Neu im Arbeiterpresse-Verlag

Trotzkis "Europa und Amerika"

5. Oktober 2000

In wenigen Tagen erscheint im Arbeiterpresse Verlag ein neuer Sammelband der Reihe "Trotzki-Bibliothek": "Europa und Amerika". Wir dokumentieren hier das Vorwort der neuen Ausgabe.

Die in diesem Band gesammelten Vorträge und Aufsätze Leo Trotzkis aus den zwanziger Jahren befassen sich mit zwei Themen: der Einschätzung der Weltlage und den Aufgaben, die sich für die internationale Arbeiterbewegung daraus ergeben.

Trotzkis Herangehensweise an diese Fragen hebt sich wohltuend von dem mechanischen Schema ab, in das die Sozialdemokratie den Marxismus verwandelt hatte, bevor sie ihn ganz aufgab, und das später vom Stalinismus in karikierter Form übernommen wurde: dem Schema eines fortwährenden Niedergangs des Kapitalismus, der automatisch zu einem entsprechenden Anwachsen und zum letztendlichen Triumph der Arbeiterbewegung führen müsse. Die Aufgabe der Partei blieb nach diesem Schema auf passives Abwarten oder - in seiner "linken" Version - auf pausenlose, aber ziellose Aktivitäten beschränkt.

Trotzki ging als Marxist selbstverständlich davon aus, dass das wirtschaftliche Geschehen letzten Endes die gesellschaftliche und politische Entwicklung bestimmt. Aber eben nur letzten Endes. Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, und sie machen sie mit Bewusstsein. Der Klassenkampf ist nicht einfach ein mechanischer Abklatsch des ökonomischen Prozesses. Er wird von Klassen, Parteien und Individuen ausgefochten, die an kritischen Wendepunkten eine alles entscheidende Rolle spielen. Hinzu kommt, dass der ökonomische Prozess alles andere als geradlinig verläuft. Er ist von Widersprüchen und jähen Wendungen geprägt, die für die politische Taktik von ausschlaggebender Bedeutung sein können. Gerade daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer marxistischen Partei, die nicht nur zu reagieren, sondern vorauszusehen und zu führen versteht.

Dieser Aspekt wird bei der Betrachtung des weitgehend unverstandenen zwanzigsten Jahrhunderts in der Regel weggelassen. Die Rückblicke und Abhandlungen, die zur Jahrtausendwende erschienen sind, befassen sich vorwiegend mit den großen Katastrophen - den beiden Weltkriegen, Stalinismus und Faschismus - und drücken die vage, aber kaum begründete Hoffnung aus, dass sie sich im neuen Jahrhundert nicht wiederholen mögen. Kaum Aufmerksamkeit finden dagegen die entscheidenden Wendepunkte, an denen der historische Prozess einen anderen Verlauf hätte einschlagen können. Dabei erlaubt es nur die Untersuchung dieser Wendepunkte, der möglichen Alternativen, Lehren aus der Geschichte zu ziehen.

Die zwanziger Jahre gelten als relativ ruhige Jahre, als Pause zwischen dem Ersten Weltkrieg und den anschließenden revolutionären Erschütterungen auf der einen und dem Aufstieg des Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg auf der anderen Seite. Betrachtet man sie jedoch unter dem Gesichtspunkt des subjektiven Faktors, der Führung und politischen Orientierung der Arbeiterklasse, dann wurden in diesem Jahrzehnt entscheidende Weichen gestellt, die die nachfolgende Katastrophe zwar nicht unvermeidlich, aber doch wesentlich wahrscheinlicher machten.

Das Schicksal Leo Trotzkis spielt in diesem Zusammenhang selbst eine maßgebliche Rolle. Zu Beginn des Jahrzehnts stand er an der Spitze des Sowjetstaats und der Kommunistischen Internationale, seine politische Autorität wurde nur von derjenigen Lenins übertroffen. Am Ende des Jahrzehnts befand er sich auf einer kleinen, abgelegenen Insel im türkischen Exil. Trotzkis Verdrängung durch die Stalin-Fraktion, die die Interessen der aufsteigenden Bürokratie verkörperte, war gleichbedeutend mit der Verdrängung des Marxismus aus der kommunistischen Weltbewegung.

