Wer sind die "Volksmujaheddin Iran"?

Von Justus Leicht
25. August 2000

In den vergangenen Wochen ist in iranischen wie westlichen Medien des öfteren über die Organisation der "Volksmujaheddin", den politischen Kern des "Nationalen Widerstandsrates Iran" geschrieben und gesprochen worden. Die Gruppe verübt im Iran Attentate auf Einrichtungen und Vertreter der Sicherheitskräfte und hat im Westen eine Reihe von Demonstrationen und Protesten gegen das iranische Regime und insbesondere dessen Staatspräsidenten Khatami organisiert, an denen mehrere tausend Menschen teilnahmen.

Die Angriffe der westlichen Medien gegen die Mujaheddin sollten dazu dienen, die aus durchsichtigen wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen erfolgende Zusammenarbeit mit dem Vertreter eines blutbefleckten Regimes zu rechtfertigen. Es wäre jedoch falsch, daraus im Umkehrschluss zu folgern, die Volksmujaheddin seien eine fortschrittliche Befreiungs- oder Widerstandbewegung.

Wie schnell sich mit der Außenpolitik der westlichen Regierungen auch die Haltung der offiziellen Politik und Medien hinsichtlich derartiger Organisationen ändern kann, hat sich gerade erst anhand der Kosovo-albanischen UCK gezeigt. Ein Blick auf Geschichte und Perspektiven der Volksmujaheddin macht jedenfalls klar, dass von ihnen kein Ausweg für die iranischen Massen aus Armut und Unterdrückung zu erwarten ist.

Ursprung

Entstanden ist die Gruppierung als radikale Abspaltung der so genannten "Befreiungsbewegung" und ihres "Islamischen Studentenverbandes", die Anfang der sechziger Jahre von Anhängern Mohamed Mossadegs gegründet worden waren. Mossadeg hatte Anfang der fünfziger Jahre als Premierminister die Ölindustrie verstaatlicht und war dafür in dem berüchtigten Staatsstreich von 1953 unter maßgeblicher Mitwirkung des amerikanischen Geheimdienstes CIA von Schah und Armee gestürzt worden. Auch ein Großteil der islamischen Geistlichkeit hatte damals den Schah unterstützt.

Mehdi Bazargan, der Führer der "Befreiungsbewegung", war unter Mossadeg Vorsitzender der staatlichen Ölgesellschaft. Er war ebenso wie Mossadeg vehement antikommunistisch eingestellt und fürchtete eine Bewegung der Arbeiterklasse weit mehr als den Schah oder den Imperialismus. Im Gegensatz zu Mossadeg und dessen "Nationaler Front" suchte Bazargan jedoch die Zusammenarbeit mit dem Klerus. Seine Organisation wurde vom Schah anfangs geduldet und erst 1963, nach der Niederschlagung von Massenprotesten, wie auch alle anderen unabhängigen Organisationen verboten.

Im Juni 1963 hatten die kaiserlichen Truppen unter unbewaffneten Demonstranten ein furchtbares Blutbad angerichtet. Nach Einschätzung eines amerikanischen Beobachters soll es Tausende Tote gegeben haben, nach Angaben der Opposition Zehntausende. Dieses Massaker war die Taufe der "weißen Revolution" des Schah. Der Schah reagierte damit auf die tiefe Wirtschaftskrise der vorangegangenen Jahre, die mit hohen Inflationsraten und Auslandsverschuldung einherging. Das Land sollte modernisiert und stärker in den kapitalistischen Weltmarkt eingegliedert werden. Das wurde dann ohne Rücksicht auf die sozialen und politischen Bedürfnisse der Bevölkerung mit Brachialgewalt durchgesetzt.

