Wolken der Rezession verdichten sich über dem Treffen in Davos

Von Nick Beams
2. Februar 2001

Im letzten Jahr versammelte sich das Weltwirtschaftsforum in Davos unmittelbar nach den Protesten gegen die Konferenz der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle, nachdem diese das Ziel verfehlt hatte, eine neue Welthandelsrunde einzuleiten. Damals wurden zwar einige Bedenken über die Bedeutung dieser Ereignisse geäußert, aber die Stimmung war allgemein optimistisch.

Die Diskussion drehte sich vor allem um die boomende "E-Ökonomie", die Rolle des Internets und der Technologie bei der Stärkung der US-Wirtschaft, sowie über die Möglichkeiten eines globalen Wirtschaftswachstums nach der "asiatischen Finanzkrise".

Bei der diesjährigen Versammlung von zweitausend Wirtschaftsbossen, führenden Politikern, Bankern, Ökonomen und Akademikern war die Atmosphäre ziemlich anders. Der durch Technologie gestützte Aktienmarkt ist kollabiert, die japanische Wirtschaft rutscht nach einigen Zeichen des Aufschwungs wieder in die Rezession zurück und, was das Wichtigste ist: das Wachstum der US-Wirtschaft ist zum Stillstand gekommen und trägt alle Anzeichen einer Rezession noch in der ersten Hälfte dieses Jahres.

Ein Kommentar der Financial Times fasste die Stimmung folgendermaßen zusammen: "Im letzten Jahr war das E-Wort in aller Munde. In diesem Jahr ist es das R-Wort. Rezession beherrscht vor allem anderen die Gedanken der Politiker und Vorstandsvorsitzenden, was sie auch am Weltwirtschaftsforum ganz offen sagen. Das ,neue ökonomische Denken‘ des letzten Jahres, so wichtig für die neue, vom e-Commerce beherrscht Ökonomie, ist völlig verschwunden."

Ursache für diese veränderte Perspektive ist der Wendepunkt der US-Wirtschaft, die laut dem Vorsitzenden der US-Notenbank (Federal Reserve Board), Alan Greenspan, Ende des vergangenen Jahres eine "sehr dramatische Verlangsamung" durchgemacht habe, und deren Wachstum "zu diesem Zeitpunkt möglicherweise annähernd Null" betrage.

Auf den Kontrast zum letztjährigen Treffen bezogen, bemerkte die Financial Times: "Vergangen sind die atemlose Begeisterung über die ,neue‘ US-Wirtschaft und der amerikanische Triumph, der früher die anderen Delegierten bezauberte und auch ärgerte. Die Frage heute ist nicht, wie weit die amerikanische Wirtschaft noch steigen, sondern wie weit sie abrutschen und wie schmerzhaft dieser Fall für die Welt sein wird. Der Konsens unter den Ökonomen in Davos ist, dass eine harte Rezession wohl noch vermieden wird, aber dass die gegenwärtige Verlangsamung auch die Arbeitslosigkeit in den USA steigern, Japans strukturelle Probleme vertiefen und das ostasiatische Wirtschaftswachstum dämpfen wird."

Dem früheren Vizevorsitzenden der US-Notenbank, Alan Blinder, zufolge mag eine Rezession zwar abgewendet werden, aber die Verlangsamung wird ein "starkes Stottern" bewirken und könnte wie "eine Rezession erscheinen".

Was allerdings die Absichten der neuen Bush-Regierung in Bezug auf eine solche Verlangsamung und ihre Auswirkungen auf die Weltwirtschaft sind, konnte keiner in Davos vorhersagen, weil der neue Präsident oder diejenigen, die letztlich seine Politik bestimmen, sich entschieden, keinen Repräsentanten zu schicken. Das ist ein markanter Bruch im Vergleich zur Praxis seines Vorgängers.

Verschiedene wichtige Teilnehmer äußerten Bedenken über den Zustand der USA und infolge dessen auch über die Weltwirtschaft. Der frühere Finanzminister der USA, Larry Summers, sagte über die US-Wirtschaft: "Wenn man sagt, jemand sei vollkommen gesund, dann heißt das nur, dass man nicht weiß, woran er sterben wird."

Obwohl er eher vor einer Verlangsamung als vor einer regelrechten Schrumpfung warnen wollte, setzte Blinder die Chancen für eine Rezession dennoch mit dreißig Prozent an und wies darauf hin, dass dies "das erste Mal seit langem war, dass Rezession eine realistische Perspektive war."

In einem Interview vor der Versammlung warnte der sonst optimistische Generalsekretär der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), dass "wir uns in einer Periode der Anpassung befinden, einer Marktanpassung, und in einer Periode, in der die Wachstumszahlen korrigiert werden."

