Eine Antwort auf das Interview mit Filmregisseur Volker Schlöndorff

Zur Klärung grundlegender historischer Fragen

Von David Walsh
13. Februar 2001

Am 3. Februar veröffentlichte das World Socialist Web Site ein Interview mit dem berühmten deutschen Filmregisseur Volker Schlöndorff von Prairie Miller (deutsche Fassung heute). Einige Fragen aus dieser Unterhaltung müssen geklärt werden.

In Die Stille nach dem Schuss porträtiert Schlöndorff das Schicksal einer Terroristin der Rote-Armee-Fraktion, die aus dem Westen nach Ostdeutschland geflüchtet war und vom DDR-Regime und der Stasi eine neue Identität erhalten hatte. Tatsächlich stellte sich schließlich heraus, dass die Behörden beider Teile Deutschlands die westdeutschen Radikalen als Figuren in ihren diplomatischen Schachspielen benutzt haben.

In unserer Filmkritik ( Den Finger in die Wunde legen, 17. März 2001) heißt es dazu: "Der Film endet tragisch für Rita, deren klandestine Existenz einmal mehr und endgültig durch den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung in Gefahr gebracht wird. Zur Flucht gezwungen, wird sie von der Polizei niedergeschossen, als sie einen Polizei-Kontrollposten zu passieren versucht. Einer der Schlusssätze des Films wird von einem Volkspolizisten gesprochen, der nach dem Fall der Mauer nahtlos mit seinen westdeutschen Polizeikollegen zusammenarbeitet: ‚Für Ordnung und Sicherheit muss überall gesorgt werden.‘"

Der Film repräsentiert einen ehrlichen, wenn auch beschränkten Versuch, sich mit dem Scheitern von Stalinismus und Terrorismus auseinanderzusetzen. Er vertritt die Position, dass Ritas Mut und Idealismus im Unterschied zu ihrer Ideologie und Perspektive legitim gewesen seien. Man könnte sagen, die Kritik dieser terroristischen Tendenzen wird politisch gesprochen von einem linken sozialdemokratischen Blickwinkel aus geführt.

Ein ehrlicher künstlerischer Versuch ist das eine, die politischen Ansichten des Künstlers, die dieser sozusagen in programmatischer Form äußert, sind etwas anderes. Schlöndorff stellt in dem Interview einige Behauptungen auf, die nicht unbeantwortet bleiben dürfen.

Vor allem müssen wir seine ständige Gleichsetzung der DDR und der Sowjetunion mit Sozialismus zurückweisen. In der Sowjetunion hatte in den 20-er Jahren die stalinistische Bürokratie, eine kleinbürgerliche, der Perspektive der Weltrevolution feindliche Schicht, die Macht der Arbeiterklasse usurpiert. Sie verriet die Ziele der sowjetischen und internationalen Arbeiterklasse und verwandelte die kommunistischen Parteien auf der Grundlage ihrer national-opportunistischen Politik in konterrevolutionäre Apparate. Diese Parteien führten die Arbeiterklasse in eine Reihe Niederlagen, von deren Konsequenzen wir uns heute noch nicht erholt haben. Die stalinistische Bürokratie vernichtete in blutigen Säuberungen die marxistischen Elemente innerhalb der Sowjetunion und blockierte den Weg der russischen und internationalen Arbeiterklasse zur Verwirklichung des Sozialismus. Schließlich gipfelte ihr konterrevolutionäres Werk in der Auflösung der Sowjetunion vor einem Jahrzehnt. Leo Trotzki gründete die Vierte Internationale, deren Arbeit das WSWS fortführt. Sie basiert politisch auf den internationalen sozialistischen Prinzipien, die der Oktoberrevolution zugrundelagen, und ist Nachfolgerin der Dritten Internationale, die durch den Stalinismus zerstört wurde.

Die osteuropäischen Regime, einschließlich der DDR, waren kein Produkt unabhängiger sozialistischer Bewegungen der Arbeiterklasse. Im Gegenteil, solche Bewegungen haben die Stalinisten in Ostdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg abgewürgt. Diese Regime waren vielmehr das Ergebnis der Manipulationen und Manöver der stalinistischen Bürokratie. Sie stellten, wie die trotzkistische Bewegung sie damals definierte, "deformierte Arbeiterstaaten" dar, wobei die Betonung auf dem Wort "deformiert" lag. Politisch funktionierten sie als Polizeistaaten ohne elementare demokratische Rechte. Diese Staaten diskreditierten vierzig Jahre lang den Sozialismus in den Augen von Millionen Arbeitern und Intellektuellen und trugen zur politischen Entwaffnung der Arbeiterklasse bei, sodass schließlich der Kapitalismus in der Periode ab 1989 restauriert werden konnte.

Es ist einfach nicht wahr, dass, wie Schlöndorff erklärt, "die Gründungsväter dieses Staates ... es wirklich gut gemeint" hätten. Die ostdeutschen stalinistischen Führer der späten 40-er und frühen 50-er Jahre hatten mit einer ganzen Reihe von Verbrechen gegen die Arbeiterklasse bewiesen, dass Stalin und sein mörderisches Regime in der Sowjetunion sich auf sie verlassen konnten. Die Unzufriedenheit unter den Arbeitern in der DDR nahm zu und führte zu dem massiven Aufstand am 17. Juni 1953. Die Stalinisten unterdrückten diese Revolte mit eiserner Faust.

