Im Wunderland der Postmoderne

Eleganter Unsinn von Alan Sokal und Jean Bricmont

Von Stefan Steinberg
15. August 2000

Eleganter Unsinn - Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften missbrauchen C.H. Beck Verlag ISBN 3 406 45274 4

Eleganter Unsinn ist bereits in verschiedenen Sprachen und Fassungen erschienen, zuerst auf Französisch unter dem Titel Impostures Intellectuelles(1997), dann in den USA als Fashionable Nonsense(1998). Die vorliegende, 1999 erschienene deutsche Fassung ist eine Übersetzung sowohl der englischsprachigen Fassung als auch einiger Texte, die nur in der französischen Originalausgabe beinhaltet waren. Das Buch ist jedem zu empfehlen, der sich für moderne ideologische Trends interessiert, insbesondere für die verschiedenen, recht nebulösen Geistesströmungen, die man unter dem Sammelbegriff "Postmoderne" zusammengefasst hat.

Die Autoren Alan Sokal und Jean Bricmont ziehen gutgerüstet in den Kampf gegen die zahlreichen Absurditäten, die in den Werken einiger der prominentesten französischen Postmodernisten zu finden sind. Auch wenn der Autor dieser Zeilen einigen Kommentaren oder Schlussfolgerungen von Sokal und Bricmont nicht zustimmt, so sind die beiden Autoren auf jeden Fall für ihre Bemühungen, aus dem monströs aufgeblähten Ballon der "postmodernen" Gedankenwirrungen die Luft herauszulassen, zu beglückwünschen. In der Einführung des Buches fassen sie ihr Ziel so zusammen: "Uns geht es hier darum, zu einer kritischen Haltung anzuregen, und zwar nicht nur gegenüber bestimmten Personen, sondern gegenüber einem Teil der Intelligenzia (sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa), der diese Form des Diskurses zugelassen, ja sogar gefördert hat." (S. 23)

Die Vorgeschichte dieses Buchs ist erwähnenswert. 1996 hat Sokal, der Physiker an der New York University ist, einen Artikel bei der Zeitschrift Social Text, die als einflussreiche "linke" Publikation im Bereich der Soziologie und im relativ neuen Themenfeld der "Kulturwissenschaften" gilt, zur Veröffentlichung eingereicht. Sokal gab seinem Artikel den Titel Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation.

Sokal brachte auf nur wenigen Seiten so viel an unsinnigem Kauderwelsch und Pseudowissenschaft zusammen, wie man sich überhaupt nur vorstellen kann. Ohne die Geduld der Leser überstrapazieren zu wollen, hier ein kurzer Ausschnitt: "...das ( Euklids und das G Newtons, die früher als konstant und universal galten, werden heute in ihrer unabwendbaren Historizität gesehen; der vermeintliche Beobachter wird endgültig dezentriert, abgeschnitten von jeder epistemischen Verbindung zu einem Raum-Zeit-Punkt, der nicht mehr alleine durch Geometrie zu definieren ist." Die Herausgeber von Social Text, darunter der prominente Linksintellektuelle Stanley Aaronowitz, ein Mitbegründer der Zeitschrift und Professor an der City University von New York, fassten den Artikel als seriösen Beitrag auf und veröffentlichten ihn.

Erst nach der Veröffentlichung - und vor allem nachdem Sokal zugegeben hatte, dass es sich um einen (gelungenen) Scherz handelte -, begann die Redaktion Abstand zu nehmen. Sokal hatte seinen Finger an eine wunde Stelle gelegt. Mit ihrem Buch Eleganter Unsinn bohren Sokal und Bricmont noch weiter in dieser Wunde.

Das Buch befasst sich mit einigen der bekanntesten Figuren der französischen Postmoderne - unter anderen mit Jacques Lacan, Jean-Pierre Lyotard, Julia Kristeva, Jean Baudrillard, Gilles Deleuze und Felix Guattari. Mit einer Reihe von Beispielen aus den Werken dieser Vordenker wird die sorglose Art dokumentiert, mit der sie ihre Argumente entwickeln und darlegen.

