Havariertes britisches Atom-U-Boot im Hafen Gibraltars

Von Peter Norden
2. September 2000

Seit mehr als drei Monaten liegt das defekte englische Atom-U-Boot HMS Tireless im Hafen der britischen Kronkolonie Gibraltar. Das U-Boot war wahrscheinlich in der Nähe von Sizilien im Mittelmeer unterwegs, als der Nuklearreaktor am 12. Mai aufgrund eines Defekts des Kühlsystems abgeschaltet werden musste. Die Tireless erreichte dann gerade noch den englischen Militärstützpunkt in Gibraltar, wo es am 19. Mai festmachte.

Die Einwohner Gibraltars sowie der angrenzenden spanischen Städte La Linea, Algeciras und der bevölkerungsreichen Gebiete der Costa del Sol sind aufs Stärkste beunruhigt. Die durch den Untergang des russischen Atom-U-Boots Kursk ohnehin schon stark sensibilisierte Bevölkerung wurde durch die katastrophale Informationspolitik des britischen Verteidigungsministeriums weiter alarmiert. Der Vorfall vom 12. Mai wurde erst am 18. Mai bekannt gegeben. Über die Umstände des Unfalls wurde die strengste Geheimhaltung verhängt. Auch später gab es von den Militärs nur Beruhigungspillen und in sich widersprüchliche Informationen.

Die Behörden hatten der Öffentlichkeit zunächst mitgeteilt, dass es Risse im Reaktor gegeben habe, Kühlflüssigkeit jedoch nicht ausgetreten sei. Dann wurde von der Marine eingeräumt, dass zwar Kühlwasser ausgetreten, dieses jedoch nicht radioaktiv kontaminiert gewesen sei, somit habe niemals eine Gefahr für Mensch und Umwelt bestanden. Der Sprecher von Greenpeace, Carlos Bravo, behauptete dagegen, dass man nicht wisse, welche Mengen an Flüssigkeit wo ausgetreten seien, und dass von einer radioaktiven Belastung des Meeres auszugehen sei.

Ein weiteres gravierendes Problem ist die Entscheidung der britischen Militärs, das Leck im Reaktor im Hafen von Gibraltar zu reparieren. Ursprünglich war vorgesehen, das U-Boot in ein britisches Spezialdock zu schleppen. Doch da dies zu zeitaufwendig, zu teuer und in der rauen See des Atlantiks vor allem zu gefährlich wäre, beschloss London, die Reparatur im Hafen von Gibraltar vorzunehmen.

Die Bevölkerung reagierte auf diese Entscheidung Mitte August mit ersten Demonstrationen. Gemäß Greenpeace besitzt der Hafen von Gibraltar nicht die logistischen Voraussetzungen für eine derart gefährliche Reparatur. Wenn der Transport nach Großbritannien tatsächlich zu gefährlich sei, so müsse umgehend ein Notfallplan aufgestellt werden. Hiervon sei dann auch die spanische Regierung betroffen.

Am 24. August wurden Vertreter der Regierung Gibraltars im Londoner Verteidigungsministerium von britischen Militärs über technische Einzelheiten unterrichtet. Man versuchte, sie von der Unbedenklichkeit der Reparatur des Kühlsystems zu überzeugen. Die Vertreter Gibraltars fühlten sich jedoch nicht genügend informiert und erreichten, dass London den Beginn der Arbeiten aufschob.

Wenige Tage später berichtete die spanische Zeitung El Pais über einen Brief, den die Kommandantur der britischen Militärbasis Portsmouth im Vorjahr an die Ratsvertreter Southhamptons gesandt hatte. Daraus wird deutlich, dass die Sicherheitsbestimmungen für den Umgang mit Reparaturen britischer Atom-U-Boote bis ins kleinste Detail geregelt sind.

Den besorgten Ratsvertretern Southhamptons wird unter anderem versichert, dass die von der britischen Marine genutzten Seehäfen in unterschiedliche Kategorien eingeteilt seien. Southhampton - wie auch Gibraltar - falle in die Kategorie Z. In diesen Häfen dürften wegen fehlender infrastruktureller Einrichtungen keine U-Boote mit havariertem Reaktor repariert werden, ja diese dürften noch nicht einmal in den Hafen einfahren. Außerdem seien keine entsprechend ausgebildeten Ärzteteams vor Ort, es gäbe keine Evakuierungspläne und keinen Plan für die Zuteilung von Jodtabletten an die Bevölkerung in unmittelbarer Nähe des Unfallortes. Für derart heikle Umstände seien ausdrücklich Häfen der Kategorie X - wie Davonport oder Faslane - vorgesehen und ausgerüstet.

Demnach hätte die havarierte HMS Tireless den Hafen von Gibraltar gar nicht anlaufen dürfen. Ein Sprecher des britischen Verteidigungsministeriums, der Oberstleutnant Jim Jenkin, versicherte, dass noch niemals zuvor ein havariertes Atom-U-Boot in einem Hafen wie Gibraltar repariert worden sei. Dennoch würden die militärischen (Chair of Naval Nuclear Safety Panel) und die zivilen, "unabhängigen" (Defense Nuclear Safety Commitee) Experten eine Ausnahmeregelung befürworten, um die Tireless in Gibraltar zu reparieren.

