Britische Medien entfachen Lynchjustiz-Atmosphäre wegen Kindesmissbrauchs

Von Julie Hyland
22. August 2000

Seit Wochen wird die öffentliche Diskussion in Großbritannien von dem emotionsgeladenen Thema des Kindesmissbrauchs beherrscht. Dies geht auf eine Sensationskampagne des Sonntagsblattes News of the World zurück. Die Boulevard-Zeitung hatte verlangt, Sexualtäter namhaft zu machen und öffentlich zu brandmarken.

News of the World, die vom Rupert Murdochs Medienkonzern News International herausgegeben wird ist berüchtigt dafür, dass sie die drakonischen Law-and-order Maßnahmen verteidigt, die von verschiedenen auf einander folgenden britischen Regierungen eingeführt wurden. Sie hat nur eines dagegen einzuwenden: sie gehen ihr nicht weit genug. Ihre jüngste Kampagne soll die Labour Regierung dazu zwingen, noch schärfere Gesetze gegen Sexualstraftäter zu verabschieden.

Nach dem Gesetz gegen Sexualstraftäter von 1997 müssen sich wegen sexueller Vergehen zu Gefängnisstrafen Verurteilte mit Namen und Adresse bei der Polizei registrieren lassen. Ihre Namen können abhängig von der Schwere ihrer Straftat unbegrenzt registriert bleiben. Trotz der Warnungen von seiten der Polizei wie auch von Kinderschutzorganisationen , dass die Aktion von News of the World die Täter dazu bringen könnte, sich zu verstecken, und damit Kinder gefährdet würden, begann die Zeitung damit, Namen, Fotos und den vermutlichen Aufenthaltsort von 200 der 12.000 Personen zu veröffentlichen, die im Register der Sexualstraftäter erfasst sind.

Das Blatt versprach, die Veröffentlichungen fortzusetzen und rechtfertigte dies mit der "Besorgnis der Öffentlichkeit" nach der Entführung und Ermordung der achtjährigen Sarah Payne im Juli. Unter der Überschrift: "Wenn Sie Eltern sind, müssen Sie dies lesen!" behauptete die News of the World, dass Tausende von Pädophilen den Kindern nachstellten.

Andere Zeitungen schlossen sich der Kampagne an und erzeugten ein aufgeheiztes Klima, in dem immer lauter nach Vergeltung gerufen wird. Die Ausgabe des Daily Mirror vom 18. Juli machte auf der Titelseite auf mit der Forderung, dass wer auch immer Sarah ermordet hatte, "sein Leben lang gezwungen sein (sollte), immer wieder Rasierklingen in seinem Essen zu suchen und eine bewaffnete Leibwache aufzustellen, wenn er duscht, weil er Abend für Abend fürchten müsse, dass ihm die Kehle durchgeschnitten wird. Diese Bastarde zu erhängen wäre viel zu gut für sie."

Diese Atmosphäre der Lynchjustiz, die die Zeitungen erzeugt hatten, führte zu einer Reihe brutaler Überfälle im ganzen Land. In Wohnblocks in Portsmouth, in denen vermutet wurde, dass sich dort Sexualstraftäter befänden, kam es sieben Nächte hintereinander zu einem derartigen Aufruhr, dass unschuldige Familien gezwungen waren, sich zu verstecken. Die Demonstranten, darunter Kinder, trugen Plakate mit der Aufschrift: "Gebt ihnen keine Wohnung, tötet sie!" und anderen Hetzparolen.

Überall im Land wurden Leute fälschlicherweise als Sexualstraftäter verdächtigt und waren Brandanschlägen auf ihr Haus ausgesetzt. Zwei Männer verübten infolge der Kampagne Selbstmord - ein 57 Jahre alter Großvater, der Vorstrafen wegen Kindesmissbrauchs hatte, und ein 49 Jahre alter Familienvater und Geschäftsmann, der wegen sexueller Vergehen angeklagt war.

Die Regierung weigerte sich, die Enthüllungen zu verurteilen und organisierte stattdessen eine Reihe von Treffen, an denen News of the World, Kinderschutzverbände und Verwandte von Sarah teilnahmen, um einen Kompromiss zu erreichen. Erst als die Kampagne zu ernsthaften Störungen führte, an denen Hunderte von Menschen beteiligt waren, riefen einige Labourabgeordnete nach einem Ende der "Herrschaft des Mobs" und juristischen Maßnahmen gegen News of the World.

Die Zeitung stoppte schließlich Mitte August ihre Kampagne, machte aber klar, dass dies nur vorübergehend sei und sie sofort wieder aufgenommen werde, wenn die Regierung die Maßnahmen nicht durchführe, die sie gefordert hatte. Alle Politiker, die sich dem widersetzen würden, sollten "namentlich genannt und verantwortlich gemacht" werden, drohte die Zeitung.

