Es fehlen Ideen und Ideale

Der Patriot, Drehbuch: Robert Rodat, Regie: Roland Emmerich

Von David Walsh
25. Juli 2000

Wie ist es zu erklären, dass es so wenig intelligente und künstlerisch wertvolle amerikanische Filme über den Unabhängigkeitskampf und den Bürgerkrieg gibt? Vielfach wurde die Feststellung getroffen, dass ein Volk, das eine Revolution vollbringt, keine Kraftreserven mehr frei hat, um diese auch noch mit künstlerischen Mitteln darzustellen. Auch muss man in Rechnung stellen, wie schwer amerikanischen Künstlern, die üblicherweise historischen und ideologischen Problemen gegenüber nicht gerade aufgeschlossen sind, die Bearbeitung solcher Kämpfe fallen dürfte. Hinzu kommt, dass die Studioleiter in Hollywood im allgemeinen eine vulgäre und flache Geisteshaltung pflegen.

Wie dem auch sei, "Der Patriot", entstanden unter der Regie von Roland Emmerich nach einem Drehbuch von Robert Rodat, zählt nicht zu den wenigen Filmen, die sich erfolgreich mit Amerikas Revolutionen auseinandersetzen. Es ist ein lächerliches Werk, das nur in einer Periode ernst genommen werden kann, die Ideen und Ideale gering schätzt - der heutigen eben.

Wir schreiben das Jahr 1776, und Benjamin Martin (Mel Gibson) ist ein Plantagenbesitzer in South Carolina. Seine Felder werden von freien schwarzen Arbeitern bestellt. Einen Krieg für die Unabhängigkeit von Großbritannien lehnt er ab. Er hat schon einmal einen Krieg erlebt und fand ihn (und sich selbst darin) entsetzlich. Als Witwer muss er sich auch um seine sieben Kinder sorgen. Erst als ein sadistischer britischer Offizier einen seiner jugendlichen Söhne ermordet, schließt sich Martin der revolutionären Sache an. Er beteiligt sich an einem Kampfverband, der die Briten unter Lord Cornwallis systematisch narrt und damit Washingtons's Continental Army sowie dem französischen Militär, das den eben unabhängigen Kolonien zu Hilfe eilt, wertvolle Zeit verschafft.

Es überrascht nicht, dass Drehbuchautor Robert Rodat auch das Skript für Steven Spielbergs "Der Soldat James Ryan" geliefert hatte. Eine Prämisse dieses Films, die auf recht eindimensionale historische Recherchen basierte, hatte gelautet, dass es den Soldaten im Zweiten Weltkrieg in erster Linie um sich selbst und um ihre engsten Freunde und Angehörigen gegangen sei. Diese Auffassung ist nun noch weiter in die Geschichte zurückprojiziert worden. Martin nimmt erst den Kampf auf, als der Konflikt "persönlich" wird, und nur, um seine Familie zu rächen oder zu schützen.

Rodat erklärte zu diesem neuen Film: "Thematisch kamen wir schließlich dahin, dass man sein eigenes Leben nicht retten kann, wenn man nicht bereit ist, die Familien aller Menschen zu retten - was in diesem Falle heißt, in der amerikanischen Revolution auf Seiten der Patrioten zu kämpfen."

Dieses Argument ist offenkundig absurd. Es gibt keinen notwendigen oder logischen Zusammenhang zwischen der Rettung der eigenen Haut, bzw. der Verteidigung der Familie, und dem Kampf für eine revolutionäre Sache. Im Gegenteil, die überwiegende Mehrheit jener, denen es in erster Linie um die kurzfristige Sicherheit der eigenen Person oder ihrer Familienangehörigen geht, verteidigt den Status quo oder versucht sich aus jeglicher Auseinandersetzung herauszuhalten. Revolutionen bedeuten Risiko, und gesellschaftliche Konflikte - der amerikanische Unabhängigkeitskrieg war dies zumindest teilweise - reißen häufig Familien auseinander, so dass ein Bruder den anderen oder die Eltern die Kinder bekämpfen.

