Ein Interview mit dem Filmregisseur Volker Schlöndorff

Von Prairie Miller
13. Februar 2001

Im folgenden veröffentlichen wir ein Interview mit dem Filmregisseur Volker Schlöndorff, bekannt u. a. für seine Filme Die Blechtrommel und Die verlorene Ehre der Katharina Blum. 1999 drehte er den Film Die Stille nach dem Schuß, der auf der Berlinale 2000 gezeigt wurde. Schlöndorff behandelt darin die fiktive Geschichte einer Gruppe der Rote-Armee-Fraktion (RAF), die für terroristische Attentate verantwortlich waren und Zuflucht in der stalinistischen DDR gesucht hatten.

Das WSWS hat bereits eine Filmkritik (Filme der 50. Berlinale: Den Finger in die Wunde legen - Die Stille nach dem Schuss, von Stefan Steinberg, 17. März 2000) sowie ein Interview mit der Hauptdarstellerin (The big idea that everybody has: An interview with Bibiana Beglau, Von David Walsh, 5. Juni 2000) veröffentlicht. Die Stille nach dem Schuss ist ein Versuch, das Scheitern des Baader-Meinhoff-Terrorismus und des ostdeutschen Stalinismus aus einer linken Sicht zu verarbeiten. Schlöndorffs Ansicht, die DDR habe irgendwann einmal den Sozialismus repräsentiert, teilen wir nicht (siehe auch "Eine Antwort auf das Interview mit Filmregisseur Volker Schlöndorff"; von David Walsh). Dennoch macht er einige interessante und bedenkenswerte Bemerkungen.

Für Volker Schlöndorff bedeutet der Schluss des Films Die Stille nach dem Schuss zugleich ein Schlusskapitel seines eigenen Lebens. Schlöndorff schildert im Verlauf des Interviews, wie ihm die fiktive Geschichte einer RAF-Abteilung, die sich in der DDR versteckt hielt, dazu diente, über seine eigene Verwirrung über das Schicksal der Sowjetunion und Osteuropas am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hinwegzukommen. Während des Interviews hatte der Regisseur manchmal Mühe, die komplexen Entwicklungen, die er auf der Leinwand darstellen wollte, noch einmal zu durchdenken. Er betrachte manche meiner Fragen als schwierig, sagte Schlöndorff, aber auch als "sehr aufrüttelnd". - Prairie Miller.

Prairie Miller: Warum hast Du diesen Film gerade jetzt, in dieser geschichtlichen Situation und zu diesem Zeitpunkt Deinen Lebens gedreht?

Volker Schlöndorff: Ich war gerade in New York, als die Mauer fiel, und ich dachte, was suchst Du hier? Ich drehte gerade den Film The Handmaiden's Tale und sagte mir, ich müsste eigentlich in Berlin sein. Tatsächlich bin ich wieder dorthin gezogen.

Eine meiner ersten Geschichten fand ich in den Zeitungen: etwa elf westdeutsche Terroristen wurden in Ostdeutschland verhaftet, wo sie sich mit Hilfe der Stasi versteckt gehalten hatten. Ich dachte gleich, dies könnte eine Geschichte für einen Film sein. Wie hatten sie es überlebt, sozusagen das Leben der Arbeiterklasse zu führen. Und was könnte eine junge westdeutsche Frau mit anarchistischem Charakter motivieren, in den Osten zu gehen.

Aber zu jener Zeit wollte niemand die Verfilmung einer solchen Geschichte unterstützen. Die Dinge waren noch zu frisch in Erinnerung. Jetzt jedoch, zehn Jahre später und mit einer historischen Sicht auf die Ereignisse, waren die Mittel plötzlich da.

PM: Du hast erklärt, eine solche Geschichte habe nur in Deutschland stattfinden können. Warum?

VS: Zum einen wegen des besonders idealistischen Charakters der Hauptperson, die jede Beziehung zur Realität verliert und in gewisser Hinsicht zur Fanatikerin wird. Aber vor allem deshalb, weil wir in Berlin diese beiden Systeme hatten.

