Zum einhundertsten Todestag Friedrich Nietzsches

Ein Rückblick auf seine Ideen und seinen Einfluss

1. Teil

Von Stefan Steinberg
16. Dezember 2000

Der folgende Artikel ist der erste einer dreiteiligen Serie. Die Teile zwei und drei erscheinen am 19. und 20. Dezember.

* * *

" Der Fortschritt ist bloss eine moderne Idee, das heisst eine falsche Idee" - Nietzsche: Der Antichrist, 1888 [1]

"Es gibt durchaus keine stolzere und zugleich raffiniertere Art von Büchern: - sie erreichen hier und das Höchste, was auf Erden erreicht werden kann, den Cynismus;..." Ecce Homo, 1888

Am 25. August 2000 jährte sich zum 100. Mal der Todestag des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche. Im Rahmen des Nietzschejahres sind eine Reihe neuer Bücher über ihn erschienen. Dazu kamen Ausstellungen und Vorträge u.a. in Weimar, das eine ständige Ausstellung über Nietzsche beherbergt. In Berlin sind zwei Theaterstücke, die sich mit Nietzsche auseinandersetzen, inszeniert worden und weitere sind in Vorbereitung. In deutschen Zeitungen ist eine Fülle von Artikeln erschienen, und eine Briefmarke zu Ehren Nietzsches ist geplant.

Eines der Stücke, das vor einiger Zeit in Berlin aufgeführt wurde, zeigt Nietzsche als eine Art exzentrischen Epikuräer, der alle Deutschen verachtet und Italien und gutes Essen liebt. Eine vor kurzem aus dem Englischen übersetzte Bildbiographie präsentiert Nietzsche deutlich auf dem Umschlag hervorgehoben als den "guten Europäer". Philosophen, die kürzlich an einer Nietzsche gewidmeten BBC-Radiosendung teilnahmen, lobten seinen Beitrag zur Philosophie und erklärten, es sei hirnverbrannt, einen Zusammenhang zwischen Nietzsche und reaktionären deutschen politischen Bewegungen, einschließlich des Faschismus, herzustellen.

Seit einiger Zeit nimmt das Werk Nietzsches an französischen Universitäten einen bedeutenden Platz ein, und von vielen postmodernistischen Denkern wird er als der einflussreichste Philosoph des 19. und des 20. Jahrhunderts angesehen. In Deutschland spielte sein Denken in der einflussreichen Frankfurter Schule eine führende Rolle in der Nachkriegszeit.

Wie lässt sich Nietzsches Wirkung auf dieses so politisch verschiedenartige Denken im 20. Jahrhundert erklären? Sein hundertster Todestag ist eine gute Gelegenheit, sein Werk und sein Leben zu betrachten und sich dem Thema zu nähern, weshalb Nietzsches Werk die heutigen Schulen des philosophischen Denkens so sehr beherrscht. In diesem, dem ersten Artikel einer dreiteiligen Reihe, wollen wir kurz auf sein Denken und seinen Werdegang eingehen. Die beiden folgenden Artikel werden sich mit der Rezeption der Gedanken Nietzsches durch rechte und linke Intellektuelle befassen.

Nietzsches Werdegang

Friedrich Wilhelm Nietzsche (benannt nach dem damals regierenden preußischen König) wurde am 15. Oktober 1844 in dem kleinen sächsischen Dorf Röcken in der Nähe von Lützen im jetzigen Sachsen-Anhalt geboren. Sein Vater war der Dorfpastor und selbst Sohn eines Pastors. Seine Mutter Franziska war die Tochter des Pastors aus dem nahegelegenen Dorf Pobles. Nach einem Sturz starb Friedrichs Vater an Encephalomacie (Gehirnerweichung), als der Knabe fünf Jahre alt war. Ein Jahr später musste die Familie, die aus Friedrich, seiner Mutter, seiner Großmutter väterlicherseits, seiner Schwester und zwei unverheirateten Tanten bestand, die Pfarrei verlassen und zog nach Naumburg im heutigen Thüringen.[2]

Nietzsche erhielt als begabter Schüler im Alter von 14 Jahren einen Freiplatz in Schulpforta, einer der besten Schulen des Staates. Der Rektor der Schule war ein Liberaler. Sein Liberalismus war eine Verbindung des Ideals der Bildung (einer Erziehung mit dem Ziel, das Individuum zu stärken) mit der Art von kulturellem Nationalismus, wie ihn Johann Gottfried Herder vertrat. Nietzsche glänzte in den klassischen Fächern und interessierte sich brennend für literarische Strömungen und Musik. 1861 hörte er erstmals Wagner, aber sein Lieblingskomponist zu jener Zeit war Schumann. Im Alter von 20 Jahren nahm Nietzsche an der Universität Bonn das Studium der Theologie und Philologie auf.