Luce Irigaray und Julia Kristeva

Luce Irigaray ist eine prominente französische Feministin mit postmodernen Prätensionen im Bereich der Philosophie und der Wissenschaft. Ihr Werk ist in einigen akademischen Kreisen Europas und Amerikas hoch angesehen. In einem ihrer Essays, "Le sujet de la science est-il sexué?" ("Ist das Thema Wissenschaft geschlechtsspezifisch?") (1987) wendet sie sich einem Aspekt zu, der in allen bisherigen Abhandlungen über Einsteins berühmte Relativitätstheorie gänzlich übersehen wurde. Sie stellt die Frage: "Ist e=mc² eine geschlechtsspezifische Gleichung?", und fährt dann fort: "Vielleicht. Stellen wir die Hypothese auf, dass sie es insofern ist, als sie die Lichtgeschwindigkeit gegenüber anderen Geschwindigkeiten, die für uns elementar notwendig sind, vorzieht. Was in meinen Augen den möglicherweise geschlechtsspezifischen Charakter der Gleichung anzuzeigen scheint, ist nicht unmittelbar ihre Verwendung in Kernwaffen, sondern vielmehr die Bevorzugung dessen, was am schnellsten ist..." (S. 130)

In einem anderen Text über ähnliche Themen lässt sie ihrem Spleen freien Lauf: "Aber was bedeutet diese allgemeine Relativität für uns, die in den Atomkraftwerken über uns bestimmt und unsere Körperträgheit, eine lebenswichtige Bedingung, in Frage stellt?" (S. 128)

Im Grunde genommen ist Irigarays Argumentation nicht einmal so verschlungen wie die vieler anderer Postmodernisten. Einstein (der ja schließlich ein Mann war - na, also!) entwickelte seine Relativitätsgleichung, die zu einem Fundament der modernen Wissenschaft wurde. Aus dieser Gleichung folgt, dass sich physische Gegenstände nicht schneller als die Lichtgeschwindigkeit bewegen können, d.h. dass die Lichtgeschwindigkeit die höchste begreifbare Geschwindigkeit ist. Laut einer Annahme von Irigaray ist die Geschwindigkeit jedoch eine vorrangig männliche Eigenschaft. Folglich ist die gesamte Gleichung fragwürdig (und außerdem eine Bedrohung unserer Körperträgheit - es lebe die Trägheit!).

Die Tatsache, dass männliche Körper bei dem Versuch, Lichtgeschwindigkeit zu erreichen, mit genau denselben Problemen wie weibliche Körper konfrontiert wären, wird zugunsten von Irigarays Argumentationskette (die mehr mit Alice im Wunderland als mit ernsthafter Beweisführung gemein hat) einfach beiseite gewischt. Das niederschmetternd nüchterne Fazit von Sokal und Bricmont: "Was Irigaray behauptet, verrät eine leider nur oberflächliche Kenntnis der von ihr angesprochenen Themen und trägt daher nichts zur Diskussion bei."

Irigaray hat sich offensichtlich auf ein Terrain gewagt, von dem sie herzlich wenig versteht, und ist dabei auf die Nase gefallen. Holen wir also tief Luft und wenden wir uns den sonstigen Attraktionen zu.