Im Verlauf der Konferenz sagte der leitende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), dass der IWF seine Prognosen über das Weltwirtschaftswachstum für 2001 auf ca. 3,5 Prozent gegenüber den 4,2 Prozent reduzierte, die er noch im letzten September vorausgesagt hatte. Trotzdem präsentierte er weiterhin optimistische Perspektiven und teilte der Versammlung mit, er erwarte für das zweite Halbjahr diesen Jahres einen Aufschwung in der US-Wirtschaft. Auch mit der Verlangsamung des Wirtschaftswachstums sei man "noch weit von einer globalen Rezession entfernt."

Der Vizevorsitzende von Goldman Sachs Asia , Kenneth Courtis, sagte, die USA und Europa müssten die Führung bei einer finanzpolitischen Reaktion auf die globale Stagnation übernehmen, da Japan zu wenig Spielraum bei der staatlichen Neuverschuldung habe und die dortigen Verbraucher bei den Ausgeben zurückhaltend seien.

Diese Bedenken wurden noch einmal auf dem Höhepunkt der Konferenz beleuchtet, als Zahlen vorgestellt wurden, die zeigen, dass die japanischen Verbraucherpreise im letzten Jahr die stärkste Schrumpfung der letzten dreißig Jahre verzeichneten, was den deflationären Druck auf die gesamte Ökonomie aufzeigt. Außerdem gibt es Zahlen, die den Niedergang der Verbraucherausgaben beleuchten, die im Dezember um 0,9 Prozent gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres gefallen sind. Das ist der 45. monatliche Fall in Folge!

Der japanische Premierminister Yoshi Mori berichtet der Versammlung, dass die neunziger Jahre für Japan ein "verlorenes Jahrzehnt" gewesen seien. Durch das Platzen der finanziellen Seifenblase Ende der achtziger Jahre hätten die japanischen Bürger aufgrund sinkenden Eigenkapitals und fallender Grundstückspreise schätzungsweise 8,55 Billionen US-Dollar verloren. Das ist doppelt so viel wie das japanische Bruttosozialprodukt.

Mori sagte, Japan werde in einen Aufschwung gehen, wenn die Banken und Gesellschaften erst ihre Bilanzen bereinigt hätten. "Der Weg ist solide gelegt. Ich bin bestimmt, diesen Weg zu gehen und die Maßnahmen zu ergreifen, die die Wirtschaft zu einer völligen Wiederherstellung führen", sagte er.

Aber in Erinnerung an ähnliche Versicherungen früherer japanischer Premierminister in den letzten zehn Jahren konnte dies niemanden überzeugen. So bemerkte Kenneth Courtis sarkastisch: "Die einzige Möglichkeit, die japanische Wirtschaft optimistisch zu sehen ist, die Diagramme auf den Kopf zu stellen."

Obwohl Befürchtungen über das Wachstum der Weltwirtschaft vorhanden waren, war man sich doch generell einig, dass sich die US-Wirtschaft trotz einer deutlichen Stagnation in den ersten beiden Quartalen 2001 im zweiten Halbjahr wieder erholen werde.

Diese Vorhersagen mögen gut ausgearbeitet sein - die Funktion der wirtschaftlichen Zyklen ist vielen Faktoren unterworfen. Aber eine Analyse, die an diesem Punkt stehen bleibt, tendiert leicht dazu, tiefere Prozesse in der US-Wirtschaft und ihre langfristigen Auswirkungen zu übersehen.

Die USA haben nun das längste Wirtschaftswachstum ihrer Geschichte erlebt. Aber unabhängig von dem Produktivitätswachstum, das auf technologischer Innovation beruht, war ein Schlüsselfaktor für die hohen Wachstumsraten die Steigerung der Verschuldung, vor allem in den letzten fünf Jahren. Und das wiederum resultiert in einer Reihe struktureller Veränderungen.

Das Wachstum der Verschuldung brachte eine Erhöhung von Forderungen durch Gläubiger mit sich, was wiederum zu einer Ausweitung des Leistungsbilanzdefizits führte. Dieses erreichte nun schätzungsweise 430 Milliarden US-Dollar, was annähernd fünf Prozent des Bruttosozialproduktes entspricht. Wie Greenspan in seinem Bericht vor dem Haushaltsausschuss des Senats am 25. Januar diesen Jahres feststellte: "Dieser Prozess kann nicht unbegrenzt fortgesetzt werden." Und: "Irgendwann muss es etwas geben."

Bisher wurde die steigende Auslandsverschuldung der US-Wirtschaft durch einen Zufluss von Kapital vor allem aus Europa unterstützt. "Wäre dies nicht der Fall", führte Greenspan an, "so wäre der Wechselkurs des Dollar deutlich gesunken."

Die große Frage lautet jedoch, ob dieser Kapitalzufluss auch angesichts einer fallenden US Börse und eines Niedergangs der US Wachstumsrate anhalten wird, und was die daraus folgenden Schwankungen des Dollarwertes für Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. In diesem Zusammenhang wird das potentielle "Alptraum-Szenario" der Federal Reserve aktuell.