Dass dies folgenschweren Einfluss auf das Schicksal der Sowjetunion hatte, wird zumindest von ernstzunehmenden Historikern kaum bestritten. Die Unterdrückung der Linken Opposition gipfelte 1937 in der physischen Vernichtung einer ganzen Generation revolutionärer Marxisten und führender Intellektueller in den Moskauer Prozessen. Von da führt eine gerade Linie zur Liquidation der Sowjetunion durch Stalins Erben fünfzig Jahre später. Wesentlich weniger Aufmerksamkeit haben dagegen die Auswirkungen der Unterdrückung der Linken Opposition auf die internationale Arbeiterbewegung und die weltpolitischen Ereignisse der dreißiger und vierziger Jahre gefunden. Die Geschichte wäre anders verlaufen, wenn damals Trotzkis und nicht Stalins Auffassungen die Kommunistische Internationale beherrscht hätten.

Ein Verständnis dieser Frage, die auch für die heutige Zeit von brennender Aktualität bleibt, erfordert eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den strategischen Konzeptionen, die Trotzki in seinen zahlreichen Schriften dargelegt hat. Dazu gehören neben den in diesem Band gesammelten Beiträgen auch - um nur die wichtigsten zu nennen - "Die permanente Revolution", "Die Dritte Internationale nach Lenin", die Schriften über den deutschen Faschismus ("Portrait des Nationalsozialismus") und den spanischen Bürgerkrieg sowie die Gründungsdokumente der Vierten Internationale ("Das Übergangsprogramm").

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In mehreren Teilen dieses Bandes setzt sich Trotzki mit der Weltlage Anfang der zwanziger Jahre auseinander. Im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit steht dabei die Frage, ob es auf kapitalistischer Grundlage einen Ausweg aus der europäischen Sackgasse gibt. Seine Antwort lautet kategorisch Nein.

Der Erste Weltkrieg hatte keines der Probleme gelöst, die ihn hervorgerufen hatten. Den modernen Produktivkräften war es in den nationalen Grenzen zu eng geworden. Der deutsche Kapitalismus, der fortgeschrittenste und dynamischste auf dem alten Kontinent, war angetreten, das zersplitterte Europa zu organisieren - und dabei kläglich gescheitert. Großbritannien und Frankreich gingen zwar als Sieger, aber völlig verarmt aus dem Krieg hervor. Eigentlicher Gewinner und neue dominierende Wirtschaftsmacht waren die Vereinigten Staaten von Amerika. Das Zentrum der Weltwirtschaft hatte sich vom alten auf den neuen Kontinent verschoben.

Das Verhältnis von Europa zu Amerika bildet Trotzkis Ausgangspunkt bei der Einschätzung der Weltlage. Bereits in dem Bericht, den er im Sommer 1921 dem in Moskau tagenden dritten Kongress der Kommunistischen Internationale gab ( Die Weltlage), nimmt diese Frage eine zentrale Stellung ein. In zwei Reden, gehalten 1924 und 1926 ( Europa und Amerika), kommt er darauf zurück. Seine Bilanz: Eingeschnürt in ein enges Netz von Staatsgrenzen und wirtschaftlich dominiert von den USA gibt es für den europäischen Kapitalismus auf absehbare Zeit keinen Ausweg aus Niedergang und Krise.

"Das unerreichbare materielle Übergewicht der USA schließt für das kapitalistische Europa die Möglichkeit eines wirtschaftlichen Aufstiegs und einer Wiedergeburt automatisch aus", schreibt er im Vorwort zu Europa und Amerika. "Wenn der europäische Kapitalismus früher auf zurückgebliebene Erdteile revolutionierend wirkte, so revolutioniert jetzt der amerikanische Kapitalismus das überreife Europa. Es bleibt diesem kein anderer Ausweg aus der ökonomischen Sackgasse als: proletarische Revolution, Beseitigung der staatlichen Zollschranken, Schaffung der Vereinigten Europäischen Sowjet-Staaten und föderativer Zusammenschluss mit der Sowjetunion und den befreiten Völkern Asiens."

