Oscar Wilde und der Sinn der Kunst

Von Ein Briefwechsel
30. November 2000

Am 30. November jährt sich zum hundertsten Mal der Todestag von Oscar Wilde. Der folgende Briefwechsel aus dem Jahr 1997 setzt sich mit Wildes Kunstauffassung auseinander. Er bezieht sich auf den gestern veröffentlichten Artikel "Der bleibende Wert des Werks von Oscar Wilde" von David Walsh.

Kritische Anmerkung eines Lesers

29. August 1997

David Walshs Artikel Der bleibende Wert des Werks von Oscar Wilde, der sich mit weltanschaulichen Aspekten von Oscar Wildes Leben und Werk auseinandersetzt, weckt bei mir begründete Zweifel an der Perspektive und Richtigkeit der Anschauungen zur Kunst in [der australischen trotzkistischen Zeitung] Workers News, die ich ansonsten für eine gute Zeitung halte.

Die abgedroschene Phrase "Kunst um der Kunst willen", die in diesem Artikel wiederholt benutzt wird, ist besonders dem kleinbürgerlichen Spektrum zuzuordnen. Der Kunst wird darin keinerlei tiefe Bedeutung zugemessen und ihr Zweck mehr in einer Art seichter Unterhaltung gesehen, bei der die Kunst sich selbst inspiriert. Diese oft vorgebrachte, inzestuöse Haltung gegenüber der Kunst widert mich an.

Die Kunst ermöglicht einem Menschen, der verzweifelt nach Veränderung in einer Welt der Unterdrückung verlangt, eben dazu beizutragen. Sie ermöglicht ihm Widerstand gegen eine Gesellschaft, die die vollständige Gleichschaltung und Unterordnung ihrer "Bürger" fordert. Wenn David Walsh mit seiner Erklärung recht hat, dass Wilde ein "Sozialist" mit künstlerischen Visionen einer Utopie war, dann steht das Prinzip "Kunst um der Kunst willen" vollkommen im Widerspruch dazu.

Wie konnte Wilde "sozialistische" Kindergeschichten, einen Band wichtiger kritischer Essays und bedeutende Theaterstücke schreiben, wenn er von einem solchen Prinzip ausgegangen ist? Wenn Kunst nur um ihrer selbst willen da ist und keinerlei ethische Bedeutung oder sozialpolitische Funktion hat? Walshs Artikel scheint mir in bezug auf dieses wiederholt erwähnte Prinzip eine bedeutende Diskrepanz aufzuweisen.

Walsh untermauert dieses Prinzip beständig durch Zitate obskurer Persönlichkeiten wie Edouardo Roditis (eines Kritikers von Wilde) und Plechanows, der die erbärmliche und unlogische Äußerung vorgebracht hat, dass "die Neigung der Künstler zur Kunst für die Kunst natürlicherweise da auftritt, wo sich die Künstler im Zwiespalt mit der sie umgebenden Gesellschaft befinden." (1). Die kleinbürgerliche Auffassung dieser sogenannten Kunstfreunde ist offensichtlich, und Oscar Wildes Werke gehören eindeutig nicht dazu.

In The Theatre of Revolt skizziert R. Brustein den Eindruck der Kunst von Bernard Shaw, einem Zeitgenossen Oscar Wildes (was Walsh in seinem Artikel kurz erwähnt). "...Kunst sollte über sich hinaus weisen, um zu einem Akt ethischer Erneuerung zu werden, um das öffentliche Bewusstsein, das öffentliche Handeln zu beeinflussen und einen öffentlichen Beitrag zu leisten..." (2)

Dies ist eine Aussage, die jener Wildes sehr nahe kommt, aber Walsh widerspricht, der offensichtlich fordert, dass keinerlei ethische Überlegungen in die Würdigung von Kunst eingehen sollten.

Shaw hat ebenso wie Wilde dem Standpunkt der reinen Ästhetik in der Kunst widersprochen, indem er erklärte: "Das Schöne ist eine Falle, die den Menschen von der Wahrheit abbringt." (3) Shaws schriftstellerisches Werk war dagegen inspiriert von dem Zweck des "gesellschaftlichen Nutzens", er wollte soziale Veränderungen bewirken. Ich habe den Eindruck, dass D. Walsh zu den Leuten gehört, die dringend ihre Hausaufgaben in Geschichte machen müssten, besonders wenn es um die Prinzipien von Künstlern und Stückeschreibern wie Oscar Wilde oder G. Bernard Shaw geht.

