Ein Mann der Ehre - Balzacs Oberst Chabert

Zum 150. Todestag von Honoré de Balzac

Von Laura Villon
6. Oktober 2000

Am 18. August vor 150 Jahren starb Honoré de Balzac in Paris, einer der größten und produktivsten Schriftsteller Frankreichs. 1799 geboren, 10 Jahre nach der Französischen Revolution, umfasste sein Leben die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Doch welch turbulentes Leben und welch Spiegel seiner Zeit! Zum illustren Kreis seiner Freunde, Kollegen und Rivalen gehörten solche berühmten Romandichter wie George Sand und Victor Hugo. Balzac kämpfte sein ganzes Leben dafür, als Schriftsteller und Repräsentant seiner Zeit anerkannt zu werden.

In dem Bemühen, das ganze Panoptikum der damaligen Gesellschaft darzustellen, schrieb Balzac von 1829 bis zu seinem Tod 1850 wie ein Besessener. Er hinterließ 90 Romane, zahlreiche Kurzgeschichten und Rezensionen, fünf Dramen und schließlich seine "Tolldreisten Geschichten" (Rabelaisian les Contes drolatiques). Ab 1840 versuchte er, all seine Werke in eine literarischen Gesamtdarstellung einzubinden - der "Comedié Humaine" (Die menschliche Komödie). "Ich habe eine ganze Gesellschaft in meinem Kopf", so seine berühmte Bemerkung über die 2.500 Charaktere, die seine Romane bevölkern.

Balzac starb 51jährig. Zahllose Bücher, die er geplant hatte, blieben unverwirklicht. Man kann die französische bürgerliche Gesellschaft des frühen neunzehnten Jahrhundert nicht auch nur annähernd verstehen, ohne sich mit Balzacs Romanfiguren vertraut gemacht zu haben.

Die erste Fassung des "Oberst Chabert" wurde 1832 geschrieben, kurz nach der Juli-Revolution von 1830, in der der "bürgerliche" König Louis Philippe d'Orléans an die Macht kam. Die Novelle erlebte mehrfache Umarbeitungen, bis 1844, vier Jahre vor dem Fall Louis Philippes in der Februarrevolution 1848, eine der unvergänglichsten Figuren Balzacs, der "tote" Oberst Chabert entstand.

Was macht ein ehrenwerter Mann in Zeiten, in denen die Ehrlosigkeit vorherrscht? Wie soll ein mutiger und selbstaufopfernder Mensch leben, wenn solche Eigenschaften verschmäht werden, ja wenn man nur dank Korruption, Rücksichtslosigkeit und Geld zu Macht und sozial geachteter Stellung gelangen kann?

Vielleicht denkt der Leser jetzt, wir sprechen über das Jahr 2000 - vielleicht tun wir das sogar! Aber jener Roman von Honoré de Balzac spielt vor 200 Jahren im frühen 19. Jahrhundert. Es war die Zeit nach der Niederlage Napoleons in der Schlacht von Waterloo, als die alte Aristokratie und die neue Bourgeoisie, die die Französische Revolution hervorgebracht hatte, ein Bündnis schlossen, um sich auf Kosten der verarmten Bevölkerung zu bereichern.

Im Zentrum der tragischen Handlung steht der Konflikt zwischen der sozialen Schicht der Neureichen, repräsentiert durch die Gräfin Ferraud, und den armen Klassen, zu denen unserer ehemaliger Graf Chabert hinabgesunken ist. Balzac, ein Anhänger der napoleonischen Ära, pflegte zu sagen, dass "seit 1815 das Prinzip des Gelds dasjenige der Ehre ersetzt" habe ( Melmoth reconcilié).

Eine fantastische Geschichte

Die Geschichte beginnt um 1817, als ein unbekannter Mann im Anwaltsbüro des Herrn Derville um einen Termin nachsucht - offensichtlich schon zum fünften Mal. Mit seinem altmodischen Mantel und seiner schmutzigen Krawatte, bleich und hungrig, gleicht er mehr einem Toten als einem lebenden Mann. Wenn er seinen Hut lüftet, fällt die fettige Perücke ab und entblößt einen kahlen Schädel, gespalten durch eine fürchterliche Narbe vom Hinterkopf quer über den Schädel bis zum rechten Auge.

