Lars von Triers "Dancer in the dark"

Wenn man sie nicht sieht, "dann bleibt die Welt ein wunderbarer Ort"

Von Bernd Reinhardt
26. Oktober 2000

Die Musical-Tragödie "Dancer in the dark" von Lars von Trier ist der letzte Teil einer Film-Trilogie, zu der auch "Breaking the Waves" und "Idioten" gehören. Das Grundmotiv der drei Filme geht auf ein Märchen zurück: Das Mädchen "Goldherz" ist so herzensgut, dass es bereit ist, für andere Menschen alles wegzugeben.

"Dancer in the dark" stieß gleichermaßen auf Begeisterung wie auf Ablehnung. Er eröffnete das Filmfestival in New York und wurde auf dem diesjährigen Festival von Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Die Popsängerin Björk, die die weibliche Hauptrolle spielt, erhielt den Preis für die beste Darstellerleistung.

Die Geschichte spielt während der 60er Jahren in den USA. Selma, eine tschechisch-slowakische Einwanderin, arbeitet schlecht bezahlt in einer Fabrik. Von dem wenigen Geld, was sie nicht zum unmittelbaren Leben braucht, spart sie jeden Pfennig, um ihrem Sohn eine Augenoperation zu ermöglichen, dem ansonsten das gleiche Schicksal droht wie ihr selbst - Blindheit in absehbarer Zeit. Ihre Sehkraft lässt bereits rapide nach und so schuftet sie, um das Geld zusammenzuhaben, bevor sie endgültig aufhören muss zu arbeiten.

Als Bill, der Polizist, auf dessen Grundstück sie in einem Wohnwagen leben darf, von dem ersparten Geld erfährt, stielt er es, denn er ist hochverschuldet. Die Bank will die nächste Rate und er hat nun Angst, Frau, Haus und Grundstück zu verlieren. In einem Handgemenge verletzt Selma ihn mit seiner Dienstwaffe. Als er sie auf dem Boden liegend anfleht: "Erschieß mich!" - tötet sie ihn.

Danach verfällt sie in einen Tagtraum. Der tote Bill steht plötzlich wieder auf. Musik ertönt. Beide versöhnen sich, singen und tanzen gemeinsam durch die Wohnung. Er ist nun erlöst. Vor dem Gericht fühlt Selma deshalb auch keine Schuld. Quälend lang begleitet der Film Selmas weiteren Weg, der zuerst ins Gefängnis und dann zum Galgen führt. Innerlich gefasst stirbt sie, nachdem sie erfährt, dass ihr Sohn operiert worden ist.

Während das Mädchen "Goldherz" für ihre Güte zum Schluss vom Himmel mit harten Talern belohnt wird, wird Selma von ihrem schlechten Gewissen erlöst. Sie hatte Schuld auf sich geladen, da sie "eigennützig" einem Kind das Leben schenkte, von dem sie wusste, dass es ihre genetisch bedingte Augenkrankheit erben würde. Die konservative Botschaft, nach der nur derjenige inneren Frieden finden wird, der persönliches Unglück als Schicksal und Ausdruck individuelle Schuld begreift, ist im Films nicht zu überhören.

Dieses geistige Gerüst des Films hat der Regisseur direkt von "Breaking the Waves" übernommen. In diesem Film meint Bess, eine junge, psychisch kranke Frau, schuld am Tod ihres Mannes zu sein, weil sie Gott darum bat, ihn von der weit von zu Hause entfernten Bohrinsel, wo er arbeitet, so schnell wie möglich wieder zu ihr zu schicken. Dieser "egoistische" Wunsch wird ihr erfüllt. Kurze Zeit später kommt ihr Mann nach Hause, jedoch durch einen Arbeitsunfall so schwer verletzt, dass die Ärzte meinen, es wäre besser gewesen, er wäre gestorben. Bess nimmt schwere Opfer auf sich, von dem Glauben beseelt, das könne ihren Mann wieder zum Leben erwecken. Sie stirbt daran, während er wieder gesund wird. Ihr Arzt erklärt zum Schluss, sie sei letztendlich zugrunde gegangen, weil sie "gut" gewesen sei.

Auch Selma in "Dancer in the dark" verkörpert ein reines Herz, einen Engel mit ebenso kindlicher Ausstrahlung wie Phantasie, der auf die Trostlosigkeit der Erde herabgefallen ist, um nicht mit den Augen, sondern "mit dem Herzen" zu sehen. Wenn Selma anfängt zu träumen, oft mitten bei der Arbeit, entlockt sie ihrer tristen Umgebung Schönheit. Die Welt ist voll von Klängen und Rhythmen, Gesang und Tanz, ein Musical, in dem es keine wirklichen Bösewichter gibt, sondern nur gute Menschen, zwischen denen sie sich aufgefangen fühlt, wenn sie fällt. Die stumpfsinnigen Maschinen, die Selma bedienen muss, scheinen plötzlich lebendig und alles ist voller Schwung, Kraft und Übermut. Die Tanzszenen, Björks Musik und ihr emotionsgeladener Gesang unterstreichen diese Haltung eindrucksvoll.