Mit Unterstützung vieler Kinderschutzorganisationen und der Familie Payne forderte News of the World die Verabschiedung eines "Sarah-Gesetzes", in Anlehnung an das Megan-Gesetz in den USA. Dieses Gesetz wurde 1994 von der Regierung Clinton nach dem Mord an dem sieben Jahre alten Megan Kanka durch einen verurteilten Sexualstraftäter im Staat New Jersey verabschiedet.

Nach dem Megan-Gesetz sind die Bundesstaaten in der Lage, Detailinformationen über verurteilte Sexualstraftäter an Schulen und Jugendorganisationen weiterzugeben, und die Polizei darf in der Nachbarschaft des Pädophilen herumgehen und Informationen über ihn bekannt machen. Das Gesetz wird in den Bundesstaaten unterschiedlich angewendet. Sexualtäter in Louisiana beispielsweise können dazu verurteilt werden, bestimmte Kleidungsstücke zu tragen oder Sandwichplakate herumzutragen, auf denen ihre Verbrechen bekannt gemacht werden. In Oregon können sie dazu gezwungen werden, ein Schild ins Fenster zu stellen.

Die Maßnahmen, die News of the World verlangt, stellen eine ernsthafte Bedrohung demokratischer Rechte dar und zielen weit über die relativ kleine Anzahl der Menschen hinaus, gegen die sie angeblich gerichtet sein sollen. Nach den gegenwärtig gültigen Gesetzen werden Menschen, die mit der Betreuung von Kindern zu tun haben, bereits von der Polizei untersucht, und die Kinderschutzorganisationen haben Zugang zu den Registern für Sexualtäter. Besonders umstritten ist an den Vorschlägen für das Sarah-Gesetz die Veröffentlichung des Registers und dass "wo angemessen ein unbegrenztes Strafmaß" verhängt werden soll.

Die Regierung Blair hat bis jetzt auf Anraten der Polizei die Forderung nach Veröffentlichung des Registers zurückgewiesen, aber die Vorschläge der Kampagne begrüßt, da sie "ein wichtiger Diskussionsbeitrag" seien, und "ernsthaft in Erwägung gezogen werden müssten". Blair interessiert sich besonders für das unbegrenzte Strafmaß für alle, die als "ernsthaft psychisch gestört" angesehen werden, unabhängig davon, ob sie bereits ein Verbrechen begangen haben oder nicht. Diese Auffassung trifft aber wegen des gefährlichen Präzedenzfalles, den sie rechtlich liefern würde, auf große Opposition.

Die Regierung selbst ist nicht abgeneigt, die öffentliche Besorgnis über pädophile Handlungen zu benutzen, um die persönliche Freiheit allgemein weiter einzuschränken. Sie hat bereits versucht, das Thema zur Rechtfertigung von Zensur über das Internet und als Argument für die staatliche Überwachung von E-Mails zu benutzen.

Keine Frage, Kindesmissbrauch ist eine äußerst besorgniserregende Sache, aber er legitimiert nicht die Hysterie über pädophile Straftäter, die in den Medien und Teilen des politischen Establishments entfacht wird. Alles was sie bisher bewirkt hat, ist die panische Angst vieler Eltern.

Fotografien und Geschichten von Sarah und ihrer gequälten Familie erscheinen jeden Tag in den Medien. In kaum einem Haushalt in Großbritannien war der Name des vermissten Kindes nicht bekannt, und Sarahs angstvolle Eltern erschienen fast täglich auf Pressekonferenzen und in den Nachrichten, um die sichere Rückkehr ihrer Tochter zu erflehen. Jede Mutter und jeder Vater, alle Großeltern sollten sich an die Stelle der Familie Payne versetzen, mit ihrem Schmerz identifizieren und sich vorstellen, wie sie sich fühlen würden, wenn es ihr eigenes Kind wäre. Als die Nachricht gesendet wurde, dass die Leiche des Kindes entdeckt worden war, machten sich Tausende, darunter ganze Familien auf zu dem Acker in der Nähe der A29, um Kränze niederzulegen und den ganzen Ort in ein Heiligtum zu verwandeln.

Etliche Psychologen haben ihre Besorgnis über dieses Phänomen zum Ausdruck gebracht. Der Ausbruch kollektiver Trauer ging über das sehr normale menschliche Mitgefühl über den Verlust eines anderen weit hinaus. Es drückte aus, in welcher Weise Tausende von Menschen fühlen, dass auch sie in einer harten, kalten Welt von grausamen Umständen bedroht sind. Dies war die Atmosphäre, in der News of the World in der Lage war, die unausgesprochenen Ängste der Eltern um ihre Kinder für ihr eigenes politisches Programm zu instrumentalisieren. Zu keinem Zeitpunkt wurde die britische Öffentlichkeit aufgefordert, ernsthafte Informationen zu diesem Thema einzuholen und darüber nachzudenken.