Zu diesem Zeitpunkt machte sich erstmals Ayatollah Khomeini politisch bemerkbar. Er griff das Schah-Regime wegen dessen Unterdrückungspolitik an und sparte dabei nicht mit sozialer Demagogie. Das markierte den Beginn eines Zerwürfnisses zwischen dem traditionellen Klerus und dem Schah, die bis dahin bei der Unterjochung des Volkes weitgehend einträchtig zusammengewirkt hatten. Doch im Zuge der "weißen Revolution" sah sich Reza Pahlewi gezwungen, einige Privilegien der islamischen Geistlichkeit zugunsten einer stärkeren Rolle des Staates einzuschränken. Die Opposition der Kleriker verband sich nun mit den Kleinhändlern und Kleingewerbetreibenden, die ihre Stellung ebenfalls durch die "weiße Revolution" bedroht sahen.

Von den Erben der "Nationalen Front" Mossadegs war in dieser Zeit wenig zu vernehmen. Auch die Tudeh, die Moskau-orientierte stalinistische Partei hielt sich zurück. Das war die Geburtsstunde der Volksmujaheddin. Junge, studentische Mitglieder von Bazargans "Befreiungsbewegung", die den zahmen Kurs der Parteiführung ablehnten und - wie es in späteren Publikationen der Volksmujaheddin hieß - Khomeini als ein "nationales Symbol" bewunderten, beschlossen, den "bewaffneten Kampf" aufzunehmen. Als Vorbilder sahen sie die Guerillabewegungen in Kuba, Algerien und Vietnam.

Zunächst entwickelten sie in einer Diskussionsgruppe ihre Ideologie. Dabei machten sie viele Anleihen beim Marxismus, brachen aber nicht mit der Religion, sondern versuchten, den Koran fortschrittlich umzudeuten. Der "wahre" Islam, behaupteten sie, trete für die Ausgebeuteten und Entrechteten ein, befürworte eine klassenlose Gesellschaft und die Gleichberechtigung der Frau auf allen Ebenen. Man müsse den Koran nur im richtigen historischen Kontext deuten, um das zu erkennen. Der Klerus vertrete im Interesse des Feudalismus und Kapitalismus den "falschen" Islam.

Die Konzeptionen der Mujaheddin ähnelten in vieler Hinsicht jenen des populären Intellektuellen Ali Schariati (1933-77), der ihnen nahe stand. Schariatis Vorstellungen sollten in der Revolution gegen den Schah eine wichtige Rolle spielen. Sie waren besser als jene Khomeinis dazu geeignet, die jüngere Generation zu gewinnen.

Die Verbindung von sozialen Forderungen und Islam zog eine ganz bestimmte soziale Schicht an, nämlich radikalisierte Schüler und Studenten aus den konservativen, religiösen Familien der traditionellen persischen Mittelschichten, der kleinen und großen Händler, Handwerker und Kaufleute des Basars, denen die "weiße Revolution" den Boden entzog. Auf diese Schichten, die von den Volksmujaheddin ursprünglich als "progressive nationale Bourgeoisie" eingeschätzt wurden, stützte sich auch die Geistlichkeit. Die "Befreiungsbewegung" sammelte dort finanzielle Unterstützung für die Volksmujaheddin und unterstützte die Guerilla außerdem publizistisch.

Neben den Volksmujaheddin entstanden in dieser Zeit auch noch andere Guerillagruppen. Zu den bekanntesten gehören die stalinistisch orientierten "Volksfedayin". Sie rekrutierten sich ebenfalls größtenteils aus Studenten, aber aus den neuentstandenen, modernen und gebildeten Mittelschichten (Lehrer, Beamte etc.), die anti-religiös eingestellt waren. Trotz hitziger Debatten und unterschiedlicher sozialer Orientierung - die Mujaheddin fanden mit ihrem schiitischen Islam auch bei nationalen und religiösen Minderheiten und bei Frauen wenig Zuspruch - waren sich die Volksmujaheddin mit den meisten stalinistischen Organisationen über die mehr oder weniger "fortschrittliche Rolle" der "nationalen Bourgeoisie" einig.