Schon 1921 hatte Trotzki vor einer fatalistischen Auslegung dieser Einschätzung gewarnt, als würde der Erfolg der sozialistischen Revolution von vornherein feststehen. In Russland hatte die Arbeiterklasse 1917 die Initiative ergriffen und in einem kühnen Schritt die politische Macht erobert. Im Westen Europas und vor allem in Deutschland waren dagegen erste Versuche, es den russischen Arbeitern gleich zu tun, gescheitert. Der abrupte Übergang der Sozialdemokratie auf die Seite der bürgerlichen Ordnung hatte die Arbeiterbewegung desorganisiert. Die neu entstandenen Kommunistischen Parteien waren zu jung und unerfahren, um dies sofort auszugleichen, und hatten eine Reihe von Niederlagen erlitten. Dadurch kam es Anfang der zwanziger Jahre zu einer vorübergehenden politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung.

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Der dritte Kongress der Kommunistischen Internationale stand dementsprechend im Zeichen einer Neuorientierung der Kommunistischen Internationale. Als Reaktion auf die erlittenen Niederlagen hatte sich unter den Delegierten Enttäuschung und Ungeduld breit gemacht, die sich in Form linksradikaler Standpunkte äußerten. Vor allem in der deutschen Delegation - die KPD hatte im März 1921 einen schlecht vorbereiteten Aufstandsversuch unternommen und empfindliche Verluste erlitten - war diese Haltung weit verbreitet. Einige Delegierte vertraten eine sogenannte "Offensivstrategie", wonach die Partei immer und unter allen Umständen verpflichtet sei, anzugreifen und zur Offensive aufzurufen.

Gegen solche Kindereien wandten sich Trotzki und Lenin, der dazu die Broschüre "Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit des Kommunismus" veröffentlichte. Sie bemühten sich, die Delegierten von der Notwendigkeit zu überzeugen, Fragen der Strategie und Taktik größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Bevor man die Macht erobern kann, muss man die Massen erobern, lautete eine der zentralen Lehren des Kongresses, und: "Es genügt nicht, sich zu schlagen, man muss siegen. Und dazu muss man die Kunst der revolutionären Strategie beherrschen."

Trotzki fasste die Schlussfolgerungen aus dem dritten Kongress anschließend in dem Beitrag Die Schule der revolutionären Strategie zusammen. Erneut warnte er vor einer mechanischen, fatalistischen Auffassung des Marxismus. Die Veränderung der Gesellschaftsformen vollziehe "sich nicht von selbst, wie der Sonnenauf- und Untergang". Voraussetzung sei das Auftauchen einer neuen Klasse, "die bewusst, organisiert und stark genug wäre, um ... den neuen gesellschaftlichen Beziehungen den Weg zu bahnen".

Gleichzeitig schloss Trotzki nachdrücklich aus, dass die krisengeschüttelte Gesellschaft längere Zeit in ihrem jetzigen Zustand ausharren könne. Die Bemühungen der Sozialdemokratie, ein stabiles Fundament für die bürgerliche Demokratie zu schaffen, waren von vornherein zum Scheitern verurteilt. Er warnte, dass es nur die Alternative zwischen Sozialismus und Barbarei gebe: "Die Menschheit verharrt nicht auf einem Fleck; ... wenn die Aufwärtsentwicklung unmöglich wird, stürzt die Gesellschaft abwärts; wenn keine Klasse vorhanden ist, die imstande wäre, sie höher zu treiben, fällt sie auseinander und öffnet Tür und Tor der Barbarei."

