Die Concorde - ihre Geschichte und ihre Tragödie

Von David Walsh
8. August 2000

Der Absturz der Air-France-Concorde am 25. Juli in einem Außenbezirk von Paris zog die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich. Jeder, der die Bilder der Tragödie im Fernsehen sah, war unvermeidlich geschockt und traurig, vor allem wegen des schrecklichen Schicksals der Passagiere, aber auch wegen der Auswirkung eines solchen Ereignisses auf die Lebenden - die betroffenen Menschen, Arbeiter und örtlichen Bewohner, die in der Nähe der rauchenden Trümmer in Gonesse standen. Es war ein niederdrückender und ernüchternder Anblick.

Die schrecklichen Umstände, welche die Concorde auf die Fernsehschirme und in die Schlagzeilen katapultierten, regen zum Nachdenken darüber an, wie das Flugzeug entstanden war und wie sehr sich die Welt seitdem geändert hat. Zumindest ein Teil des Schocks und des Entsetzens, das den Absturz vom 25. Juli begleitet, hängt mit dem Ursprung des Jets und seinem Platz in der Geschichte zusammen.

Überschallreisen als reale Möglichkeit zeichneten sich in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren ab, zeitgleich mit der Entwicklung der amerikanischen und sowjetischen Raumfahrtprogramme. Der britische Designer Sir Archibald Cox notierte der Washington Post zufolge "seine vorläufigen Spezifikationen für die Concorde 1959 auf einem Fetzen Papier", zwei Jahre nach dem Start des sowjetischen Sputnik-I und ein Jahr nach der Gründung der National Aeronautics and Space Administration (NASA) durch die amerikanische Regierung.

Die USA, Frankreich und Großbritannien waren ursprünglich alle an der Entwicklung von Überschallpassagierflugzeugen interessiert, aber die Kosten des Projekts zwangen British Aerospace und die französische Aerospatiale 1961 zur Zusammenarbeit. Der riesige Flugzeughersteller Boeing begann zur gleichen Zeit mit Unterstützung der Regierung mit der Entwicklung eines amerikanischen Überschallfliegers, Supersonic Transport (SST). Es scheint jedoch, dass das amerikanische Projekt zu keiner Zeit besonders entschlossen verfolgt wurde. Die Medien machen für sein letztliches Ende Gründe des Umweltschutzes und andere Einwände verantwortlich. Aber auch wenn diese Faktoren eine Rolle gespielt haben mögen, hätten sie vermutlich überwunden werden können, wenn die Regierung und die Industrie das SST-Projekt als profitabel und wirtschaftlich nutzbar eingeschätzt hätten.

Die Regierungen in Großbritannien und Frankreich, die fähiger oder williger waren, der Luftfahrtindustrie staatliche Unterstützung zu gewähren, trieben das Projekt, das nun "Concorde" (Eintracht, Harmonie) genannt wurde, voran. Die zwei Mächte hatte ein starkes Interesse daran, zu beweisen, dass sie, wenn die USA und die Sowjetunion Menschen ins Weltall schicken konnten, in der Lage waren, Menschen am schnellsten um den Globus sausen zu lassen.

Die Concorde absolvierte ihren ersten Testflug im März 1969, nur vier Monate bevor ein Amerikaner als erster Mensch auf dem Mond landete. (Die UdSSR gab ihr eigenes Überschallflugprogramm nach dem Absturz ihrer TU-144 bei der Pariser Luftfahrtschau auf dem Flughafen von Le Bourget 1973 auf.)

Ohne Zweifel hatten das Rennen um den Weltraum und die Anstrengungen, einen kommerziellen Überschalljet zu entwickeln, mit dem kalten Krieg und mit europäisch-amerikanischen und anderen politischen und ökonomischen Rivalitäten zu tun, aber es gab auch andere Motive für diese Errungenschaften. Damals herrschte allenthalben das Gefühl vor, dass diese erstaunlichen Entwicklungen, die die Menschen zu bisher unvorstellbaren Höhen und Geschwindigkeiten trugen, zu einer Verbesserung des menschlichen Lebens beitragen könnten, dass sie unvermeidlich einen Fortschritt bedeuteten, auch wenn die Vorstellung darüber zu Beginn noch sehr vage war. Diese Zeit brachte alle möglichen futuristischen Visionen hervor, zum Beispiel träumte man von regelmäßigen Personentransporten zum Mond in der Art, wie die Menschen damals schon von Stadt zu Stadt reisten. Dieser Optimismus mutet heute geradezu erstaunlich an.

