Adria - "Meer der Tränen"

Zahlreiche Flüchtlinge sterben an Italiens Küste

Von Andy Niklaus
6. September 2000

Tagtäglich werden zahlreiche Flüchtlinge an Europas Grenzen angeschwemmt: gestrandete Afrikaner an Spaniens Südküste, ertrunkene Rumänen in der Oder, erstickte Tamilen und Chinesen in Bussen an der Grenze Tschechiens und Englands. Auch an den Grenzen Italiens bietet sich dieses verheerende Bild, insbesondere an der südlichen Adria, an der Küste Apuliens. Fast jeden Tag berichtet die Presse, wie überladene Schiffe mit Kurden, Albanern, Iranern, Irakern und Chinesen ankommen.

Laut offiziellen Berichten der Polizei starben in den letzten sechs Wochen allein an der Küste Apuliens 25 Menschen. Wie viele Flüchtende bisher auf der Suche nach einem besseren Leben zu Tode kamen, kann man nur erahnen. 16.000 Flüchtlinge haben mittlerweile in diesem Jahr das italienische Festland erreicht.

Auf der Flucht vor Armut, Bürgerkrieg und Verfolgung versuchen Zehntausende Menschen aus Südosteuropa, dem Kaukasus, China, aus Süd-Ost-Asien und dem Nahen Osten über den Balkan nach Westeuropa zu gelangen; ein Großteil davon über die 7.000 Kilometer lange Küstengrenze Italiens. Immer öfters werden die Flüchtlinge nicht mehr an Land abgesetzt, sondern von Schlauchbootpiloten vor den apulischen Stränden über Bord geworfen. Die meisten von ihnen sind Kurden, Türken und Albaner. Diese werden jedoch nach dem neuesten Abkommen zwischen Italien und der Türkei und Albanien zurückverfrachtet.

Besonders in letzter Zeit versuchen verstärkt Flüchtlinge aus China nach Europa zu kommen. Grund dafür ist die Änderung des Rechts auf Asyl für Chinesen in den USA. Nach Angaben von Europol warten einige tausend Chinesen in Belgrad und anderen Städten Osteuropas auf eine Überfahrt. So hatte ein aufgeflogener italienischer Schmuggelring seine Opfer auf dem Luftweg von Peking in die Ukraine oder nach Jugoslawien gebracht. Von dort wurden die Immigranten nach Italien geschleust. Auf diesem Weg kamen auch die 58 Chinesen nach Europa, die im Juni dieses Jahres qualvoll in einem LKW-Container auf der Überfahrt ins englische Doover erstickt sind.

Auch die Altersgrenze der Flüchtlinge änderte sich in den letzten Monaten. Waren es in den vergangenen Jahren meist ältere Menschen, so sind heute ein Drittel der Neuankömmlinge Kinder.

Der Menschenhandel ist angesichts der weltweiten Flüchtlingskrise zum großen Geschäft geraten. Schleuserbanden verdienen nicht nur mit dem Handel von Menschen ihr Geld, sondern auch mit Erpressung, Entführung und Folter. Laut Expertenmeinung haben die Gewinne aus dem Menschenhandel jene aus dem Drogenhandel überholt. Bis zu 30.000 Dollar werden manchmal für eine Überfahrt aus Asien nach Europa verlangt.

Beispielsweise müssen von einem Flüchtling aus der Türkei 6.000 Dollar für sein Endziel in Mitteleuropa gezahlt werden. Laut einer dpa-Meldung zahlen Kurden nach ihrer Ankunft in Italien noch einmal für den Weitertransport. "Eine ‚De Luxe-Schleusung‘ in einem PKW kostet bis zu 1.500 Dollar, die zweite Kategorie mit 40 bis 50 Personen in einem LKW bis zu 1.000 Dollar. Bis zu 500 Dollar pro Flüchtling verlangen die Kuriere für Massentransporte in Güterzügen. Die Kurden sind mitunter bis zu vier Monate unterwegs."

In Italien reagiert die Mitte-Links-Regierung Amatos auf die Ereignisse in der Adria mit einer weiteren Verschärfung des Rechts auf Asyl und einer Aufrüstung der Polizei.

In einer Parlamentsdebatte angesichts des Untergangs eines Küstenwachschiffes an der apulischen Küste Ende Juli forderte die Opposition, Berlusconis Forza Italia, einen Schießbefehl gegen Schlepperboote. Zuvor hatte ein Schlepperboot ein Küstenwachschiff gerammt, um der Verhaftung zu ergehen. Das Polizeischiff versank in den Fluten. wobei zwei Finanzbeamte, der Kapitän und zwei kurdische Flüchtlinge ums Leben kamen.

Dieser Vorfall führte auch zu Spannungen zwischen Italien und Albanien. Die italienische Regierung macht Tirana dafür verantwortlich, das die meisten Flüchtlingsboote von Albanien aus nach Italien ablegen. Italien forderte die albanische Regierung auf, sie solle die Boote vor dem Auslaufen stoppen. Wenn nicht, werde die Regierung sämtliche Unterstützungsgelder kürzen oder streichen. Es forderte auch mehr Befugnisse für die in Albanien stationierte italienische Polizeieinheit.

Anfang August trafen sich Vertreter von sechs Ländern des Adria-Raumes -Italien, Kroatien, Albanien, Bosnien, Griechenland und Slowenien - in Rom, um gemeinsame Maßnahmen im Kampf gegen Kriminalität und illegale Einwanderung zu erörtern. Im Mai zuvor hatte es schon ein Treffen in Athen gegeben, um die Sicherheit in der Adria und im Ionischen Meer zu besprechen. Unter dem Druck des anstehenden Wahlkampfes in Italien richtete Regierungschef Amato per Dekret ein neues Komitee in Rom für die Koordinierung von Immigranten ein.

Ein Teil der Immigranten, die es schaffen, aus den Auffanglagern zu entweichen, flüchten in die Industriegebiete Norditaliens. Dort müssen sich die Flüchtlinge noch billiger als die vielen billigen legalen Gastarbeiter verkaufen. Die meisten finden oft nur unter brutalen ausbeuterischen Bedingungen Jobs im Bauwesen, in der Landwirtschaft und im Gaststättengewerbe. Ein anderer Teil, vor allem junge Frauen, versinkt in der Prostitution.

Laut Pressemeldungen benötigt die italienische Industrie jedes Jahr über 100.000 zusätzliche Arbeitskräfte, vor allem die mittelständischen Unternehmer im Norden Italiens. Der Arbeitgeberverband Italiens hat - ähnlich wie in Deutschland - die Regierung aufgefordert, mehr ausländische Arbeitskräfte ins Land zu lassen. Die Regierung gewährte in diesem Jahr 63.000 Immigranten eine Arbeitserlaubnis. Doch diese Quote war schon Mitte des Jahres ausgeschöpft und soll jetzt um weitere 40.000 erhöht werden.

Im industriellen Norden Italiens regieren in allen Regionen und in vielen Städten neben Berlusconis Forza Italia auch sein Bündnispartner, die separatistische Lega Nord, die fremdenfeindliche Parolen vertritt und mit Haiders Freiheitlichen in Österreich sympathisiert.

Ähnlich wie in Deutschland werden auch in Italien regelmäßig Ausländer von rechten Schlägern misshandelt und totgeschlagen. In der Stadt Gallarate bei Mailand übergoss vor wenigen Monaten ein Unternehmer einen jungen rumänischen Bauarbeiter mit Benzin und verbrannte ihn, weil er eine Lohnerhöhung gefordert hatte.

Siehe auch:
Artikel zur Ausländerpolitik in Deutschland

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