielleicht hinter jeder fünften Hecke." Er ist nervlich völlig angespannt. Entweder raucht er täglich vier Schachteln Zigaretten oder "isst sich die Sorgen aus der Seele".

Nachdem er sich in vier Wochen Kur erst einmal erholen konnte, stellte Zabel sicher, dass die Gewerkschaftszentrale gegen Vandalismus gesichert und Plexiglasscheiben eingebaut wurden. Sich selbst besorgte er eine kugelsichere Weste. Zabel weiß, dass die Hamburger Nazis enge Kontakte zu ihren Kameraden in Schweden unterhalten, die erst im vergangenen Jahr einen Gewerkschafter erschossen und einen Journalisten mit einer Autobombe schwer verletzt hatten.

Vom wsws auf seine Sicherheit angesprochen meinte Zabel am vergangenen Dienstag: "Ich habe erst heute einen Brief vom Innenminister bekommen. Er schreibt, dass er etwas unternehmen will."

Und weiter: "Ich fühle mich von der Polizei im Stich gelassen. Ich denke nicht, dass die Polizei versucht hat, die Täter dingfest zu machen. Wenn Linke etwas gemacht hätten, hätte die Polizei anders reagiert. Schutz erhalte ich nur durch die IG Metall, nicht aber von der Polizei. Die rechten Kameradschaften und der ‚Hamburger Sturm‘ gehören verboten. Als mich letztes Jahr ein Nazi mit dem Messer niederstach, organisierte die Polizei erst ein halbes Jahr später eine Hausdurchsuchung bei dem Täter. Wer will das begreifen."

Inzwischen wird auch die Stadträtin der Grünen, Andrea Storke, bedroht, weil sie sich intensiv für die Schließung einer rechten Lokalität in Neumünster, des "Club 88", einsetzt.

Für Uwe Zabel ist etwas heute noch klarer als jemals zuvor, dass das mit den Rechten nicht von der Polizei erledigt wird.

Siehe auch:
Gewerkschafter anfällig für Rechtsradikale
(4. September 1998)
Zwei Jahre nach dem Lübecker Brandanschlag
( 18. August 1998)