Erklärung der Socialist Equality Party der Vereinigten Staaten von Amerika

Die Arbeiterklasse und die amerikanischen Wahlen 2000

2. Teil: Die Sozialstruktur Amerikas im Jahr 2000

10. Oktober 2000

Das wesentliche Charakteristikum des heutigen Amerika, das in der Presse und offiziellen Politik nur äußerst zögerlich zugegeben wird, ist das Anwachsen wirtschaftlicher Ungleichheit in nie gekanntem Ausmaß. Ein Abgrund hat sich zwischen einer kleinen und fantastisch reichen Elite und der großen Mehrheit der Bevölkerung aufgetan, die von Lohnabrechnung zu Lohnabrechnung lebt. Keine der beiden Parteien kann sich dieser sozialen Realität ernsthaft stellen, weil sie beide das Wirtschaftssystem und die dafür verantwortliche Politik verteidigen.

Es ist in den Medien und der akademischen Welt Mode geworden, von den Vereinigten Staaten als einer "Gesellschaft von Aktienbesitzern" zu sprechen. Die Mehrheit der Amerikaner ist jetzt im Besitz von Aktien, so lautet das Argument, und darum nützt die Vervierfachung der Börsenkurse im vergangenen Jahrzehnt letzten Endes allen. Aber jede ernsthafte Untersuchung der US-Wirtschaftsstruktur beweist, dass der Finanzboom die soziale Polarisierung in Amerika dramatisch verschärft hat.

Die breite Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung ist ins Proletariat abgesunken. Diese Arbeiterfamilien sind vollkommen von ihren wöchentlichen, vierzehntägigen oder monatlichen Lohnzahlungen abhängig, wobei sie häufig an zwei oder sogar drei Arbeitsstellen schuften müssen. Auch wenn Angestellte und sogar einige Arbeiter ein paar Aktien in einem Renten- oder Versicherungsfond besitzen, sind sie deshalb noch lang nicht den großen Aktienbesitzern und Finanzinstituten vergleichbar, deren An- und Verkäufe die Wall Street bewegt. Für diese Arbeiter bedeutet das vielmehr, dass ihre Renten oder Lebensversicherungen vollkommen von den Unwägbarkeiten der Börse abhängen.

Die Gesellschaftsstruktur, die aus den achtziger und neunziger Jahren entstanden ist, ist ein bei weitem ungleicheres Amerika als die Gesellschaft, die vor 25 Jahren existierte. Die Geldsummen, die erfolgreiche oder auch weniger erfolgreiche Vorstandsmitglieder heute erhalten, wären vor einer Generation noch undenkbar gewesen. Es ist nicht nur das Ausmaß der Vermögen - zehn Milliarden Dollar, sogar fünfzig Milliarden Dollar, Summen, die den Haushalt der meisten amerikanischen Bundesstaaten übersteigen - sondern die Art und Weise, in der sie aufgehäuft werden.

Eine privilegierte Schicht wird immer reicher, während die Bevölkerungsmehrheit verarmt. Der Prozess wird noch durch die ständig intensivere Ausbeutung der Arbeiterklasse beschleunigt, wobei die Arbeitsproduktivität steigt, während die Reallöhne stagnieren. Das Ergebnis ist die wachsende Korruption und der innere Zerfall der ganzen Gesellschaft.

Die Akkumulation des Reichtums wird zunehmend von der aktuellen Warenproduktion und dem Arbeitsprozess abgekoppelt, und wer in der Lage ist, die Börsen und Geldmärkte erfolgreich zu manipulieren, gewinnt den größten Ertrag. Diese Trennung zwischen Profit und Produktion erscheint sogar innerhalb der Konzernstruktur, wo Vorstandsmitglieder ihre Vorzugsaktien dazu nutzen, ein derart gewaltiges persönliches Einkommen zu erreichen, dass sie langfristig zum Niedergang der Konzerne beitragen, in deren Diensten sie stehen.

Eine reiche und privilegierte Elite

An der Spitze der amerikanischen Gesellschaft befindet sich eine besitzende Klasse, die nach Vermögen und Einkommen reicher ist, als irgend eine andere der Geschichte. Das reichste eine Prozent der amerikanischen Haushalte hat ein Vermögen von über zehn Billionen Dollar angehäuft - zehn Millionen Millionen Dollar - das sind über vierzig Prozent des gesamten nationalen Reichtums. Der Nettobesitz dieser Multimillionäre übersteigt zusammen den gesamten Besitz der unteren 95 Prozent der Bevölkerung.