Zur Zeit des ersten kommerziellen Flugs der Concorde im Januar 1976 hatte sich die Welt schon beträchtlich geändert. Das amerikanische Überschallprojekt war fallengelassen worden (der Kongress hatte im März 1971 die Subventionen der Regierung gestrichen), ebenso das Apollo-Mondprojekt (nach der Apollo-17-Mission im Dezember 1972). Sie fielen einer durch den Vietnamkrieg verschärften Haushaltskrise zum Opfer. Auch die Vervierfachung der Ölpreise 1973-74 hatte Auswirkungen auf die Zukunft eines Flugzeuges, das enorme Mengen Treibstoff verbrauchte.

In den USA hatte sich die Stimmung geändert. Der frühere Optimismus hatte zum großen Teil einer weitverbreiteten Desillusionierung und sogar einem Zynismus Platz gemacht, der zum Ende von Nixons Präsidentschaft zunahm, als Nixon infolge eines Skandals zurücktreten musste.

Obwohl British Airways und Air France die Concorde inzwischen seit fast 25 Jahren fliegen, haftet dem Flugzeug der merkwürdige Ruf einer lahmen Ente an. Die zwölf verbliebenen Concordes sind die einzigen kommerziellen Überschalljets, die es gibt. Seit 1980 sind keine Concordes mehr hergestellt worden, und einige Flugzeuge werden nur in Reserve gehalten und ausgeschlachtet, um Ersatzteile für die noch fliegenden zu haben.

Vor einem Jahr stoppten Boeing und die NASA die Entwicklung eines neuartigen Hyperschalltransporters. Boeing wollte ein größeres Flugzeug bauen, das bis zu 300 Personen transportieren sollte, um die Flüge profitabler zu machen. Aber das kam in Konflikt mit den Bemühungen, es leichter und treibstoffeffizienter zu machen. Experten zufolge hätte die Entwicklung eines neuen Designs etwa zehn Milliarden Dollar gekostet. Eine solche Summe, hätte eine globale Finanzierung erfordert, was unter den heutigen Umständen kaum zu realisieren wäre. Im Moment wird nirgendwo auf der Welt mehr ein Überschallflugzeug entwickelt.

Frankreich und Großbritannien flogen die Concorde nicht nur weiter, weil sie Geld einbrachte. Sie galt allgemein als Symbol des britischen und vielleicht noch mehr des französischen Nationalstolzes. In einer Zeitung hieß es dazu: "Für Frankreich war das Unglück von Flug F-4590 mehr als ein Flugzeugabsturz. Es war das Ende eines Symbols. Der Motor der Concorde-Entwicklung war Frankreich, ihr erster Testflug startete am 2. März 1969 in Toulouse in den letzten Tagen der Regierung de Gaulle; er erschien als Aufbruch des Landes in eine moderne, technologische Zukunft. Der Testpilot André Turcat wurde zum Nationalhelden." Der französische Präsident Valéry Giscard d'Estaing schrieb Geschichte, als er in den siebziger Jahren mit einer Concorde unter beträchtlichem Medienrummel nach Guinea flog, einer ehemaligen afrikanischen Kolonie Frankreichs.

Die Concorde oder die "Überschallidee" heute am Leben erhalten zu wollen, erscheint aussichtslos. Die Technologie stand sozusagen immer auf der Kippe und der Jet war niemals etwas anderes als ein Luxussymbol. Wie sich herausgestellt hat, haben Milliarden öffentlicher Gelder - die die Regierungen Englands und Frankreichs niemals wiedersehen werden - lediglich einer kleinen Anzahl Menschen ein komfortables Fliegen ermöglicht. So bemerkenswert sie als Flugzeug und als Errungenschaft der Menschheit war, hatte die Concorde letztlich doch nur sehr wenig sinnvolle Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Sie ist vielmehr auf ihre Weise ein weiterer Beleg für die soziale Kluft geworden, die die obersten Zehntausend vom Rest der Welt trennt.

Man könnte sagen, dass die Concorde schon vor langer Zeit ihren Sinn verloren hat, auch wenn sie in den letzten zwei Jahrzehnten noch in Diensten gestanden hat. Die Technologie - die eine internationale Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung erfordert - und das soziale Ethos kamen nie auf einen Nenner. Sie drifteten im Lauf der Zeit immer weiter auseinander, je mehr die staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft zurückgeschraubt und das unmittelbare Diktat des Marktes zum neuen Idol erhoben wurden.