1865 erklärte er, dass er den Glauben an die christliche Religion verloren habe und brach sein Studium ab. Im gleichen Jahr bekam er das Werk des pessimistischen Philosophen Schopenhauer Die Welt als Wille und Vorstellung in die Hand und erklärte umgehend seine Bekehrung zu Schopenhauers Denken. Um die gleiche Zeit griff Nietzsche zum ersten und einzigen mal direkt in die Politik ein. Obwohl er den Krieg Preußens gegen Österreich 1866 ursprünglich abgelehnt hatte, ließ er sich, nachdem Bismarck einen Sieg nach dem anderen vermelden konnte, rasch von der Welle des Patriotismus mitreißen, die Preußen und die mit ihm verbündeten Staaten erfasst hatte. Nietzsche schloss sich damals einer Gruppe liberaler Bismarckanhänger unter der Führung von Heinrich von Treitschke an, der für die Annexion Sachsens durch Preußen eintrat.

1868 lernte Nietzsche Richard Wagner kennen und stellte fest, dass der Komponist seine Begeisterung für Schopenhauer teilte. 1869, im Alter von 24 Jahren wurde Nietzsche auf den Lehrstuhl für klassische Philologie an der Universität Basel und gleichzeitig zum Lehrer für Griechisch am ihr angeschlossenen Gymnasium berufen. Sein Amt als Professor hinderte ihn an der Teilnahme am deutsch-französischen Krieg als Soldat. Trotzdem erreichte er, dass er vom 11. August 1870 an als Sanitäter der preußischen Armee Dienst tun durfte. Innerhalb eines Monats, nachdem er für kurze Zeit die entsetzlichen Bedingungen der Schützengräben kennen lernen konnte, zog er sich eine Ruhr- und eine Diphtherieinfektion zu, und war gezwungen nach Basel zurückzukehren.

Nietzsche war ständig von schwacher Gesundheit und litt Zeit seines Lebens unter extremer Kurzsichtigkeit, starken Kopfschmerzen und Erschöpfungszuständen. Es gibt eine ganze Reihe medizinisch beweiskräftiger Indizien, die darauf hinweisen, dass Nietzsches schlechter Gesundheitszustand im Erwachsenenalter wie auch sein endgültiger Zusammenbruch und seine geistige Umnachtung Folgen einer Syphilisinfektion waren, die er sich als Student bei einem Besuch in einem Bordell zugezogen hatte. 1871 war er aus medizinischen Gründen gezwungen, seine Arbeit zeitweilig aufzugeben. Er begann damals mit der Niederschrift seines ersten Werkes, das veröffentlicht werden sollte - Die Geburt der Tragödie.

Die deutsche Einigung 1871 war eine Quelle tiefer Enttäuschung für Nietzsche. Gegen Ende 1870 und zunehmend 1871 begann er, seine bittere Enttäuschung über das Vorhaben Bismarcks auszudrücken. Wie wir sehen werden, ist diese Ernüchterung über die deutsche Vereinigung sehr deutlich in seinen späteren Werken ausgedrückt. Gleichzeitig verfolgte Nietzsche die Ereignisse 1871 in Frankreich mit großer Aufmerksamkeit. Über die Entstehung der Pariser Commune war er zunächst bestürzt und dann zutiefst beunruhigt durch die Möglichkeit jeder Art von Machtübernahme durch die Arbeiterklasse. In seiner Korrespondenz teilt er seine buchstäbliche Erleichterung darüber mit, dass die Kommunarden schließlich blutig unterdrückt wurden.

Wenige Jahre später, 1875, vereinigte sich auf der berühmten Gothaer Konferenz der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein mit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei zu einer neuen marxistischen Partei, der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, die innerhalb weniger Jahrzehnte unter der deutschen Arbeiterschaft Masseneinfluss gewinnen sollte. Die rasche politische Klassenpolarisierung, die sich in Deutschland in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts vollzog, fand, wie wir später sehen werden, ihren Niederschlag im Werk Nietzsches.

1874 distanzierte sich Nietzsche nach einem heftigen Streit von Wagner. Gleichzeitig drückte er seine wachsende Unzufriedenheit mit seinem philosophischen Mentor Schopenhauer aus. Während der nächsten Jahre verschlechterte sich Nietzsches Gesundheitszustand zusehends, und er reiste durch Europa, um durch verschiedene ihm verschriebene Kuren Heilung zu suchen. Wenn es seine diversen Leiden zuließen, setzte er seine schriftstellerischen Arbeiten fort.