Brad Evans

Antwort von David Walsh

8. November 1997

Sehr geehrter Herr Evans,

Ihren Brief vom 29. August 1997 habe ich mit großem Interesse gelesen. Er wirft meiner Meinung nach eine Reihe wichtiger Fragen auf. Ich muss allerdings zugeben, dass ich über Ihren Ton etwas erstaunt war. Wenn Sie tatsächlich glauben, dass die Workers News ansonsten "eine gute Zeitung" ist, sollten Sie dann nicht wenigstens kurz innehalten und sich fragen, ob die gleichen Motive, aus denen die Herausgeber die übrigen 15 Seiten gestalten, nicht auch in die Produktion ihrer Kunstseiten einfließen? Ich nehme die Sache nicht persönlich, aber es bleibt mir ein Rätsel, wie etwa die Bezeichnung Plechanows, eines der herausragenden Vertreter des russischen Marxismus, als "obskure Persönlichkeit" zu einer ernsthaften Diskussion beitragen kann. Ebenso unproduktiv erscheint es mir, jede andere Richtung oder Person, die Sie nicht mögen, als "kleinbürgerlich" zu bezeichnen. Eine Analyse würde ergeben, dass nahezu alle künstlerischen Richtungen aus der kleinbürgerlichen Intelligenz stammen. So betrachtet, ist dieser Begriff nur ein Beiwort.

Lassen wir die Schimpferei beiseite und wenden uns den Fragen zu, um die es geht. Seit einer Reihe von Jahren bemühen wir uns, eine marxistische Kunstauffassung wiederzubeleben, die durch den Stalinismus und seine intellektuellen Anhänger unterdrückt und ernsthaft beschädigt wurde. Ich möchte Sie bitten, die Ernsthaftigkeit unserer Bemühungen vorauszusetzen und anzuerkennen, dass ich mich in diesem Zusammenhang mit den von Ihnen aufgeworfenen Fragen auseinandersetze.

Ihr grundlegender Einwand gegen den Artikel scheint mir zu sein: Nur Kunstrichtungen oder Personen, die der Kunst keine tiefere Bedeutung beimessen, die sie auf eine harmlose Freizeitbeschäftigung reduzieren, können die Losung "Kunst um der Kunst willen" vorbringen. Von daher könne Wilde, der sich als Sozialisten betrachtete, eine solche Auffassung nicht vertreten haben.

Lassen Sie uns den zweiten Teil zuerst betrachten. Sie zitieren die Ansichten von G. B. Shaw und unterstellen sie ohne weitere Umstände auch Wilde. Als Methode der historischen Analyse lässt dies einiges zu wünschen übrig. Shaw und Wilde waren Zeitgenossen und miteinander bekannt, aber sie waren keineswegs Gesinnungsgenossen. Ich denke, dass Wilde der bei weitem Weitschauendere von beiden war und die (im besten Sinne des Wortes) radikalere Persönlichkeit. Auch hat er uns ein reicheres Erbe hinterlassen. Die bewusste Betonung der aktiven Rolle des menschlichen Subjekts brachte Wilde in Gegensatz zu der vorherrschenden Geisteshaltung seiner Zeit und versetzte ihn in die Lage, Prozesse wahrzunehmen, die für Leute wie Shaw, die sich mehr mit der Oberfläche des gesellschaftlichen Lebens befassten, weniger leicht erkennbar waren. Es fällt mir übrigens auch schwer zu glauben, dass Wilde, wenn er ein paar Jahrzehnte länger gelebt hätte, eine derart absurde Neigung zuerst zu Mussolini und später zu Stalin entwickelt hätte, wie es Shaw getan hat.

Historische Fakten haben ihre Bedeutung. Wilde ergriff bewusst Partei für die "Kunst um der Kunst willen", gegen die Sie opponieren. Lassen Sie mich einige Absätze zitieren, um die Sache ganz klar zu machen. In Der Verfall der Lüge schrieb Wilde: "Kunst drückt niemals etwas anderes aus als sich selbst. Sie führt ein unabhängiges Leben, genau wie der Gedanke. Und sie folgt ausschließlich ihren eigenen Gesetzen." (4) Im Vorwort von Das Bildnis des Dorian Gray formuliert er seine wohlbekannte Ansicht so: "Es gibt weder moralische noch unmoralische Bücher. Bücher sind gut oder schlecht geschrieben. Sonst nichts." Und er schließt mit den Worten "Alle Kunst ist gänzlich nutzlos." (5) In Kritik als Kunst, seinem vielleicht wichtigsten Essay, bemerkt er, "dass Kunst und Ethik verschiedene und getrennte Welten sind", und "der wahre Künstler geht nicht vom Gefühl zur Form weiter, sondern von der Form zum Gedanken und zur Leidenschaft." (6)