Zwölf Jahre später sollte diese Voraussage mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland grausige Wahrheit werden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Lehren aus dem dritten Komintern-Kongress längst vergessen. Trotzki war zur Unperson erklärt worden und der linke Radikalismus hatte in Form der "Dritten Periode" des Klassenkampfs, die die stalinisierte Komintern seit 1928 propagierte, eine gespenstische Wiedergeburt erlebt. Laut dieser Auffassung, die der Panik der Bürokratie über die selbstverschuldete gesellschaftliche Krise in der Sowjetunion entsprungen war, stand der Kampf um die Macht in allen Ländern der Welt unmittelbar auf der Tagesordnung.

Die Kommunistischen Parteien berauschten sich an revolutionären Phrasen und waren völlig blind gegenüber der heraufziehenden faschistischen Gefahr. Jede taktische Maßnahme, die das Ziel verfolgte, sozialdemokratische Arbeiter zu beeinflussen, galt als konterrevolutionär und "trotzkistisch". In Deutschland zog das Eintreten für eine Einheitsfront mit der SPD den Ausschluss aus der KPD nach sich. Die Sozialdemokraten galten als "Sozialfaschisten" und Zwillinge der Nazis. Die Spaltung und Lähmung der Arbeiterbewegung, die die Politik der KPD nach sich zog, ebnete Hitler den Weg an die Macht.

Thälmann, der diesen Kurs als treuer Erfüllungsgehilfe Stalins in der KPD durchsetzte, war schon 1921 als deutscher Delegierter auf dem Komintern-Kongress gegen Trotzki aufgetreten. Wären die Lehren von damals berücksichtigt worden, die Ereignisse in Deutschland hätten einen anderen Verlauf genommen.

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Der andere Pol der Arbeiterbewegung, mit dem sich Trotzki in den zwanziger Jahren auseinander setzte, war der des Opportunismus. In England, der führenden imperialistischen Macht des neunzehnten Jahrhunderts, und den USA, der führenden imperialistischen Macht des zwanzigsten Jahrhunderts, war der Typus des opportunistischen Arbeiterführers besonders ausgeprägt. Ihr ungeheurer Reichtum hatte es der herrschenden Klasse dieser Länder erlaubt, die Oberschicht der Arbeiterklasse zu bestechen.

Traditionen sind zäh, und so hielt sich der Opportunismus an der Spitze der britischen Arbeiterbewegung auch noch, als sich das Land längst im wirtschaftlichen Niedergang befand. In der 1925 entstandenen Schrift Wohin treibt England entwirft Trotzki ein brillantes Portrait der britischen Arbeiterführer und untersucht den scharfen Gegensatz zwischen ihrer Politik und der revolutionären Stimmung der Arbeiter. Dieser Gegensatz, so die Quintessenz seiner Analyse, könne nur durch den Aufbau einer entschlossenen Kommunistischen Partei gelöst werden. "Es gibt keinen Umgehungsweg. Wer an ihn glaubt und ihn verkündet, kann die englischen Arbeiter nur betrügen."

Kurze Zeit später sollte sich seine Einschätzung der revolutionären Stimmung der Arbeiter bestätigen. Im Mai 1926 erschütterte ein Generalstreik die britische Gesellschaft in ihren Grundfesten. "Der Generalstreik ist die Antwort des Proletariats, das nicht zulassen will und kann, dass der Bankrott des britischen Kapitalismus den Anfang des Bankrotts der britischen Nation und britischen Kultur bedeutet", kommentierte Trotzki im Vorwort zur zweiten Ausgabe. "Diese Antwort wird jedoch vielmehr von der Logik der Lage als von der Logik des Bewusstseins diktiert. Der englischen Arbeiterklasse blieb keine andere Wahl." Und er folgerte: Der Generalstreik verlangt "mehr als irgendeine andere Form des Klassenkampfes eine klare, entschlossene, feste, d.h. revolutionäre Leitung. Das britische Proletariat aber zeigt im jetzigen Streik keine Spur einer solchen Leitung, und man kann nicht erwarten, dass sie mit einem Male erscheint, in fertiger Form, wie aus der Erde gestampft."