Die halbe Stadt war kapitalistisch und die andere Hälfte sozialistisch. Du konntest einfach per U-Bahn von einem System zum anderen fahren. Was für die Terroristen eine großartige Fluchtgelegenheit war! Wenn sie eine Bank im Westen überfallen hatten, sprangen sie eben in die U-Bahn, und flugs waren sie im sozialistischen Osten und in Freiheit.

Ostdeutschland hatte außerdem für uns eine besondere Bedeutung. Es war das Deutschland, das nach dem Zweiten Weltkrieg einen Staat aufbauen wollte, der nie wieder faschistisch sein würde. Es war ein sehr ehrlicher Versuch von Leuten wie Brecht, die aus der amerikanischen Emigration oder anderen Exilorten zurückkehrten, um nach dem Krieg einen wirklich pazifistischen, nie wieder faschistischen Staat zu schaffen.

Aufgrund des Kalten Kriegs und der Unmöglichkeit, eine sozialistische Wirtschaft aufzubauen, schien dann alles schief gelaufen zu sein. Die Gründungsväter dieses Staates haben es jedoch wirklich gut gemeint.

PM: In welchem Verhältnis steht Ritas Ideologie zu Deinen eigenen politischen Ansichten?

VS: Ich habe Sympathie für rebellische Charaktere. Ihre Politik war falsch, der Terrorismus führte nirgendwo hin. Aber die Grundlage ihrer Rebellion, der Versuch, eine Brücke zur Dritten Welt zu bauen und den Befreiungskampf in die westlichen Städte zu tragen, diese Auffassungen klangen in den 70-er Jahren glaubwürdig.

So identifiziere ich mich mit Rita in ihrer Rebellion und ihrer Offenheit gegenüber anderen Menschen. Ja, sie ist jemand, den ich sehr mag. Solche Charaktere rufen immer noch meine Neugier hervor, einfach weil sie gegen den allgemeinen Strom schwimmen. Sie scheitern, aber bekanntermaßen ertrinken die besten Schwimmer manchmal zuerst.

PM: Welche Auswirkung hat das Ende der Sowjetunion auf Deine eigenen politischen Ideale gehabt?

VS: Ich empfinde ein Gefühl des Verlusts. Es bedeutete das Ende des Sozialismus in Europa, und es gab einen Gewinner., den Markt. Verlierer waren all die Ideale der Linken, für die sich so viele Menschen in den letzten 150 Jahren geopfert hatten.

Somit war es für mich ein Verlust. Wir wussten natürlich, dass die Sowjetunion nicht funktionierte. Doch schließlich gab es viel Ungerechtigkeit in der Welt, als diese Ideale im 19. Jahrhundert erstmals aufkamen. Wir waren der Überzeugung, wir müssten etwas dagegen tun. Du weißt schon, den berühmten Aufruhr für eine bessere Welt.

Nachdem die Sowjetunion gescheitert ist, finden wir uns in einer Welt wieder, in der es immer noch so viel Ungerechtigkeit gibt, aber wir offensichtlich nichts mehr dagegen machen können! Der globale Markt wird es richten, sagen sie uns. Na ja, ich glaube nicht so ganz daran.

PM: Mit welchen Problemen warst Du beim Drehbuch für Die Stille nach dem Schuss konfrontiert? Wieviel Zugeständnisse musstest Du machen, als Du die Geschichte überarbeitet und personalisiert hast, um Einwänden zu begegnen, sie sei zu politisch und zu umstritten?

VS: Heutzutage erzählt man uns, niemand wolle mehr politisches Kino sehen, und das junge Publikum habe kein Interesse mehr an politischen Ideen. Das mag wahr sein. Doch wenn man von einem Menschen erzählt, der von politischen Ideen inspiriert ist, und wenn man dies auf emotional bewegende Weise darstellt, kann man eine solche Geschichte noch sehr wohl bringen. Davon bin ich überzeugt. Dieser Film dreht sich nicht um politische Ideen, sondern um Menschen, die um politische Ideen kämpfen. Es geht um Menschen und ihre Beziehungen.