Ein weitere Vordenkerin der postmodernen Philosophie ist Julia Kristeva, die den Versuch unternommen hat, eine Verbindung zwischen literarischer Tätigkeit und der Mathematik herzustellen. Insbesondere hat sie versucht, die Poesie mit der Mengenlehre, einem besonderen Bereich der Mathematik, in Einklang zu bringen. Folgender Absatz aus ihrem Werk Séméiotiké: Recherches pour une sémanalyse("Semeiotike: Recherchen für eine Semioanalyse") (1969) ist typisch für ihren Denkansatz:

"Die poetische Sprache (die wir fortan mit den Initialen ps bezeichnen wollen) enthält den Code der linearen Logik. Darüber hinaus können wir in ihr all die kombinatorischen Figuren finden, die die Algebra in einem System künstlicher Zeichen formalisiert hat und die auf der Manifestationsebene der gewöhnlichen Sprache nicht externalisiert werden..." (S. 61)

Sokal und Bricmont stellen die zahlreichen Entstellungen und Verfälschungen mathematischer Konzepte heraus, die Kristeva im Verlauf ihres Artikels vornimmt. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass Kristeva in ihren Texten nicht ein einziges Mal eine ernsthafte Begründung vorbringt, um ihre Hauptthese einer Beziehung zwischen der Poesie und einem Teilbereich der Mathematik zu rechtfertigen.

Auch hier könnte man wieder tief Luft holen und annehmen, es handele sich bei ihr um eine weitere überbewertete Theoretikerin, die versehentlich zu Prominenz gelangt ist. Doch die Auflistung der Travestien geht weiter.

Sokal und Bricmont widmen ein Kapitel nach dem anderen den renommiertesten Vertretern der zeitgenössischen Philosophie in Frankreich, von denen viele sich als in politischen Dingen linksorientiert bezeichnen würden. Die so versammelten Intellektuellen wenden auf verfälschende Weise erwiesene und anerkannte Konzepte der Naturwissenschaften an, um kontroverse Theorien in den Bereichen Soziologie, Literaturkritik, Linguistik, Kulturwissenschaften und anderen Wissensgebieten zu stützen.

Was ist Postmodernismus?

Sokal und Bricmont haben genügend Material zusammengetragen, um einleuchtend zu belegen, dass der Postmodernismus mindestens so viel Unsinn hervorgebracht hat wie die alte theologische Debatte darüber, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können. Aber besteht er nur aus Unsinn und sonst nichts? Was ist überhaupt der Postmodernismus? Wo liegen seine Wurzeln?

Sokal und Bricmont machen in dieser Hinsicht eine Reihe von interessanten Bemerkungen. Zunächst stellen sie zurecht fest, dass die allgemeine Tendenz der postmodernen Denkrichtung in der Ablehnung einer begreifbaren objektiven Realität und in der Einführung von Relativismus in jeden Bereich des Denkens und der Wissenschaft liegt.

Außerdem stellen die Autoren fest, dass breite Schichten der "akademischen Linken" für postmoderne Theorien besonders empfänglich sind. Als Antwort auf eine Reihe von "linken" Kritiken der ursprünglichen Ausgabe von Eleganter Unsinn erläutert Sokal, warum er dieses Buch geschrieben hat: "Aber was hat mich dazu bewogen? Ich gestehe, dass ich ein unbeeindruckter Altlinker bin, der nie richtig verstanden hat, wie die Dekonstruktion der Arbeiterklasse helfen soll. Und ich bin ein spießiger alter Wissenschaftler, der naiv glaubt, dass eine äußere Welt existiert, dass es objektive Wahrheiten über sie gibt und dass meine Aufgabe darin besteht, ein paar davon zu entdecken." (S. 320)

Sokal und Bricmont identifizieren französische Intellektuelle als treibende Kraft der postmodernen Denkschule, weisen jedoch auch darauf hin, dass sich intellektuelle Kreise in Großbritannien und Amerika dieser Bewegung angeschlossen haben: "Die laxe Haltung in puncto wissenschaftlicher Klarheit, der man bei Lacan, Kristeva, Baudrillard und Deleuze begegnet, hatte in den 70er Jahren in Frankreich unbestreitbaren Erfolg und ist dort immer noch erstaunlich erfolgreich. Diese Art des Denkens verbreitete sich in den 80er und 90er Jahren über Frankreich hinaus vor allem in der englischsprachigen Welt." (S. 256)

An einer Stelle des Buchs räumen Sokal und Bricmont ein, dass es einen "(allerdings oftmals überbewerteten) soziologischen Bezug" des Postmodernismus gibt. Doch dann fahren sie fort: "Insbesondere haben die hier analysierten Ideen - wenn überhaupt - nur eine sehr geringe Beziehung zur Politik." Als Folge dieser Hypothese haben die Autoren nur wenig Interessantes über die Wurzeln des Postmodernismus zu berichten.