Die Führung der Komintern, anstatt den britischen Arbeitern zu helfen, eine solche Leitung zu entwickeln, stärkte der opportunistischen Gewerkschaftsführung den Rücken, die den Streik prompt ausverkaufte. Im Rahmen des anglo-russischen Gewerkschaftskomitees, das unter der Schirmherrschaft von Stalin und Bucharin stand, arbeiteten die sowjetischen Gewerkschaftsführer eng mit den britischen zusammen. So wurde eine weitere Gelegenheit verpasst, die internationale Lage zugunsten der kommunistischen Bewegung zu beeinflussen.

In dem Artikel Europa und Amerika, der 1926 entstand, geht Trotzki auf den Opportunismus der amerikanischen Arbeiterbewegung und die revolutionären Aussichten für den neuen Kontinent ein. Er warnt davor, aus der ökonomischen Macht Amerikas auf eine lange politische Stabilität zu schließen: Die "Machtstellung der Vereinigten Staaten gegenüber dem geschwächten Europa und den wirtschaftlich zurückgebliebenen kolonialen Völkern" sei gleichzeitig ihre Achillesferse. "Die innere Ausbalancierung der Vereinigten Staaten erfordert zunehmende Expansion nach außen, und dieses Streben nach anderen Staaten und Ländern infiziert die amerikanische Wirtschaftsordnung mit den Elementen der europäischen und asiatischen Misshelligkeiten. Eine siegreiche Revolution in Europa und Asien wird unter diesen Umständen unvermeidlich zu einer revolutionären Epoche in den Vereinigten Staaten führen."

Indem der Stalinismus Europa vor der proletarischen Revolution "rettete", ersparte er letztlich auch den USA dieses Schicksal.

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Abschließend soll kurz auf die Bedeutung von Trotzkis Analyse für die heutige Zeit eingegangen werden, auch wenn eine umfassende Behandlung dieser Frage den Rahmen eines Vorworts sprengen würde. In den zwanziger Jahren betrachtete er das Verhältnis von Europa zu Amerika als Ausgangspunkt für die Einschätzung der Weltlage. Ist diese Herangehensweise auch heute noch gültig?

Zwischen 1945 und 1990 wäre diese Frage wohl überwiegend negativ beantwortet worden. Das transatlantische Verhältnis war zwar nicht immer spannungsfrei, aber solange der Kalte Krieg andauerte, wurde die Vorrangstellung der USA in Europa nicht ernsthaft in Frage gestellt. Seit der Auflösung des Warschauer Pakts hat sich das geändert. Immer lauter werden die Stimmen, welche die Überwindung der amerikanischen Vorherrschaft als zentrale Aufgabe der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik postulieren. Die Politik hält sich in der Regel noch diplomatisch zurück, aber akademische Studien und Hintergrundartikel in Fachzeitschriften, die nicht durch außenpolitische Rücksichten gehemmt sind, lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.

Typisch ist das jüngste Sonderheft von "Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken", das den bezeichnenden Titel "Europa oder Amerika? Zur Zukunft des Westens" trägt.

Ernst-Otto Czempiel, emeritierter Professor für Außenpolitik und Mitglied der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, wirft den USA darin vor, sie hätten den "bis 1990 auf die westliche Welt beschränkten hegemonialen Führungsanspruch zum globalen Herrschaftsanspruch erweitert und verstärkt". Der Wunsch der Europäer nach einer "Nato-Reform, die sie an der Führung teilhaben ließ", sei brüsk zurückgewiesen worden. "Diese Weiterentwicklung der amerikanischen Weltpolitik rechtfertigt nicht mehr das Epitheton des ‚gütigen Hegemonen‘, das den USA in den langen Jahren des Kalten Krieges mit Recht zugebilligt worden war", klagt Czempiel. Stattdessen wandle die von den USA seit Mitte der neunziger Jahre verfolgte Strategie "das Hegemoniekonzept in den Anspruch auf globale Machtausübung um". ( Merkur, Heft 9/10, Sept./Okt. 2000, 54. Jahrgang, S. 905-906)