Spanische Kommunal- und Regionalpolitiker aus dem Umland Gibraltars haben von den Regierungen Gibraltars und Spaniens bessere Informationen verlangt. Die Umweltschutzorganisation Ecologistas en Accion sammelt Unterschriften für die Entfernung der Tireless aus der Bucht von Algeciras und bereitet neue Demonstrationen vor. Doch während die Bevölkerung protestiert, Anwälte aus Gibraltar den Aufschub der Reparaturen durch eine einstweilige Verfügung erwirken wollen und die Stadtverwaltung des benachbarten Ortes La Linea eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof erwägt, befürwortet die rechtsgerichtete Zentralregierung in Madrid die Reparaturarbeiten und lobt die britische Informationspolitik.

Regierungschef Aznar ist bemüht, sich nicht mit Großbritannien zu überwerfen, da er zur Zeit mit dem britischen Regierungschef Tony Blair an einer strategischen Allianz Madrid-London als Gegengewicht zu der Achse Paris-Berlin innerhalb der Europäischen Union strickt.

Gibraltar

Gibraltar, das an der Südspitze der iberischen Halbinsel und am westlichen Eingang zum Mittelmeer liegt, wird seit 1713 von Großbritannien kontrolliert. Es diente in den letzten beiden Jahrhunderten als strategisch wichtiger Militärstützpunkt. Heute ist es mit seinen knapp 30.000 Einwohnern vor allem ein Steuerparadies. Es ist von etlichen fiskalischen Regelungen der EU ausgenommen (so werden keine Mehrwert- und keine Umsatzsteuern erhoben), ist nicht der europäischen Zollunion angeschlossen und unterliegt nicht der gemeinsamen Agrarpolitik. In Gibraltar sind etwa 53.000 Unternehmen registriert, die meisten von ihnen Briefkastenfirmen.

Spanien hat die britische Souveränität über Gibraltar nie akzeptiert. Während der Franco-Diktatur war Gibraltar ständiger Streitgegenstand zwischen Spanien und Großbritannien. Ab 1967 verstärkte die damalige britische Labourregierung unter Harold Wilson die militärische Präsenz, da eine spanische Invasion befürchtet wurde. Franco führte Ende der 60er Jahre eine Reihe von Einschränkungen des Grenzverkehrs ein und 1969 kam es zu einer vollständigen Grenzblockade durch seine Truppen.

Noch im vergangenen Jahr gab es größere Differenzen in der Gibraltar-Frage. Die spanischen Behörden behaupteten, dass Gibraltar auf "parasitäre" Weise zu seinem Wohlstand gekommen sei, und meinten damit Steuerflucht und Geldwäsche. Sie verstärkten die Grenzkontrollen und drohten damit, den spanischen Luftraum für Flüge nach Gibraltar zu sperren.

In der gegenwärtigen Frage allerdings, einer Frage, die über 250.000 Menschen in Andalusien zutiefst beunruhigt und empört, sucht die spanische Regierung den Schulterschluss mit London. In einer Lage, in der die außenpolitischen Prioritäten neu gesetzt werden, kann sich Aznar einen Konflikt mit der Blair-Regierung nicht leisten. Die Briten ihrerseits haben deutlich gemacht, dass sie sich in dieser Angelegenheit nicht reinreden lassen werden. Die Labour-Regierung steht unter starkem Druck, die Militärausgaben zu erhöhen und die U-Boot-Flotte schnellstens wieder auf Vordermann zu bringen.

Am 27. August deckte die britische Zeitung Sunday Telegraph auf, dass außer der Tireless auch noch vier andere U-Boote des gleichen Typs technische Probleme haben. Im Hafen von Davenport liegen die Schiffe Torbay, Talent, Trenchant und Triumph wegen Routinereparaturen und Instandhaltungsarbeiten fest. Der verteidigungspolitische Sprecher der Tories, Iain Duncan, warf Labour vor, es stelle nicht genügend Mittel für die Marine bereit und sei somit dafür verantwortlich, dass Großbritannien derzeit keine einsatzfähige U-Boot-Flotte zur Verfügung habe.

Nach Angaben der Zeitschrift Warship World beeinträchtigten die Probleme der U-Boote des Typs Trafalgar,zu denen auch die HMS Tireless gehört, ernsthaft die Fähigkeit Großbritanniens, auf internationale Krisen zu reagieren. Und dies in einer Situation, in der die Krisenreaktion immer mehr ins Zentrum der militärstrategischen Konzepte rückt. Großbritannien hat schon in den vergangenen drei Jahren 38 Militärmissionen in Übersee durchgeführt, einschließlich der gegenwärtigen in Ost Timor, im Kosovo und im Irak.

In ganz Europa sind die Regierungen dabei, ihre Armeen entsprechend umzustrukturieren. Im Gegensatz zum Kalten Krieg, als eine mögliche Konfrontation mit dem Warschauer Pakt im Mittelpunkt der strategischen Überlegungen stand, werden nun Armeen aufgebaut, die hochmobil, flexibel, schnell einsatzbereit und in der Lage sind, in kürzester Zeit an jedem Punkt der Erde zu intervenieren.

Es gibt in dieser Angelegenheit keinerlei Meinungsverschiedenheiten zwischen den britischen Militärs und der Regierung. Die Generäle betonen aber immer wieder, dass sie mehr finanzielle Mittel benötigen, um die von Labour verlangten Umstrukturierungen auch durchführen zu können, Forderungen, die im übrigen auch innerhalb New Labours immer häufiger zu hören sind.

Vor diesem Hintergrund kann man davon ausgehen, das hinter der Entscheidung der Briten, die riskante Reparatur der HMS Tireless im Hafen von Gibraltar durchzuführen, dabei die eigenen Sicherheitsvorschriften zu missachten und Hunderttausende von Menschen einer potentiellen Strahlengefahr auszusetzen, vor allem finanzielle und militärstrategische Gründe stehen.

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