Im Gegensatz dazu sind die Leitfiguren der Postmoderne nicht so zurückhaltend bei der Darstellung der sozialen, historischen und politischen Wurzeln ihrer eigenen Denkweise. Jean-Francois Lyotard wird von vielen als der Großvater oder "Papst" der Postmoderne betrachtet. In seinem Buch Das postmoderne Wissen unterscheidet Lyotard folgendermaßen zwischen modern und postmodern:

"Ich werde den Begriff ‘modern' verwenden, um jede Wissenschaft zu bezeichnen, die sich durch den Bezug auf eine Metaerzählung dieser Art rechtfertigt, wobei sie sich explizit auf irgend eine grandiose Erzählung wie die Dialektik des Geistes, die Hermeneutik der Bedeutung, die Emanzipation des rationalen oder arbeitenden Subjekts oder die Schaffung von Reichtum beruft.

Um es äußerst vereinfacht auszudrücken, definiere ich das Postmoderne als Skepsis gegenüber den Metaerzählungen. Diese Skepsis ist zweifelsohne ein Produkt des wissenschaftlichen Fortschritts, wobei jedoch dieser Fortschritt eine solche Skepsis voraussetzt. Der Obsoleszenz des metaerzählerischen Rechtfertigungsapparats entspricht vor allem die Krise der metaphysischen Philosophie und der universitären Funktion, die sich teilweise auf ihr stützte. Die erzählerische Funktion verliert ihre Funktionsträger, ihren großen Helden, ihre großen Reisen, ihr großes Ziel." (Jean-Francois Lyotard, Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, Wien 1993 - frz. Original: La Condition postmoderne: Rapport sur le savoir, Paris 1979)

Als "Metaerzählung" versteht Lyotard alle philosophischen und sozialen Konzeptionen, die von der Möglichkeit ausgehen, dass man zu einem allgemeinen Verständnis der Welt und der Gesellschaft gelangen kann - einem wissenschaftlichen Verständnis, das dann die Grundlage für eine bewusste Veränderung der Welt liefern könnte. Lyotard lehnt jede Konzeption dieser Art strikt ab.

Er ist bei weitem nicht der einzige unter den Postmodernisten, der den deutschen Philosophen Hegel ("die Dialektik des Geistes") als den in dieser Hinsicht größten Übeltäter betrachtet. Die Feindseligkeit der Postmodernisten gegenüber Hegel (mehr dazu weiter unten) richtet sich insbesondere gegen dessen allumfassende Weltsicht, die auf der dialektischen Methode beruhte. Für die Postmodernisten ebenso suspekt ist die materialistische Umarbeitung von Hegels Dialektik durch Marx und Engels, welche in der Gestalt der sozialistischen Arbeiterbewegung zu einer gesellschaftlichen Kraft wurde.

Postmodernismus und Stalinismus

Indem sie den Stalinismus und seine Verbrechen mit dem wirklichen Sozialismus gleichsetzen, stellen Lyotard und die anderen Postmodernisten die These auf, dass das zwanzigste Jahrhundert das endgültige Scheitern der marxistischen "Metaerzählung" (der "Emanzipation des rationalen oder arbeitenden Subjekts") markiert. Darüber hinaus bekunden sie ihre Unzufriedenheit mit jeder allgemeinen Theorie, wonach die Entwicklung des Kapitalismus auf einer rationalen Basis möglich sei ("die Schaffung von Reichtum").