Der Autor warnt, dass "solche Ambition den Motor des nächsten Weltkonflikts anwerfen" kann, und schließt auch einen Krieg zwischen den Großmächten nicht aus. "Wer sich zum Weltordner ausruft, ruft unweigerlich den Rivalen auf den Plan." In den europäischen Bemühungen um eine eigene Verteidigungsidentität sieht er eine Reaktion auf die Haltung der USA: "Der Aufbau eines eigenständigen europäischen Interventionskorps dient ausschließlich der Umverteilung der Macht im Bündnis. Weil die USA die Gleichberechtigung nicht konzedieren, will Europa sie erzwingen." (ebd., S. 901, 910)

Ähnliche Auffassungen vertritt in derselben Zeitschrift Werner Link, auch er emeritierter Professor für Politik. Link plädiert für den "Ausgang Europas aus seiner selbstverschuldeten sicherheits- und verteidigungspolitischen Unmündigkeit" und betrachtet - wie auch Czempiel - den Kosovokrieg als entscheidenden Wendepunkt in den europäisch-amerikanischen Beziehungen. Dieser habe "den europäischen Verbündeten unübersehbar ihre Abhängigkeit von der amerikanischen Führungsmacht und das fatale Fehlen einer eigenen ‚diplomatie armée‘" (bewaffneten Diplomatie) demonstriert. (ebd. S. 923)

Betrachtet man diese stark von europäischen Interessen gefärbten Klagen über den "globalen Herrschaftsanspruch" der USA vor dem Hintergrund der ökonomischen Entwicklung, dann stellt man fest, dass das Gewicht der USA in der Weltwirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg merklich abgenommen hat.

In den zwanziger Jahren produzierten die USA laut Trotzki "ein bis zwei Drittel aller Dinge, die die ganze Menschheit zusammengenommen zum Leben braucht". Über 80 % der Autoproduktion, über 70 % der Ölproduktion, 60 % der Gusseisen- und 60 % der Stahlproduktion fanden damals auf amerikanischem Boden statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg, aus dem die USA erneut als eigentlicher Sieger hervorgingen, war die Lage ähnlich. Der größte Teil der Weltproduktion und der Weltgoldreserven konzentrierten sich in den Vereinigten Staaten.

Inzwischen liegen die Dinge anders. Europa hat die USA ökonomisch weitgehend eingeholt und in anderen Regionen der Welt, insbesondere in Ostasien, sind neue mächtige Rivalen entstanden. Betrug das Volkseinkommen der USA 1924 noch das Zweieinhalbfache des Volkseinkommens von England, Frankreich, Deutschland und Japan zusammengenommen, so liegt heute das gemeinsame Bruttosozialprodukt dieser vier Länder deutlich über demjenigen der USA. Nimmt man die Europäische Union, die immer mehr als eine ökonomische Einheit funktioniert, als Ganze, so hat sie die USA in der Produktion bereits überholt. 1995 entfielen über 30 % des Weltproduktionsvolumens auf die EU, auf die USA dagegen nur 27 %.

Noch krasser fällt der Unterschied im Welthandel aus. 1995 entfielen über 40 % des gesamten Welthandels auf die Mitgliedstaaten der EU. In dieser Zahl ist allerdings der Handel zwischen den einzelnen EU-Mitgliedern eingerechnet. Berücksichtigt man diesen nicht und behandelt die EU wie ein einziges großes Land, dann entfallen immer noch 20 % des Welthandels auf die EU, auf die USA dagegen nur 15 %.

