Zum einhundertsten Todestag Friedrich Nietzsches

Ein Rückblick auf seine Ideen und seinen Einfluss

2. Teil

Von Stefan Steinberg
19. Dezember 2000

Dies ist der zweite Teil einer dreiteiligen Serie. Der abschließende Teil wird morgen erscheinen.

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"Wen hasse ich unter dem Gesindel von Heute am meisten? Das Socialisten-Gesindel, die Tschandla-Apostel, die den Instinkt, die Lust, das Genügsamkeits-Gefühl des Arbeiters mit seinem kleinen Sein untergraben, - die ihn Rache lehren ... Das Unrecht liegt niemals bei in ungleichen Rechten, es liegt im Anspruch auf ‚g l e i c h e Rechte'." - Nietzsche, Der Antichrist, 1888

"...einige unserer Freunde und Mitarbeiter haben von Zeit zu Zeit die Gelegenheit, zu beobachten, dass der Irrtum Nietzsches jungen Franzosen dabei geholfen hat, sich selbst vom revolutionären Irrtum zu reinigen." - Charles Maurras in L´action française, 1909

Nietzsche und die politische Rechte

Charles Maurras war der Herausgeber der rechtsextremen Zeitung L´Action française zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Allgemeinen hatte seine Bewegung wenig übrig für Deutsche, die nach seiner rassistischen Ideologie einer minderwertigen "slawischen" Rasse angehörten und daher "Barbaren" waren. Für Maurras und seine Anhänger war Nietzsche jedoch ein "großer Barbar", dessen Werk trotz seiner Irrtümer ein nützliches Gegengift gegen die "Revolution" (den Sozialismus) war.

Zu seinen Lebzeiten wurde Nietzsche vom intellektuellen Establishment in Deutschland weitgehend ignoriert oder abgelehnt. In Ecce Homo berichtet Nietzsche (stolz), dass von einem der von ihm veröffentlichten Bücher innerhalb von zwei Jahren nur eine Handvoll Exemplare verkauft worden seien. Nach seinem Tod und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, als die politischen Spannungen in Deutschland zunahmen, änderte sich die Situation für Nietzsches Werk. Ein Schriftsteller berichtet, dass viele Soldaten mit einer Bibel in der einen und einer Ausgabe von Nietzsches Also sprach Zarathustra in der anderen Tasche in den Ersten Weltkrieg zogen.

Zu Nietzsches ergebensten Anhängern jener Zeit gehörte der Publizist Oswald Spengler, Autor einer erbitterten Tirade gegen Sozialismus und liberale Demokratie Der Untergang des Abendlandes. Der junge Ernst Jünger bewunderte Nietzsches Eintreten für den Geist des Militarismus. Zum Chor dieser Anbeter gehörte ebenfalls ein gewisser österreichischer Möchte-gern-Maler - der junge Adolf Hitler. Auch für die Entwicklung eines der bekanntesten deutschen Philosophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, für Martin Heidegger, spielte Nietzsche eine entscheidende Rolle.

Viele der Kommentare, die anlässlich des hundersten Todestages von Nietzsche in der deutschen Presse erschienen, behaupten einhellig, es sei lächerlich, irgendeinen Zusammenhang zwischen dem Werk Nietzsches und den ultrarechten Bewegungen des 20. Jahrhunderts, insbesondere dem Nationalsozialismus anzunehmen (vergl. Z.B. Manfred Riedel in seinem Essay über Nietzsche in einer der letzten Ausgaben des Spiegel). Jede Verbindung zwischen Nietzsche und dem Faschismus, so argumentieren diese Kommentatoren, sei einzig und allein das Ergebnis der Verfälschung seines Werks durch seine Schwester Elisabeth. Es lohnt sich, dieses Argument etwas näher zu untersuchen.

Es stimmt natürlich, dass nach dem Ausbrechen der Geisteskrankheit bei Nietzsche seine Schwester Elisabeth Förster Nietzsche die Verantwortung für ihn übernahm. Nachdem sie die vollständige Kontrolle über das literarische Erbe ihres Bruders erlangt hatte, nutzte sie diese Vertrauensstellung aus, um bestimmte Aspekte seines Werks zu fälschen und zu entstellen. Insbesondere verhinderte sie die Veröffentlichung des zuletzt von ihm geschriebenen Textes Ecce Homo, der mit seinem zur Schau gestellten Größenwahn allzu offensichtlich auf Nietzsches bevorstehenden geistigen Zusammenbruch hinwies. Allen Berichten zufolge war Elisabeth Förster Nietzsche eine durch und durch egoistische und herrschsüchtige Frau und zugleich eine gehässige Antisemitin. Sie manipulierte Materialien und fälschte Briefe, um auch ihren Bruder als fanatischen Antisemiten zu präsentieren.