1879 wurde er aus gesundheitlichen Gründen aus den Diensten der Universität Basel entlassen und erhielt eine Pension, die ihm ermöglichte, weiter zu schreiben. In den folgenden zehn Jahren war Nietzsche von Krankheit gequält und erlitt anschließend eine Reihe von Zusammenbrüchen. 1889 brach Nietzsche in Turin auf einem öffentlichen Platz zusammen, nachdem er einem Pferd zu Hilfe kommen wollte, das von seinem Besitzer gepeitscht wurde. Nachdem er sich von diesem Anfall erholt hatte, war er geisteskrank und verbrachte das letzte Jahrzehnt seines Lebens in völliger Umnachtung, gepflegt von seiner Mutter und seiner Schwester.

Sozialer und politischer Hintergrund

Wenn man heute Nietzsches Werk liest, ist man zunächst überrascht, dass er sich vor allem in seinen frühen Schriften immer wieder auf die hervorragendsten Vertreter der europäischen Aufklärung bezieht. Sein Werk Menschliches Allzumenschliches(1878) zum Beispiel beginnt mit einem Zitat des französischen Rationalisten Descartes. Zu verschiedenen Anlässen verkündet Nietzsche dankbar, wieviel er anderen großen Denkern der Aufklärung, wie Voltaire und Spinoza oder Vertretern des Sturm und Drang oder der deutschen Romantik - Goethe, Schiller oder Hölderlin verdankt. In der Geburt der Tragödie(1872) sinniert Nietzsche in der Art Goethes oder Schillers über die Bedeutung von Shakespeares Hamlet.

In der Tat ist es unmöglich, Nietzsches Werk zu verstehen, ohne die politischen Entwicklungen in Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu berücksichtigen. Ein Jahr vor dem Tod seines Vater, Nietzsche war gerade vier Jahre alt, wurden Europa und die Mehrheit der Einzelstaaten, die wir heute als Deutschland kennen, von Revolutionen erschüttert.

Zurückgezogen in ihrem mitteldeutschen Dorf war sich die Familie Nietzsche vermutlich dessen, was sich abspielte, kaum bewusst. Dennoch hat die Umkehr der revolutionären Welle von 1848, die besonders in Deutschland auf die Schwäche der Bourgeoisie und deren Angst vor der Radikalität der aufstrebenden Arbeiterklasse zurückzuführen war, die Generation der jungen Revolutionäre und Intellektuellen nachhaltig beeinflusst. [3] Einer der Mentoren des jungen Nietzsche, Richard Wagner, hatte 1848 auf den Barrikaden gegen die Kräfte der Reaktion gekämpft, nur um sich später einem mystischen Nationalismus und wütenden Antisemitismus zu verschreiben.

Das Jahr 1848 kennzeichnet nicht nur den Zusammenbruch der Bestrebungen der Bourgeoisie, es leitete gleichzeitig einen gründlichen Zusammenbruch der Autorität der Kirchen und der organisierten Religionsausübung ein, die weitgehend als Stützen des alten Regimes betrachtet wurden. Eine Welle der Unzufriedenheit machte sich breit, die viele - vor allem Protestanten - dazu brachte, sich vollständig von der Religion abzuwenden. "Die Säkularisation drohte, sie heimatlos zu machen und zu entwurzeln, verführte sie jedoch mit der Alternative einer post-religiösen Identität als Erste des ‚Neuen Menschen‘." (zitiert nach P. Bergmann, Nietzsche. Der letzte antipolitische Deutsche)

Der französischen Autor Charles de Rusat kommentierte 1860, ein gutes Jahrzehnt später, das allgemeine soziale Klima mit den Worten: "Der Pessimismus hat in jüngster Zeit große Fortschritte gemacht," und fügte hinzu, dass viele Franzosen, die 30 oder 40 Jahre früher voller Hoffnung und Begeisterung für die Prinzipien der Revolution gewesen waren, jetzt zu dem Schluss gelangt waren, dass die moderne Demokratie nichts weiter gebracht habe als "turbulenten Verfall". Die Philosophie des Pessimismus fand ihren wichtigsten Vertreter in Deutschland in der Person Arthur Schopenhauers.