Es geht überhaupt nicht um die Frage, ob Wilde die Ansichten eines Ästheten vertrat, was historisch erwiesen ist. Es fragt sich vielmehr, in welchem Umfang, wenn überhaupt, diese Ansichten mit seinen - und unseren - sozialistischen Überzeugungen unvereinbar sind.

Natürlich hat jeder das Recht, die Aufrichtigkeit von Wildes Überzeugungen in Frage zu stellen. Philisterhafte Kritiker schreiben Der Sozialismus und die Seele des Menschen als Verirrung oder als unaufrichtiges Machwerk ab, oder sie bemühen sich zu beweisen, dass Wildes Begriff des Sozialismus nichts mit der marxistischen Auffassung gemeinsam habe, usw. Meiner Ansicht nach würde ein ernsthaftes Studium dieser Schrift zeigen, dass Wilde in Die Seele des Menschen seine seit langem entwickelten antikapitalistischen Ansichten zum Ausdruck bringt.

Ich sollte vielleicht nochmals klarstellen, dass mein ursprünglicher Artikel nicht davon ausgeht, dass jedermann Wildes Ansichten kritiklos übernehmen sollte, noch will ich das jetzt irgend jemandem nahe legen. Vieles bei ihm zeugt von paradoxer Selbstbespiegelung, ist modisch oder einfach irritierend. Rosa Luxemburg sah in Wilde einfach einen Salonsozialisten. Es steht Ihnen frei, den gleichen Schluss zu ziehen, aber ich halte ihn für falsch.

Das Problematische an Ihrem Brief ist meines Erachtens Ihre Neigung, mit formalen Kategorien zu operieren: Sozialisten (die Sie schätzen) hier und Ästheten (die Sie ablehnen) dort, und sie können zusammen nicht kommen. Aber so eindimensional ist das Leben nicht. Hier müssen wir, wie Trotzki in Literatur und Revolution vorschlägt, "ein wenig Dialektik hineinbringen". (7)

Unsere zentrale Aufgabe besteht meiner Ansicht nach darin, die Grundlage für ein marxistisch-kritisches Lesen der Werke Wildes zu legen. Die objektiv-wahren Elemente müssen so gut als möglich herauskristallisiert und von dem getrennt werden, was in seinem Werk historisch begrenzt und beschränkt ist. Wir lesen ihn, anders ausgedrückt, von unserem eigenen Standpunkt aus und mit unseren eigenen Absichten. Man könnte ein Stichwort dazu von Wilde selbst aufnehmen, der bemerkte, "wenn ein Werk vollendet ist, führt es ein Leben für sich und kann ganz andere Botschaften künden, als ihm der Künstler auf die Lippen legte", (8) und "für den Kritiker ist das Kunstwerk nur der Ausgangspunkt für ein neues, eigenes Werk". (9)

Wir wollen annehmen, und sei es auch nur als Argumentationshilfe, dass Wilde ein ernsthafter Denker war und es ehrlich mit seinem Marxismus meinte, wie er ihn auch immer verstanden haben mag. Es bleibt die Frage zu klären, wie fassen wir selbst den Satz: "Kunst um der Kunst willen" auf, und welche Anschauung scheint ihm zugrunde zu liegen?

Auf den ersten Blick scheint dieser provokative Satz vollkommen im Widerspruch zum Marxismus zu stehen. Und in der Tat hat er als Kampfruf in bestimmten historischen Kunstrichtungen eine nicht gerade heilsame Wirkung ausgeübt. Niemand braucht mit dem französischen Autor Theophile Gautier (1811-1872) überein zu stimmen, einem der Hauptvertreter der Losung "l´art pour l´art", der den Dichter Charles Baudelaire rühmte, weil er "die Autonomie der Kunst" aufrecht erhielt "und nicht zuließ, dass die Poesie ein anderes Ziel haben könne als sie selbst und eine andere Aufgabe zu erfüllen habe als die, in der Seele des Lesers die Empfindung des Schönen im absoluten Sinne des Wortes zu erwecken". (10) Trotzki und André Breton bemerken dazu 1938 in ihrem Manifest Für eine unabhängige revolutionäre Kunst, dass die "sogenannte ‚reine‘ Kunst für gewöhnlich den unreinsten Zwecken der Reaktion dient". (11)