Es gibt ein berühmtes Foto von 1934 (es ist in der gegenwärtigen Ausstellung in Weimar zu sehen), das Elisabeth Förster Nietzsche zeigt, wie sie Adolf Hitler, den sie zutiefst bewunderte, in dem Haus begrüßt, in dem Nietzsche in Weimar starb. Während seines Besuchs beschenkte sie ihn mit dem Spazierstock ihres Bruders, Hitler hatte bereits 1932 das Nietzsche-Archiv in Weimar besucht. Ein anderes gut bekanntes Foto zeigt Hitler, die Büste des Mannes anstarrend, den er als seinen philosophischen Mentor betrachtete.

Nietzsches eigene Ansichten über das Judentum sind sehr komplex und oft widersprüchlich. Nietzsches Bruch mit Richard Wagner ging zumindest teilweise auf dessen extremen Antisemitismus zurück. 1887 schrieb Nietzsche einen Brief an seine Schwester, in dem er ihre Heirat mit einem anderen bösartigen Antisemiten, Bernhard Förster, bedauerte. In einer seiner letzten kurzen Mitteilungen an seinen Freund Overbeck erklärte er sogar, er würde gern "alle Antisemiten erschießen". Auf der anderen Seite finden sich in seinem gesamten Werk durchaus herabsetzende Hinweise auf das Judentum - insbesondere auf die Rolle, die die Juden in Bezug auf die Degeneration der christlichen Religion spielten.

Für die Schwierigkeiten, Nietzsches wirkliche Position, herauszufinden, ist sein Werk Jenseits von Gut und Böse(1886) sehr symptomatisch. Zunächst argumentiert Nietzsche in einem Absatz, es sei genauso idiotisch, antisemitisch zu sein wie antifranzösisch, antipolnisch usw.. Danach fordert er ein Verbot für Juden, nach Deutschland einzuwandern, weil das Land schon zu viele Juden habe. Später beschreibt Nietzsche die Juden als die stärkste, widerstandsfähigste und reinste von allen Rassen Europas und ruft dazu auf, die beiden reinsten Rassen Europas (die jüdische und die germanische) mit einander zu kreuzen, um eine mächtige Herrschaftskaste für diesen Kontinent zu züchten.

Die Wahrheit ist, dass Nietzsches gesamtes Werk trotz gelegentlicher lobender Erwähnungen der Juden von reaktionären rassistischen Standpunkten durchzogen ist, wie sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa weit verbreitet waren. Ihren reaktionärsten Ausdruck fanden derartige Lehren im Werk des französischen Adligen Arthur Gobineau (1816 - 1882).

Zu den brauchbaren gegenwärtigen Untersuchungen über die Entwicklung der rassistischen Ideen im 19. Jahrhundert gehört das Buch The Meaning of Race (Die Bedeutung der Rassen)von Kenan Malik [1]. Malik macht darin eine wichtige Bemerkung. Er vertritt die Auffassung, dass die rasche und gründliche Wegwendung von den progressiven Gedanken der Aufklärung zur Rassenfrage in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nur ein Resultat des Kolonialismus der großen imperialistischen Nationen war. Vielmehr war sie auch ein Produkt der wachsenden sozialen Ungleichheit und der Klassengegensätze innerhalb der europäischen Nationen selbst.

Malik schreibt: "Das Gefühl rassischer Überlegenheit über die nichteuropäische Gesellschaft, das die europäischen Eliteklassen beherrschte, ist außerhalb des Gefühls der Unterlegenheit, das den Massen zu Hause aufgezwungen wurde, nicht zu verstehen... Ja, ich würde sogar weiter gehen und behaupten, dass der Rassegedanke aus der Wahrnehmung der Unterschiede innerhalb der europäischen Gesellschaft entstand und erst später systematisch auf die Unterschiede in der Hautfarbe angewendet wurde." (S. 82)

Dieser Punkt ist wichtig in Bezug auf Nietzsche, weil er, wie bereits im ersten Teil erwähnt, immer sehr empfindlich die Gefahren reagierte, die sich aus sozialen Zugeständnissen an die Arbeiter in einer demokratischen Gesellschaft ergaben. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass Nietzsche nach der ersten Lektüre von Gobineaus Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen(1853-55) höchst begeistert auf dessen Ideen reagierte.

Malik zitiert Gobineau: "Es ist bereits festgestellt worden, dass sich jede Gesellschaftsordnung auf drei ursprüngliche Klassen gründet, von denen jede eine rassische Variante darstellt: den Adel, eine mehr oder weniger genaue Widerspiegelung der Klasse der Eroberer; die Bourgeoisie, die sich aus einer Mischung zusammensetzt und der herrschenden Klasse relativ nahe kommt; und das gemeine Volk, das in Sklaverei oder zumindest sehr niedrigen Verhältnissen lebt. Dieses letztere gehört zu einer niedrigeren Rasse, die im Süden durch Rassenmischung mit den Negern und im Norden mit den Finnen entstand."