Seit Mitte der siebziger Jahre hat das oberste eine Prozent seinen Anteil am nationalen Wohlstand von unter zwanzig Prozent auf 38,9 Prozent verdoppelt; das ist die höchste Zahl seit 1929, dem Jahr des Börsenkrachs, der in die große Depression mündete. Laut einer weiteren Studie besitzt das reichste eine Prozent der Haushalte die Hälfte aller ausgegebenen Aktien, zwei Drittel aller Wertpapiere und über zwei Drittel der Konzernanteile.

Die Ungleichheit nach Einkommen ist ebenso krass wie die Ungleichheit nach Besitz. 1999 erzielte das reichste eine Prozent der Bevölkerung so viel Einkommen nach Steuern, wie die unteren 38 Prozent zusammen. Das heißt, die 2,7 Millionen Amerikaner mit den größten Einkommen erhielten genau so viel Einkommen nach Steuern wie die hundert Millionen Amerikaner mit den unteren Einkommen. Das durchschnittliche Jahreseinkommen nach Steuern des obersten einen Prozents ist seit 1977 um 370 Prozent angestiegen, von 234.700 Dollar auf 868.000 Dollar.

Knapp unterhalb der Superreichen ist eine etwas weniger reiche, aber immer noch außerordentlich privilegierte Schicht von Wohlhabenden. Diese vier Prozent der Bevölkerung besaßen 1998 21,3 Prozent des privaten Reichtums mit einem Durchschnittswert von 1,4 Millionen Dollar.

In der ganzen Periode von 1983 bis 1995 waren diese zwei Eliteschichten, die Reichen und die Superreichen, die zusammen die obersten fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen, die einzigen Haushalte, deren Reichtum einen Nettozuwachs verzeichnen konnten. Diese Statistik ist es wert, noch einmal wiederholt zu werden: Während zwölf Jahren, während der (teilweisen) Amtszeit von Reagan, Bush und Clinton brachte das "Wunder des Marktes" 95 Prozent der amerikanischen Bevölkerung einen Nettoverlust, während nur die obersten fünf Prozent hinzugewonnen haben.

Während der neunziger Jahre ergriff eine wirklich wahnhafte Gier nach nicht erarbeitetem Einkommen die herrschende Klasse, die fühlte, dass sie von jeder wirksamen Einschränkung der Profitakkumulation befreit war. Der nackte Trieb nach persönlicher Bereicherung übersteigt alles, was man von vergangenen "Goldenen Zeitaltern" her kennt. Die Gehälter für Topmanager stiegen während der Clinton-Gore-Regierung um atemberaubende 535 Prozent. Der typische Konzernchef verdient das 475-fache Einkommen eines Durchschnittsarbeiters und das 728-fache Einkommen eines Arbeiters mit Mindestlohn. Wären die Löhne in den neunziger Jahren ebenso schnell gestiegen wie die Gehälter, Bonuszahlungen und Vorzugsaktien der Führungskräfte, dann hätte ein Durchschnittsarbeiter jetzt ein Jahreseinkommen von 114.000 Dollar im Jahr und der Mindestlohn läge bei 24 Dollar die Stunde.

Von Lohnabrechnung zu Lohnabrechnung leben

Am andern Pol der amerikanischen Gesellschaft sind die beinahe hundert Millionen Menschen zu finden, deren Existenz von Lohn oder Gehalt abhängig ist - die Arbeiterklasse, die große Mehrheit der Bevölkerung. Diese Arbeiter produzieren den atemberaubenden Reichtum der amerikanischen Gesellschaft, aber ihre eigenen Existenzbedingungen haben sich immer mehr verschlechtert, weil die Reallöhne ständig sinken und auch die immer längere Arbeitszeit nur noch zum Teil bezahlt wird.

