Abschied - Brechts letzter Sommer

Ein überzeugendes Portrait des Dramatikers in seinen letzten Tagen

Von Stefan Steinberg
26. September 2000

Der neue Film des Regisseurs Jan Schütte, Abschied - Brechts letzter Sommer, ist gerade in Deutschland angelaufen und feierte vor kurzem seine internationale Premiere beim Filmfestival in Venedig. Der Film handelt von einem Tag im Leben des Dichters und Dramatikers Bertolt Brecht. Es ist August im Jahre 1956. Brecht ist mit einem Gefolge von Familienmitgliedern und Theaterkollegen zu seinem Ferienhäuschen in brandenburgischen Buckow, nördlich von Berlin, gereist.

Die Datscha ist in einer wunderbar ländlichen Umgebung neben einem See gelegen - ideal, um in den Wäldern zu wandern und schwimmen zu gehen. Brecht ist mit den letzten Vorbereitungen für die Premiere seines Stücks Der Kaukasische Kreidekreis an seinem Berliner Theater beschäftigt. Gleichzeitig schreibt er Gedichte. Brecht ist fiebrig und fühlt sich unwohl. Im vergangenen halben Jahr wurde er von seinem schlechten Gesundheitszustand und den Symptomen eines schwachen Herzen geplagt. Am 14. August, drei Tage nach seiner Rückkehr nach Berlin, wird Brecht in Folge eines Schlaganfalls sterben.

Zu Beginn des Films sehen wir seine Frau, die Schauspielerin Helene Weigel, im Ferienhaus niedere Arbeiten erledigen und dabei Radio hören. Das Radio berichtet, dass die Polizei der DDR in Alarmbereitschaft versetzt ist und Barrikaden rund um Berlin errichtet hat. 1956 war ein Jahr des Aufruhrs in den Ostblockstaaten. Im Februar 1956 hatte der sowjetische Parteisekretär und das zukünftige Staatsoberhaupt Chruschtschow seine Geheimrede vor dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion gehalten. Zum ersten Mal wurde auf einem Parteikongress auf Lenins Testament und dessen scharfe Kritik an Stalin verwiesen. Walter Ulbricht, Staatsoberhaupt der DDR, war unter den 1.500 Delegierten, die verblüfft und überrascht die unerwartete Parteikritik am "Großen Steuermann" vernahmen.

Obwohl Brecht offiziell kein Parteimitglied war, stand er als führende kulturelle Figur der DDR in ständigem Kontakt mit inneren Parteikreisen und war mit den Inhalten der Rede zutiefst vertraut. Nach dem großen Volksaufstand in Ungarn im Sommer 1956 und Studentenprotesten in Polen und der Tschechoslowakei kamen in der DDR Gerüchte auf, dass Stalins Mann in Berlin, Walter Ulbricht, zum Rücktritt gezwungen würde. Die Partei und der Staatsapparat waren nervös und viele ostdeutsche Oppositionelle und Dissidenten sahen eine Gelegenheit für tiefgreifende Veränderungen.

Brecht reist mit einer großen Gruppe nach Buckow. Von seiner Frau erwartet er, dass sie alltägliche Störungen und Ablenkungen von ihm abhält, damit er in Ruhe arbeiten kann. Seine Tochter Barbara ist auch anwesend. In einer symbolischen Geste und um ihrer Mutter einen Gefallen zu tun, verbrennt Barbara die geliebte alte Mütze ihres Vaters, deren Anblick Helene nicht länger ertragen kann. Als er am Morgen aufsteht, beschwert sich ein schwacher und entkräfteter Brecht bitter darüber, dass er seine schäbige, alte Kappe nicht finden kann - seine Fähigkeit zu arbeiten ist entsprechend beeinträchtigt.

Ebenfalls anwesend sind zwei von Brechts langjährigen Mitarbeiterinnen und ehemaligen Geliebten - Elisabeth Hauptmann und Ruth Berlau. Hauptmann hat ihr Dasein als bloße Sekretärin im zweiten Ring der Planeten, die um Bertolt Brecht kreisen, in weiten Teilen akzeptiert. Berlau gibt eine tragische Figur ab, sie leidet unter Anfällen von geistiger Instabilität und Wahnvorstellungen, weswegen sie sich regelmäßig einer Elektroschock-Therapie unterzieht. Sie hat ihre Jugend und ihre Reize verloren und kann es nicht ertragen, die zweite Geige zu spielen neben den jungen attraktiven Schauspielerinnen, die nun in Brechts Gunst stehen. Sie liegt im heftigen Streit mit Weigel, scheinbar um deren Position als Hauptstütze in Brechts Leben zu übernehmen.