Tatsächlich lässt sich in Nietzsches Werk eine Form von biologischem Rassismus von Anfang an nachweisen. Wir haben bereits auf Nietzsches Bemerkungen über den griechischen Philosophen Sokrates in der Geburt der Tragödie aufmerksam gemacht. In einem weiteren Essay Das Problem des Sokrates stellt Nietzsche in Bezug auf die überlieferte Hässlichkeit des Philosophen die Frage, ob diese nicht ein Produkt der "Rassenmischung" gewesen sei: "Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum niedersten Volk: Sokrates war Pöbel. Man weiss, man sieht es selbst noch, wie hässlich er war... War Sokrates überhaupt ein Grieche? Die Hässlichkeit ist häufig genug der Ausdruck einer gekreuzten, durch Kreuzung gehemmten Entwicklung. Im andren Falle erscheint sie als niedergehende Entwicklung." ( Aphorismus Götzen-Dämmerung)

Nietzsches Zur Genealogie der Moral(1887) ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Gobineau beeinflusst. Ausgehend von der Behauptung, dass die genealogische Methode die richtige sei, stellt Nietzsche fest: "Im lateinischen malus... könnte der gemeine Mann als der Dunkelfarbige, vor allem als der schwarzhaarige ... gekennzeichnet sein, als der vorarische Insasse des italienischen Bodens, der sich von der herrschend gewordenen blonden, nämlich arischen Eroberer-Rasse durch die Farbe am deutlichsten abhob." ( Zur Genealogie der Moral, I)

In der Art Gobineaus fährt Nietzsche dann fort damit, den Kampf gegen den Sozialismus und die Commune (die primitivste Form der Gesellschaft) in einer plumpen, auf Rassen beruhenden Beschreibung der Gesellschaft darzustellen: "wer steht dafür, ob nicht die moderne Demokratie, der noch modernere Anarchismus und namentlich jener Hang zur ‚Commune' zur primitiven Gesellschafts-Form der allen Socialisten Europa's jetzt gemeinsam ist, in der Hauptsache einen ungeheuren Nachschlag zu bedeuten hat - und das die Eroberer- und Herren-Rasse die der Arier, auch physiologisch im Unterliegen ist?" (ebd., Hervorhebung von Nietzsche)

Nietzsche fährt dann fort: "Diese Träger der niederdrückenden und vergeltungslüsternen Instinkte, die Nachkommen alles europäischen und nicht europäischen Sklaventhums, aller vorarischen Bevölkerung in Sonderheit - sie stellen den Rückgang der Menschheit dar!" Und schließlich endet Nietzsche mit einem Lobeshymnus auf die "blonde germanische Bestie", von der er sagt: "Auf den Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubthier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen... Das tiefe eisige Misstrauen, das der Deutsche erregt, sobald er zur Macht kommt, auch jetzt wieder - ist noch immer ein Nachschlag jenes unauslöschlichen Entsetzens, mit dem Jahrhunderte lang Europa dem Wüthen der blonden germanischen Bestie zugesehn hat." (ebd.)

Um es vollkommen klar zu machen, was Nietzsche in diesen Absätzen sagt: Seiner These entsprechend sind die Sozialisten, Demokraten und die breiten Massen der Gesellschaft Produkte der primitivsten Formen vor-arischer Gesellschaften. Ihre bloße Existenz bedroht die Reinheit der arischen Herrenrasse, die "blonde Bestie". Im Zarathustra hat Nietzsche bereits erklärt, dass das Überleben des Übermenschen das höchste Gut darstelle und das "größte Übel" rechtfertige.

Nietzsches Verteidiger versuchen, zwischen ihm und der Politik und den Taten der Nazis eine Trennungslinie zu ziehen. Aber ist Nietzsches Haltung wirklich so weit entfernt von Hitlers dringender Auforderung in einem internen NSDAP-Aufruf von 1922, "mit rücksichtlosester Kraft und brutalster Entschlossenheit die Vernichtung und Ausrottung des Marxismus" zu betrieben?

Adolf Hitler war gewiss kein Philosoph, genauso wenig wie Nietzsche ein bloßer politischer Ideologe war. Aber wer kann vernünftigerweise bezweifeln, das ersterer wenig Probleme damit hatte, das rückwärtsgewandte Programm des letzteren - biologischer Rassismus, Hass auf den Sozialismus und auf das Ideal der sozialen Gleichheit, verbunden mit der Befürwortung von Militarismus und Krieg - nahtlos in die eklektisch zusammengeklaubten Ideen zu integrieren, aus denen sich das Programm des Nationalsozialismus zusammensetzte.

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Anmerkungen:

1. Kenan Malik: The Meaning of Race, Macmillan Press 1996

Siehe auch:
Zum einhundertsten Todestag Friedrich Nietzsches - 1. Teil
(16. Dezember 2000)
Zum einhundertsten Todestag Friedrich Nietzsches - 3. Teil
( 20. Dezember 2000)
(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - März 2001 enthalten.)

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