Der Kunstgriff in Rodats Plot, dass der 15jährige Thomas Martin von einem britischen Offizier getötet wird, lässt die Entscheidung von Martin senior für die Sache der Patrioten gänzlich willkürlich und zufällig erscheinen. Diese Darstellung legt nahe, dass sich Martin, wäre sein Sohn nicht von dem Nazitypen Oberst Tavington, sondern von einem durchgedrehten Offizier der Miliz von South Carolina erschossen worden - und diese beging anscheinend derartige Grausamkeiten -, sich der anderen Seite, den Rotröcken, angeschlossen hätte.

Die Auffassung, dass man nur oder in erster Linie für Familienmitglieder kämpfen solle, ist jedenfalls wenig sympathisch. ("Als Vater kann ich mir Prinzipien nicht leisten", erklärt Martin.) Auf dieser Grundlage sind nur sehr engstirnige und selbstsüchtige, ja reaktionäre Kämpfe denkbar. Die amerikanische Revolution jedoch war, unabhängig von ihren Einschränkungen, eine progressive, welterschütternde historische Episode.

Seit Jahren schon versuchen gewisse, darunter auch angeblich "linke" Historiker der Öffentlichkeit weis zu machen, es sei völlig undenkbar, dass Menschen wegen großer Ideen kämpfen, Opfer bringen und manchmal auch ihr Leben opfern. Eine Reihe historischer Probleme wie auch soziologische Veränderungen haben diese Auffassung bestärkt. Ohne Zweifel ist die Vorstellung, sich in einen Kampf auf Leben und Tod zu stürzen, dem amerikanischen Philister unserer Tage ganz unvorstellbar, dessen Begriff einer Notlage sich darin erschöpft, dass sein Internetzugang für eine Stunde ausfällt.

Eine Untersuchung der Geschichte legt jedoch nahe, dass Menschen - sogar Amerikaner! - große Opfer gebracht haben, wenn es um scheinbar so abstrakte Ideen wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit ging. Die Hingabe, mit der Soldaten die Leiden und Entbehrungen von Valley Forge oder Gettysburg ertrugen, musste ideologisch vorbereitet und eingeprägt werden. Das Studium von Konflikten, in denen revolutionäre Armeen trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit und schlechterer Ausrüstung physisch überlegene Gegner besiegt haben, beweist, dass ein bewusstes Ziel ein ausschlaggebender Faktor ist und dass die Führungspersönlichkeiten im revolutionären Lager immer diejenigen mit der umfassendsten Weltanschauung sind.

Die Generation, die die amerikanische Revolution führte, wurzelte in der Tradition der Aufklärung. Über Samuel Adams schrieb zum Beispiel ein Historiker: "In den Schriften keines anderen Autors ist das gesamte revolutionäre Gedankengut so angemessen enthalten. Er war tief belesen und kannte die politischen Klassiker, ... und er stützte sich in seinem ganzen Werk auf alle großen Namen, um seine Beweisführung zu untermauern."

Über Thomas Jefferson bemerkt der gleiche Historiker: "Sein ganzes Leben lang war er ein Lernender, und sein Interesse für Bücher, deren Lektüre sich an manchen Tagen über 15 Stunden erstreckte, erinnert an den heroischen Eifer der puritanischen Gelehrten." Jefferson entwarf die Unabhängigkeitserklärung, die "den starken Einfluss des französischen Humanismus in der Passage über die Sklaverei verrät, welche dann durch den Kongress wieder gestrichen wurde." Noch deutlicher tritt dieser Einfluss hervor, wenn die bis dahin gültige traditionelle britische liberale Doktrin von "Leben, Freiheit und Eigentum" durch "Leben, Freiheit und Streben nach Glück" abgelöst wird.