Pädophilie ist ein komplexes Phänomen, das mit einer ganzen Reihe weitgefächerter sowohl sozialer als auch psychologischer Probleme zusammenhängt. Der Gedanke, sie könne durch eine Reihe juristischer Maßnahmen beseitigt werden, ist falsch. In Wirklichkeit hat die Tatsache, dass Kindesmissbrauchs einfach als Verbrechen behandelt wird, nur dazu geführt, das Problem zu verschlimmern. In den USA häufen sich die Beweise, dass das Megan-Gesetz keinerlei messbare Auswirkungen hatte, den Kindesmissbrauch zu verringern.

Es ist seit langem bekannt, dass die Mehrheit der pädophilen Täter - 70 Prozent - selbst als Kinder missbraucht wurde. Viele derjenigen, die sexuelle Gefühle zu Kindern entwickeln, sehen dies als vollkommen normal an oder sind derart psychologisch gestört, dass sie nicht die normalen Hemmungen vor derartigem antisozialem Verhalten besitzen. Aber weil die Betonung fast ausschließlich auf Gefängnis und Vergeltung gelegt wird, haben zwei Drittel der solcher Delikte Angeklagten nicht einmal ein Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter durchlaufen. Statistiken des Innenministeriums zeigen, dass derartige Programme die Rückfälligkeit immerhin um 25 Prozent verringern können. Mit zusätzlichen Maßnahmen und Betreuung nach der Entlassung kann in mehr als 90 Prozent der Fälle ein Rückfall verhindert werden. Statt derartige Initiativen zu entwickeln und die notwendigen Mittel für psychologische Forschung und Behandlungsprogramme bereitzustellen, wo immer dies möglich ist, sperren die Behörden Pädophile lediglich ein und entlassen sie schließlich wieder, damit sie erneut straffällig werden.

Die Tatsache, dass vor allem Law-and-order-Maßnahmen zur Bekämpfung einer erwiesenermaßen psychologischen Störung dienen sollen, weist ganz allgemein darauf hin, dass die bestehende Ordnung nicht in der Lage ist, für irgendein gesellschaftliches Problem eine fortschrittliche Antwort zu finden. Die Rufe nach härteten Urteilen für Pädophile, nach Kastration oder gar der Todesstrafe entsprechen den unnachsichtigen Keine-Toleranz-Urteilen, die heute allenthalben für Vergehen wie Einbruch oder Drogenbesitz durchgesetzt werden. In der heutigen Welt glauben die gesellschaftlich Verantwortlichen nicht mehr ernsthaft an Vorbeugung oder Heilung, es geht nur noch um Strafe.

Die Berichterstattung der Sensationsmedien zeichnet zudem ein höchst entstelltes Bild. Die Fälle der durch einen Fremden entführten und ermordeten Kinder sind seit Jahren gleich geblieben - zwischen fünf und zehn jährlich. Nur 50 der 110.000 Männer, die wegen Sexualdelikten mit Kindern verurteilt wurden, fallen in die Kategorie pädophiler Kinderschänder.

Es kommt häufiger vor, dass Kinder von ihren Eltern getötet werden als von vollkommen Fremden. Allein im letzten Monat gab es in Großbritannien drei Fälle, in denen ein Vater, der glaubte, sein eigenes Leben sei am Ende, seine ganze Familie getötet hat. Einer von ihnen, ein bankrotter Geschäftsmann, tötete seine Frau und seine vier Kinder, bevor er Selbstmord beging. Auch ist es viel häufiger, dass Kinder von einem Verwandten sexuell missbraucht werden, als von vollkommen Unbekannten. Der größte Teil derjenigen, die wegen Sexualdelikten an Kindern registriert sind, sind Familienmitglieder.

Diese Tatsachen werden ignoriert, weil sie im Widerspruch zu den Kampagnen der Presse und der Politiker stehen, die den "Wert der Familie" hochhalten. Die Statistiken beweisen aber, dass für viele junge Menschen die Familie keineswegs das Paradies ist, für das sie ausgegeben wird. Aber wenn sie dies zuzugeben würden, müssten die Medien und die Politiker die Sozialpolitik in Frage stellen, die heute Millionen von Menschen trotz seiner Unzulänglichkeiten und Traumata vollkommen vom Familienverband abhängig macht. Indem sie diese Politik durchsetzen, verstärken sie die Bedingungen, die dem Missbrauch der Jungen und Verletzlichen Vorschub leisten.

Siehe auch:
Sexueller Kindesmißbrauch
(20. Februar 2000)

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