Im Verlauf der sozialen Radikalisierung nach 1848 fühlten sich die besten Elemente der deutschen Intelligenz von der Philosophie Hegels und ihrer materialistischen Weiterentwicklung durch Marx und Engels angezogen. Nietzsche jedoch repräsentierte den Flügel der deutschen Intelligenz, der an der deutschen Klassik und Romantik geschult war und sich im Gefolge des Stillstands und politischen Stagnation nach 1848 desillusioniert zurückgezogen hatte. Zerrissen durch die Widersprüche, die sich mit der Gründung eines vereinigten Deutschlands aufgetan hatten, wandte sich Nietzsche zunehmend der Rechten zu und wurde von den giftigen Nebeln des Kulturelitarismus, den mystischen Elementen der deutschen Lebensphilosophie und der neu aufkommenden pseudowissenschaftlichen Eugenik erfasst.[4]

Nietzsche gilt als ein schwer zu verstehender Philosoph. Der deutsche Philosoph Karl Jaspers erklärte, Nietzsche vermittle den Eindruck, als habe er "zwei Meinungen zu allen Dingen". Ein Gutteil der Schwierigkeiten, die sich bei der Nietzschelektüre ergeben, rühren unvermeidlich von seiner eigenen Ideologie her, die metaphorische Verkündigungen und Allegorien höher stellt als systematische wissenschaftliche Gedanken und den "Stil" an die Stelle des Inhalts setzt.[5]

Außerdem lässt sich in seinem Werk eine bestimmte Entwicklung feststellen. In der frühen und der mittleren Periode seines Lebens bis in die späten siebziger Jahre lassen sich in seinen Schriften streckenweise psychologische Einsichten ausmachen, wenn er versucht, die grundlegenden sozialen Veränderungen in den Griff zu bekommen, die um ihn herum stattfinden. Seine scharfen Angriffe auf die Heuchelei der Kirche und seine Schriften über den kulturellen Aufbruch seiner Zeit beeinflussten später so bedeutende deutsche Schriftsteller wie Thomas Mann oder Hermann Hesse.

Anfang der achtziger Jahre jedoch, als Nietzsche alle Hoffnung in das Deutschland Bismarcks verloren hat, dominieren in seinem Werk die Gehässigkeiten und die Verachtung der großen Masse der Menschheit. Er beendet sein Leben als Apostel des Zynismus. Trotz dieser Wechsel gibt es doch in Nietzsches Entwicklung einen inneren Zusammenhang. In seinem ersten Werk Die Geburt der Tragödie lassen sich die Fäden seiner Auffassungen in einer ganzen Reihe von Fragen bereits aufspüren.

Nietzsches Ansichten über Kultur, Wissenschaft und Geschichte

Das Gegeneinanderstellen von Kunst und Kultur (insbesondere der Musik, der Tragödie und der Lyrik) auf der einen und der Wissenschaft auf den anderen Seite ist ein wiederkehrendes Motiv in Nietzsches Werken. Sein Maß für die Gesellschaft ist der Grad, bis zu dem sie ihre Kunst und Kultur entwickelt hat. Gleichzeit weist er aber jeden definitiven Zusammenhang zwischen der Kunst und dem Leben, was ihren Gehalt angeht, zurück und definiert Kultur in Begriffen des Stils: "Kultur ist, vor allem, die Einheit des künstlerischen Stils in allen Lebensäußerungen eines Volkes." ( Die Geburt der Tragödie)

Als er 1888 über die Bedeutung der Geburt der Tragödie reflektierte, schrieb Nietzsche: "Über das Verhältnis der Kunst zur Wahrheit bin ich am frühesten ernst geworden: und noch jetzt stehe ich mit einem heiligen Entsetzen vor diesem Zweispalt. Mein erstes Buch war ihm geweiht. Die Geburt der Tragödie glaubt an die Kunst auf dem Hintergrund eines anderen Glaubens, dass es nicht möglich ist, mit der Wahrheit zu leben; dass der ‚Wille zur Wahrheit‘ bereits ein Symptom der Entartung ist." ( Nachgelassene Fragmente, Frühjahr, Sommer 1888; Hervorhebung von Nietzsche)

Kunst schließt für Nietzsche nicht nur die Möglichkeit der Wahrheit aus, sie muss sie sogar ausschließen: "Die Kunst als die Pflege des Wahnes - unser Cultus." ( Nachgelassene Fragmente Frühjahr 1881 bis Sommer 1882)

Gleichzeitig erklärt er, dass die wissenschaftliche Suche nach der Wahrheit illusionär sei. In der Geburt der Tragödie befürwortet er die Elemente des Instinkts und der Mythenbildung, die der klassischen griechischen Figur des Dionysos zugeschrieben werden. Nietzsche legt sich mit dem griechischen Philosophen Sokrates an, den er als den klassischen Vertreter des rationalen Denkens und des "Willens zur Wahrheit" ansieht: "Nun steht freilich neben dieser vereinzelten Erkenntniss, als einem Excess der Ehrlichkeit, wenn nicht des Uebermuthes, eine tiefsinnige Wahnvorstellung, welche zuerst in der Person des Sokrates zur Welt kam, jener unerschütterliche Glaube, dass das Denken, an dem Leitfaden der Causalität, bis in die tiefsten Abgründe des Seins reiche, und dass das Denken das Sein nicht nur zu erkennen, sondern sogar zu corrigiren im Stande sei." ( Die Geburt der Tragödie, III-1)

