Der Brand des Moskauer Fernsehturms

Von Patrick Richter
29. August 2000

Am Sonntag Nachmittag versammelten sich immer mehr Moskauer in der Nähe des Fernsehturms, um ungläubig das Ende eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt und eines der technischen Wunder der Nachkriegperiode zu verfolgen. Der Turm war in Brand geraten und die stabilisierenden Tragseile in seinem Inneren schmolzen eines nach dem anderen in der Hitze des Feuers dahin.

Nach dem Ausbruch des Brandes um 15.08 Uhr Moskauer Zeit fiel die Übertragung der wichtigsten nationalen Fernseh- und Radioprogramme und einiger kleinerer Sender im europäischen Teil Russlands vollständig aus. Als der Brand knapp 24 Stunden später endlich gelöscht war, sah die Bilanz verheerend aus: Mehr als die Hälfte der technischen Anlagen des Fernsehturms waren zerstört und im gesamten, vom Feuer erfassten Bereich war alles ausgebrannt, was brennbar war. Nur der Teil unterhalb der Höhenmarke von 60 Metern war infolge der Errichtung einer Schaumbarriere durch die Feuerwehr weitestgehend unbeschädigt geblieben. Alle Fahrstühle waren ausgefallen und nach Reißen der Stahlseile in die Tiefe gestürzt.

Jüngsten Angaben zufolge kamen bei dem Brand vier Menschen ums Leben: Drei Feuerwehrleute und eine Fahrstuhlführerin, die zunächst im Brandherd feststeckten und erstickten und danach in die Tiefe stürzten. Die Besucher des Fernsehturms wurden rechtzeitig evakuiert, so dass eine Tragödie größeren Ausmaßes verhindert werden konnte.

Als wahrscheinliche Ursache für den Brand wird ein Kurzschluss in einer Höhe von 460 Metern angenommen.

Ein hochrangiger Offizier der Feuerwehr erläuterte gegenüber der Presse, dass der Kurzschluss Folge einer ständigen Überlastung der elektronischen Anlagen gewesen sein könne. Die Kapazitäten des 33jährigen Fernsehturms seien schon Anfang der 90er Jahre erschöpft gewesen. Trotzdem wurden weitere Anlagen installiert, was zu einer Überlastung des Turms durch technische Installationen um 30 Prozent geführt habe. Insbesondere die Installation von Übertragungsanlagen für Pager-Systeme, so der Offizier weiter, hätte zu einer Überlastung und somit stillschweigend zur Verletzung der Brandschutzregeln geführt. Schon seit Jahren sei das von der Feuerwehr angemahnt worden. Der Fernsehturm übertrug außerdem elf Fernseh- und zwölf Radioprogramme.

Die russische Fernseh- und Kommunikationsindustrie, die von den sogenannten Oligarchen kontrolliert wird und die sich buchstäblich um den Fernsehturm herum etabliert hat, hat in den vergangenen Jahren fantastische Profite erzielt. Die bedenkenlose Installation der äußerst lukrativen Pagersysteme, die wahrscheinlich zu der Überlastung geführt hat, ist dabei charakteristisch für die Durchsetzung des Kapitalismus im ganzen Land. Ohne eine grundlegende Erneuerung der maroden Infrastruktur wurden in kürzester Zeit die Bedingungen zur rigorosen Bereicherung der neuen Oberschicht geschaffen - ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen.

Nun sollen allein durch den fast zweitägigen Ausfall des Fernsehturms schon Verluste von mehreren Millionen Dollar angefallen sein.

Die Neigung des Turms und seine Instabilität infolge des Reißens von mehr als der Hälfte der 149 Trageseile, die Bestandteil der besonderen Konstruktion des Turms sind, lösten am Montagabend heftige Debatten aus, ob der Turm stehen bleibt. Aus Sicherheitsgründen wurde das Gelände schon während der Löscharbeiten im Umkreis von 700 Metern geräumt. Bisher soll die Neigung an der Spitze des Turms zwei Meter vom Normalstand betragen.

Experten, der Firma "Spezialstahlbetonbau", die den Fernsehturm seinerzeit errichtet hatte, gehen davon aus, dass die 100 m lange Spitze demontiert werden muss, um den Turm als Ganzen zu retten. Das wäre allerdings nur mittels einer gefährlichen Hubschrauberaktion möglich. Andere Experten sprechen sogar von einem gänzlichen Abriss des Gebäudes. Für die kurzfristige Sicherung des Turms sei jetzt wichtig, dass in den nächsten, kritischen Tagen kein stürmisches Wetter aufkommt und die üblichen Herbststürme nicht zu stark ausfallen.