Diese Zahlen zeigen auch noch eine weitere grundlegende Veränderung gegenüber den zwanziger Jahren. Mehr als zwei Fünftel der Weltproduktion und über die Hälfte des Welthandels werden heute durch Länder außerhalb der USA und der EU abgewickelt, ein großer Teil davon durch Japan und andere ostasiatische Länder. Das Gewicht der amerikanischen Wirtschaft ist also nicht nur im Verhältnis zur EU gefallen, sondern mehr noch im Verhältnis zur Weltwirtschaft als Ganzer. Mit China - und in geringerem Maße Indien - treten zudem neue Länder auf, die das Potential zur ökonomischen Großmacht haben.

Ein weiteres Indiz für den Niedergang der amerikanischen Wirtschaft sind die gewaltigen Auslandsschulden. Sie stiegen zwischen 1990 und 1996 von 170 auf 550 Milliarden Dollar. 1997 und 1998 kamen jeweils noch einmal rund 500 Milliarden Dollar hinzu, so dass sich die Gesamtverschuldung inzwischen der Zwei-Billionen-Dollar-Grenze nähert. Das entspricht etwa dem jährlichen Bruttosozialprodukt Deutschlands.

Wie sind auf diesem Hintergrund die Klagen über das amerikanische Großmachtstreben und die Bemühungen um eine europäische Verteidigungsidentität zu werten?

Zum einen sind die USA nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion tatsächlich als einzige militärische Supermacht übriggeblieben. Die europäischen Verteidigungsausgaben sind zwar nur um ein Drittel kleiner als die amerikanischen. Aber da Europa über große Landstreitkräfte und eine Vielzahl einzelner Armeen verfügt, beläuft sich seine militärische Effektivität gerade auf ein Zehntel der amerikanischen. Angesichts ihres sinkenden ökonomischen Gewichts tendieren die USA immer stärker dazu, ihre Weltmachtrolle durch den Einsatz militärischer Mittel zu kompensieren.

Zum anderen zeigt die Reaktion der europäischen Mächte, dass sie nicht mehr bereit sind, den amerikanischen Führungsanspruch widerspruchslos hinzunehmen. Das äußert sich vorläufig in der Forderung nach "Gleichberechtigung", wie dies immer der Fall ist, wenn eine schwächere Macht die überlegene herausfordert. Auch die USA hatten, wie Trotzki in diesem Buch aufzeigt, den Weg der aktiven imperialistischen Weltpolitik im Namen des Friedens, der Gleichberechtigung und der Demokratie betreten. Letztlich versteckt sich also hinter der Forderung nach "Gleichberechtigung" der Kampf um eine Neuaufteilung von wirtschaftlichen und politischen Einflusssphären. Für die Zukunft kann dies nur bedeuten, dass sich der Konflikt zwischen Europa und Amerika verschärfen wird.

Dieser Einschätzung wird oft entgegengehalten, dass die Globalisierung, die zunehmende Integration der Weltwirtschaft den Nationalstaat untergrabe und offene Konflikte zwischen Großmächten unwahrscheinlich mache. Der transatlantische Streit um Handelsfragen und Sicherheitspolitik zeige in Wahrheit, "wie eng die Beziehungen tatsächlich sind und wie groß der Bedarf nach wechselseitiger Abstimmung selbst in Kleinigkeiten ist. Im Kern sind die Beziehungen sehr gesund." ( Süddeutsche Zeitung) Diese Interpretation beruht auf einem Trugschluss. Die Fähigkeit des Nationalstaats, die Wirtschaft zu regulieren und abzuschotten, hat durch die Globalisierung ab-, die gegenseitige Abhängigkeit zugenommen; aber das ist nicht gleichbedeutend mit einem Abflauen nationaler Gegensätze. Die ungeheure Verschärfung des Konkurrenzkampfs auf globaler Ebene, in dem das Auf und Ab der Finanzmärkte und das Los einzelner Konzerne das Schicksal von Millionen berührt, hat den nationalen Rivalitäten im Gegenteil eine außergewöhnliche Schärfe verliehen.