Die aufsteigende Schauspielerin Käthe Reichel, Brechts neueste attraktive und junge Geliebte, springt nackt in den nahegelegenen See. Später am Tag bekommt sie am See Gesellschaft von dem jungen, regimekritischen Publizisten und Theoretiker Wolfgang Harich und seiner jungen Frau Isot Kilian, mit der Brecht auch eine Affäre hatte.

Harich führt ein offen politisches Motiv in den Film ein. 1956 war Harich zusammen mit Walter Janka (dem Kopf des Aufbau Verlags, Hauptherausgeber von Brechts Werken in der DDR) Ulbrichts prominentester öffentlicher Kritiker. Harich und Janka forderten eine radikale Reform der SED.

In ihrer Behandlung der Figur Wolfgang Harichs haben sich der Regisseur Jan Schütte und der Drehbuchautor Klaus Pohl einige Freiheiten gegenüber den historischen Fakten herausgenommen. Im Film tauchen Mitglieder der DDR-Geheimpolizei, der Stasi, an der Datscha auf und warnen Weigel, dass sie die Verhaftung Harichs vorbereiten. Als die Polizei geht, ist Weigel hin- und hergerissen zwischen der Dringlichkeit, Harich zu warnen, und dem Wunsch, jeglichen Skandal zu vermeiden - letzteres vor allem, um den körperlich schwachen Brecht zu schonen. Schließlich siegt Weigels Loyalität zu ihrem Mann über alle anderen Gefühle - und am Ende des Films wird Harich von der Polizei verhaftet.

Was die Wirklichkeit angeht, so ist es wahr, dass Brecht mit Harich vertraut war und politische Diskussionen mit ihm führte. Es war kein Geheimnis, dass Brecht eine Affäre mit seiner Frau hatte. Harich wurde allerdings erst im November 1956 verhaftet. Bei seiner Vernehmung und im Prozess wurde er einer Verschwörung gegen die DDR beschuldigt und zusammen mit Janka zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Im Laufe seiner Vernehmung erklärte er, dass Brecht in privaten Gesprächen mit seinem Wunsch nach einem Wandel in der Partei übereinstimmte.

Obwohl die ländliche Umgebung im Film friedlich und idyllisch ist, erfahren wir bald, dass es in Brechts Gefolge vor Spannungen und Konflikten brodelt. Berlau ist stark angetrunken und wartet liegend auf Brecht, fordert seine Aufmerksamkeit und Zuneigung ein. Er weist sie rüde ab und bevorzugt die Gesellschaft der jungen Käthe. In einer anderen Szene beleidigt Brecht unbeabsichtigt Hauptmann. Als er seinen Fehler unmittelbar darauf erkennt, ist er aufmerksam und höflich und bittet sie um Vergebung.

Brechts gesamte Laufbahn war dem Theater gewidmet und in Schüttes Film erscheint Brechts Privatleben als eine Verlängerung seines Lebenswerkes. Wie bei der Arbeit mit seinem Theaterensemble ist es hier der Privatmann Brecht, der die Rangordnung in seinem Haushalt bestimmt - wobei er abwechselnd Drohungen, Verwünschungen, sanfte Worte und Entschuldigungen einsetzt, um ein gewisses Maß an Ordnung und Stabilität in der Gruppe aufrechtzuerhalten.

Die gesamte Gruppe kommt zum Mittagessen zusammen. Es scheint eine strikte Sitzordnung am Tisch zu geben. Man erwartet das Schlimmste und wird nicht enttäuscht. Berlau greift Weigel scharf an, um darauf von Brecht ernsthaft ermahnt zu werden. In einer späteren Szene gibt es eine wütende Auseinandersetzung zwischen den beiden Frauen darüber, wer von ihnen im Wagen mit Brecht nach Berlin zurückfahren wird. Der Schauspieler Josef Bierbichler, der kürzlich bei einem Portrait von Brechts Galileo durch seine herausragende Leistung auffiel, bietet eine durchgehend überzeugende Darstellung eines herben Brechts, der zuweilen charmant und höflich, manchmal jedoch bei seinen Maßregelungen brutal verletzend ist.

Es bleibt der Eindruck eines Manns, der seinen vorausgegangenen Lieben ebenso anhängt wie seiner Lieblingskappe. Unwillig oder unfähig sich von seinen alten Beziehungen zu lösen, versucht er, es mit allen zu halten. Die Folgen für sein Privatleben sind ein Albtraum.