Plechanow versuchte in jener Passage, die Sie beanstandet haben, zu zeigen, dass es soziologische und historische Gründe geben muss, weshalb zu einer bestimmten Zeit eine große Zahl von Künstlern ihre Werke als bloßes Spiel der Formen ansehen. Er brachte diese Anschauung mit der Enttäuschung in Zusammenhang, die sich häufig nach gescheiterten Versuchen zur radikalen Veränderung der Gesellschaft einstellt. Um es etwas grobschlächtig auszudrücken: wenn Künstler entmutigt sind und keine Aussicht sehen, die äußere Welt zu verändern, wenden sie sich nach innen und tendieren dazu, sich an den inneren Formen festzuhalten, an der rein formalen Seite ihrer eigenen Tätigkeit.

Jedenfalls bemerkte Trotzki in Literatur und Revolution, "Streitigkeiten um die ‚reine Kunst‘ und die tendenziöse Kunst" stünden uns nicht an. "Die materialistische Dialektik steht darüber." Die Kunst leistet ihre Arbeit " völlig unabhängig[Hervorhebung von mir] davon, ob sie in der gegebenen Richtung unter der Flagge der ‚reinen‘ oder der unverhohlen tendenziösen Kunst auftritt." (12)

Wenn wir die historischen Assoziationen der Losung "l´art pour l´art" einmal beiseite lassen und sie nur für sich betrachten, wird die Frage gleich viel komplexer. Der Inhalt dieser Losung bestimmt sich dann nämlich daher, wie Kunst definiert wird und welche objektive Bedeutung ihr beigemessen wird.

In diesem Zusammenhang möchte ich einen Aspekt Ihres Briefes offen ansprechen, den ich besorgniserregend fand. Ich bin überzeugt, dass Sie nicht genügend darüber nachgedacht haben, was das Besondere an der Kunst als einer menschlichen Tätigkeit ist. Es gibt Leute, und ich glaube nicht, dass Sie sich freiwillig zu ihnen zählen würden, die von Kunst sprechen und in Wirklichkeit eine politische oder moralische Botschaft in attraktiver Verpackung meinen. Die Werke, die auf Grund solcher Auffassungen geschaffen wurden, die einfach (mehr oder weniger) die sozialen Auffassungen des Autors verkörpern sollen, hinterlassen einen wenig dauerhaften Eindruck, weil sie nicht von einem starken Grund ausgehen und auch beim Betrachter keinen entsprechenden Eindruck hervorrufen. Ich stimme vollkommen mit Wilde überein, der meint, der wahre Künstler "empfängt nicht zuerst eine Idee und sagt nun: ‚Ich will meine Idee in ein Versgedicht von vierzehn Zeilen bringen‘." (13)

Ich würde mich freuen, wenn Sie über folgende Fragen nachdächten: Umfasst die Kunst andere Probleme und Themen als Wissenschaft, Politik, Philosophie oder Ethik? Bedient sie sich im Gegensatz zu diesen unterschiedlicher Materialien? Wenn nicht, wenn ihre Rolle sich grundsätzlich überschneidet mit anderen Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins oder durch diese zu ersetzen ist, warum existiert die Kunst dann überhaupt?

Unserer Ansicht nach ist sie ein relativ eigenständiges Gebiet menschlichen Handelns mit einer eigenen Geschichte, eigenen Gesetzen und Interessen. Kunst lässt sich nicht reduzieren auf den Ausdruck politischer oder philosophischer Themen in Versen oder auf der Leinwand. Sie stellt ein andersartiges, ästhetisches Herangehen an die Welt dar. "Die Erzeugnisse des künstlerischen Schaffens müssen... nach ihren eigenen Gesetzen, d. h. nach den Gesetzen der Kunst beurteilt werden." (14)

In einem gewissen Sinn ist Wildes Aussage "Kunst drückt niemals etwas anderes als sich selbst aus" eine Binsenweisheit. Die Frage, die sich dann stellt, ist: ja, aber was ist Kunst?