Die Concorde überlebte, allerdings als ein Kunstprodukt. Keinem, der nicht zum engen Kreis derer gehörte, die häufig mit dem Flugzeug flogen - Manager, Jetsetter, Filmstars und ähnliche - hätte man einen Vorwurf machen können, wenn er nicht wusste, dass es überhaupt noch in Betrieb war.

Und nun diese Tragödie - ein schreckliches Ereignis vor aller Augen. Die schlimmen Bilder eines Flugzeugs, das in Flammen aufgeht. Trauriger und noch zugespitzt durch die Tatsache, dass die meisten Opfer gerade die "Reise ihres Lebens" machen wollten. Einige waren reich, aber da war auch das Postbeamten-Ehepaar im Ruhestand, das jahrelang für diese Reise gespart hatte. Die unglücklichen Concorde-Passagiere befanden sich auf einem Charterflug -Air France und British Airways hatten zunehmend versucht, die Flugzeuge auf diese Weise auszulasten - und bezahlten, wie man hörte, weniger als die Hälfte des regulären Preises.

Die Fernsehbilder lassen einen nicht los. Der Zyniker wird sagen: Ein weiterer Beweis, dass wir alle Voyeure sind. Ohne Zweifel appellieren die Medien an die schlimmsten Instinkte. Aber die Wirkung der Tragödie kann nicht in erster Linie niedrigen Motiven zugeschrieben werden. Die Menschen sind aufrichtig betroffen durch den Verlust von Leben und die Zerstörung von Familien.

Ein Reporter von Associated Press interviewte einen Zuschauer, der in der Nähe stand: "Jean-Claude Ramathon rannte zu einem kleinen Hotel in einem Weizenfeld, um den in Panik versetzten Gästen zu helfen, die in den brennenden Trümmern einer Air-France-Concorde gefangen waren. Als er Stunden später seine Geschichte erzählte, zitterten seine Hände noch immer. ‚Wir rannten hin und kamen bis auf zwei Meter an das Hotel heran. Aber dann mussten wir wegen dem Rauch einhalten‘, sagte Ramathon am Dienstag. Der 39-jährige Arbeiter im blauen Overall sagte wenig über sich selbst, ehe er wieder weg eilte."

Die Bewohner von Gonesse sprachen auch über den Piloten, der ihrer Meinung nach das Flugzeug vom Zentrum des Ortes weggesteuert und dadurch vielleicht Hunderte Leben gerettet hatte. "Der Pilot wusste was los war. Er war ein Pilot, der das Leben der Menschen von Gonesse gerettet hat," sagte die Managerin einer Shell-Tankstelle, Madame Turpin.

Die Tragödie bringt das Beste im Menschen zum Vorschein. Für einen Moment handeln Menschen wie Menschen, nicht wie ökonomische Einheiten. Es gibt ein Gefühl der Solidarität mit den untergegangenen Passagieren; viele von uns fliegen auch. Es gibt eine allgemeine Trauer, ein Gefühl, das sonst selten Ausdruck findet. Dies ist ein Moment, in dem sich Mitleid äußern kann.

Das Leben wird für die übrigen wieder normal, und die Bilder verblassen. Flugzeuge donnern über uns hinweg und niemand macht sich Gedanken darüber. Wie kann das Mitleid mit anderen, das für einen Moment ein Ventil gefunden hat, eine häufigere Erscheinung des täglichen Lebens werden? Wir müssen uns daran erinnern, dass das Schicksal von Tausenden genauso schlimm ist wie der Tod dieser 113 Menschen, von Tausenden die jeden Tag nicht nur aufgrund empörender gesellschaftlicher Bedingungen sterben - in Indien, Indonesien oder auf den Philippinen -, sondern auch durch vermeidbare Umstände wie Hunger, Krankheit, Krieg und Massaker.

Echtes Mitleid und mehr Sorge um die Mitmenschen sind notwendig und müssen durch wissenschaftliche Einsicht in die zugrundeliegenden Ursachen so großen menschlichen Elends verstärkt werden. Dies zu erreichen wäre ein wirklicher Sprung im Bewusstsein. Warum sollte die Hoffnung darauf vergeblich sein?

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