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Periode enormer Entwicklungen auf dem Gebiet der Wissenschaft und der industriellen Technik. Revolutionäre Erfindungen verwandelten die Formen der Produktion. Theorien wie Darwins Lehre von der Evolution und neue Entdeckungen auf dem Gebiet der Physik, der Chemie und der Medizin unterhöhlten seit langem etablierte Lehrmeinungen und Vorurteile. Über die allgemeinen zeitgenössischen sozialen Stimmungen, die das Vertrauen in die Fähigkeit der Wissenschaft das Leben zu verbessern ausdrücken, schreibt Nietzsche in seinem Essay Unzeitgemäße Betrachtungen(1874): "Ja man triumphirt darüber, dass jetzt ‚die Wissenschaft anfange über das Leben zu herrschen‘: möglich, dass man das erreicht; aber gewiss ist ein derartig beherrschtes Leben nicht viel werth, weil es viel weniger Leben ist und viel weniger Leben für die Zukunft verbürgt, als das ehemals nicht durch das Wissen, sondern durch Instincte und kräftige Wahnbilder beherrschte Leben." ( Unzeitgemäße Betrachtungen, Zweites Stück)

Der Fehler der Wissenschaft sei, laut Nietzsche, dass sie keinen Raum lasse für die wesentlichen menschlichen Bestrebungen und Bedürfnisse nach Mythen und Illusionen. Instinkt sei mächtiger als wissenschaftliche Methode. In seinem Aufsatz Vom Nutzen und den Nachteil der Historie für das Leben(in den Unzeitgemäßen Betrachtungen) greift Nietzsche auch das Thema auf, das in der großen Tradition der Geschichtsforschung vor allem mit dem Namen Hegel verknüpft ist. Darin zieht er über Hegels Bestrebungen her, eine durchgehende systematische Herangehensweise an die Geschichte zu begründen. Nietzsche drückt seine Ablehnung dieser "Bewunderung vor der ‚Macht der Geschichte‘ aus, die praktisch alle Augenblicke in nackte Bewunderung des Erfolges umschlägt und zum Götzendienste des Thatsächlichen führt." ( Unzeitgemäße Betrachtungen. Drittes Stück) Wie wir im dritten Artikel dieser Serie ausführen werden, haben sich französische Philosophen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Poststrukturalisten und Postmodernisten) insbesondere die Antipathie Nietzsches gegenüber Hegel und der Geschichte zu eigen gemacht.

Kulturelitarismus

Nietzsches Auffassung von Kultur und Bildung ist zutiefst elitär - er ist überzeugt, dass Wissen und Studium das Privileg Weniger bleiben müssen. Er wendet sich prinzipiell nachdrücklich gegen jede Form allgemeiner Bildung, von der er als einer Form von "Barbarentum" spricht.

Erregt durch die Gefahren, die seiner Ansicht nach von der Pariser Commune ausgingen, und beunruhigt durch das Anwachsen der Sozialdemokratie in Deutschland warnte er 1871 davor, dass die allgemeine Bildung zum Kommunismus führen könnte: "Die allgemeine Bildung ist nur ein Vorstadium des Communismus: Die Bildung wird auf diesem Wege so abgeschwächt, daß sie gar kein Privilegium mehr verleihen kann. Am wenigsten ist sie ein Mittel gegen den Communismus. Die allgemeinste Bildung d.h. die Barbarei ist eben die Voraussetzung des Communismus." ( Nachgelassene Fragmente Herbst 1869 bis Herbst 1872, Unzeitgemäße Betrachtungen) In seinem späteren Werk Also sprach Zarathustra(1884) schreibt er: "Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken." ( Also sprach Zarathustra: Die Reden des Zarathustra. Vom Lesen und Schreiben)

Für Nietzsche bedeuten Kommunismus und die Ausbreitung der Kultur unter den Massen das Ende der Kultur. Die von ihm bevorzugte Ordnung zur Erhaltung der Kunst war eine Art Sklavenhaltergesellschaft: "Diesem ihren Wesen ist es gemäß, daß die Triumphzüge der Kultur nur einer unglaublich geringen Minderheit von bevorzugten Sterblichen zu Gute kommen, daß dagegen der Sklavendienst der großen Masse eine Nothwendigkeit ist, wenn es wirklich zu einer rechten Werdelust der Kunst kommen soll." ( Nachgelassene Fragmente 1869 -72, Der griechische Staat)