Ihre Suche nach "fortschrittlichen" Klerikern und religiös gesinnten Reformern entwaffnete sie gegenüber Khomeini und den Klerikalen, die schließlich die Früchte der Revolution gegen den Schah ernten sollten. Weit davon entfernt, eine Alternative zu ihren heutigen klerikalen Gegnern darzustellen, dienten sie diesen linkes Feigenblatt - bis sie sich stark genug fühlten, gegen die Mujaheddin vorzugehen.

Revolution gegen den Schah

Die durch die "weiße Revolution" verursachten sozialen Veränderungen - in erster Linie ein explosionsartiges Anwachsen der Arbeiterklasse und der Städte - führten ab Beginn der 70-er Jahre trotz brutalster Repression zunehmend zu heftigen Arbeitskämpfen und brachten Zulauf für die verschiedenen Guerillagruppen. Zwischen 1971 und 1979 wurden 360 ihrer Mitglieder von der Polizei erschossen, hingerichtet oder zu Tode gefoltert, ein knappes Drittel davon waren Volksmujaheddin.

Auch der Klerus geriet immer mehr in Opposition zum Schah, der das islamische Recht säkularisierte und seine Herrschaft nicht mehr mit dem Islam, sondern der "2500-jährigen arischen Zivilisation" legitimierte. Khomeinis Autorität steigerte sich mit der Zahl der inhaftierten Kleriker. Führer der Volksmujaheddin trafen sich zwischen 1972 und 1974 mehrmals mit ihm in seinem irakischen Exil und baten ihn um Unterstützung. Khomeini versprach Unterstützung für die Familien gefallener Mujaheddin-Kämpfer, blieb jedoch in der Öffentlichkeit auf Distanz zu ihnen, sorgfältig darauf bedacht, weder sein radikales Image noch seine Beziehungen zum Klerus zu beeinträchtigen.

Die Enttäuschung über die oppositionelle Geistlichkeit führte 1975 schließlich zu einer blutigen Spaltung der Volksmujaheddin. Eine große Gruppe sprach sich gegen den Islam aus und wandte sich dem Maoismus zu.

Die Revolution wurde am 8. September 1978 durch ein vom Schah veranstaltetes Massaker ausgelöst, dem nach offiziellen Angaben 87, nach oppositionellen Angaben über 4000 Menschen zum Opfer fielen. Die nun folgenden Ereignisse widerlegten anschaulich die Auffassung von der "progressiven Rolle" der "nationalen Bourgeoisie".

Im Dezember lud der Schah die Nationale Front zur Bildung einer Regierung der "nationalen Versöhnung" ein. Einer ihrer Führer, Shapour Bakhtiar, akzeptierte und wurde Premierminister. Bakhtiar war unter Mossadeg Arbeitsminister gewesen. Die mächtige Bewegung der Arbeiterklasse, die er damals erlebt hatte, war ihm wohl noch gut in Erinnerung und veranlasste ihn zu diesem Schritt, der das Schah-Regime stützte. Auch wenn Bakhtiar prompt aus der Nationalen Front ausgeschlossen wurde, war dieser Vorfall doch ein Symbol für die tiefe Feindschaft der liberalen Bourgeoisie gegenüber jeder Volksbewegung von unten.

Der Rest der Nationalen Front hängte sich ebenso wie die Befreiungsbewegung an die Rockzipfel Khomeinis. Sie bildeten eine gemeinsame provisorische Regierung, zu deren Chef Khomeini Bazargan, den Führer der Befreiungsbewegung, ernannte. Bazargan waren revolutionäre Massen ein ebensolches Gräuel wie Bakhtiar. Er beschuldigte die Armen, sie würden "Revolution mit Plünderung verwechseln", und beschimpfte Arbeiter, die Betriebe besetzten, als "Royalisten, Zionisten und Kommunisten der fünften Kolonne".