Er wird gehänselt und wie ein unliebsamer Bettler behandelt. Er solle doch um 1 Uhr morgens wiederkommen, sagt ihm der Sekretär, und als er den Raum verläßt, fragt er ihn noch nach seinem Namen.

"Chabert", antwortet der Mann.

"Der bei Eylau gefallene Oberst?" fragt einer der Schreiber spöttisch, der sich an den berühmten Namen erinnert.

"Derselbe, mein Herr", antwortet Chabert und geht. ( Oberst Chabert, S. 14)

Zum Erstaunen des ersten Schreibers taucht in den frühen Morgenstunden, als er die Rechtsfälle für den nächsten Tag bereitlegt, dieselbe makabre Figur tatsächlich wieder im Anwaltsbüro auf. Der junge und brillante Rechtsanwalt Derville kehrt von einem gesellschaftlichen Abend in sein Büro zurück Er trägt noch seinen Abendanzug. Wie der Autor Balzac will Derville die Nacht nutzen, um besonders konzentriert zu arbeiten. Hier im Halbdunkel wartet ein Mann, so still wie der Tod, seine Gestalt im Halbdunkel verborgen, sein Kopf scheinbar verrückt - "wie ein Rembrandtbild ohne Rahmen". (S. 21)

Derville ist bereit, die Geschichte des Mannes anzuhören, der sich als Oberst Chabert beschreibt, den vor etwa zehn Jahren "bei Eylau gefallenen". (S. 23)

Der berühmte Oberst Chabert war einst Napoleons beliebtester Kommandeur, der Retter der Schlacht von Eylau in Ostpreußen im Jahre 1807. Chaberts Regiment führte eine Kavallerieattacke gegen den russischen Vormarsch und konnte das Blatt für Napoleon wenden. Chabert selbst wurde mit einem Säbel auf den Kopf getroffen und unter seinem Pferd begraben, während 1.500 französische Kavalleristen unter dem Kommando von Murat über seinen Körper hinwegdonnerten. Man begrub ihn zusammen mit Tausenden weiterer Gefallener dieser blutigen Schlacht in einem Massengrab. Die bekannte Geschichte dieses Helden ist in den Chroniken der französischen Bürgerkriege und Revolutionen von 1792 bis 1815, den berühmten Victoires et Conquetes, festgehalten worden.

In Wirklichkeit, so der Überlebende, war Chabert aber nicht gestorben. Begraben tief unten in dem Massengrab, erlangte er sein Bewußtsein wieder und fand sich umgeben von Finsternis und Stille, die hin und wieder vom Stöhnen noch lebender Toter unterbrochen wurde. Er griff nach einem Armknochen und arbeitete sich langsam und qualvoll durch die verwesenden Körper nach oben, bis er schließlich nackt auf ein verschneites und verlassenes Schlachtfeld gelangte. Nach seiner Rettung durch eine arme Bauernfamilie, schwebte er monatelang zwischen Tod und Leben, Bewußtsein und Bewußtlosigkeit.

Als er wieder im Vollbesitz seiner Sinne war, beschloß er, im fernen Frankreich seine Todesanzeige rückgängig zu machen und seinen Namen und Eigentum zurückzufordern. Aber die offizielle Gesellschaft hatte keinen Bedarf für einen toten Soldaten. Nur die armen und früheren Kameraden halfen ihm, als er ohne einen Sou und namenlos herumirrte.

Wie Odysseus wanderte er zehn Jahre lang umher. Aber anders als Odysseus' Frau Penelope war Chaberts Frau ihm nicht treu geblieben.

Sie ließ seine Briefe zurückgehen, bezeichnete sie als gefälscht und ihn als Betrüger. Graf Chabert hatte die ehemalige Straßendirne in den Status einer Gräfin gehoben, und als er tot gemeldet wurde, nutzte sie sein Vermögen und seine Ländereien, um in die Aristokratie einzuheiraten. Sie wurde dazu von Napoleon ermutigt, der an einer Versöhnung zwischen den neuen Elementen, die die Revolution nach oben gebracht hatte, und der alten Aristokratie interessiert war.

Nach einem zweijährigen Aufenthalt in einer Anstalt für Geisteskranke in Stuttgart traf Chabert seinen ehemaligen Sergeanten Boutin, der inzwischen selbst zu den Ausgestoßenen gehörte. Boutin war gerade aus China zurückgekehrt, wohin er sich geflüchtet hatte, nachdem er im Gefolge von Napoleons fürchterlicher Rußlandinvasion in einem sibirischen Gefängnis gelandet war. Boutin ging nach Paris, um mit der Gräfin Chabert Kontakt aufzunehmen, fiel aber in der letzten Schlacht Napoleons 1815 bei Waterloo.