Nietzsches Ansichten über Politik und Gesellschaft

Wie wir gesehen haben, besteht Nietzsches Rezept für eine gesunde Kultur in der Herausbildung einer Elite, die sich über einer durch Stände geschiedenen Gesellschaft erhebt. Nach 1871 hegte Nietzsche eine Zeitlang gewisse Hoffnungen in Bismarcks vereinigtes Deutschland. Während dieser Zeit, als sich in Europa ein neues Deutschland konsolidierte, lässt sich ein gemäßigter Ton in seinem Werk feststellen. Er wandte sich gegen bösartige Formen des Nationalismus und propagierte das Ideal des "guten Europäers", der sich aktiv für die "Verschmelzung der Nationen" einsetzt. Vor allem aber sah Nietzsche in Bismarck ein Bollwerk gegen den Sozialismus.

In einem entlarvenden Abschnitt in Der Wanderer und sein Schatten(1880) macht sich Nietzsche für ein reformistisches Konzept, für eine Art progressive Steuerpolitik als Mittel gegen das Schreckgespenst des Sozialismus stark: "Das Volk ist vom Socialismus, als einer Lehre von der Veränderung des Eigenthumerwerbes, am entferntesten: und wenn es erst einmal die Steuerschraube in den Händen hat, durch die grossen Majoritäten seiner Parlamente, dann wird es mit der Progressivsteuer dem Capitalisten-, Kaufmanns- und Börsenfürstenthum an den Leib gehen und in der That langsam einen Mittelstand schaffen, der den Socialismus wie eine überstandene Krankheit vergessen darf." (Menschliches Allzumenschliches II)

Bismarck wurde traditionell wegen seiner pragmatischen Kombination von Zuckerbrot und Peitsche als Politiker gepriesen. Nietzsche war gleichermaßen erschrocken über Bismarcks Zuckerbrot - seine Zugeständnisse an die Massen, die demokratische Stimmungen unterstützten - wie über die ungezügelte Gier der neu entstehenden deutschen Kapitalistenklasse. Er bedauerte die Unterordnung der Kultur unter den neuen Moloch des Kapitals: "die gebildeten Stände und Staaten werden von einer grossartig verächtlichen Geldwirthschaft fortgerissen. ... Jetzt wird fast alles auf Erden nur noch durch die gröbsten und bösesten Kräfte bestimmt, durch den Egoismus der Erwerbenden und die militärischen Gewaltherrscher." (Unzeitgemäße Betrachtungen, Drittes Stück)

In den Notizen für sein letztes Werk formuliert Nietzsche seine Alternative zur Gefahr des Sozialismus auf der einen und einer Gesellschaft, die nur auf die Anhäufung von Reichtum aus ist, auf der anderen Seite. Er ruft nach einer strengen Rangordnung, um die Herrschaft einer regierenden aristokratischen Elite sicher zu stellen - seiner bevorzugten Sozialordnung: der Sklaverei.

"Ich bin dazu gedrängt, im Zeitalter des suffrage universel, d.h. wo Jeder über Jeden und Jedes zu Gericht sitzen darf, die Rangordnung wieder herzustellen." ( Nachgelassene Fragmente Frühjahr bis Herbst 1884, Aphorismen) "Und wenn es wahr sein sollte, daß die Griechen an ihrem Sklaventhum zu Grunde gegangen sind, so ist das Andere viel gewisser, daß wir an dem Mangel des Sklaventhums zu Grunde gehen werden... Wie erhebend wirkt auf uns die Betrachtung des mittelalterlichen Hörigen, mit dem innerlich kräftigen und zarten Rechts- und Sittenverhältnisse zu dem höher geordneten, mit der tiefsinnigen Umfriedung seines engen Daseins - wie erhebend - und wie vorwurfsvoll!" (Notizen zu Der Wille zur Macht, 1888) Und in dem gleichen Ton: "Die Sklaverei soll nicht vertilgt werden, sie ist nothwendig. Wir wollen nur zusehen, daß immer wieder solche entstehen, für welche gearbeitet wird, damit diese ungeheure Masse von politisch-commerciellen Kräften nicht umsonst sich verbraucht."(Nachgelassene Fragmente Frühjahr. 1881 bis Sommer 1982) [6]

Die Aufsätze, die Nietzsche in den letzten Jahren seiner geistigen Gesundheit verfasste, sind voller Verachtung für die breiten Massen der Menschheit. Schmähungen gegen die Gleichheit, das "Untermenschentum" à la Malthus, Lobeshymnen auf den Militarismus und die Verdienste des Krieges wechseln sich ab mit dem Ruf nach dem "neuen Menschen" - dem "Übermenschen". Nietzsche zufolge entsprechen Sklaverei und Ausbeutung dem natürlichen Lauf der Dinge: "Der Hass, die Schadenfreude, die Raub- und Herrschsucht und was Alles sonst böse genannt wird: es gehört zu der erstaunlichen Oekonomie der Arterhaltung, freilich zu einer kostspieligen, verschwenderischen und im Ganzen höchst thörichten Oekonomie: - welche aber bewiesener Maassen unser Geschlecht bisher erhalten hat." (Die fröhliche Wissenschaft, Erstes Buch, 1.)