Interessant ist, dass eines seiner letzten intimen Gedichte, das er kurz vor seinem Tod verfasste, nichts über seine persönlichen Beziehungen aussagt. Statt dessen vermittelt es uns den starken Eindruck eines Mannes, der von Herzen wünscht seine letzen Tage in Frieden und Ruhe zu verbringen.

Vergnügungen

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.

Der Applaus für den Film bei seiner Premiere in Brechts eigenem Theater am Schiffbauerdamm war höflich aber gedämpft. Solch eine Veranstaltung zieht in Berlin eine große Anzahl Verehrer an, nach deren Meinung Brecht nichts Falsches gemacht haben kann. Diese Leute waren offensichtlich nicht begeistert von dem Film. In Presseinterviews hat der Regisseur Schütte kein Geheimnis aus der Tatsache gemacht, dass er mit der wirklichen Abfolge der Ereignisse gespielt hat und der Film gelegentlich von den historischen Ereignissen abweicht. Solche Entschuldigungen können allerdings die vielen Brecht-Puristen nicht versöhnlich stimmen. Tatsache ist, dass Schüttes Brecht-Portrait nicht besonders schmeichelhaft ist.

Die Rezensionen in der Presse waren mehrheitlich kritisch. Eine Reihe von Kritikern beschuldigte Schütte, Brecht als einen "feigen Hund" dargestellt zu haben und sein Denkmal vom Sockel stoßen zu wollen. In einem Anfall von Haarspalterei beschwerte sich die Berliner Zeitung, der Schauspieler Josef Bierbichler sei "einen Kopf zu groß sei, dessen Leib etwa dreißig Pfund zu schwer und dessen Stimme circa fünf Oktaven zu tief". Weiterhin kritisierte die Rezension den Film für sein "Desinteresse an der Wahrheit" und dafür, dass er Brecht und die nationale Opposition gegen Ulbricht in Verruf gebracht hätte, durch seine Darstellung Harichs als Vertreter eines "sinnlosen revolutionären Schwadronierens".

Insgesamt machte diese spezielle Rezension deutlich, dass maßgebliche politische Kreise am Werk sind, die eine Erinnerung an Brecht und Harich als unbeirrte Gegner von Ulbrichts stalinistischer DDR bewahren wollen. Tatsächlich waren Harichs Vorschläge für eine politische Alternative in der DDR auf ihre eigene Art so beschränkt wie diejenigen, über die Brecht nachdachte. Der Unterschied zwischen den beiden Männern liegt in der Tatsache, dass Harichs offen seine Kritik am Regime formulierte, während Brecht seine Opposition auf private Gespräche und Tagebucheinträge beschränkte und sie in der Öffentlichkeit nur in extrem kryptischen Formulierung vertrat.

Auch wenn Harich eine Reihe stalinistischer Aspekte der SED-Politik kritisierte und eine Reform des Parteiregimes forderte, war seine eigene Alternative eines "besonderen deutschen Wegs zum Sozialismus" ein Nachhall von Stalins eigener nationalistischen Perspektive. Ähnlich ging Brechts Kritik an der Partei nie über Vorschläge für eine Reform des Apparats hinaus. Gegen Ende seines Lebens sah er in China eine mögliche Alternative, erklärte seine Begeisterung für die chinesische Revolution und hängte sogar eine Bild des Vorsitzenden Mao über seinen Schreibtisch.

Jeder, der sich Abschied - Brechts letzter Sommer in der Erwartung ansieht, in dem Film würde das Leben Bertolt Brechts präzise dargestellt, wird enttäuscht sein. Tatsächlich ist es schwer sich einen Film vorzustellen, der den turbulenten Zeiten und dem unruhigen Leben Brechts, einer der führenden kulturellen Figuren des zwanzigsten Jahrhunderts, gerecht werden könnte. Jan Schütte hat einen weniger ambitionierten, sorgfältig gezeichneten Film gedreht, der fruchtbar ist und ein Licht auf die komplexe Figur Brecht wirft. Der bleibende Eindruck des Films ist der eines Mannes, der durch und durch erschöpft und von den unzähligen Kompromissen belastet ist, die er sowohl im privaten wie auch im politischen Leben machte. Trotz der Tatsache, dass Bierbichler körperlich nicht gerade ein Double Brechts abgibt, ist seine Darstellung des deutschen Bühnenautors bewundernswert. Auch Monica Bleibtreu als Helene Weigel ist hervorragend.

Siehe auch:
Die Brecht-Akte
(2. Februar 2000)

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