Einerseits würde eine Rezession in den USA eine Kürzung der Zinsraten erfordern, um sowohl die amerikanische als auch die Weltwirtschaft zu stützen. Andererseits würde sie, wenn eine solche Rezession mit dem Abfluss ausländischen Kapitals und einem Sinken des Dollars einherginge, eine Erhöhung der Zinsraten erfordern, um die Finanzposition der Vereinigten Staaten zu sichern.

Die "konventionelle Lehrmeinung" besagt, dass die USA im schlimmsten Fall eine kurze Rezession erleiden werden. Aber die strukturellen Veränderungen in der amerikanischen Ökonomie sind zu bedeutsam, um sie ignorieren zu können. In einem kürzlich erschienenen Artikel in Newsweek wies der Kolumnist Robert J. Samuelson zum Beispiel darauf hin, dass es einige "unheimliche Parallelen" zwischen der Situation in Japan Anfang der neunziger Jahre, unmittelbar nach dessen Boom Ende der achtziger, und den USA heute gebe.

"Die frühen Zeichen einer Verlangsamung (oder einer Rezession) haben nur mäßige Besorgnis hervorgerufen, das Nachlassen des Wirtschaftswachstums könnte mehr sein, als eine vorübergehende Unbequemlichkeit," schrieb er. "Diese Sorglosigkeit könnte sich durchaus als berechtigt herausstellen. Aber Japans Erfahrung lässt auch eine andere Lehre zu: außergewöhnliche Boomperioden enden manchmal in außergewöhnlichen - und unangenehmen - Zusammenbrüchen. Das ist die Flutwelle, die die Bush-Regierung überrollen könnte."

Besorgniserregender als die zunehmenden Anzeichen einer Rezession war für Samuelson die Tatsache, dass "Amerikas längster Boom Erscheinungen hervorgebracht habe, die es so noch nicht gegeben hat."

Eine weitere Warnung vor den Auswirkungen der langfristigen strukturellen Veränderungen in der amerikanischen Wirtschaft kommt von dem Ökonomen Wynne Godley vom Jerome Levy Economics Institute, der behauptet, dass "die mittelfristigen Aussichten der amerikanischen Wirtschaft wesentlich stärker von Depression geprägt sein könnten, als die meisten Ökonomen heute erwarten."

Godley weist darauf hin, dass die meisten Vorhersagen sich auf die Angebotsseite konzentriert und die Rolle der Nachfrage vernachlässigt hätten, als sie behaupteten, die steigende Produktivität bedeute, das Wachstum der US-Wirtschaft sei inzwischen "strukturell" geworden.

"Aber," stellt Godley fest, "die Gesamtnachfrage ist in den USA gestiegen, und die treibende Kraft dahinter war sowohl einzigartig, wie auch nicht dauerhaft durchzuhalten. In der 45 jährigen Periode von 1952 bis 1997 waren die gesamten privaten Ausgaben fast immer niedriger, als das verfügbare Einkommen. Im dritten Quartal von 2000 überstiegen die Ausgaben das Einkommen um acht Prozent. Dieser Exzess war nur dadurch möglich, dass Vermögen zu Geld gemacht und in zunehmendem Umfang Schulden gemacht wurden; Die Verschuldung des persönlichen Sektors erreichte das 1,1fache des jährlichen verfügbaren Einkommens - ein Rekord - während die Verschuldung des privaten Sektors insgesamt das 1,7fache des verfügbaren Einkommens erreichte - ein weiterer Rekord."

Godley zufolge kann das jüngste Ausgabenniveau "nicht gehalten werden, außer die Kreditaufnahme wird zumindest auf dem heutigen Niveau gehalten, was eine weitere rasche Zunahme der Verschuldung zur Folge hätte. Die erschreckende Schlussfolgerung ist, dass die Gesamtnachfrage fallen wird, wenn das Schuldenwachstum sich auch nur verlangsamt."

Die klaren Anzeichen, dass die Kreditaufnahme des Wirtschaftssektors an ihre Grenze gestoßen ist, sind für Godley eine Parallele zu der Situation Großbritanniens Ende der achtziger Jahre. Der Zusammenbruch von Thatchers schuldengespeistem Boom führte zu einem Rückgang des BIP und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit um etwa drei Prozentpunkte.

"Man benötigt kein ökonometrisches Modell, um zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass ein ähnlicher Anstieg der privaten Nettosparrate in den USA in eine Rezession ähnlicher Größenordnung münden könnte; es würde einen Rückgang der gesamten privaten Ausgaben um acht Prozent im Verhältnis zum Einkommen erfordern, sowie einen Umschwung des Haushalts ins Defizit. Die Auswirkungen auf den Rest der Welt wären schwerwiegend."

Diese Warnungen lassen erahnen, dass bei dem nächsten Davoser Gipfel die Veränderungen der Weltwirtschaft, die sich aus den historisch beispiellosen Entwicklungen in den USA ergeben, noch viel weitreichender sein werden, als die, die in den vergangenen zwölf Monaten stattgefunden haben.

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