Khomeini selbst nahm sofort nach seiner Rückkehr Verhandlungen über eine "friedliche" Machtübergabe mit dem Generalstab auf und hatte Erfolg. Die reichen Basarhändler finanzierten die Bemühungen der Geistlichkeit, die Revolution unter Kontrolle zu bekommen. Sie organisierten Komitees, Schariah-Gerichtshöfe und bewaffnete Milizen, die wenig später landesweit gefürchteten "Revolutionswächter" (Pasdaran) und die "Partei Gottes" (Hisbollah). Keine der linken Organisationen stellte die Autorität von "Imam Khomeini" in Frage.

Schon bald nach dem Sturz Bakhtiars im Februar 1979 begannen die Milizen des Klerus, "unzuverlässige" Komitees zu "säubern", andere Milizen zu entwaffnen, Arbeiterstreiks und Aufstände nationaler Minderheiten wie der Kurden zu unterdrücken und säkulare Organisationen und Zeitungen zu terrorisieren.

Khomeini

Die Volksmujaheddin spielten eine wichtige und in vieler Hinsicht entscheidende Rolle beim Aufbau des Mullah-Regimes.

Im Februar konstituierte sich die nach der Spaltung von 1975 und der unerbittlichen Verfolgung durch den Schah geschwächte Organisation neu. In ihrem neuen Programm erhob sie neben den alten nationalistischen und sozialen auch - im Unterschied zu früher sehr detaillierte - demokratische Forderungen. Erstmals erhob sie auch Kritik an der reaktionären Rolle der Basarhändler, während die frühere Kritik am Klerus unerwähnt blieb.

Das erscheint auf den ersten Blick paradox - schließlich war der Klerus ja gerade der Interessenvertreter eben dieser Basarhändler. Es entsprach jedoch der Strategie der Volksmujaheddin, die "Islamische Republik" der Mullahs von innen heraus zu einer "Demokratischen Islamischen Republik" zu machen. Deshalb vermieden sie eine direkte Herausforderung der Geistlichkeit und insbesondere ihres Führers Khomeini, während sie gleichzeitig deren soziale Grundlage, den Basar, und später auch ihre politischen Machtmittel, die "Islamisch-Republikanische Partei" (IRP), die Schariah-Gerichtshöfe und die Milizen angriffen.

Nach einem Geheimtreffen des Mujaheddin-Führers Masud Rajavi mit Khomeini im Februar 1979 verurteilten sie bis zum November des Jahres in der Regel jeden Widerstand gegen die reaktionäre Politik des Klerus, seiner Henker und Schlägertrupps mit der Begründung, er spiele nur dem Imperialismus in die Hände. Sie ließen zudem ihr radikales Image unwidersprochen vereinnahmen. Darauf waren die Geistlichen, von denen die meisten gegenüber dem Schah bestenfalls eine feige, wenn nicht staatstragende Rolle gespielt hatten, dringend angewiesen.

Ayatollah Beheschti etwa, der berüchtigte oberste Richter und enge Mitarbeiter von Khomeini, erklärte zu dieser Zeit: "Die Islamische Revolution ruhte auf drei Säulen: Imam Khomeini, Ali Schariati und der Mujaheddin-Organisation." Die klerikal kontrollierten Medien berichteten tagein, tagaus von den Heldentaten und Märtyrern der Volksmujaheddin. Universitäten und Gymnasien wurden nach ihnen benannt, Gouverneursposten und andere hohe Stellen mit ihren Sympathisanten besetzt. Als Gegenleistung hielten die Volksmujaheddin "unserem großen Vater Khomeini, dem Führer des Kampfs gegen die Monarchie", den Rücken frei, während seine Leute die Armee, Polizei, Justiz und staatlichen Medien sowie nicht zuletzt die umfangreichen Besitztümer des Schah unter ihre Kontrolle brachten.

