Das Rekord-Außenhandelsdefizit der USA ist ein Symptom tieferer Wirtschaftsprobleme

Von Nick Beams
31. August 2000

Anfang dieses Monats berichtete das Handelsministerium, dass das Außenhandelsdefizit der USA im Juni mit 30,62 Milliarden Dollar eine neue Rekordmarke erreicht hatte.

Die Massenmedien schenkten dieser Meldung wenig Aufmerksamkeit. Sie verlor sich zwischen Berichten über ein beispielloses Wirtschaftswachstum während der Präsidentschaft Clintons und optimistischen Voraussagen, dass die US-Zentralbank unter Alan Greenspan nach einer Reihe von Zinserhöhungen für eine "weiche Landung" der US-Wirtschaft sorgen werde.

Doch das Außenhandelsdefizit ist nicht einfach nur eine dunkle Wolke am ansonsten sonnigen Wirtschaftshimmel. Es ist ein Symptom langfristiger Prozesse, die sehr rasch schwerwiegende Folgen für die amerikanische und die gesamte Weltwirtschaft mit sich bringen könnten. Zu diesen Prozessen zählt u. a. die wachsende Abhängigkeit der US-Wirtschaft von einströmendem internationalen Kapital, die Überbewertung der Aktien, sowie die wachsende Verschuldung sowohl von Privatpersonen als auch von Unternehmen. All dies deutet darauf hin, dass der Wirtschaftsboom der USA womöglich auf tönernen Füßen steht.

Die jüngsten Zahlen aus dem Handelsministerium wurden zwar wenig beachtet, dennoch scheinen sie hinter den Kulissen Besorgnis zu erregen. Ein Artikel des Wall Street Journal vom 14. August unter der Überschrift "Wird das Außenhandelsdefizit den Boom dämpfen?" stellte zum Beispiel die Frage, wann die Investoren zu dem Schluss kommen würden, dass das Defizit zu groß geworden sei, daraufhin ihr Geld abziehen und dem Boom ein Ende bereiten würden.

Er machte darauf aufmerksam, dass in den ersten drei Monaten dieses Jahres "das laufende Defizit - der allgemeinste Maßstab des Handelsungleichgewichts - zum ersten Mal auf mehr als 4 Prozent des Bruttosozialprodukts anstieg", und dass laut Vorhersagen von Merrill Lynch "die Lücke in diesem Jahr 411 Milliarden Dollar betragen wird, 24 Prozent mehr als im Jahr 1999, und mit 4,2 Prozent der Gesamtwirtschaft so viel wie nie zuvor."

In den meisten anderen Ländern würde ein derartiges Außenhandelsdefizit eine Wirtschaftskrise auslösen. Doch die USA nehmen eine einzigartige Stellung ein. Aufgrund der Rolle des Dollars als Weltwährung können sie ihr Außenhandelsdefizit durch das Hereinströmen ausländischer Investitionen ausgleichen. Das bedeutet, dass selbst bei wachsendem Defizit immer noch Geld in die USA hereinströmt, den Dollar gegenüber anderen Währungen nach oben treibt und damit eine noch größere Menge Devisen anzieht. Doch ein solcher Prozess geht irgend wann einmal zu Ende, und zwar wenn ausländische Investoren möglicherweise entscheiden, ihr Geld abzuziehen.

Das Wall Street Journal zitierte den Chef-Volkswirt der Deutschen Bank Norbert Walter, der davor warnte, dass das Vertrauen in die USA in kurzer Zeit einbrechen könne. Es sei nicht ausgeschlossen, dass der Kapitalfluss in die USA austrockne und der Dollar abstürze. Dies werde zu Zinserhöhungen und einer Börsenkrise in Amerika führen.

Das Szenario für eine solche Krise könnte folgendermaßen aussehen: eine plötzliche Änderung der Markterwartungen, ausgelöst vielleicht durch eine unerwartete Zinserhöhungen, veranlasst die Großinvestoren, sich aus dem Dollar zurückzuziehen und auf den Euro oder eine andere Währung umzusatteln. Der Dollar sinkt, so dass weitere Investoren in rascher Folge aus dem US-Markt aussteigen, um ihre Einbußen möglichst gering zu halten. Als Reaktion darauf könnte die amerikanische Zentralbank womöglich die Zinsen anheben, was zu einem starken Rückgang der Dividendenansprüche und zu Problemen auf dem Immobilienmarkt führen würde. Jene Einzelpersonen und Unternehmen, die sich in der Erwartung eines weiter ansteigenden Marktes verschuldet haben, würden in arge Schwierigkeiten geraten.

Das WSJ sah ein solches "Katastrophenszenario" zwar in weiter Ferne, räumte aber ein, dass es mit jedem weiteren Anstieg des Außenhandelsdefizits näher rücke. Auch Alan Greenspan habe sich vergangenen Monat entsprechend geäußert.

"Irgend wann", hatte Greenspan vor dem Repräsentantenhaus erklärt, "muss es zu einer Anpassung kommen, wir wissen aber nicht, wo und wie. Wir wissen nicht, ob es sich über eine sehr lange Zeitspanne hinziehen wird, so dass die Anpassungen normal und ohne Erschütterungen vor sich gehen werden, oder ob sie sich abrupt einstellen werden."

Während Greenspan die Hoffnung verbreitet, dass das US-Handelsdefizit sich langsam auflösen wird, warnen andere Analysten vor abrupten Wendungen. Eine Studie des Ökonomen Wynn Godley, die das James Levy Institute im Juni veröffentlichte, bot eine kalte Dusche für die Anhänger der Auffassung, die sogenannte "New Economy" könne endlos weiter expandieren. Godleys Analyse, die unter der Überschrift "In Schulden ertrinken" erschien, geht davon aus, dass die wachsenden Ausgaben in der US-Wirtschaft sowohl im privaten als auch im unternehmerischen Bereich von einer nie da gewesenen Verschuldung getragen würden.

Er machte darauf aufmerksam, dass über sehr lange Jahre hinweg das Einkommen stets über den Ausgaben gelegen habe und netto rund drei Prozent des Nationaleinkommens auf Sparkonten geflossen seien. Doch ab dem Jahr 1992 habe sich dieses Verhältnis verändert. Die Ausgaben begannen im Verhältnis zum Einkommen zu wachsen. In jüngster Zeit ergab sich eine besonders starke Veränderung.

"Die Netto-Ersparnisse", so Godley, durchbrachen im Jahr 1997 die Null-Linie und sinken seither immer tiefer in den negativen Bereich. Im ersten Quartal dieses Jahres erreichten die Netto-Ersparnisse minus 7 Prozent des Einkommens und lagen damit 9 bis 10 Prozent unter dem früheren Normalniveau. Was immer dieses private Defizit für die Zukunft mit sich bringt, es unterscheidet sich jedenfalls grundlegend von allem, was wir früher hatten - zumindest in den Vereinigten Staaten."

Allgemein herrsche die Ansicht vor, so Godley, dass aufgrund der wachsenden Kapitalerträge auch der private Konsum gestiegen sei, die Zahlen der Zentralbank bewiesen hingegen, dass die gestiegenen Ausgaben auf zusätzliche Kreditaufnahmen zurückzuführen seien. Diese Verschuldung habe es ermöglicht, von Kapitalerträgen zu profitieren, ohne Wertpapiere zu verkaufen, und somit die Veräußerungssteuer zu vermeiden.

Im Jahr 1991 war die Nettokreditvergabe an den privaten, außerhalb des Finanzwesens angesiedelten Sektor eine zu vernachlässigende Größe gewesen, doch im Jahr 1999 war sie auf mehr als 1 Billion Dollar angewachsen. Am Ende des Jahrzehnts stockte die Verschuldung das verfügbare Einkommen um bis zu 15 Prozent auf.

"Die Schlussfolgerung scheint angebracht", schreibt Godley, "...dass das hohe Verschuldungsniveau mittlerweile ein Risiko darstellt; sollten die Aktienkurse stark sinken oder die Zinsraten merklich steigen, so könnten schwache Positionen ins Wanken geraten. Dies wiederum könnte eine Abwärtsspirale erzwungener Verkäufe auslösen."

Er machte darauf aufmerksam, dass die finanzpolitischen Prognosen der Regierungssprecher, die von einem anhaltenden Wirtschaftswachstum und einem steigenden Haushaltsüberschuss ausgingen, von höheren Verbraucherausgaben abhingen. Dies wiederum setze voraus, dass "die privaten Netto-Ersparnisse immer tiefer in den negativen Bereich absinken" - eine Situation, die auf Dauer nicht haltbar ist.

Auf der anderen Seite ist das Wirtschaftswachstum in den USA mittlerweile derart stark von wachsenden Ausgaben abhängig, dass auch die Rückkehr des Sparniveaus auf ein Niveau, wie es früher als normal galt, "fürchterliche Folgen hätte".

"Wenn die privaten Ausgaben im Verhältnis zu den Einkommen um 5 bis 10 Prozent sinken, dann wird es einige Jahre lang fast kein Wachstum mehr geben", schreibt er. Und wenn diese Veränderung schnell einträte, "dann würde es zu einer schweren Rezession kommen, mit ernsten Folgen für den Rest der Welt". Der Haushaltsüberschuss würde verschwinden, und mit einer Rezession oder langen Stagnation käme auch "ein deutlicher Rückgang der Börse, der die Lage noch einmal unermesslich verschlechtern würde".

Die US-Wirtschaft ist nicht nur in eine immer stärkere Abhängigkeit von der Verschuldung geraten, sie musste auch immer stärker auf internationale Quellen zurückgreifen, um das Wachstum zu finanzieren.

Angezogen von den steigenden Aktienkursen und von Investitionen in den starken Dollar, ist selbst dann Kapital in die USA geströmt, als sich die Zahlungsbilanz verschlechterte. Das hereinströmende Kapital hat wiederum die Börse nach oben getrieben, Ausgaben und Wachstum gesteigert sowie den Dollar gestärkt, so dass noch mehr ausländisches Kapital kam. Doch dieser goldene Kreislauf kann sich rasch in einen Teufelskreis verwandeln - wenn das Katastrophenszenario eintritt, das in der Analyse des Wall Street Journal vorgezeichnet wird.

In einer Studie mit dem Titel "Die internationalen Kapitalströme und das amerikanische Kapitalkonto", das die Ökonomin Jane D'Arista im Dezember letzten Jahres für das Financial Markets Centre erstellte, wurde die Abhängigkeit der USA von internationalen Kapitalquellen in allen Einzelheiten aufgezeigt. Laut dieser Analyse bildet das Hereinströmen internationaler Fonds mittlerweile "die Hauptstütze des US-amerikanischen Wohlstands".

"Die Menge des hereinströmenden Kapitals ist enorm, welchen Maßstab man auch anlegt. Die finanzielle Nettoverschuldung Amerikas gegenüber dem Rest der Welt hat ein solches Ausmaß angenommen, dass Zinsen und andere Zahlungen aus US-Finanzanlagen in ausländischem Besitz das Einkommen aus ausländischen Wertpapieren in US-Besitz weit übersteigen (zum Jahresende 1998 ergab dieser Saldo ein Minus von 12 Milliarden Dollar)."

Zur Zeit des Börsenkrachs von 1987, so merkt der Bericht an, war die finanzielle Stellung der USA auf internationaler Ebene noch eben so positiv wie während der gesamten Periode seit dem Ersten Weltkrieg, doch seither habe sie sich rapide in ihr Gegenteil verkehrt.

"Im Jahr 1989 waren die USA zu einem Netto-Schuldnerland geworden, und während der gesamten neunziger Jahre stieg ihre äußere Verschuldung weiter. Zum Ende des Jahres 1996 war die Verschuldung auf den Rekordwert von 548 Milliarden Dollar angestiegen (wenn man den Marktwert der Vermögenswerte zugrunde legt). Ein Jahr später wurde die Schwelle zu 1 Billion Dollar überschritten - das entspricht 13 Prozent des Bruttosozialprodukts -, und Ende des Jahres 1998 wurden 1,5 Billionen Dollar erreicht. Nachdem sich also die Verschuldung gegenüber dem Ausland innerhalb des Zeitraums von 24 Monaten verdreifacht hatte, entsprach sie nunmehr 18 Prozent des BSP."

Diese Analyse kommt zu dem Schluss, dass die US-Wirtschaft anfällig ist gegenüber in- und ausländischen Erschütterungen, die das Vertrauen in den Dollar untergraben könnten.

"Wenn das Vertrauen verloren gehen sollte, dann würden die Verkäufe von US-Finanzanlagen durch ausländische Investoren die inländischen Zinsraten nach oben treiben und den Wechselkurs des Dollars so tief drücken, dass eine weitaus tiefere Rezession ausgelöst werden könnte, als jene, zu der es unter ähnlichen Umständen in den dreißiger Jahren kam."

Die zunehmende Instabilität der US-Wirtschaft, die sich aus der wachsenden Verschuldung und Abhängigkeit von ausländischem Kapital ergibt, lässt sich auch aus einem Vergleich von Clintons Präsidentschaft mit früheren Regierungen ablesen.

Ein Artikel von Robert Pollin in der Mai-Juni-Ausgabe der britischen Zeitschrift New Left Review weist darauf hin, dass "praktisch sämtliche wirtschaftlichen Leistungen der Clinton-Jahre mit dem außergewöhnlichen Höhenflug der Börse zusammenhängen, der gleichzeitig eine höchst fragile Finanzstruktur erzeugte."

Das Wachstum des BSP betrug in den Jahren 1993 bis 1999 durchschnittlich 3,7 Prozent im Jahr und nimmt sich damit gegenüber den Wachstumsraten von 2,7 bzw. 2,9 Prozent während der Amtszeiten von Nixon-Ford und Reagan-Bush günstig aus. Es liegt jedoch nur unwesentlich über der 3,4-prozentigen Wachstumsrate, die während der Periode der Carter-Administration verzeichnet wurde, und deutlich unter den 4,8 Prozent, die während der Regierungszeit von Kennedy und Johnson erreicht wurden.

Dieselbe Tendenz zeigt sich im Produktivitätsanstieg, der 1993 bis 1999 bei 1,8 Prozent lag und damit weit unter der 3,4-Prozent-Rate der Jahre Kennedy-Johnson und nur unwesentlich über der 1,7-Prozent-Rate während der Regierungszeit von Reagan und Bush.

Wenn man sich jedoch die börsenbezogenen Statistiken und das Anwachsen der Verschuldung ansieht, so schlägt die Clinton-Regierung alle ihre Vorgänger. In der Periode 1993 bis 1999 ist der S&P 500-Index durchschnittlich jedes Jahr real um 17,6 Prozent gestiegen, also zwei-einhalb Mal so stark wie unter Reagan und Bush. Zugleich ist das Verhältnis zwischen den gesamten Verbindlichkeiten und dem verfügbaren Einkommen aller Haushalte, das bereits unter Reagan-Bush auf zuvor unvorstellbare 77,8 Prozent gestiegen war, unter Clinton weiter auf den Wert von 94,2 Prozent geklettert.

Wenn Clinton auf seine wirtschaftspolitischen Leistungen hinweist, so muss man anmerken, dass die Lohnerhöhungen unter seiner Regierung geringer waren, als während jeder früheren Wachstumsperiode. In diesem Zusammenhang verweist Pollin auf einige aufschlussreiche Statistiken, die aus einer Ende 1999 erfolgten Umfrage der Zeitschrift Business Week hervorgegangen sind. Sie stellte fest, dass 51 Prozent der amerikanischen Arbeiter "das Gefühl hatten, von ihrem Arbeitgeber betrogen zu werden", und wenn sie nach ihrer Ansicht über den sogenannten "Produktivitätsboom" befragt wurden, so antworteten rund 63 Prozent, dass er nichts zur Erhöhung ihres Einkommens beigetragen habe, und 62 Prozent meinten, ihr Job sei dadurch nicht sicherer geworden.

Wenn man Schlüsse aus dem beinahe vollkommene Schweigen zu den jüngsten Außenhandelszahlen und deren Implikationen ziehen möchte, so lässt sich wohl sagen, dass es während des Präsidentschaftswahlkampfes in den kommenden zwei Monaten so gut wie keine Diskussion oder Analyse über den tatsächlichen Zustand der amerikanischen Wirtschaft geben dürfte. Denn eine solche Auseinandersetzung würde allzu deutlich Prozesse zutage fördern, die eher früher als später eine tiefgreifende Finanzkrise erwarten lassen.

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