Die Bedeutung von Ideen und Ideologien wird auch am Einfluss deutlich, den Tom Paine's "Common Sense" (veröffentlicht 1776) auf die Bevölkerung der Kolonien ausübte. "Paine's Angriff auf das Königsprinzip ... war der erste klare, weitreichende Aufruf für das Republikanertum, der sich an amerikanische Ohren richtete. Wie erfolgreich er war, wie rücksichtslos er die Gloriole hinwegfegte, die einen König umgab, und die Dummheit des Königskults bloßlegte, drückt sich in der bemerkenswerten Veränderung der amerikanischen Haltung zur Monarchie aus, die sich wenige Monate danach zeigte. Nach Erscheinung von ‚Common Sense‘ warfen Amerikaner der mittleren und unteren Klassen ihre Loyalität gegenüber dem Mutterland beiseite wie einen abgetragenen Rock, und danach betrachteten sie königliches Gehabe nur noch als inhaltsleere Aufgeblasenheit." (V.L. Parrington, Main Currents in American Thought).

Es gibt keinen Grund, die amerikanische Revolution zu idealisieren. Es zeigte sich, dass die neue Republik enorme Widersprüche enthielt, in erster Linie die weitere Existenz der Sklaverei unter einem Regime, das sich der Idee der angeborenen Gleichheit aller Menschen verpflichtet hatte. Einige dieser Widersprüche kamen achtzig Jahre danach im Bürgerkrieg zum Ausbruch. Trotz alledem hatte die Ablehnung der Monarchie und die Überwindung der britischen Herrschaft welthistorische Bedeutung. 1786, drei Jahre bevor in seinem eigenen Land die soziale Revolution ausbrach, schrieb der französische Philosoph Condorcet: "Es ist nicht genug, dass die Menschenrechte in den Büchern der Philosophen und den Herzen tugendhafter Männer stehen; der Schwache und Unwissende muss in der Lage sein, sie am Beispiel einer großen Nation abzulesen. Amerika hat uns das Beispiel gegeben."

Es ist niemand gezwungen, die Bedeutung einer Revolution in ihrer ganzen Bandbreite zu berücksichtigen, wenn er ein fiktives Werk schafft. Aber es ist schwierig zu sehen, wie man ein bedeutendes Werk schaffen kann, wenn man die Bedeutung des betreffenden Ereignisses vollständig ignoriert. In welcher Hinsicht ist "Der Patriot" ein Film über die oder der amerikanischen Revolution? Trotz all ihrer historischen Besonderheiten könnte sich diese Geschichte ebenso gut "vor dem Hintergrund" des Koreakriegs, eines Bandenkriegs in Chicago in den Zwanzigern oder Napoleons Invasion Russlands abspielen. Vermutlich hat sie das auch.

Anstatt die amerikanische Revolution, ihre Epoche, ihren historischen Fortschritt oder menschliche psychologische Aspekte und allgemeine Verhaltensweisen in irgendeiner nennenswerten Art und Weise zu beleuchten, besteht "Der Patriot" aus einer Reihe von manipulativen Klischees - in denen meistens Kinder und ihre Eltern mit Tränen in den Augen vorkommen - die den Filmbetrachter entweder irritieren oder erfreuen, je nachdem wie empfänglich er oder sie für manipulative Klischees ist.

Die phantastische Behandlung (oder nicht-Behandlung) der Frage der Sklaverei verdient besondere Erwähnung. Die menschlich warmen Beziehungen zwischen dem einzigen schwarzen Mitglied von Martins Guerrilla-Truppe und dem Rest der Gruppe sind fast ganz unglaubwürdig. Es bleibt beim Betrachten dieses Films unklar, warum der Bürgerkrieg sich überhaupt als notwendig erwies. South Carolina - ausgerechnet! - war offensichtlich für alle ein Paradies.

Der Film bringt einfach alles durcheinander und verheddert sich, wenn er Ereignisse in der eindimensionalsten und grobgestricktesten Art und Weise erklärt. Da ist zum Beispiel die Gewalttätigkeit des Hauptdarstellers, seine "dunkle Seite". Die Filmemacher wollen, wie immer, den Pelz waschen, ohne ihn nass zu machen. Einerseits wollten sie Aggression und Blutdurst gebührend missbilligen, gleichzeitig aber Gewalt und Gemetzel kommerziell ausbeuten, so weit es irgend geht. So schufen sie einen Protagonisten, der seine Feinde voller Begeisterung mit einer Gewehrsalve wegpustet und mit einem Tomahawk ihre Gehirne auf dem Pflaster verspritzt, um sich dann über die Auswirkungen auf sein Seelenheil zu quälen, oft an der Schulter seiner verständnisvollen Schwägerin, die ihm engelgleich zulächelt und versteht.