Diese Soldaten der unteren Klassen waren die menschliche Kraft, auf deren Opfer sich die Revolution in Frankreich und in ganz Europa gestützt hatte. Nachdem sie das feudale System zerstört und der neuen Ordnung den Weg geebnet hatten, wurden sie nun abgeschoben auf die Friedhöfe Europas und in die Slums von Paris, verstümmelt und verschmäht, die Vorboten des künftigen Jean Val Jean von Victor Hugos Die Elenden.

"Da waren wir nun, zwei merkwürdige Überbleibsel, ... die der Sturm von einem Ufer zum andern trägt. Wir beide zusammen hatten Ägypten, Syrien, Spanien, Rußland, Holland, Deutschland, Italien, Dalmatien, England, China, die Tartarei und Sibirien gesehen; es fehlten uns nur noch Indien und Amerika", sagte Chabert zu Derville. "Aber was hilft es! Unsere Sonne ist untergegangen, und wir müssen jetzt alle frieren." (S. 37 f.)

Derville ist der erste der nach-napoleonischen Gesellschaft, der es wagt, den Oberst offiziell anzuerkennen. Chabert ist von seiner Sympathie überwältigt. Es ist, als ob er zum zweiten Mal aus dem Grab entsteigt!

"Ich war unter Toten begraben, jetzt aber bin ich unter Lebenden begraben, unter Urkunden, unter Tatsachen, unter der ganzen Gesellschaft, die mich wieder in die Erde zurückstoßen will." (S. 33)

Die Elendssiedlungen von Paris

In einer der bewegendsten Szenen des Buchs wagt sich der Anwalt Derville in die Slums von Saint Marceau, das ärmste Viertel am Rande von Paris. Er fährt mit seiner Kutsche durch die schmutzigen, holprigen Straßen und kommt an einem baufälligen Gebäude an, vollständig zusammengezimmert aus Baumaterial, das man anderswo in der Stadt abgetragen hat. Hier haust Chabert zusammen mit Kühen, Ziegen, Kaninchen und einer verarmten Familie eines früheren Regimentssoldaten mit dem Namen Vergniaud, der nun Milchmann ist. Der Oberst lebt in einem einzelnen Zimmer mit schmutzigem Boden und Strohbett. Eine Pfeife und eine Kopie der Soldatenzeitung "Les Bulletins de la Grande Armée", dies sind seine einzigen Einrichtungsgegenstände.

Derville ist schockiert. Wie kann Chabert - der Mann, der den Sieg der Schlacht von Eylau entschieden hat - so leben? Vergniaud ist ein "alter Ägypter", erklärt Chabert, ein Veteran der ägyptischen Feldzüge Napoleons. "Nicht nur daß alle, die von dort zurückgekommen sind, so etwas wie Brüder sind: Vergniaud gehörte damals zu meinem Regiment, wir haben in der Wüste das Wasser miteinander geteilt." (S. 52)

"Ich habe niemandem Unrecht getan, habe niemals jemanden von mir gewiesen und schlafe ruhig", so Chabert (ebd.).

Als Derville gehen will, bittet ihn Vergniaud um eine kleine Anleihe, um Chabert Kleidung und Möbel kaufen zu können. "Eher würde ich mich selbst verkaufen [als ihn ohne Zigarren sehen zu wollen]", ruft Vergniaud aus. Wenig später erfahren wir, dass Vergniaud bankrott gegangen ist, sein Haus verloren hat und sich selbst als armer Droschkenkutscher verdingen muss.

Einige Jahre später schrieb Victor Hugo über die Slums von Marché-aux-Chevaux in Les Misérables(Die Elenden). Er stützte sich auf dieselbe Quelle wie Balzac, Le Tableau de Paris, eine Sozialkritik von Louis Sébastien Mercier aus der Zeit von 1781 bis 1788, kurz vor der Revolution.

"In diesem Viertel lebt der ärmste, der heruntergekommenste, undisziplinierteste Bevölkerungsteil von Paris", schrieb Sébastien. "In einem Einzelhaushalt in Faubourg Saint-Honoré gibt es mehr Geld als in allen Haushalten des Faubourg Saint-Marcel ... zusammengenommen."