Obwohl die Anhänger Khomeinis die Kampagne zum Referendum über die Verfassung der "Islamischen Republik" im Dezember 1979 und die Präsidentschaftswahlen im Januar 1980 mit Methoden des Terrors und der Einschüchterung betrieben, erklärten die Volksmujaheddin, "immer den fortschrittlichen Klerus zu unterstützen, insbesondere seine Hoheit den Großen Ayatollah Khomeini". Sie boykottierten das Referendum, nahmen aber mit eigenen Kandidaten an den Präsidentschafts- und den darauffolgenden Parlamentswahlen teil. Obwohl die Schläger der Hisbollah sie dabei in immer stärkerem Ausmaß terrorisierten und Khomeini in offensichtlich auf die Volksmujaheddin bezogenen Tiraden gegen "Heuchler" zu Felde zog, die "Islam mit Marxismus vermischen" und "schlimmer als Ungläubige sind", bezeichneten sie ihn weiterhin als "geliebten Vater", der den Iran "von der Monarchie und dem US-Imperialismus befreit" habe.

Trotzdem erhielten ihre Kandidaten wegen ihres kritischen Auftretens eine beachtliche Anzahl von Stimmen und schnitten in einigen Fällen besser ab als bekannte Kleriker der IRP. Der als Präsidentschaftskandidat angetretene Rajavi wurde jedoch von den Wahlen ausgeschlossen, die Ergebnisse der Parlamentswahlen annulliert oder manipuliert, so dass im Mai 1980 kein Kandidat der Mujaheddin ins Parlament kam.

Ab Februar rief Khomeini zudem zur "Kulturrevolution" gegen die Universitäten, "Brutstätten der Seuche der Verwestlichung, von Liberalen, Akademikern und anderen Intellektuellen". Unter Bedingungen, wo die Glut der Revolution noch heiß war, konnten die Mullahs auch keine noch so loyale Opposition tolerieren.

Die Volksmujaheddin auf der anderen Seite erklärten nun: "Nur Demokratie kann uns gegen den amerikanischen Imperialismus schützen", und griffen den Klerus offen an. Khomeini bezeichneten sie nicht mehr als "geliebten Vater", vermieden aber immer noch, ihn direkt anzugreifen. Sie verbündeten sich mit dem neuen Präsidenten der Islamischen Republik, Bani-Sadr, ursprünglich einem Anhänger und engen Mitarbeiter Khomeinis, der jedoch mit der IRP in Konflikt geraten war, weil er deren strikt anti-amerikanische Politik, ihre Säuberung der Armee und die immer dreistere Einmischung von inkompetenten Geistlichen in alle Bereiche von Wirtschaft und Politik nicht billigte.

Bani-Sadr unterstützte ab Juni 1980 die Volksmujaheddin politisch und ließ ihrer Miliz angeblich auch Waffen aus der Armee zukommen. Die Volksmujaheddin schützten seine Versammlungen vor den Hisbollah-Schlägern und führten gemeinsam mit ihm und einigen unzufriedenen Klerikern eine vehemente politische Kampagne gegen die "Diktatur der Mullahs", denen sie Verrat an den demokratischen und sozialen Zielen der Revolution im Interesse der Basarhändler vorwarfen. Das Regime reagierte bald mit offenem Terror, insbesondere nach Ausbruch des Kriegs mit dem Irak im September 1980. Die Zeitung der Mujaheddin wurde verboten, ihre Führer verfolgt, ihre Anhänger und Mitglieder verprügelt, erschossen, verhaftet oder hingerichtet.

Schließlich wurden die Zeitung von Bani-Sadr geschlossen und oppositionelle Demonstrationen verboten - woran sich die Volksmujaheddin nicht hielten. Im Juni kam es dann zur Konfrontation. Dem Historiker Ervand Abrahamian zufolge sollten immer größere Demonstrationen eine Streikwelle und schließlich womöglich einen Militärputsch gegen das Mullah-Regime auslösen. Zumindest dürfte wohl Bani-Sadr diese Intention gehabt haben. Als jedoch am 20. Juni eine Demonstration mit 500.000 Teilnehmern niedergeschlagen wurde, wobei 50 Teilnehmer getötet wurden, ereignete sich nichts dergleichen. Das frühere Argument der Mujaheddin, Demokratie müsse der Landesverteidigung untergeordnet werden, wurde nach dem irakischen Überfall nun gegen sie selbst gekehrt. Hinzu kam, dass auch die Mehrheit der Volksfedayin und die Tudeh, Parteien mit beträchtlichem Einfluss in der Arbeiterklasse, dieser Argumentation folgten und das Regime unterstützten.