Wie immer wird auch hier eine ungewöhnliche Fülle von schauspielerischem und technischem Talent an einen armseligen Film verschleudert.

Die Besessenheit des Films mit Familie stößt mir als einigermaßen beunruhigend, beinahe pathologisch auf. Die zahllosen Szenen, in denen Gibson als Martin das eine oder andere seiner Kinder entweder abgöttisch liebt, belehrt, beruhigt oder betrauert sind am Ende etwas starker Tobak. Es kann doch, so würde man meinen, unmöglich gesund für jemanden sein, wenn das Kind zum einzigen Sinn und Zweck seines ganzen Lebens wird. Ist es doch weit besser, wenn die Eltern Inhalt und Bedeutung ihres Lebens - die außerhalb der Familie liegen - mit einem Kind teilen können. So wie auch alles übrige sind die "Familienwerte", das fühlt man, dem Film als Ersatz für die mangelnde Grundidee aufgepfropft worden.

Sowohl Natur als auch Kunst verabscheuen das Vakuum. Es ist schwer zu sagen, ob sich Rodat und Emmerich darüber im Klaren sind. Ohne Zweifel finden aber die Verteidigung der Familienwerte, das extrem individualistische "Rühr-mich-nicht-an"-Gehabe, die Hochachtung vor der Macht der Gewehre und vor dem Recht auf das Tragen von Waffen, sowie die Feindschaft gegen Ideen und Nachdenken einen Widerhall bei den Anhängern der ultrarechten Milizbewegungen in den USA.

Der Film heißt "Der Patriot", obwohl Martins Verhalten oder seine Handlungen kaum in irgend einer Weise "patriotisch" sind. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass sein Anschluss an die Siedler mehr oder weniger zufällig erfolgt. Ein aktiver amerikanischer Patriot hätte gewisse Ansichten über Monarchie, Tyrannei und Demokratie gehabt, er oder sie hätte sich mit den Vorstellungen identifiziert, für die die neue Republik stand. Martin kümmert sich einfach nur um seine Kinder. In der Schlusskampfszene, wenn er die berühmte zeitgenössische amerikanische Fahne aufnimmt, mit ihren dreizehn Sternen im Kreis, und die fliehenden Briten verfolgt, fragt man sich unwillkürlich: "Warum eine amerikanische Flagge? Warum nicht eine mit den Gesichtern seiner Kinder drauf?"

Die Art, in der sich die Filmemacher verpflichtet fühlten, ihren Aufruf zu gestalten - für die Familie, nicht für das Land - ist an sich schon entlarvend. Es ist ein Eingeständnis der Tatsache, dass patriotische Gefühle in den letzten zwanzig Jahren bei der breiten Bevölkerung stark abgenommen haben. Früher hatte der 4. Juli, der amerikanische Nationalfeiertag, noch etwas bedeutet, heute ist er für Massen von überarbeiteten und unterbezahlten Arbeitern einfach ein willkommener Anlass, einen Tag im Sommer nicht arbeiten zu müssen.

In der Vergangenheit, als der Nutzen oder der eingebildete Nutzen aus der Revolution und den darauf folgenden historischen Entwicklungen in den USA für Millionen Menschen noch offensichtlicher waren, hatte es beträchtliche Auswirkungen, wenn man die Traditionen von 1776 anrief. Aber in einer Nation, die so scharfe wirtschaftliche Unterschiede aufweist, sind Politiker immer weniger bereit, jemanden an elementare demokratische Prinzipien wie Gleichheit zu erinnern, die sie selbst immer deutlicher ablehnen.

Auf lange Sicht ist die Treue zur Familie, zum "Blut", obwohl sie eine emotionale und fast mystische Wirkung hat, eine armselige und inhaltsleere Grundlage, um Menschen zu motivieren. Sie ist ein Hinweis auf eine Gesellschaft, der die Argumente ausgehen.

Siehe auch:
Man on the Moon (Der Mondmann)
(19. Februar 2000)

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