Marxisten sehen in der Kunst eine objektive Form der Erkenntnis der Realität und darüber hinaus "drückt der Mensch in der Kunst sein Verlangen nach einem harmonischen und erfüllten Leben aus, d.h. den kostbarsten Gütern, deren ihn die Klassengesellschaft beraubt". (15) In diesem Sinne treten wir für eine Kunst ein, die künstlerische Ziele verfolgt, denn diese Ziele halten wir für wertvoll. Kunst ist mit anderen Worten kein Mittel, sie ist ein Zweck mit großen Implikationen.

Lassen Sie mich das Problem auf andere Weise darstellen. Würde irgend jemand den Begriff der Wissenschaft um der Wissenschaft willen in Frage stellen? Sollte Wissenschaft nur unmittelbaren gesellschaftlichen Zwecken dienen, wie dringend sie auch seien? Hätte Darwin die Erforschung der Evolution aufgeben sollen, die offensichtlich keine "ethische Bedeutung oder sozialpolitische Funktion" (um Ihren Ausdruck zu benutzen) hatte, und sich statt dessen ganz der mangelhaften Kanalisation von Manchester widmen sollen? Ist Wissenschaft nur Politik oder Philosophie im Laborkittel? Meiner Meinung nach müssen wir diesen Formen menschlichen Handelns eine objektive und unabhängige Rolle für das gesamte Leben der Gesellschaft zubilligen. Würde irgend jemand Darwins - im weitesten Sinne - umwälzenden Einfluss auf die moderne Gesellschaft in Frage stellen? Oder den Einfluss eines Shakespeare oder eines Van Gogh oder in diesem Fall eines Wilde?

Diese Ansicht, die meines Erachtens die der klassischen Vertreter des wissenschaftlichen Marxismus ist, stimmt allerdings nicht mit dem überein, was heute gemeinhin für "Marxismus" gehalten oder von "linken" Vordenkern in den Universitäten oder sonst wo verbreitet wird. Der Postmodernismus zum Beispiel spricht der Kunst jede bewusstseinserweiternde und umwälzende Kraft ab und sieht in ihr vor allem eine Form des ideologischen Zements zur Stabilisierung der herrschenden Klasse. Seine Vertreter würden die Erkenntnis für abwegig halten, dass Kunst eine objektive, allgemeingültige Bedeutung hat, eine Bedeutung, die losgelöst sein kann vom Individuellen - für sie ist sie ein hilfloses Objekt, nichts als ein Gebilde des bürgerlichen Einflusses, der es hervorgebracht hat.

Der Standpunkt des Populismus oder Vulgärradikalismus hat nichts gemein mit wirklichem Marxismus. Meiner Ansicht nach versucht er nach Art eines Kleinkrämers, bei jedem Kunstwerk oder jeder Kunstrichtung nach ihrem unmittelbaren Nutzen zu schielen. Und der Stalinismus, der aus Ignoranz auf die existierenden radikal-populistischen Traditionen zurückgriff und sie unter vorgehaltenem Gewehr in ein Monstrum namens "Sozialistischer Realismus" verwandelte, hat eine "Kunst" von Speichelleckern im Dienste einer konterrevolutionären Bürokratie hervorgebracht.

Wir sind der Ansicht, dass Kunst, die sich selbst treu bleibt und ihren ureigensten Zielen folgt, einen Weg einschlägt, der dem der sozialistischen Revolution sehr nahe kommt. Was sind diese Ziele? Dies ist keine leicht zu beantwortende Frage. Kunst, scheint mir, navigiert frei zwischen dem Inneren und der Außenwelt, zwischen der Welt, die von dem Streben nach - mit Trotzkis Worten - "einem harmonischen und erfüllten Leben" bestimmt ist und der Welt der unmittelbaren Realität. Meiner Ansicht nach ist die Kunst eng mit dem Streben verknüpft, das so alt ist wie das menschliche Bewusstsein selbst: das Streben, die Welt einschließlich der menschlichen Beziehungen mit der Schönheit und dem Bedürfnis nach Freiheit, mit einem lebenswerten Dasein in Einklang zu bringen. Dies führt ernsthafte Künstler dazu, die Unterdrückung, die unmenschlichen Bedingungen der Klassengesellschaft abzulehnen und zur "vollständigen Negation dieser Realität" zu gelangen, um es mit den Worten André Bretons auszudrücken.