Es gibt natürlich enorme Unterschiede im Lebensstandard, je nach Einkommen, Arbeitsbedingungen, Familienstruktur und Art des Arbeitsverhältnisses (Arbeiter können Vollzeit, Teilzeit, als Aushilfskraft, als Vertragsarbeiter etc. arbeiten), wie auch große Unterschiede im sozialen Bewusstsein. Aber trotz all dieser Verschiedenheiten und trotz der Tatsache, dass viele Arbeiter glauben, sie gehörten zur Mittelschicht, sind die überwältigende Mehrheit der Amerikaner lohnabhängige Arbeiter, die wenig oder kein Einkommen aus Zinserträgen erzielen.

Immer mehr Arbeiter sind buchstäblich ohne Eigentum. Zwischen 1983 und 1995 ist das durchschnittliche Nettovermögen der untersten vierzig Prozent der Haushalte um achtzig Prozent abgesunken, von 4.400 Dollar auf 900 Dollar. Für die untersten zwanzig Prozent liegt dieser Nettowert unter Null: Ihre Schulden übersteigen das, was sie besitzen, selbst wenn sie im eigenen Haus wohnen.

Das Einkommensniveau der ärmsten Schichten der Arbeiterklasse ist so niedrig, dass ihnen echter Mangel nicht nur droht, sondern sie diesen regelmäßig erfahren. Etwa 26 Prozent aller amerikanischen Arbeiter erhalten Löhne an der Armutsgrenze. Das Durchschnittseinkommen der ärmsten zwanzig Prozent der US Familien war im letzten Jahr nur bei 12.19990 Dollar, deutlich unterhalb der offiziellen Armutsgrenze. Die Bedingungen der Armen sind noch dadurch verschärft worden, dass seit 1996 die Sozialhilfe nicht mehr in Geld ausgezahlt wird und die Antragsteller von Lebensmittelmarken und medizinischen und anderen Hilfsleistungen oftmals erniedrigend behandelt werden.

Weitverbreitete Armut verursacht unzählige soziale Probleme in den Stadtzentren und auf dem Land, die sich mehr und mehr auch in den bessergestellten Vorstädten ausbreiten: das Aufbrechen der Familienstrukturen, häusliche Gewalt, Kriminalität, Drogenmissbrauch, Obdachlosigkeit. Eine Zahl straft die Behauptung, Amerika sei eine wohlhabende und gesunde Gesellschaft, mehr als alles andere Lügen: Über zwei Millionen Menschen sind zur Zeit in amerikanischen Gefängnissen eingesperrt, mehr als in jedem anderen industrialisierten Land und dreimal so viele wie vor nur zwanzig Jahren.

Unter den besser gestellten Schichten der Arbeiterklasse stagniert das Einkommen oder es nimmt ab - ein enormer Wechsel seit den Jahrzehnten des Wirtschaftsbooms, der auf den zweiten Weltkrieg folgte. In der Jahren 1947-79 verdoppelte sich das Durchschnittseinkommen jeder Schicht der amerikanischen Bevölkerung, von der ärmsten bis zur reichsten. Von 1979 bis 1998 erlebten die obersten zwanzig Prozent einen Einkommenszuwachs von 38 Prozent (64 Prozent für das oberste eine Prozent), während die untersten zwanzig Prozent einen Rückgang ihres Realeinkommens um fünf Prozent erleben mussten. Die dazwischen liegenden Schichten erfuhren höchstens kleine Zuwächse.

Selbst Familien mit zwei Einkommen, die ein Bruttoeinkommen von über 100.000 Dollar verzeichnen, besitzen oftmals nur ihr Haus, das dazu normalerweise noch mit hohen Hypotheken belastet ist, und haben sehr wenig oder keine Ersparnisse. Laut einer Studie haben die mittleren zwanzig Prozent der Gehaltsempfänger (angeblich Teil der Mittelschicht) gerade genug Ersparnisse, um ihren gewohnten Lebensstandard 1,2 Monate aufrecht zu erhalten, falls sie plötzlich ihre Arbeit verlieren (oder genug, um während 1,8 Monaten entsprechend dem Armutsniveau weiter zu konsumieren).

Während das Einkommen abgenommen hat, ist der Konsum bis jetzt gleich geblieben, wobei die Differenz durch Kredite ausgeglichen wird. Die Verschuldung der Haushalte ist im Verhältnis zum persönlichen Einkommen von 58 Prozent im Jahr 1973 auf fast hundert Prozent im Jahr 2000 angestiegen. Wie ein Analyst bemerkte: "Familien nutzen jetzt steuerbegünstigte Hypotheken und Eigenheim-Kredite, um ihren normalen Konsum zu finanzieren."