Für die breite Masse der Bevölkerung hat Nietzsche nur Verachtung übrig und spricht von ihr meist nur als "Gesindel". Ein Kapitel von Also sprach Zarathustra ist dem "Gesindel" gewidmet. Darin schreibt er: "Das Leben ist ein Born der Lust, aber wo das Gesindel mittrinkt, sind alle Brunnen vergiftet".( Also sprach Zarathustra: Vom Gesindel)

Dieser kurze Abriss des Werks von Nietzsche sollte ausreichen, um einige Hauptelemente seines Denkens zu erkennen und die besonderen Interessen zu beleuchten, die sie reflektieren. Zwei Seelen scheinen in seiner Brust zu wohnen: einerseits die des kleinbürgerlichen Künstlers (Nietzsches eigene musikalische Kompositionsversuche bleiben erfolglos), der durch die rasch fortschreitende Entwicklung der Gesellschaft, der Wissenschaft und der Ausbreitung des Wissens gründlich frustriert ist; des Künstlers, der "halt" ruft, nur um eine durch und durch elitäre kulturelle Alternative vorzuschlagen, die auf Illusionen, Mythen und Instinkt beruht. Andererseits drückt Nietzsche in seinen Angriffen gegen die "verächtliche Geldwirthschaft" und seine Befürwortung einer Gesellschaft, die streng nach Ständen aufgebaut ist, die Interessen der deutschen Junker - der aristokratischen und feudalen Schichten aus, die ihren traditionellen Status durch die neue Gesellschaftsordnung bedroht sahen.

Darüber hinaus trägt Nietzsche zweifellos einige wichtige charakteristische Merkmale der liberalen deutschen Intelligenz, die sich 1848 so unehrenhaft verhalten hatte. Trotz der Radikalität seiner Sprache, seiner Erklärung "Gott ist tot", seiner Bestrebungen, "Philosophie mit dem Hammer" zu treiben, und seiner Salven gegen das "verächtliche Geld" war Nietzsche ein erklärter Gegner der Revolution: "Leider weiss man aus historischen Erfahrungen, dass jeder solche Umsturz die wildesten Energien als die längst begrabenen Furchtbarkeiten und Maasslosigkeiten fernster Zeitalter von Neuem zur Auferstehung bringt: dass also ein Umsturz wohl eine Kraftquelle in einer mattgewordenen Menschheit sein kann, nimmermehr aber ein Ordner, Baumeister, Künstler, Vollender der menschlichen Natur. - Nicht Voltaire's maassvolle, dem Ordnen, Reinigen und Umbauen zugeneigte Natur, sondern Rousseau's leidenschaftliche Thorheiten und Halblügen haben den optimistischen Geist der Revolution wachgerufen, gegen den ich rufe: ‘Ecrasez l'infame!' " (Menschliches Allzumenschliches I)

Nietzsche Ablehnung der Revolution und seine Furcht vor der Arbeiterklasse bedeutete, dass sein Radikalismus niemals eine Bedrohung für die neu entstehende, habsüchtige deutsche Bourgeoisie darstellte, die aber durchaus in der Lage war, sich seiner Verteidigung des Krieges und jeglicher Form des Militarismus zu bedienen, um ihre eigenen Pläne zur imperialen Expansion gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu rechtfertigen. Neue Schichten der Mittelklasse strebten nach Spekulationsgewinnen und das Wachstum der Geldmärkte konnte Nietzsches "Lebensphilosophie" für sich in Anspruch nehmen: "Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigner Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung, - aber wozu sollte man immer gerade solche Worte gebrauchen, denen von Alters her eine verleumderische Absicht eingeprägt ist?" (Jenseits von Gut und Böse. 259, 1886). [7]

Nietzsches entschiedene ideologische Kampagne, die Uhr der Geschichte zurückzustellen, sollte im nächsten Jahrhundert einen immensen Nachhall finden. In den beiden folgenden Artikeln wollen wir untersuchen, wie die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte und Strömungen des 20. Jahrhunderts in der Lage waren, bestimmte Aspektes von Nietzsches Denkens für ihre eigenen Bedürfnisse einzuspannen.

