Britische Regierung spricht von 250.000 möglichen Todesfällen durch Creutzfeld-Jakob-Krankheit

Von Julie Hyland
14. November 2000

Die Blair-Regierung warnt, dass die neue Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit (nvCJD) bis zu 250.000 Menschenleben fordern könnte. Die Krankheit wird durch eine Infektion mit der tödlichen Rinderkrankheit BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie), dem sogenannten Rinderwahnsinn ausgelöst. Diese Ziffer ist doppelt so hoch wie die frühere Schätzung von 136.000 möglichen Todesopfern. Das heißt, die Regierung sieht sich nun gezwungen das "worst case"-Szenario, den schlimmsten anzunehmenden Fall, zu Grunde zu legen, der davon ausgeht, dass einer von 250 Menschen in Großbritannien an dieser Krankheit verstirbt.

Die neue Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit ist eine tödlich verlaufende Krankheit, bei der das Gehirn verkümmert. Das charakteristische Krankheitsbild zeigt zu Beginn Symptome von Depression, Koordinationsschwäche und unspezifischen Schmerzen und führt im weiteren Verlauf zu völliger Hilflosigkeit, Erblindung und sicherem Tod. Noch gibt es kein nachweisliches Mittel, das Fortschreiten der Krankheit zum Stillstand zu bringen, ganz abgesehen von einer möglichen Heilung.

Nur wenige Tage vor Bekanntgabe der neu berechneten Zahlen hatte Richter Lord Phillips den Schlussbericht des von der Regierung einberufenen BSE-Untersuchungsausschusses veröffentlicht. Nach zweijähriger Untersuchung äußerte der Bericht von Phillips keinerlei Kritik an der Lebensmittelindustrie, dem eigentlichen Herd des ganzen Skandals, oder an ehemaligen Regierungsministern, obwohl er einräumen musste, dass diese alles daran gesetzt hatten, um die Krise zu verschleiern.

Phillips‘ Schlussfolgerung, dass letztendlich niemand für dieses schlimmste Desaster in der Nahrungsmittelsversorgung in Großbritannien verantwortlich gemacht werden könne, kam nicht überraschend. Die Labour-Regierung hatte die Untersuchung 1997, gerade frisch im Amt, einberufen und verstand sie hauptsächlich als Mittel die öffentliche Wut über eine Krise, die entscheidend dazu beigetragen hatte, die Unterstützung der Tory-Regierung in der Bevölkerung zu untergraben, zu entschärfen.

Kurz nach Veröffentlichung des offiziellen BSE-Berichts kündigte die Labour-Regierung die Errichtung eines Hilfs- und Entschädigungs-Fonds für die Familien der Verstorbenen an. Landwirtschaftminister Nick Brown, der sich in der BBC-Fernsehsendung Breakfast with Frost äußerte, räumte ein, dass die Zahl der Menschen, die an nvCJD sterben werde, möglicherweise "noch sehr viel höher liege". Er brachte die Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber dem schrecklichen Schicksal, das viele Familien treffen kann, auf den Punkt, als er die Zahlen als "reine Prognosen" abtat und die Gelegenheit nutzte, Werbung für die britische Rindfleischindustrie zu machen. "Ich esse britisches Rindfleisch, ich weiß, britisches Rindfleisch gehört zum sichersten Fleisch weltweit," meinte Brown.

Professor John Collinge, Mitglied des BSE-Beratungsstabs, äußerte sich ebenfalls gegenüber dem Fernsehsender BBC. Er kritisierte "den falschen Optimismus und das Wunschdenken", welche die Arbeit des BSE-Untersuchungsausschusses allzu lange erschwert hätten. "Es kann durchaus zu einer Epidemie kommen, die Hunderttausende von Menschen betrifft. Hoffen wir, dass es nicht so kommen wird, aber die Möglichkeit ist durchaus gegeben," sagte er.