In einer Vorwegnahme der Ereignisse der kommenden Französischen Revolution schrieb Sébastien weiter: "Die Menschen in diesem Stadtteil sind einfacheren Gemüts, schneller von Stimmungsschwankungen erfaßt, streitbarer und eher bereit aufzubegehren, als in jedem anderen Viertel [von Paris]. Die Polizei zögert, sie zu hart zu unterdrücken; sie gibt lieber nach, denn diese Menschen sind zu den größten Exzessen fähig."

Das Faubourg Saint-Germain

Derville verabschiedet sich und fährt zum feinen aristokratischen Bezirk Faubourg Saint-Germain, wo sich der Graf und die Gräfin Ferraud mit Chaberts Vermögen ein luxuriöses Haus gebaut haben.

Die dort wohnende gesellschaftliche Schicht ist das genaue Gegenteil der Bewohner des soeben verlassenen Quartiers. Balzacs sorgfältige Beschreibung würde auch auf heutige Luxusviertel zutreffen. Wen hat nicht schon einmal der krasse Gegensatz zwischen den innerstädtischen Slums und den reichen Vororten in den Großstädten schockiert?

Nach dem Tod ihres Ehemanns war die Gräfin reich geworden. Nachdem Napoleon ihr eine stattliche Pension zukommen ließ, brachte sie es in kurzer Zeit auf ein Einkommen von 40.000 Pfund im Jahr. Nach Napoleons Niederlage 1815 wurde ihr neuer Ehegatte von der Aristokratie umworben und sie in der oberen Gesellschaft glanzvoll aufgenommen. "Neben ihren Gefühlen fand ihre ganze Eitelkeit in dieser Heirat Erfüllung. Sie würde eine Frau ‚comme il faut‘ werden!" (S. 66)

Unter den neuen Gesetzen erhielt ihr zweiter Mann seine ertragreichen Ländereien zurück, die in der Revolution konfisziert worden waren. Sein ganzer Ehrgeiz richtete sich nun darauf, die höchste Position des Landadels, die eines Pairs von Frankreich, zu erlangen.

Um die Karriereleiter hochsteigen zu können, engagiert Graf Ferraud einen korrupten Sekretär namens Delbecq, einen früheren Anwalt, versiert in kriminellen Aktivitäten. Die Gräfin lässt den Sekretär ihres Mannes nicht aus dem Auge. Skrupellos hat dieser Schurke die Schwankungen an der Börse und die steigenden Vermögenswerte in Paris während der Restauration ausgenutzt und war damit in der Lage, das Vermögen der Gräfin innerhalb von drei Jahren zu verdreifachen. Als Gegenleistung erhält Delbecq eine offizielle Position in einer Provinzstadt, die ihm ermöglicht, eine reiche Erbin zu heiraten und auf diese Weise sein eigenes Vermögen und seine politische Karriere zu sichern.

Doch nun, inmitten ihres Triumphes, hat die Gräfin ein moralisches Leiden überfallen. All ihr Reichtum kann die Tatsache nicht verdecken, dass sie keinen sozialen Status hat. Ihre niedere Herkunft steht dem Pairsrang für ihren Gatten im Wege. In einer verhüllten Drohung spricht Graf Ferraud über die Scheidung zwischen Talleyrand und seiner Geliebten, die der berühmte Minister 1802 auf Geheiß von Napoleon geheiratet hatte. Welche Frau könnte solch einen Ausdruck des Bedauerns verzeihen, der den Keim ihrer eigenen Zurückweisung in sich trägt?

Und wenn nun bekannt würde, dass der erste Mann der Gräfin noch am Leben ist? Sie muss ihn um jeden Preis besiegen! Es gibt viele Frauen der höheren Gesellschaft in Paris, wie Balzac erklärt, die in ähnlicher Weise ihre dunklen und monströsen Geheimnisse tief in ihren Herzen begraben und ihr scheinbar amüsantes Leben fortsetzen.

Balzac und das Gesetz

Hier sollten wir einhalten und den Charakter des Rechtsanwalts Derville betrachten. Balzac verleiht Derville die Rolle eines Kommentators und Schlichters der neuen Gesellschaft. Obwohl Derville Teil dieser neuen Gesellschaft ist, steht er ihr kritisch gegenüber und ist in der Lage, die Ehrenhaftigkeit des alten Soldaten zu bewundern. Obwohl er der Anwalt der Gräfin ist, versucht er, einen vorteilhaften Vergleich für Chabert auszuhandeln und schießt ihm sogar Geld vor.