Wie scharf die Spannungen sind, zeigen nicht zuletzt die seit Monaten andauernden Kursverluste des Euro gegenüber dem Dollar. Finanzexperten lässt diese Entwicklung ratlos und europäische Politiker werden nicht müde zu betonen, dass die europäische Wirtschaft "im Kern gesund" sei. Letztlich haben sich die USA den ständigen Zufluss von internationalem Kapital, der den Dollar in die Höhe treibt, durch eine bespiellose soziale Polarisierung erkauft. Die Deregulierung der Wirtschaft, die hohe Renditen garantiert und die USA für das Kapital attraktiv macht, hatte zur Folge, dass das Wachstum der vergangenen Jahre fast ausschließlich einer kleinen Minderheit an der Spitze der Gesellschaft zugute kam, während für die überwiegende Mehrheit der Kampf ums Überleben immer härter und unerträglicher wurde.

Europa seinerseits kann sich nur behaupten, indem es nachzieht und ebenfalls Lebens- und Sozialstandards senkt. Die europäische Einigung findet fast ausschließlich unter diesem Vorzeichen statt. Um den globalen Konkurrenten die Stirn bieten zu können, erachtet die europäische Wirtschaft den Zusammenschluss Europas für unverzichtbar. Aber die Methoden, derer sie sich bedient, treibt nicht nur breite Arbeiterschichten, sondern auch große Teile der Mittelklasse ins soziale Abseits. Die USA wiederum müssen ihren Vorsprung behalten, würde ein Ausbleiben des internationalen Kapitalzuflusses doch unweigerlich eine heftige Rezession auslösen.

So hat der wachsende Gegensatz zwischen Europa und Amerika eine unaufhörliche Verschärfung der sozialen Polarisierung auf beiden Kontinenten zur Folge. Im Gegensatz zu den zwanziger Jahren revolutioniert heute nicht nur Amerika Europa, sondern auch Europa Amerika. Ein Ausbrechen aus diesem Teufelskreis von Wirtschaftskrieg und Sozialabbau kann nur durch eine Initiative von unten erfolgen. Wie in den zwanziger Jahren erweist sich dabei der subjektive Faktor als der entscheidende.

Die von Trotzki verwendete Bezeichnung "Opportunisten" wäre, angewandt auf die heutigen Führer der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, eine Beschönigung. Sie sind vollständig ins Lager der Wirtschaft übergegangen. Seit die Sozialdemokratie Mitte der neunziger Jahre in den meisten europäischen Ländern die Regierungsverantwortung übernommen hat, gehen Sozialabbau und Flexibilisierung wesentlich schneller vonstatten, als unter ihren konservativen Vorgängern. Entsprechend tief ist die Kluft zwischen diesen Parteien und der Masse der Bevölkerung. Diese Kluft ist bisher in Ermangelung einer politischen Alternative hauptsächlich von rechts ausgefüllt worden. Die jahrzehntelange Vorherrschaft des Stalinismus und der Sozialdemokratie über die Arbeiterbewegung hat eine tiefe Krise hinterlassen. Das muss nicht so bleiben. Die ungeheuren sozialen Spannungen unter der Oberfläche der Gesellschaft schaffen die Voraussetzungen für rasche Veränderungen im Bewusstsein der Massen.

Diese können allerdings nicht spontan erfolgen. Sie erfordern eine Wiederbelebung der internationalen, sozialistischen Traditionen, die vom Stalinismus verschüttet worden sind. Die Möglichkeiten der modernen Kommunikationsgesellschaft haben dazu neue Voraussetzungen geschaffen. Nie zuvor war die Arbeiterklasse rund um die Welt so eng miteinander verbunden. Hier liegt ein zusätzlicher Aspekt des Verhältnisses von Europa zu Amerika: Jeder Schritt vorwärts, den die Arbeiterbewegung heute auf einem Kontinent macht, wird sie auch auf dem anderen Kontinent befruchten.

Siehe auch:
Die Aktualität des Lebens und des Werkes von Leo Trotzki
(28. September 2000)
Leo Trotzki im Arbeiterpresse Verlag