Der Regisseur erklärt, Selma stünde wie Bess aus "Breaking the Waves" für die "Verteidigung der Naivität." Beide seien "Ikonen". Damit ist klar, dass der Regisseur nicht von kindlicher Unschuld oder Naivität spricht, die unmittelbar mit Neugier und Wissbegierde gepaart ist. Die Stärke des Glaubens von Selma und Bess steht in direktem Verhältnis zu ihrer Unfähigkeit, die Realitäten der Welt zu erkennen. Die Isolation von der Welt schützt ihre Träume.

Bess gibt in "Breaking the Waves" offenherzig zu, sie sei dumm, dass sei die einzige Fähigkeit, die Gott ihr gegeben habe. In ihr liege ihr "Talent zu glauben". Der Regisseur lässt sie in dem Moment sterben, als sie den Glauben verliert. Selma erklärt in "Dancer in the dark", als ihre Blindheit offensichtlich wird, dem Arbeitskollegen Jeff ohne Bedauern: "Ich habe genug gesehen. Es gibt für mich nichts mehr zu sehen." Jeff kann das überhaupt nicht nachvollziehen.

Lars von Trier selbst erklärte kürzlich der Süddeutschen Zeitung die Vorzüge einer schönen Welt des Scheins: "Afrika hat mich so enttäuscht. Da waren zwar schwarze Menschen und Löwen und alles, aber ich fand es lange nicht so fantastisch, wie ich es mir vorgestellt hatte. Deshalb denke ich: Es ist sehr wichtig, nicht zu reisen. Dann bleibt die Welt ein wunderbarer Ort." Im selben Interview erklärt er auch, er habe es als einen Vorteil angesehen, diesen Film, der in den USA spielt, zu drehen, ohne vorher je in den USA gewesen zu sein.

Dass unter diesen Voraussetzungen die Story dieser Heiligengeschichte über jeglichen konkreten historischen Zusammenhängen schwebt, versteht sich fast von selbst. Ort und äußere Handlung sind beliebig austauschbar. Von Trier erklärt zwar, er habe es interessant gefunden, dass Selma aus einem ehemaligen "kommunistischen" Land kommt. Doch für den Film hat das keinerlei Bedeutung. Der einzelne Satz in der Gerichtsszene, der darauf anspielt, wirkt aufgesetzt und zufällig hingeworfen.

Schon in seinem vorangegangenen Film "Idioten" hatte von Trier vordergründig technische Mittel angewandt, um eine spontane Unmittelbarkeit bzw. "authentische Atmosphäre" zu schaffen. War es dort der geringst mögliche Einsatz von Technik, der den dokumentarischen Effekt von Amateurvideos herbeiführte, kommt bei den Tanzszenen von "Dancer in the dark" ein technisches Großaufgebot von 100 gleichzeitig laufenden Videokameras zum Einsatz, die einen "Live-Effekt" erzielen.

Weniger Sorgfalt widmet er der Entwicklung der konkreten Handlung und der Figuren. Vieles wirkt grob konstruiert und ist oberflächlich auf Effekt ausgerichtet, beispielsweise, wenn der Regisseur die fast blinde Selma ausgerechnet auf den Gleisen einer befahrenen Bahnstrecke nach Hause stolpern lässt. Es fehlt auch das Klischee der überdimensionalen Brille nicht, die dem Zuschauer ständig suggeriert, dass Selma mit der Hand in die Maschine geraten könnte, weil sie nicht richtig sieht. Trotz der aufrechten Bemühungen der talentierten Schauspieler können die dargestellten Charaktere und Beziehungen nicht überzeugen.

Interessant ist, dass der Film in der Öffentlichkeit neben Kritik so viel positive Aufmerksamkeit erfährt. Er trifft offenbar einen Nerv des heutigen Zeitgeistes. Er gießt Wasser, bzw. ein Meer von Tränen auf die Mühlen einer Spießermoral, die gleichermaßen von Fatalismus wie von der sentimentalen Verherrlichung geistiger Beschränktheit geprägt ist. Es mag für bestimmte Kreise ein beruhigendes Gefühl sein, wenn sie wissen, dass der gesellschaftliche und kulturelle Niedergang, den auch sie nicht mehr ignorieren können, unaufhaltsam ist. Noch beruhigender mag die Vorstellung sein, dass jene, die am meisten darunter leiden, dies mit Anstand tun und würdevoll den vom "Schicksal" bestimmten Weg gehen. Aus dem Gefühl der eigenen Sicherheit heraus lassen sich am besten dicke Tränen der Rührung über derartige Heilige vergießen.

Auf diese Weise lässt sich auch die eigene Seele von Gewissensbissen erleichtern, von Gewissensbissen, die einer früheren Zeit entstammen, in der man selbst viel radikaler war. Jeder hat sein Kreuz zu tragen und das Leiden am Zustand der Welt ist das ewige Schicksal der "Guten". Das ist die unausweichliche, von Konservativismus durchtränkte Botschaft des wenig überzeugenden Films von Lars von Trier. Keine vielversprechende Grundlage für eine Neubelebung des kritischen Films.

Siehe auch:
Lars von Triers Film "Idioten"
(12. Juni 1999)