Obwohl Sokal und Bricmont die Rolle der Politik bei der Entwicklung des Postmodernismus schmälern, genügt ein Blick auf die Biographie Lyotards, um festzustellen, wie eng die Entstehung seiner Theorien mit seinen eigenen Erfahrungen mit linker Politik im Nachkriegs-Frankreich verknüpft ist.

Der 1924 in Versailles geborene Lyotard studierte Philosophie und Literatur an der Sorbonne in Paris. Als junger Mann war er in der Gewerkschaftspolitik aktiv und wurde insbesondere durch seine direkten Erfahrungen mit dem französischen Kolonialismus als Lehrer in Algerien radikalisiert. Lyotard lehnte die stalinisierte Kommunistische Partei Frankreichs, die bei der Unterdrückung der algerischen nationalen Bewegung kollaborierte, ab und schloss sich einer von Cornelius Castoriadis geführten Gruppe namens Socialisme ou Barbarie("Sozialismus oder Barbarei") an. Diese Gruppe bezeichnete sich zwar als trotzkistisch, lehnte jedoch Trotzkis Analyse der Sowjetunion ab, die sie als staatskapitalistisches Wirtschaftssystem definierte.

Nachdem sich Castoriadis in den 50er Jahren rapide nach rechts bewegte, brach Lyotard mit der Socialisme ou Barbarie -Gruppe und gründete 1964 seine eigene Organisation um die Zeitschrift Pouvoir Ouvrier("Arbeitermacht"). Zwei Jahre später brach er vollständig mit der revolutionären Politik. Im Jahr 1988 beschrieb er in einem Interview diesen Prozess rückblickend mit entwaffnender Ehrlichkeit: "Eine Phase meines Lebens ging zuende. Ich trat aus dem Dienst an der Revolution aus und würde etwas anderes unternehmen. Ich hatte meine Haut gerettet."

Viele der postmodernen Theoretiker haben eine ähnliche politische Entwicklung hinter sich. So veröffentlichte Julia Kristeva ihre ersten Essays in Les Temps Modernes, der von Jean-Paul Sarte gegründeten Zeitschrift. Sartre selbst sympathisierte mit den französischen Stalinisten und zeigte gegen Ende seiner Karriere eine gewisse Neigung in Richtung Maoismus. Auch etliche andere Postmodernisten standen unter dem Einfluss von Sartre oder seinem prominentesten Nachfolger an der École Normale Supérieure, Louis Althusser (der über viele Jahre das für ideologische Fragen zuständige Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Frankreichs war).

Selbst bei einer flüchtigen Untersuchung der politischen Wurzeln vieler der Leitfiguren der Postmoderne stößt man auf die Tatsache, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt Mitglied stalinistischer bzw. radikaler linker Organisationen waren oder zumindest enge Beziehungen zu solchen Organisationen hatten. Eine detaillierte Abhandlung über die soziologische Entwicklung breiter Schichten der Intellektuellen im Nachkriegs-Frankreich würde den Rahmen einer Buchrezension sprengen, aber auch bei oberflächlichster Betrachtung ist die enorme Rolle, welche die Kommunistische Partei Frankreichs als führende Organisation im linken Spektrum des damaligen Frankreichs dabei spielte, unübersehbar.

Das stalinistische Dogma war ein wichtiger Bestandteil des intellektuellen Lebens in Frankreich. Die weitere Degeneration des Stalinismus und seine Entwicklung nach rechts in der Nachkriegszeit, die Verbrechen der Partei im Zusammenhang mit Algerien und Vietnam, der Verrat an der radikalisierten Studenten- und Arbeiterbewegung im Jahr 1968 und schließlich der Zusammenbruch des Sowjetblocks waren ausschlaggebend bei der Verbreitung von Desillusionierung und Desorientierung, und trieben einen Teil der Intelligenz nach rechts.