Eine Studie des Instituts für Wirtschaftspolitik zeigte vor kurzem, wie Arbeiter versucht haben, den Rückgang ihrer Einkommen durch längere Arbeitzeiten auszugleichen. 1998 arbeitete die Durchschnittsfamilie mit Kindern 83 Wochen pro Jahr, im Gegensatz zu 68 Wochen im Jahr 1969, was vor allem ein Ergebnis der Ausdehnung der Arbeitszeit berufstätiger Mütter ist. Amerikanische Arbeiter müssen länger arbeiten als Arbeiter in jedem anderen hochindustrialisierten Land und haben weniger Ferien und Freizeit.

Der Niedergang der Mittelschichten

Zwischen der herrschenden Klasse und der Arbeiterklasse gibt es eine umfangreiche Mittelschicht, die jedoch ständig abnimmt. Der Niedergang der amerikanischen Mittelschichten ist eins der wichtigsten - und am wenigsten untersuchten - sozialen Phänomene. Dutzende Millionen Amerikaner, die einmal relativ gute soziale Positionen bekleideten - kleine Geschäftsleute, Bauern mit eigenem Familienbetrieb, unabhängige Spezialisten, mittlere Manager -, mussten erleben, wie ihre Existenzbedingungen sich drastisch verschlechterten, während eine relativ kleine Zahl sich enorm bereicherte und durch den Börsenboom korrumpiert wurde.

Konzerne, die in den achtziger Jahren ihre Belegschaften im gewerblichen Bereich drastisch abbauten, wandten sich in den Neunzigern gegen ihre Angestellten und mittleren Manager und zerstörten so die Illusion, dass ein Arbeitsplatz in einem Großkonzern lebenslange Sicherheit bedeute. Millionen Angestellte und Techniker wurden plötzlich entlassen oder in die Scheinselbständigkeit gezwungen, wobei sich ihre "Selbständigkeit" nur auf die fehlende Arbeitsplatzsicherheit und betriebliche Vergünstigungen bezieht.

Trotz des Höhenflugs an den Finanzmärkten haben die Bankrotte von Privatpersonen und kleinen Unternehmen ständig zugenommen. Die Zahl der bäuerlichen Familienbetriebe ist unter zwei Millionen abgesunken - das ist weniger, als Gefangene in den amerikanischen Gefängnissen sitzen. Restaurants, Gemischtwarenhandlungen und Tante-Emma-Läden wurden durch Schnellimbissketten, Supermärkte und Großkaufhäuser wie Wal-Mart verdrängt, heute mit 800.000 Niedriglohnbeschäftigten der größte Arbeitgeber der USA. Und während vierzehn Millionen Menschen in der jüngsten US Wirtschaftsstatistik als "Selbständige" geführt werden, übersteigt das Durchschnittseinkommen dieser "Geschäftsleute" kaum 30.000 Dollar im Jahr, was bedeutet, dass die meisten von ihnen nicht einmal ein Einkommen oberhalb der Armutsgrenze haben.

Der Niedergang der Mittelschichten hat klare politische Konsequenzen. Ein ansehnlicher und florierender Mittelschichten-Puffer war immer die wichtigste soziale Stütze der kapitalistischen Demokratie. Eine solche Schicht hatte die Funktion, die erbitterten Gegensätze abzumildern, die durch die gesellschaftliche Spaltung zwischen den Arbeitern, die den Reichtum produzieren, und den ihn besitzenden Kapitalisten entstanden. Ohne diesen sozialen Puffer entwickeln sich die Klassenkonflikte im Kapitalismus unausweichlich zum Ausbruch offener Kämpfe.

Ein großer Teil der amerikanischen Mittelschichten ist während der letzten zehn Jahre ins Proletariat abgesunken, während eine privilegierte Minderheit besonders der leitenden Angestellten und Akademiker, die früher die wichtigsten Träger des politischen Liberalismus waren, durch den Börsenboom korrumpiert wurden und scharf nach rechts gegangen sind.

Wird fortgesetzt

Siehe auch:
Die Arbeiterklasse und die amerikanischen Wahlen 2000
1. Teil: Die gesellschaftlichen Veränderungen in der amerikanischen Politik

(7. Oktober 2000)