Der Mikrobiologe und führende CJD-Experte Dr. Stephen Dealler gab einige Hintergrundinformationen zur besseren Einschätzung der Gefährdung. Er sagte, dass in Großbritannien pro Person im Durchschnitt 50 Mahlzeiten konsumiert wurden, die aus dem Gewebe eines infizierten Tieres stammten. "Im Moment verdoppelt sich die Anzahl der am Creutzfeld-Jakob-Symptom erkrankten Fälle jedes Jahr. Wenn diese Verdoppelung für lange Zeit anhält, werden die Zahlen einst in die Millionen gehen, wenn sie nur wenige Jahre anhält, gehen die Zahlen noch immer in die Tausende. Momentan lässt sich das sehr schwer voraussagen", meinte Dealler. Der Bericht des offiziellen BSE-Untersuchungsausschusses stellt fest, dass ein Rind bereits mit BSE infiziert sein kann, wenn es verseuchtes Futter in der Größe eines Pfefferkorns aufnimmt.

Der Regierungsberater Professor Roy Anderson bemerkte, dass die Nachricht vom Tod eines 74jährigen Mannes, der im vergangenen Jahr an nvCJD verstorben ist (die meisten Opfer der Krankheit waren jünger), eine grundlegende Neueinschätzung des möglichen Ausmaßes der Krise erforderlich mache. Frühere Prognosen, die Anderson per Computer errechnete, ergaben, dass zwischen 1980 und 1996 bis zu 6.000 Menschen infiziert wurden. Es könnte sein, dass diese Zahl nun auf 130.000 hochgesetzt werden muss, da viele ältere Menschen, bei denen man bisher von einer Alzheimer-Erkrankung (die ähnliche Symptome aufweist) ausgegangen ist, in Wirklichkeit möglicherweise mit nvCJD infiziert sind.

Das gehäufte Auftreten von nvCJD-Krankheitsfällen in einem ehemaligen Bergarbeiterdorf in South Yorkshire hat die Befürchtungen einer bevorstehenden nvCJD-Epidemie weiter geschürt. Die Buchhaltungsangestellte Sarah Roberts von Armthorpe, Doncaster, war im September, nur neun Wochen, nachdem man bei ihr nvCJD diagnostiziert hatte, im Alter von 28 Jahren gestorben. Ihr früherer Nachbar und Freund Matthew Parker, der die gleiche Schule wie sie besucht hatte, war 1997 im Alter von 19 Jahren an nvCJD gestorben.

Nun hat man herausgefunden, dass auch ein drittes nvCJD-Opfer, der im Alter von 25 Jahren verstorbene ehemalige Polizist der britischen Luftwaffe Adrian Hodgkinson, sich regelmäßig in dieser Ortschaft aufgehalten hatte. Zwischen 1972 und 1986 hatte er jedes Wochenende seine Großmutter in Armthorpe besucht. Kann eine Verbindung nachgewiesen werden, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass alle drei Opfer der Krankheit durch die gleiche Quelle infiziert wurden. Die CJD-Untersuchungsabteilung der Edinburgh University ist dabei, eine mögliche Verbindung zu recherchieren. Wird in Doncaster ein gehäuftes Auftreten von nvCJD-Krankheitsfällen nachgewiesen, wäre das die zweite derartige Anhäufung in Großbritannien. Im vergangenen Monat ist in Queniborough, einem kleinen Ort in Leicestershire, die fünfte Person mit Verdacht auf nvCJD gestorben. Vier weitere Personen, die in diesem Dorf gelebt hatten oder Verbindungen zu dem Dorf pflegten, waren bereits zu einem früheren Zeitpunkt verstorben.