In seinem Buch The New Constellation unternimmt der amerikanische Autor Richard J. Bernstein den Versuch, gegen einige der Exzesse der Postmodernisten anzukämpfen und insbesondere Hegel und die Dialektik zu verteidigen. Allerdings offenbart er dabei am eigenen Beispiel, unter welchem Druck Teile der Intelligenz (nicht nur in Frankreich) nach den Erfahrungen von Faschismus und Stalinismus im zwanzigsten Jahrhundert stehen:

"Es ist für jeden, der das zwanzigste Jahrhundert mit seinem schrecklichen Ausmaß an Gewalt, Barbarei und Völkermord erlebt hat, praktisch unvermeidbar, dass er der Vorstellung eines narrativen Geschichtsverständnisses als progressive Verwirklichung der Freiheit mit Unglauben begegnet. Nach Auschwitz und dem Gulag kann man nicht umhin, die Vorstellung, man könne durch spekulatives Verständnis eine Versöhnung mit der Realität herbeiführen, mit Misstrauen und Skepsis zu betrachten. Die ganze Metaphysik des ‘zuhause seins in der Welt' erscheint jetzt hohl." ( The New Constellation, S. 306)

Auch der tschechische Präsident Vaclav Havel drückt auf seine Art den Zusammenhang zwischen der Krise der modernen Ideologie und dem Zusammenbruch des Stalinismus mit folgenden Wort aus: "Der Fall des Kommunismus lässt sich als Zeichen dafür werten, dass das moderne Denken - das davon ausgeht, dass die Welt erfahrbar ist und dass das derart gewonnene Wissen absolut verallgemeinert werden kann - in eine Existenkrise geraten ist" (zitiert in Eleganter Unsinn, S. 240).

Die politische Ausrichtung der Postmodernisten

Es stimmt zwar, dass ein Teil der Postmodernisten in Nihilismus und Pessimismus hinabgestürzt ist und nun Loblieder auf die "Trägheit" anstimmt. Heutzutage müssen sich französische Intellektuelle dafür entschuldigen, dass sie keine Anhänger der reaktionären deutschen Philosophie des 19. Jahrhunderts sind. Zwei Intellektuelle, Luc Ferry und Alain Renaut, sind sogar so weit gegangen, ein Buch mit dem Titel Warum wir keine Nietzscheaner sind zu schreiben. Dennoch wäre es falsch, die Tatsache zu ignorieren, dass die Postmodernisten trotz ihrer Skepsis gegenüber der Möglichkeit, grundlegende gesellschaftliche Veränderungen durchzusetzen, durchaus so etwas wie ein politisches "Programm" haben.

Laut den Postmodernisten sind alle "Metaerzählungen", d.h. alle umfassenden Versuche, die Welt fortschrittlich zu verändern, völlig gescheitert. Nach dieser Auffassung hat sich die Arbeiterklasse als Instrument des gesellschaftlichen Wandels diskreditiert und der Zusammenbruch des Stalinismus bietet den Beweis dafür, dass es unmöglich ist, die Gesellschaft grundsätzlich zum Besseren zu ändern.

Die verbleibende Alternative ist von einem anderen Doyen der postmodernen Bewegung, Michel Foucault, vielleicht am besten formuliert worden: "Es gibt keine Ortsbestimmung der großen Auflehnung, keine Seele der Revolte, Quelle aller Aufstände oder reines Gesetz des Revolutionären. Stattdessen gibt es eine Pluralität von Widerständen, von denen jeder ein besonderer Fall ist."

Zusammen mit Deleuze, Guattari und Lyotard betonte Foucault, dass es notwendig sei, "Mikropolitik" und "Mikrokämpfe" zu entwickeln. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Strategie eine große Anziehungskraft für die Anhänger einer auf Einzelziele ausgerichteten Politik hat - also für Separatisten und Nationalisten jeder Couleur, Umweltschützer, Feministinnen usw.