----------

Anmerkungen:

1. Die Zitate von Nietzsche wurden aus der digitalen Version der historisch kritischen Ausgabe von Colli und Montinari eingefügt. Die historische Rechtschreibung von Nietzsche wurde beibehalten.

2. Nietzsches Familienverhältnisse stehen in engem Zusammenhang mit seinen lebenslangen Problemen im Verhältnis zu Frauen. Zweimal in seinem Leben wurde er zurückgewiesen, als er heiraten wollte. In ihren Werken offenbaren sowohl Nietzsche als auch Schopenhauer höchst herbsetzende Ansichten über Frauen. In seinem berühmten Essay über Schopenhauer bezieht sich der deutschen Marxist Franz Mehring darauf, wie der Philosoph des Pessimismus in seinem Text Über die Frauen diese mit Ameisen vergleicht. Nietzsche dagegen neigt eher dazu, Frauen und Kühe mit einander zu vergleichen. Siehe dazu: Also sprach Zarathustra: Von alten und jungen Weiblein.

3. Eine beißende Kritik der rückgratlosen deutschen Radikalen von 1848 liefert Friedrich Engels in Revolution und Konterrevolution in Deutschland.

4. Trotz gewisser Schwächen bleibt Georg Lukacs´ Die Zerstörung der Vernunft(1946) eine der besten Abhandlungen über die irrationale Philosophie im 19. Jahrhundert in Deutschland. Als Theoretiker überragte Lukacs bei weitem die meisten der Intellektuellen, die innerhalb der stalinistischen Sowjetunion wirkten. Trotzdem passt sich Lukacs in Die Zerstörung der Vernunft immer wieder an Positionen der stalinistischen Orthodoxie an. Im Schlusskapitel des Buches versteigt sich Lukacs zu einer offensichtlichen Propaganda für Stalin und preist den Sozialismus als ein System, das das bewusste nationale Leben und die nationale Kultur fördere. In anderen Passagen des Buches spannt Lukacs sein Netz des "Irrationalismus" entschieden zu weit. Nach Lukacs ist mit Nietzsche jegliche progressive bürgerliche Philosophie zum Ende gelangt. Somit gelangt er dann dazu, die progressiven und demokratischen Elemente im Werk eines Philosophen, wie des amerikanischen Pragmatisten John Dewey, seiner allgemeinen Kategorie der Irrationalismus zuzuordnen.

5. Das Element des Eklektizismus in Nietzsches Werk sollte nicht unterschätzt werden. In einem Buch, auf das wir im dritten Teil dieser Serie zurückkommen werden, bemerkt der Autor Stephen Aschheim, dass zu den Strömungen des 20. Jahrhunderts, die ihre Assoziationen auf Gedanken von Nietzsche gründen, unter anderem der Feminismus (siehe Anmerkung 2), religiöse Organisationen (vergl. Anmerkung 6) und sogar das Vegetariertum zu zählen seien.

6. Nietzsche wird oft als militanter Atheist dargestellt, der den "Tod Gottes" erklärte. Aber Nietzsche greift die Religion niemals von einem wissenschaftlichen oder materialistischen Standpunkt aus an, und in seinen Schriften beklagt er oft die Ausbreitung des Säkularismus. Wie wir gesehen haben, war er beständig ein Befürworter von Mythen und Illusionen. Tatsächlich sind seine Pfeile in einer Reihe von Texten, in denen er die Heuchelei der christlichen Religion angreift, präzise auf die demokratischen Elemente des Christentums gerichtet. An anderen Stellen spricht er sehr positiv über bestimmte Formen der indischen Religion mit ihrem strengen System von Kasten und Hierarchien.

Der junge Leo Trotzki schrieb einen scharfsinnigen Artikel über Nietzsche in dessen Todesjahr - 1900. Trotzki schreibt, dass Nietzsches Philosophie eine besondere Anziehung auf eine Schicht ausübt, die er parasitäres Proletariat nennt. Diese soziale Schicht innerhalb des Kapitalismus ist privilegierter als das Lumpenproletariat. Insbesondere Nietzsches Philosophie vom Übermenschen, so schreibt Trotzki, eigne sich als Rechtfertigungsideologie für Leute wie "Finanzhasardeure, Börsenspekulanten, skrupellose Politiker und Pressemanipulierer." Trotzkis Artikel befindet sich in den Cahiers de Leon Trotsky, vol. 1, herausgegeben von Pierre Broué.

Siehe auch:
Zum einhundertsten Todestag Friedrich Nietzsches - 2. Teil
(19. Dezember 2000)
Zum einhundertsten Todestag Friedrich Nietzsches - 3. Teil
( 20. Dezember 2000)
(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - März 2001 enthalten.)