Ungeachtet dieser Situation behauptet der britische Premierminister Blair weiterhin, dass es bei diesem Thema darum ginge, "ein Gleichgewicht zu finden zwischen Risiko und Maßnahmen zum Schutz der Öffentlichkeit" - eine "kosteneffiziente" Herangehensweise, die davon ausgeht, dass Eingriffe, die mit den Profitinteressen nicht vereinbar sind, nur gerechtfertigt sind, wenn die Todesrate eine bestimmte Höhe aufweist. Mit dem gleichen Argument hatte die Tory-Regierung beim ersten Auftreten von BSE die Forderung zurückgewiesen, in der Nahrungsmittelindustrie regulativ zu intervenieren, da das Risiko für die öffentliche Gesundheit "minimal" sei. Als die Regierung vormals beispielsweise von einer "zentralen Ziffer" von 6.000 Todesfällen durch nvCJD ausging, galt es als nicht kosten-effizient, ein Verbot für das Verfüttern von Tierresten an den Viehbestand auszusprechen oder weitere Sicherheitsmaßnahmen einzuleiten, um die Interessen der Landwirtschafts- und Nahrungsmittelindustrie nicht zu verletzen. Die Vertreter dieser Industrien hatten bereits empört auf das Verkaufsverbot von Rindfleisch am Knochen reagiert und diese Maßnahme eine ernsthafte Bedrohung bürgerlicher Freiheit genannt.

Auch heute gibt es noch Leute, die in der BSE-Krise eine Verschwörung gegen die britische Rindfleischindustrie sehen, obwohl es einen ganzen Berg von Beweisen für die Verbindung zwischen der BSE-Erkrankung beim Rind und der Creutzfeld-Jakob-Erkrankung beim Menschen gibt. In einem Leitartikel wetterte der Daily Telegraph vergangene Woche: "Obwohl noch immer unklar ist, ob die 77 schrecklichen nvCJD-Todesfälle mit der BSE-Krise in Zusammenhang stehen, lassen andere Katastrophen sich direkt auf diese zurückführen: an erster Stelle das extremistische Verbot von Rindfleisch am Knochen und der Zusammenbruch der britischen Rindfleischindustrie."

Die Tatsache, dass die Regierung erst jetzt in Betracht zieht, das Verfüttern von Tierresten an andere Tiere vollständig zu verbieten (einer der Hauptfaktoren für die schnelle Verbreitung von BSE unter dem Rinderbestand), ist ein Zeichen dafür, wie unwillig die Regierung bisher war, die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen in der Nahrungsmittelindustrie durchzusetzen. Das gegenwärtige Verbot der Verfütterung von wiederaufbereitetem Fleisch und Knochenmehl gilt auch heute noch nicht für Tiere wie Schweine, Geflügel und Fisch. Gleiches trifft auch auf die Verwendung von Rinderblut in der Futterherstellung zu, denn Blut galt als frei von infektiösen Prionen, die bei BSE auftreten.

Die Food Standards Agency (FSA) sprach die Empfehlung aus, das Verbot zu erweitern, nachdem Wissenschaftler in Labortests nachgewiesen hatten, dass BSE auch durch Schafe übertragen werden kann. Obwohl es gegenwärtig noch keinen Nachweis für BSE-infizierte Schafe gibt, besteht die Befürchtung, dass BSE bisher irrtümlicherweise als Schafs-Krätze (Scrapie) diagnostiziert wurde. Die Schafs-Krätze ist eine Krankheit, die ähnliche Symptome aufweist und im britischen Schafbestand seit 200 Jahren auftritt, ohne für den Menschen augenscheinlich ein Risiko darzustellen. Viele Wissenschaftler glauben, dass BSE als Mutation der Schafs-Krätze entstanden ist, nachdem die Spezies-Barriere zwischen Schafen und Rindern durch die Nahrungsaufnahme von Tierresten über Futter oder gemeinsames Weideland durchbrochen worden war. Ein Sprecher der FSA sagte, eine dringende Überwachung sei erforderlich, um Risiken abzuklären. Allerdings würde es Jahre dauern, bis mit einem Ergebnis gerechnet werden könne. Bis dahin soll das Landwirtschaftsministerium Notfallpläne für den Eventualfall ausarbeiten, dass in Zukunft BSE bei Schafen entdeckt wird, darunter ein umfassendes Verzehrverbot und die Schlachtung von Millionen von Tieren.