Experten fürchten auch, dass das Abkühlen des Turms zur Folge haben könnte, dass sich die Konstruktion ernsthaft verformt und Metallteile herausbrechen und abstürzen.

Panne über Panne

Der Brand im Moskauer Fernsehturm "Ostankino" ist ein weiteres Glied in einer Kette von Unglücksfällen, die deutlich machen, in welch katastrophale Lage Russland geraten ist, seit vor zehn Jahren die Politik "kapitalistischer Reformen" eingeleitet wurde. Die Bevölkerung Russlands muss zunehmend damit rechnen, Opfer einer technischen Katastrophe zu werden. Zu lange sind Investitionen ausgeblieben, um notwendige Instandhaltungen an fast allen wichtigen technischen Einrichtungen und Anlagen des Landes durchzuführen, die das tägliche Leben von Millionen berühren.

Welcher Russlandbesucher kennt nicht das übliche Straßenbild in den Städten des Landes, wo Busfahrer des öffentlichen Nahverkehrs unter ihren Fahrzeugen liegen, um sie für die Weiterfahrt zu reparieren, oder im kalten russischen Winter Dampf von den Straßen aufsteigt oder das Gras in vollem Saft steht, weil die darunter liegenden Wärmeversorgungsrohre undicht sind. Diese Situation notdürftiger, flickwerkartiger Reparaturen und Improvisationen prägt das Leben des gesamten Landes. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die nächste, noch folgenreichere Katastrophe hereinbricht.

Was sich bei der gescheiterten Rettung der Besatzung der "Kursk" im Nichtvorhandensein von Tauchern, die in der Lage sind, 100 Meter tief zu tauchen, gezeigt hat, wurde nun wieder beim Löschen eines Feuers 300 Meter über den Dächern Moskaus deutlich.

Zuerst versagten die eingebauten Feuerlöschanlagen und dann stellte sich heraus, dass für diesen speziellen Fall weder Technik noch ausgebildete Feuerwehrleute zur Verfügung stehen. Der benötigte Löschschaum fehlte völlig. Handlöschgeräte mussten aus der ganzen Stadt zusammengetragen werden. Die Schläuche der städtischen Feuerwehr reichen nur 120 Meter in die Höhe, so dass das gewohnte Improvisieren begann, das letztendlich zum Ausbrennen des größten Teils des Fernsehturms führte.

Zunächst ging die Feuerwehr mit Sand und Kohlendioxid vor, ohne verhindern zu können, dass das Feuer weiter nach unten gelangte. Vom Ausbruch des Feuers bis zum Einbruch der Nacht beschäftigte sie sich Agenturmeldungen zufolge lediglich mit der Befreiung der im Fahrstuhl Festsitzenden. Erst in der Nacht sei sie dazu übergegangen, die Kabel zu kappen, an denen entlang sich das Feuer nach unten entwickelte, anstatt diese relativ einfache Maßnahme gleich zu Beginn zu treffen.

Diese Verzögerung soll dazu geführt haben, dass sich das Feuer in hoher Geschwindigkeit weiter nach unten vorfraß, und somit die Kabel erst in einer Höhe von 64 Metern gekappt und der Kabelschacht mit Sand, Beton und Asbest gefüllt werden konnte. In dem Kabelschacht befinden sich die Kabel für die Rundfunkübertragungen sowie für die Speisungen der übrigen technischen Anlagen des Fernsehturms.

Innenminister Wladimir Ruschailo, der Minister für Außergewöhnliche Angelegenheiten Sergej Schoigu und Medienminister Wladimir Lessin besichtigten um 3 Uhr nachts per Hubschrauber den Unglücksort und gingen wortlos an den Journalisten vorüber. Das Feuer fraß sich immer weiter vor, und gelbe Flammen zeigten sich für jeden sichtbar auf der Aussichtsplattform, unterhalb der sich das berühmte Drehrestaurant "Im Siebenten Himmel" befindet.

Um 5.50 Uhr ereignete sich in einer Höhe von 147 Metern eine Explosion, nach der schwarzer Rauch austrat. Der Brandherd hatte sich in den frühen Morgenstunden auf eine Höhe von 120 bis 130 Meter hinuntergefressen. Gegen 8.00 Uhr musste der Brand schon auf einer Höhe von 101 bis 105 Metern bekämpft werden. Um 10.00 Uhr reichte der Brand auf eine Höhe von 66 Metern hinab, wo er nicht weiter nach unten vordringen konnte, weil sich dort die von der Feuerwehr errichtete Schaumbarriere befand.

Bis dahin sahen Feuerwehrleute und die hinzugeströmte Menge völlig gelähmt und hilflos mit an, wie sich die Rauchwolken verstärkten und aus immer weiter unten liegenden Teilen des Turms hervordrangen. Überall ertönten Verzweiflungsrufe: "Das Feuer ist nicht aufzuhalten, das Feuer ist nicht aufzuhalten!"