Seine intime Kenntnis der sozialen Positionen des Grafen und der Gräfin Ferraud erlaubt ihm, ihre Schwächen als Verhandlungsmasse einzusetzen. "Sind nicht Anwälte in mancher Hinsicht Politikern vergleichbar, nur daß sie private Angelegenheiten zu regeln haben?" fragt Balzac in seinen Betrachtungen über Derville. (S. 64)

Balzac hatte eine Ausbildung als Anwaltsgehilfe und bereitete sich auf eine Karriere in der Justiz vor. In seinen Geschichten wimmelt es von guten und schlechten Anwälten. Abgesehen von den Juristen als Romangestalten bildet die Justiz auch den Rahmen, innerhalb dessen die neue Gesellschaft verstanden werden kann. Menschliche Beziehungen werden durch Gesetze, Verträge und unmenschliche Bindungen ersetzt, und Gerechtigkeit für die Armen besteht in Kriminalisierung und ständiger Gefangenschaft.

Von einer Krankheit befallen - dem Ekel vor der Menschheit

Im Verlauf der Geschichte wird der Wunsch nach Rehabilitierung seitens des Obersten durch grausame Intrigen der Gräfin zerstört. Sie fühlt, dass der Oberst sie immer noch liebt, und lotst ihn in ihren Landsitz, umsorgt ihn dort liebevoll, erweicht sein Herz mit der Anwesenheit ihrer kleinen Kinder und versucht, mit Hilfe ihres Sekretärs Delbecq einen Unterschrift unter Papiere zu erschleichen, in den der Oberst auf seinen Namen Chabert verzichtet.

Am Ende revoltiert Chabert und rennt mit Verachtung fort, ohne die falschen Papiere unterzeichnet zu haben, aber auch ohne einen einzigen Pfennig seines Vermögens von seiner Frau zurückzuerhalten.

Er verschwindet und fällt "gleich einem in den Abgrund geschleuderten Stein von Sturz zu Sturz immer tiefer in den Morast von Verkommenheit hinab, der in den Straßen von Paris so üppig wuchert." Als Vagabund wird er in das ständige Gefängnis für Landstreicher Saint Denis eingeliefert, aber einige Zeit später trifft Derville Chabert noch einmal.

"Wie", sagt Derville überrascht, "haben Sie nicht eine Rente für sich ausbedungen?" "Ich bin unversehens von einer Krankheit befallen worden, dem Ekel vor der Menschheit", antwortet Chabert. "Wenn ich denke, daß Napoleon auf Sankt Helena ist, so ist mir alles hier gleichgültig." (S. 104)

Zwanzig Jahre später, in der Nähe des schrecklichen Altersheims von Bicêtre, in dem geisteskranke, straffällig gewordene und verarmte alte Leute unter fürchterlichen Bedingungen des Hungers zusammengepfercht werden, trifft Derville erneut den früheren Obersten Chabert, inzwischen ein gebrochener und geistig verwirrter alter Mann.

"Nicht Chabert, nicht Chabert", ruft der Mann. "Ich heiße Hyazinth. Ich bin kein Mensch mehr, ich bin Nummer 164, siebenter Saal."

"Was für ein Schicksal", sagt Derville, der inzwischen Richter ist. "Aus dem Findelhaus hervorgegangen, endet er im Altersheim, nachdem er zwischendurch Napoleon geholfen hat, Ägypten und Europa zu erobern." (S. 107 f)

Selbst vom Ekel vor der Gesellschaft ergriffen, entscheidet Derville, sich mit seiner Frau auf das Land zurückzuziehen.

Balzac, der Beobachter

Balzac hatte keine progressiven Ansichten, zumindest nicht im politisch konventionellen Sinne. Nach der Juli-Revolution von 1830 wurde er ein Parteigänger der royalistischen Legitimisten, ein Unterstützer des wieder eingesetzten Bourbonenkönigs Ludwig XVIII. Er sehnte sich nach einem starken Diktator und nach Geborgenheit der alten Religion zurück, ohne die Ungerechtigkeiten der alten Ordnung zu wollen.