Was die Behauptung des Regisseurs angeht, solche Individuen wie Bertolt Brecht hätten einen "ehrlichen Versuch" gemacht, "um nach dem Krieg einen wirklich pazifistischen, nie wieder faschistischen Staat zu schaffen", so ist diese Geschichte nicht nur etwas komplizierter, sondern ebenfalls völlig falsch. Brecht war nicht einfach eine Marionette der Stalinisten und lieferte in seiner frühen Karriere beträchtliche künstlerische Beiträge. Doch spielte er eine üble Rolle in der DDR. Während er in privaten Gesprächen (nach Angaben von Walter Benjamin) erklärt haben soll, dass Trotzki der größte lebende Schriftsteller Europas sei, hat er öffentlich niemals ein kritisches Wort über Stalin und dessen Verbrechen geäußert. Er versah das DDR-Regime mit der dringend benötigten Glaubwürdigkeit und verbündete sich während der blutigen Ereignisse von 1953 mit der Regierung gegen die Arbeiterklasse.

Schlöndorffs fehlende Perspektive führt ihn zu ziemlich pessimistischen Positionen. Er spricht von "der Unmöglichkeit" des Aufbaus einer sozialistischen Wirtschaft und von der Tatsache, "dass die Sowjetunion nicht funktionierte". Dies ist historisch nicht korrekt. Was fehlschlug, war der Versuch, einen bürokratisch-nationalistischen "Sozialismus" innerhalb der Grenzen eines einzigen Landes, oder wie im Fall der DDR, eines Teils eines Landes zu schaffen.

Peter Schwarz erklärte in seinem Vortrag "Stalinismus in Osteuropa - Aufstieg und Fall der DDR" zur DDR der 60-er Jahre ( Stalinismus in Eastern Europe: the Rise and Fall of the GDR): "Trotz beträchtlicher wirtschaftlicher Fortschritte hinkte die ostdeutsche Arbeitsproduktivität der Produktivität der meisten fortgeschrittenen kapitalistischen Länder weit hinterher. Eine höhere Arbeitsproduktivität kann nur auf der Grundlage der internationalen Arbeitsteilung erreicht werden. Aber die DDR folgte der Doktrin des "Sozialismus in einem Land" und hatte nur beschränkten Zugang zu den Ressourcen des Weltmarkts. Die stalinistischen Regime hatten noch nicht einmal die Wirtschaften Osteuropas untereinander wirklich integriert. So wie die ökonomischen Beziehungen innerhalb der stalinistischen Länder, waren auch die Beziehungen zwischen ihnen durch bürokratische Korruption und Inkompetenz geschwächt.

Auch die sozialen Zugeständnisse deuteten nicht auf eine sozialistische Entwicklung. Ihr Zweck war nicht, das allgemeine kulturelle Niveau der Arbeiterklasse und der Gesellschaft als Ganzes anzuheben. Sie dienten vielmehr als Mittel, um die Arbeiterklasse ruhig zu halten und die Herrschaft der Bürokratie zu sichern, die niemals ihre Kontrolle über alle Bereiche der Gesellschaft für auch nur einen Moment lockerte.

In einem Land mit 17 Millionen Einwohnern unterhielt sie eine Armee von 200.000 voll- und nebenamtlichen Stasi-Spitzeln, um jeden Aspekts des Lebens ihrer Bürger zu überwachen. Die Stasi sammelte sogar kleine Geruchsproben von verdächtigen Elementen, damit sie Hunde auf sie ansetzen könnte, falls sie sie verhaften wollte. Die Proben wurden sorgfältig in Plastiktüten aufbewahrt. Wie auf vielen anderen Gebieten vereinigte die Stasi Effizienz und Monströsität mit Inkompetenz.

Die Bürokratie fürchtete nicht nur politische Opposition, sie fürchtete auch jeden unabhängigen oder originellen Gedanken. Künstler wurden besonders scharf überwacht, obwohl die meisten von ihnen völlig unpolitisch waren."

Der Charakter der DDR und der Sowjetunion ist eine kritische Frage der Geschichte und der Perspektiven. Verwirrung über diese Frage führt zu verheerenden Konsequenzen, wie die Ereignisse in der früheren Sowjetunion und in Osteuropa in den vergangenen zehn Jahren gezeigt haben. Die Restauration ungehinderter Marktverhältnisse in diesem Welt hat zu einer sozialen Katastrophe ungekannten Ausmaßes geführt.

Deshalb können wir auch nicht Millers Frage unkommentiert lassen: "Könnte es nicht sein, dass dieser Film von den politisch Rechten begrüßt wird, weil er den Sozialismus stärker kritisiert als den Kapitalismus?" Erneut werden hier die osteuropäischen Staaten fälschlicherweise mit Sozialismus identifiziert. Dies führt offen gesagt in die Richtung jener alten stalinistischen Lüge, jeder neue oder alte Kritiker jener Unterdrückerregime sei ein "Antisozialist" und helfe dem Feind. Ein ernster politischer Fortschritt ist heute nur auf der Grundlage eines gewissenhaften Studiums der Geschichte der sozialistischen Bewegung im zwanzigsten Jahrhundert möglich, insbesondere des Kampf gegen den Stalinismus, den Trotzki und die Vierte Internationale geführt haben.

Siehe auch:
Ein Interview mit dem Filmregisseur Volker Schlöndorff
(13. Februar 2001)

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