Am Tag nach der Demonstration wurde Bani-Sadr abgesetzt und eine unbeschreibliche Terrorwelle gegen die Volksmujaheddin und linke Organisationen in Gang gesetzt. Jeden Monat wurden Hunderte und schließlich Tausende hingerichtet. Der erfolgreichen Unterdrückung der Volksmujaheddin folgte schließlich 1983 die physische Vernichtung der Tudeh und aller demokratischen und sozialen Rechte, die von der Revolution noch übrig geblieben waren.

Im Exil

Masud Rajavi floh 1981 nach Paris und rief den "Nationalen Widerstandsrat Iran" ins Leben. Dieser setzte sich eine "Demokratische Islamische Republik Iran" zum Ziel; deren Präsident sollte Bani-Sadr und der Chef ihrer provisorischen Regierung Rajavi sein. Zunächst setzten die Volksmujaheddin auf pausenlose Attentate gegen Vertreter des Regimes, ab 1983 auf Guerillakrieg in den kurdischen Provinzen, nachdem ein großer Teil ihrer Kämpfer im Zentraliran der staatlichen Repression zum Opfer gefallen war.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich eine ganze Reihe von Prominenten und Organisationen dem Widerstandsrat angeschlossen, darunter Bani-Sadr, die "Demokratische Partei Kurdistans - Iran" (DPKI), die säkular-nationalistischen Mossadeg-Anhänger der "Nationaldemokratischen Front" und stalinistische Gruppen. Der Irak unterstützte die Volksmujaheddin militärisch und finanziell. Dem Vorbild der PLO folgend bemühte sich der Widerstandsrat um politische Anerkennung im Westen. Dementsprechend schmolz auch die linke und antiimperialistische Rhetorik der Volksmujaheddin dahin.

Nachdem die iranischen Truppen auch in den Kurdengebieten die Oberhand gewonnen hatten und die Hoffnung auf einen baldigen Sturz des Regimes verflogen war, verließen die meisten anderen Organisationen ab 1984 den Widerstandsrat wieder. Auf die darauf folgende Krise der Volksmujaheddin reagierte Rajavi 1985 mit einer personellen Säuberung, organisatorischen Umstrukturierung und "ideologischen Revolution". Das Ergebnis waren ein striktes Führerprinzip und ein bizarrer Personenkult um Rajavi und seine neue Frau Maryam, der dem des iranischen Regimes um Khomeini in nichts nachstand.

Nachdem die Mujaheddin-Führung 1985 von der amerikanischen Regierung offiziell zur "terroristischen Organisation" erklärt und 1986 aus Europa vertrieben worden war, baute sie ihr Hauptquartier im Irak auf und schuf dort 1987 die "Nationale Befreiungsarmee", in die sie die Mehrheit ihrer Mitgliedschaft steckte (einige Tausend). Rajavi traf sich im Juni 1986 mit Saddam Hussein. Zu einem Zeitpunkt, als bekannt war, dass der Irak Giftgas gegen iranische Truppen einsetzte und außerdem direkte militärische Unterstützung von den USA erhielt, konnte dies die Volksmujaheddin im Iran natürlich nur diskreditieren, auch wenn sie immer wieder ihre politische Unabhängigkeit betonten. Dass ihnen trotzdem die Anhänger und Rekruten nie ausgegangen sind, dürfte vor allem an der brutalen Repression im Iran liegen, der weitgehenden Vernichtung der iranischen Linken und daran, dass die Medien im Westen wie im Iran aus unterschiedlichen Beweggründen und mit unterschiedlichen Vorzeichen ihre Behauptung übernahmen, sie seien die einzige Alternative und relativ größte Bedrohung des iranischen Regimes.