Ein Symbol sowjetischer Ingenieurskunst

Mit seiner Höhe von 537 Metern ist der Moskauer Fernsehturm das größte Gebäude Europas und nach dem 553 Meter hohen CN-Tower im kanadischen Toronto, der neun Jahre später eingeweiht wurde, das zweithöchste Gebäude der Welt. Er wurde am 5. November 1967 zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution fertiggestellt und gilt bis heute wegen seiner für damalige Verhältnisse einzigartigen und revolutionären Stahlbetonkonstruktion als eines der symbolträchtigsten Gebäude Russlands und der Welt. In der Reihe der Sehenswürdigkeiten Moskaus wird er nach dem Kreml von den meisten Touristen an zweiter Stelle genannt und zog bis jetzt jährlich mehr als 200.000 Besucher an.

Die Konstruktion des 55.000 Tonnen schweren Giganten stammt von dem genialen Architekten Nikolaj Wassiljewitsch Nikitin (1907-1973). Sie stellte damals eine wichtige bautechnische Neuerung dar und gab dem Ansehen der Sowjetunion im Nachkriegskräftemessen mit den USA einen wesentlichen Impuls. Es gelang Nikitin, mithilfe von gespannten Stahlseilen im Inneren der Turmummantelung einen äußerst dünnen und extrem hohen Turm zu errichten, der dabei nur ein vergleichsweise kleines Fundament benötigte. Mithilfe der Spannung der Stahlseile konnte beim Bau des Turms die Schwankung an der Spitze von 3 Metern auf die Hälfte reduziert werden.

Diese Technik rückte die Errichtung von Gebäuden von über einem Kilometer Höhe in den Bereich des technisch Machbaren. Es gab darüber sogar Verhandlungen mit Japan, die jedoch wegen der hohen Kosten für ein solches Gebäude scheiterten.

In den Arbeiten des Architekten Nikitin sind das Streben und die Träume einer ganzen Generation von Technikern, Ingeneuren und Konstrukteuren verkörpert. Nikitin ist nicht nur berühmt für den Bau des Fernsehturms, sondern auch für den Bau des 1953 fertiggestellten neuen Hauptgebäudes der Moskauer Lomonossow-Universität und des "Mutter-Heimat"-Denkmals in Wolgograd, das der Entscheidungsschlacht von Stalingrad gegen die faschistischen Truppen gedenkt.

Beim Bau des 242 Meter hohen Gebäudes der Universität löste Nikitin das Problem des Fundamentes ebenfalls auf revolutionäre Weise. Das die gesamte Stadt überragende, gigantische Gebäude wurde auf Wunsch von Stalin auf einem der Hügel im Südwesten Moskaus errichtet. Der Untergrund war weich und hätte demzufolge ein enorm tiefgehendes und teures Fundament notwendig gemacht. Nikitin entwickelte ein Fundament, das einem umgekehrten Schuhkarton ähnelt und somit verhindert, dass das Gebäude durch Verdrängung des Untergrundes in die Erde sinkt.

Sein Schulkamerad, der bekannte Konstrukteur Sergej Pawlowitsch Koroljow (1907-1966), nach dem eine der an den Fernsehturm angrenzenden Hauptstraßen benannt ist, steht für die Entwicklung der meisten sowjetischen Raumfahrzeuge - wie Wostok, Woschod, die den Flug Juri Gagarins und die folgenden Expeditionen ins All ermöglichten - sowie für die Weiterentwicklung der Raketentechnik. Er baute die Raketen, die die ersten Satelliten in den Kosmos schossen, sowie die bis heute in Anwendung befindlichen Interkontinentalraketen.

Angesichts der Symbolträchtigkeit des Feuers auf dem Fernsehturm fühlt man sich unwillkürlich an den Leuchtturm von Alexandria - eines der sieben Weltwunder - erinnert. Er wurde 279 v. u. Z. etwa 50 Jahre nach der größten Ausdehnung des Hellenismus unter Alexander dem Großen erbaut und erreichte die bis dahin nur von den ägyptischen Pyramiden übertroffene phantastische Höhe von 134 Metern. Er überstand die dunkelsten Perioden des Mittelalters und stürzte erst 1326, also fast 1.600 Jahre später, während eines Erdbebens ins Meer.

Die russische Version des heutigen Kapitalismus bedarf dagegen keiner solcher Naturkatastrophen, um die Symbole geschichtlicher Höhepunkte auszulöschen. Sie schafft das innerhalb kürzester Zeit aus eigener Kraft. Für den zweithöchsten Fernsehturm der Welt brauchte sie jedenfalls nur zehn Jahre.

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