Meiner Meinung nach ist es auch so, dass die künstlerische Form eine unabhängige und objektiv bedeutsame Kraft besitzt, eine Fähigkeit, die geistige Erfahrung zu bereichern und Gefühle zu verfeinern, die nicht unterschätzt werden darf. Ich glaube, Wilde hat recht, wenn er sagt: "In der bloßen Schönheit benutzter Stoffe liegen Kräfte der Kultur verborgen", und an anderer Stelle: "Technik ist in Wahrheit Persönlichkeit." (16)

Wenn Sie die letzten Bemerkungen aufbringen, dann ist dies natürlich bedauerlich, aber man muss die Bedingungen des kulturellen Lebens der Gegenwart in seine Überlegungen einbeziehen. Was ist das heute Vorherrschende? Es ist die Kunst um des Profits willens, die Kunst um der Karriere und des Prestiges willen, die Kunst als vorgeblicher Ausdruck einer Rasse oder Nationalität. Ich will mit meiner Ansicht nicht hinter dem Berg halten, dass ein Mensch, der sich in der gegenwärtigen Zeit ernsthaft der Sache der Kunst widmet und sie als Durchdringung und Darstellung der Wirklichkeit mit den Mitteln der Ästhetik versteht, etwas wirklich Wertvolles unternimmt. Eine derartige Hingabe an die künstlerische Wahrheit würde meiner Ansicht nach den Künstler auf dieselbe Seite der Barrikade stellen wie die sozialistische Arbeiterbewegung. Ein kritisches Studium der Kunstrichtungen des 19. und der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, bevor der Stalinismus den Sozialismus im Bewusstsein der Massen diskreditierte, würde diese Ansicht sicherlich erhärten.

Lassen Sie mich noch einmal Trotzki und Breton aus ihrem Manifest von 1938 zitieren, auf das wir oben bereits Bezug genommen haben: "Nein, wir haben eine zu hohe Meinung von der Funktion der Kunst, um ihr einen Einfluss auf das Schicksal der Gesellschaft zu verweigern. Wir halten es für die höchste Aufgabe der Kunst unserer Zeit, bewusst und aktiv an der Vorbereitung der Revolution teilzunehmen. Jedoch kann der Künstler dem Emanzipationskampf nur dienen, wenn er subjektiv von dessen sozialem und individuellen Gehalt durchdrungen ist, wenn dessen Sinn und Drama durch seine Nerven gegangen sind und er in aller Freiheit versucht, seiner Innenwelt eine künstlerische Inkarnation zu verleihen." (17)

Dies sind meiner Meinung nach einige der Themen, die in einer Antwort auf Ihren Brief überdacht werden sollten. Ich werde mit Sicherheit einige dieser Fragen in den Vorlesungen behandeln, die ich in der Sommerschule der australischen Socialist Equality Party im Januar in Sydney halten werde. Ich möchte Sie dazu einladen, dort die Diskussion fortzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen

David Walsh

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Anmerkungen

1. G.W. Plechanow: Die Kunst und das gesellschaftliche Leben in: Kunst und Literatur, Berlin 1955, S. 241

2. Robert Brustein: The Theatre of Revolt, (Elephant Paperback reprint), Chicago 1991, S.184

3. ebd. S. 185

4. Oscar Wilde: The decay of Lying, in: Intentions, London, 1947

5. ders.: Das Bildnis des Dorian Gray, in: Werke in zwei Bänden, herausgegeben und eingeleitet von Arnold Zweig, Berlin o. J., Band 1, S. 123

6. ders.: Kritik als Kunst, Berlin 1987, S. 73

7. Leo Trotzki: Literatur und Revolution, Essen 1994

8. Wilde: Kritik als Kunst, S. 37

9. ebd. S. 38

10. Zitiert bei Plechanow in Kunst und Gesellschaft

11. André Breton und Leo Trotzki: Für eine unabhängige revolutionäre Kunst. In Literatur und Revolution, S. 507

12. Literatur und Revolution. S. 171

13. Wilde: Kritik als Kunst, S. 73

14. Literatur und Revolution. S. 181

15. Leo Trotzki: Kunst und Revolution. In: Literaturkritik und Literaturtheorie, München 1973, S. 144

16. Wilde: Kritik als Kunst, S. 73, 77

17. a. a. O., S. 507f

Siehe auch:
Der bleibende Wert des Werks von Oscar Wilde
(29. November 2000)
Vorlesung von David Walsh: Die Haltung des klassischen Marxismus zur Kunst
( Januar 1998)