Man muss aber Balzacs Leben und Kunst im richtigen historischen Zusammenhang sehen. Er verabscheute die bürgerliche Gesellschaftsordnung, die aus dem Niedergang des Napoleonischen Regimes und dessen Nachfolger entstanden war. Wenn auch seine Sicht der vorrevolutionären Vergangenheit idealisierend war, so war Balzac doch ein genauer Beobachter der materiellen Bedingungen, Handlungen, Auffassungen und gesellschaftlichen Beziehungen der neuen Klassen in der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts.

In seiner Sympathie mit den Entrechteten und seinem Hass auf eine Gesellschaft, die auf Konkurrenzkampf und Geldgier basiert, ist er ein Vorgänger der großen sozialkritischen Schriftsteller nach ihm, insbesondere Victor Hugo und Emile Zola.

Die Französische Revolution von 1789 wurde von äußerst revolutionären Denkern inspiriert und durchgeführt, die für die Verbesserung des menschlichen Daseins und Gleichheit unter den Menschen eintraten. "Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit" war die Losung der Französischen Revolution.

Aber der Sturz der Aristokratie durch die unteren Klassen "hatte sich bald enthüllt als der ausschließliche Sieg eines kleinen Teils diese Standes, als die Eroberung der politischen Macht durch die gesellschaftlich bevorrechtete Schicht desselben, die besitzende Bourgeoisie", statt durch die Massen in ihrer Gesamtheit, schrieb Friedrich Engels in seiner Schrift Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. Nun fand eine neue soziale Differenzierung statt, die nicht mehr auf der Herkunft, sondern auf Geld beruhte.

"Der Aufschwung der Industrie auf kapitalistischer Grundlage erhob Armut und Elend der arbeitenden Massen zu einer Lebensbedingung der Gesellschaft. Die bare Zahlung wurde mehr und mehr, nach Carlyles Ausdruck, das einzige Bindeglied der Gesellschaft. ... An die Stelle der gewaltsamen Unterdrückung trat die Korruption, an die Stelle des Degens, als des ersten gesellschaftlichen Machthebels, das Geld."

Balzac verachtete das bürgerliche Regime von König Louis-Philippe von Orléans, dessen Thronbesteigung 1830 den korrupten Spekulanten Laffitte zu dem frohlockenden Kommentar veranlasste. "Von nun an werden die Bankiers herrschen."

Ohne Zweifel haben die Schriften Balzacs einen unauslöschlichen Eindruck auf einen anderen großen Beobachter der französischen Politik hinterlassen - Karl Marx. Es ist allgemein bekannt, dass Marx Balzacs Werke intensiv studierte, und man kann den Einfluß des alten Romanautors auf Marx‘ eigene vernichtende Kritik des Regimes von Louis Philippe leicht erkennen.

"Die Julimonachie war nichts als ein Aktienkompanie zur Exploitation des französischen Nationalreichtums, deren Dividenden sich verteilten unter Minister, Kammern, 240.000 Wähler und ihren Anhang. ... [Es] brach namentlich an den Spitzen der bürgerlichen Gesellschaft die schrankenlose, mit den bürgerlichen Gesetzen selbst jeden Augenblick kollidierende Geltendmachung der ungesunden und liederlichen Gelüste aus, worin der aus dem Spiele entspringende Reichtum naturgemäß seine Befriedigung sucht, wo der Genuß crapuleux wird, wo Geld, Schmutz und Blut zusammenfließen. Die Finanzaristokratie, in ihrer Erwerbsweise wie in ihren Genüssen, ist nichts als die Wiedergeburt des Lumpenproletariats auf den Höhen der bürgerlichen Gesellschaft."

Ja, wir könnten über das Jahr 2000 sprechen.

Bibliographie:

Honoré de Balzac, Oberst Chabert, Stuttgart 1998 (Philipp Reclam jun.)

Honoré de Balzac, Melmoth réconcilié, édition Librio, Paris 1997

Honoré de Balzac, Contes drolatiques (Die Tolldreisten Geschichten), Editions Gallimard, Bibliothèque de la Pléiade, 1965

André Maurois, Prometheus oder Das Leben Balzacs, Wien Düsseldorf 1966

Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: Marx Engels Werke, Bd. 19, S. 194 und S. 192 f.

Karl Marx, Klassenkämpfe in Frankreich, in: MEW, Bd. 7, S. 12

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