Die Schwachpunkte im Ansatz von Sokal und Bricmont

Trotz der Schärfe ihrer Kritik an den Postmodernisten teilen Sokal und Bricmont eine grundsätzliche Position ihrer Gegner: die Feindseligkeit gegenüber der Dialektik. Die prominentesten Vordenker der Postmoderne machen dabei aus ihrem Hass auf die Dialektik keinen Hehl: "Was ich mehr als alles andere verabscheute, war der Hegelianismus und die Dialektik." (aus: "Ich habe nichts mehr zu gestehen", Semiotext, Giles Deleuze, 1977)

Abscheu vor der Dialektik (und vor dem Leben!) kommt auch in folgendem Zitat von Felix Guattari, das zwar kaum verständlich, aber keineswegs untypisch ist, zum Ausdruck: "Existenz als ein Prozess der Entterritorialisierung ist ein spezifisch inter-maschinischer Vorgang, der sich selbst über die Förderung singularisierter existentieller Intensitäten legt. Und, ich wiederhole, es gibt keine verallgemeinerte Syntax für diese Entterritorialisierungen. Existenz ist nicht dialektisch, nicht darstellbar. Sie ist kaum lebbar!" ( Eleganter Unsinn, S. 191)

Auch Sokal und Bricmont sind Gegner der Dialektik. Das führt dazu, dass ihre Beschreibung der wissenschaftlichen Methodik - gelinde gesagt - ziemlich schwach ist. In ihrem Bemühen, eine Kontinuität zwischen alltäglichen Konzeptionen und denen der wissenschaftlichen Theorie zu betonen, argumentieren sie, dass sich die wissenschaftliche Methode "nicht grundlegend von der rationalen Haltung im Alltag" unterscheidet (S. 74), obwohl sie diese Bemerkung kurz danach mit der Aussage, "Es wäre jedoch naiv, diesen Zusammenhang überzustrapazieren," einschränken. (S. 75, Fußnote 8)

In Wirklichkeit bezeugt jedoch die Geschichte der wissenschaftlichen Entwicklung die Tatsache, dass wissenschaftliche Methodik und Entdeckung nicht bloß die logische Extension des gesunden Menschenverstands sind. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts führten Fortschritte in der wissenschaftlichen Erkenntnis des Atoms zu einer äußerst heftigen ideologischen Kontroverse. Das "Verschwinden" des festen, traditionellen Grundpartikels zugunsten eines aus elektrischen Kräftefeldern bestehenden Atoms führte dazu, dass einige Wissenschaftler und Philosophen (Mach, Bogdanov) sowohl die Existenz von Materie als auch die Fähigkeit des Menschen, zu einem objektiven Wissen über die Welt zu gelangen, in Frage stellten.

1908 trat Lenin mit seinem Buch Materialismus und Empiriokritizismus in diese Debatte ein. Darin kämpfte er gegen den philosophischen Relativismus an und verteidigte sowohl das objektive Wesen der materiellen Welt als auch die Fähigkeit der Menschen - als Grundlage der Wissenschaft - die Welt korrekt wahrzunehmen. Gleichzeitig betonte er, dass der Konflikt zwischen Vorstellungen des Atoms auf der Grundlage des gesunden Menschenverstands und den aus der neuesten wissenschaftlichen Forschung hervortretenden Erkenntnissen nur auf der Basis eines dialektischen Verständnisses der Materie und des menschlichen Denkens gelöst werden könne.

Der philosophische Relativismus war auch Gegenstand von Kontroversen zwischen ideologischen und kulturellen Strömungen im neuen Sowjetstaat. Als Replik auf philosophische Schriften einiger Vertreter der futuristischen Bewegung schrieb Aleksander Woronski, Chefredakteur der einflussreichen Literaturzeitschrift Krasnaja Now("Rotes Neuland"), 1923 über die Schriften von Chuzhak und anderen:

"Dies alles hat mit der Dialektik von Marx, Plekhanow und Lenin nichts gemein. Über diese und ähnliche Schriften weht der Wind des absoluten Relativismus, und mit ihm die Leugnung jeder Stabilität. Wir Kommunisten sind zwar auch Relativisten, unser Relativismus ist jedoch nicht absolut, sondern relativ... Genosse Chuzhak argumentiert nicht wie Heraklit, demzufolge alles fließt, sondern wie Zeno, der behauptete, es sei unmöglich, zweimal in den selben Strom zu treten, da ‘alles fließt, alles sich verändert'. Heraklit war Dialektiker, während Zeno ein metaphysischer Relativist war. Im Lager der bürgerlichen Gelehrten gibt es jetzt sehr viele solche Relativisten." (Aleksander Woronski, Die Kunst als Erkenntnis des Lebens,aus dem Englischen. Die deutsche Fassung wird 2001 unter dem Titel Die Kunst, die Welt zu sehen im Arbeiterpresse Verlag erscheinen.)

Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs lieferte Leo Trotzki in der Auseinandersetzung mit einer kleinbürgerlichen Oppositionsströmung innerhalb der Vierten Internationale einen eigenen machtvollen Beitrag zur Erläuterung der materialistischen Dialektik. Der führende Theoretiker der damaligen Opposition, James Burnham, vertrat ähnliche Vorstellungen wie später der junge Lyotard und argumentierte, dass in der Sowjetunion eine Form des Kapitalismus wieder eingeführt worden sei.

Nachdem er die philosophische Methode der Opposition einer genauen Analyse unterzogen hatte, schloss Trotzki seine präzise Erläuterung der Dialektik mit folgender Warnung ab: "Die dialektische Logik drückt die Gesetze der Bewegung im gegenwärtigen wissenschaftlichen Denken aus. Im Gegensatz dazu reflektiert der Kampf gegen die materialistische Dialektik eine ferne Vergangenheit, den Konservatismus des Kleinbürgertums, den Eigendünkel der Universitäts-Routiniers und ... einen Funken Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod." (Leo Trotzki, Zur Verteidigung des Marxismus).

Die Verbrechen der stalinistischen Bürokratie - ihre physische Vernichtung der sozialistischen politischen und intellektuellen Opposition in den 30er Jahren zusammen mit ihrer Hinwendung zum Nationalismus und ihrer völliger Pervertierung der marxistischen Dialektik - waren von ausschlaggebender Bedeutung bei der Sabotierung der sozialistischen Arbeiterbewegung und der Förderung von neuen Strömungen des Irrationalismus und Relativismus.

Die Heeresscharen der Relativisten sind mit der Ausbreitung der gegenwärtigen Geistesströmung des Postmodernismus stark angeschwollen. Und dennoch hat es etwas Lächerliches und Verlogenes an sich, wenn die Vertreter dieser Bewegung von sich behaupten, sie repräsentierten das Allerneueste auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften.

Denn ihre ideologischen Vorbilder sind vor allem die Gegner der Aufklärung aus dem 19. Jahrhundert: Nietzsche, Schopenhauer und Kierkegaard. Statt etwas Neues auf dem Gebiet der Ideen und Konzeptionen anzubieten, führen die diversen, von Verachtung für echte wissenschaftliche Methode, Kulturpessimismus, Individualismus, Obskurantismus und der Ablehnung der historischen Wahrheit durchtränkten Thesen und Texte der Postmodernisten in eine ideologische Sackgasse - als entstellter Ausdruck einer gesellschaftlichen Ordnung, der seit langem die Dynamik ausgegangen ist.

Auch wenn es etliche Schwachpunkte in ihrer Argumentation gibt, sind Sokal und Bricmont aus den Konventionen des akademischen Milieus ausgeschert und haben die Absurdität in vielen Bereichen des postmodernen Denkens aufgezeigt. Ihr Buch verdient eine breite Leserschaft.

Siehe auch:
Ein Briefwechsel zum Postmodernismus
(28. November 2000)
Der Fall Martin Heidegger Philosoph und Nazi
(28. April 2000)

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