Im Bemühen um mächtige Verbündete ging die Organisation immer weiter nach rechts. Als 1990-91 die USA Krieg gegen Irak führten, verhielten sich die Volksmujaheddin "neutral". Als das irakische Regime anschließend mit stillschweigender Unterstützung der USA Volksaufstände im Norden und Süden des Landes niederschlug, räumten sie ihre dortigen Stellungen, um "nicht in inner-irakische Angelegenheiten verwickelt zu werden". Zur beispiellosen Brutalität der Regierungen, der sie sich - im Falle der USA - andienten oder von der sie sich - im Falle des Irak - aushalten ließen, hatte die "demokratische Alternative", wie sich die Volksmujaheddin nennen, kein kritisches Wort zu sagen.

Sie wiederholen die imperialistische Propaganda gegen das bestehende iranische Regime: Dieses gefährde die westlichen Interessen durch den Bau von "Massenvernichtungswaffen", den "Export von Fundamentalismus und Terrorismus" und "Opposition zum israelisch-arabischen Friedensprozess". In der "Plattform des Nationalen Widerstandsrates" heißt es zudem: "Die Wirtschaftspolitik des NWR gründet sich auf den freien Markt, Anerkennung des nationalen Kapitalismus und des Basars, privaten und persönlichen Eigentums und Investitionen.... Der NWR sieht die Ausweitung der Beziehungen mit Industrieländern als wesentlich für den Wiederaufbau des zukünftigen Iran an."

Bisher konnten sie dank beharrlicher Lobbyarbeit zwar stets große Unterstützung im amerikanischen Kongress gewinnen, zuletzt die Mehrheit des von rechten Republikanern dominierten US-Repräsentantenhauses und die Mehrheit des britischen Parlaments. Die Regierungen haben aber bislang eher auf die Zusammenarbeit mit einem "gemäßigten" Flügel des Regimes gesetzt.

Die bittere Feindschaft der Volksmujaheddin gegen den prominentesten Vertreter dieses "gemäßigten" Flügels, den von ihnen als "Mörder" beschimpften Präsidenten Khatami, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie politisch wenig vom sogenannten "Reformflügel" der Mullahs trennt. Ihre Erbitterung entspringt weniger politischen Differenzen, als der Haltung des enttäuschten Liebhabers, der sich vergeblich um die Gunst des Westens bemüht und dem nun ein anderer vorgezogen wird.

Die wirkliche Kluft im Iran verläuft zwischen der Masse der Bevölkerung, die in bitterer Armut und Unterdrückung lebt, und einem Regime, das alle Quellen von Reichtum und Einkommen monopolisiert hat. Die erbitterten Flügelkämpfe zwischen "Reformern" und "Konservativen" sind eine Reaktion auf diese tiefe soziale Spaltung der Gesellschaft, die beide Flügel der herrschenden Schicht gleichermaßen bedroht. Jedes Mal, wenn sich die Proteste von unten verselbständigen, rücken "Reformer" und "Konservative" wieder zusammen und demonstrieren ihre "Brüderlichkeit".

Die Volksmujaheddin ihrerseits leugnen beharrlich, dass es überhaupt Konflikte innerhalb des Regimes gibt. Diese scheinbar radikale Haltung ist Ausdruck ihrer Gleichgültigkeit gegenüber sozialen und demokratischen Fragen. Das Programm des "freien Marktes" und der "Öffnung gegenüber dem Westen", für das sie ebenso wie die "Reformer" des Regimes eintreten, wird die soziale Spaltung der iranischen Gesellschaft weiter vertiefen und ist deshalb unvereinbar mit Demokratie und sozialer Gerechtigkeit.

Siehe auch:
Weitere Artikel zum Iran

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen