Putins "Tschernobyl"

Die Tragödie des russischen Atom-U-Bootes in der Barentssee

Von Wladimir Wolkow und Julia Dänenberg
22. August 2000

Schon eine Woche dauert die Tragödie des russischen Atom-U-Bootes "Kursk" in der Barentssee an. Millionen Menschen wurden in dieser Zeit weltweit Zeuge einer unglaublichen Inkompetenz, Willenlosigkeit, Arroganz und Heuchelei seitens der russischen Politiker und Militärs, mit Präsident Wladimir Putin an der Spitze.

Ihr Handeln - oder besser: Nicht-Handeln - grenzt an ein Verbrechen. Tag für Tag ließen sie eine Möglichkeit nach der anderen verstreichen, das Leben der 113 Matrosen zu retten, die in einer Tiefe von 100 Metern auf dem Meeresgrund in der "Kursk" eingeschlossen waren und langsam und qualvoll starben.

So wichtig es ist, die konkreten Ursachen der Katastrophe aufzuklären, ist das eine eher zweitrangige Frage. Wichtiger wäre es gewesen, alle Möglichkeiten zur Rettung der Mannschaft auszuschöpfen. Das wurde jedoch nicht getan. Einige Möglichkeiten wurden noch nicht einmal ausprobiert. Teure Zeit, die nach Minuten zählt, ließ man hoffnungslos verstreichen.

Warum ist das geschehen? Warum wurde die Information über die Tragödie nicht sofort an die russischen und internationalen Nachrichtenagenturen übermittelt, sondern um Tage verzögert? Warum haben die führenden Vertreter von Armee und Regierung - Verteidigungsminister Igor Sergejew, Marinechef Admiral Wladimir Kurojedow oder der Vizepremierminister I. Klebanow und andere - so lange versucht, das Ausmaßes der Tragödie vor der russischen und der Weltöffentlichkeit zu vertuschen?

Warum begann die Rettungsoperation erst nach drei Tagen? Warum wurde ausländische Hilfe erst im letzten Moment angenommen, als bereits klar war, dass alle Bemühungen, die Matrosen mit eigenen Mitteln zu retten, gescheitert waren und kein anderer Ausweg mehr offen blieb?

Warum schließlich hat sich Präsident Putin fünf Tage in Schweigen gehüllt und blieb in seinem Urlaubsort am Schwarzen Meer, anstatt zum Unglücksort zu fahren?

Die Antwort auf diese Fragen ergibt sich aus dem Lauf der Ereignisse selbst. Die herrschende Elite Russlands hat demonstriert, dass sich ihre Psychologie und ihre Moral seit den Zeiten Breschnews nicht verändert haben. Wie damals, steht für sie das Leben von Menschen an allerletzter Stelle.

Die Tragödie auf der "Kursk" hat der neuen Generation von Kremlpolitikern buchstäblich die Maske vom Gesicht gerissen. Sie hat deutlich gemacht, dass diese Menschen unfähig sind, Probleme eigenständig zu erfassen und entsprechend zu handeln. Sie sind noch nicht einmal in der Lage, sich Rechenschaft über die Bedeutung der aktuellen Ereignisse abzulegen.

Es gibt historische Ereignisse, die politische Führer einem Test unterziehen. Der Unfall der "Kursk" ist ein solches Ereignis. Es erfordert mehr als routinemäßiges Funktionieren oder bürokratisches Reagieren. Diesen Test haben die führenden Politiker und Militärs Russlands und allen voran ihr Oberkommandierender und Präsident nicht bestanden.

Die unzähligen Generale mit oder ohne Schulterklappen sorgen sich lediglich um ihre eigenen pragmatischen Ziele und handeln nach dem Prinzip, "als ob nichts geschehen wäre". Sie gehorchen ihrem bürokratischen Herdeninstinkt, demzufolge nur demjenigen Erfolg zuteil wird, der als "gemäßigt und korrekt" gilt, seinen Vorgesetzten nicht vorauseilt und für den die Vorurteile im Apparat wichtiger sind als die komplexe Realität, für die es schließlich ein für allemal festgelegte Instruktionen und staatliche Anweisungen gibt.

Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass die russische Armee von Talentlosigkeit, Korruption und Diebstahl durchtränkt ist. Doch bis vor kurzem konnte es scheinen, als ob zumindest die Kraft der Trägheit noch wirke und die Armee ein mehr oder weniger kranker, aber dennoch funktionierender Organismus sei.

Jetzt ist offensichtlich, dass dem nicht so ist. Die Technik veraltet immer schneller und wird höchstens notdürftig repariert. Ganze Ausrüstungen, die auf dem Papier existieren, sind entweder schon lange stillgelegt oder von korrupten Militärs auf private Rechnung verkauft worden. So erwies es sich als unmöglich, in der gesamten Flotte, wenn nicht im ganzen Land Taucher ausfindig zu machen, die zur "Kursk" hätte hinabtauchen können. Während die Armeeführung stiehlt und korrupt ist, sieht die Mehrheit der einfachen Soldaten und Matrosen kaum einen Sinn in ihrem Dienst und ist völlig demoralisiert.

Die Armee ist durch keine undurchlässige Wand von der Gesellschaft getrennt. Im Gegenteil, viele gesellschaftlichen Probleme findet man in der Armee in einer besonders zugespitzten Form wieder. Die schreiende Inkompetenz, die im Zusammenhang mit dem Unglück der "Kursk" sichtbar wurde, ist nicht nur Zeugnis der Krise und des Zerfalls der russischen Armee. Sie ist Ausdruck des politischen und gesellschaftlichen Bankrotts des gesamten Regimes, das aus den Ruinen der Sowjetunion hervorgegangen ist.

Noch vor einem Jahr konnte es scheinen, dass an die Stelle des hinfälligen, beschränkten und selbstzufriedenen Präsidenten Boris Jelzin ein tatkräftiger Politiker getreten sei. Putin legte sich ein sorgsam konstruiertes Image als energische und selbständige Figur zu, die sich in den Problemen der Welt auskennt und das Land aus der tiefen Sackgasse herausführen kann.

Dieses Image hat niemals den Tatsachen entsprochen. Dieser Mensch mit den blauen Augen verfügt über keinerlei politische Biografie und ist bis ins Knochenmark Apparatschik und Polizist. Putin ist eine zufällige Figur, die Fortuna völlig unerwartet auf die Höhen der Macht trug. Obwohl er selbst anfangs an seinem Glück zweifelte, machte er sich die neue Rolle schnell zu eigen. Er versuchte sich als Napoleon Bonaparte, Julius Cäsar, Peter der Große oder sogar als eine "modernisierte" Variante Stalins zu präsentieren. Seine Unverständlichkeit wurde als Weisheit ausgelegt, und das Fehlen jeglicher klarer Ideen als Zeichen von Gedankentiefe.

Anfangs glänzte er noch mit publikumswirksamen Gesten. In der frostigen Neujahrsnacht, gleich nach dem freiwilligen Rücktritt Jelzins, tauchte er unerwartet auf einem Truppenlandeplatz in Tschetschenien auf und hielt eine kurze Rede vor den Soldaten. Im Februar, nach dem plötzlichen Tode Anatoli Sobtschaks, der als einer der "Väter der russischen Demokratie" gilt, erschien Putin zu dessen Beisetzung in Petersburg und vergoss vor den Fernsehkameras einige Tränen.

Die nahezu demonstrative Gefühlskälte, mit der Putin jetzt auf den Untergang der "Kursk" reagierte, steht in merkwürdigem Gegensatz zu dieser im Februar zur Schau getragenen Sensibilität. Während die Angehörigen der Opfer, Millionen von Russen und die gesamte Weltöffentlichkeit die Tragödie erschüttert verfolgten, reagierte Putin erst mit tagelanger Verspätung und sagte nur, dass die Situation kritisch sei und alles Mögliche zur Rettung der Matrosen unternommen würde. Er reiste noch nicht einmal zum Unglücksort und begründete dies mit den Worten: "Alle müssen auf ihrem Platz bleiben".

Worin liegt der Grund für dieses Verhalten? Etwa darin, dass Putin im Februar, als er noch nicht Präsident war, "gefallen" wollte, und jetzt, wo die Notwendigkeit dazu nicht mehr existiert, so sein kann, wie er eigentlich ist?

Aus persönlichen Motiven Putins allein kann man es sicherlich nicht erklären. Das Problem liegt tiefer. Es besteht ein Zusammenhang zwischen den persönlichen Qualitäten, dem geistigen Horizont und den Fähigkeiten derjenigen, die das Steuer der russischen Politik in den Händen halten, sowie den gesellschaftlichen Grundlagen, auf die sie sich stützen, und den sozialen Schichten, deren Interessen sie vertreten.

So betrachtet ist die Inkompetenz, Arroganz und Beschränktheit dieser Leute letztendlich eine Funktion ihrer objektiven gesellschaftspolitischen und historischen Rolle. Sie sind die lebendige Verkörperung der mangelnden Lebensfähigkeit der Missgeburt, die durch den neuen russischen Kapitalismus verkörpert wird. Unwissenheit, Grobheit, Unbarmherzigkeit und Verachtung gegenüber dem Volk sind die Eigenschaften der "neuen russischen" Kapitalisten und werden durch Putin und seine Umgebung an die Oberfläche des gesellschaftlichen Lebens gebracht.

Als sich im April 1986 die Katastrophe im Atomkraftwerk von Tschernobyl ereignete, hatte die damalige Führung der Sowjetbürokratie unter Michel Gorbatschow versucht, die Katastrophe vollständig zu vertuschen. Nur die Unmöglichkeit der Verheimlichung der Folgen zwang sie, dieses Ereignis an die Öffentlichkeit zu bringen.

Wie reagierte Putin diesmal? - Ganz genau so. Genauer gesagt, er reagierte nach dem gleichen Prinzip: zuerst das staatliche "Prestige" - dann die Menschen. Das bedeutet, dass sich in den letzten 15 Jahren nichts am Verhalten der Regierenden verändert hat. Das Leben der einfachen Bürger hat "vom Standpunkt des Staates" keinerlei wesentliche Bedeutung.

Die auf der "Kursk" Eingeschlossenen hätten eine schnelle und effektive Hilfe erwarten können. Sie blieb aber aus. Doch in gewissem Sinne befindet sich die gesamte Bevölkerung Russlands in einer ähnlichen Lage wie die U-Bootbesatzung: sie leidet, sucht einen Ausweg aus der Sackgasse und hofft auf Hilfe. Die Regierung stattdessen schlägt vor abzuwarten und fürchtet sich überhaupt zu handeln, weil sie sich im Zustand einer völligen Lähmung befindet.

Die Tragödie der "Kursk", die sich kurz nach der Bombenexplosion in Moskau ereignete, der zwölf Menschen zum Opfer fielen, ist nicht einfach nur eine menschliche Katastrophe. Sie ist ein Schlag gegen den Mythos, dass Russland im Ergebnis zehnjähriger kapitalistischer Reformen von neuem aufblühe. Dieses Ereignis wird tiefe Spuren im Bewusstsein des Volkes hinterlassen. Es muss eine der bittersten Lehren und Einsichten werden, ohne die eine Vorwärtsbewegung des Landes unmöglich wird.

Siehe auch:
Bombenexplosion im Zentrum Moskaus
(18. August 2000)

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