Außerdem tendieren Produzenten immer dazu, das Publikum bzw. die Neugier der Leute zu unterschätzen. Immerhin wurde der Film inzwischen in Deutschland, Polen, Ungarn, Japan und Kanada gezeigt. Das beweist, dass es diese Neugier gibt.

Man muss sich doch fragen, wie soll ein Mensch ohne Ideen überleben? Soll das Leben nur aus Konsum, aus lebenslangem Shopping bestehen? Wird uns das ausfüllen? Ich glaube nicht. Wir werden immer ein Bedürfnis haben, unserem Leben einen Sinn zu geben.

Genau eine solche Figur zeigen wir in dem Film. Rita ist eine junge Frau, die sich nach einer besseren Welt sehnt. Sie mag gescheitert sein, aber sie überragt trotzdem den Durchschnittsmenschen durch ihr Streben für eine andere Welt.

PM: Warum hast Du entschieden, die Charaktere nach ihren Idealen handeln zu lassen, ohne die Kämpfe in der Welt zu zeigen, die sie inspiriert hatten?

VS: Wir hatten die Wahl, entweder einen Film über Terrorismus oder einen Film über eine Terroristin, die sich versteckt, zu drehen. Ersteres habe ich bereits in meinen früheren Filmen verwirklicht. Aber die Gegenüberstellung der Ideale einer Terroristin mit der Wirklichkeit fand ich besonders reizvoll. Deshalb war ich nicht daran interessiert, irgendwelchen historischen Hintergrund aufzuzeigen. Ich wollte die zwei Gesellschaften im Osten und im Westen gegeneinander stellen und Ritas utopische Ideen an der Wirklichkeit messen.

PM: Könnte es nicht sein, dass dieser Film von den politisch Rechten begrüßt wird, weil er den Sozialismus stärker kritisiert als den Kapitalismus?

VS: Nein. Erstens glaube ich nicht, dass Rechte in ein Programmkino gehen. Zweitens ist der Film sehr dialektisch und bleibt subversiv, insofern er Sympathie für aufrührerische Charaktere äußert. Und der Film zeigt seine Sympathie für ihre utopischen sozialistischen Ideale. Deshalb sehe ich keinen Grund, dass irgend jemand den Film benutzen könnte.

PM: Warum hast Du als Hauptperson des Films eine Frau und nicht einen Mann genommen?

VS: Das ist eine sehr gute Frage. Rita hat fast die Statur einer Heiligen. Sie ist real und gleichzeitig nicht real. Man glaubt, dass Rita alles für ihre Überzeugungen opfern würde. Sie ist sehr uneigennützig, überhaupt nicht egoistisch und denkt nie über sich selbst nach. Sie handelt stets für andere.

Ein männlicher Terrorist würde, glaube ich, immer ein gewisses machoistisches Verhalten an den Tag legen. Die Geschichte würde sich anders darstellen. Ich denke, dass eine solche Leidenschaft einfach mehr eine Qualität von Frauen ist.

Der Film Marianne und Juliane(1981), den ich gemeinsam mit Margarethe von Trotta produziert habe, ist eigentlich der erste Teil von Die Stille nach dem Schuss. Er könnte den Anfang von Ritas Leben darstellen, als sie noch aktiv war. Und der zweite Film zeigt sie mit der Möglichkeit, ein völlig neues Leben mit einer neuen Identität zu führen. Somit ist dieser Film das Schlusskapitel von Marianne und Juliane.

PM: Das heißt, Du planst keinen weiteren Folgen?

VS: Nein. Ich bin überzeugt, dass jüngere Generationen in der Zukunft neue Ideale finden werden. Die Menschen können meiner Meinung nach nicht ohne utopische Hoffnungen leben.

PM: Warum hast Du entschieden, den Film auf Englisch The Legends of Rita statt The Stillness After the Shot zu nennen?

VS: Letzteres hatte für mich einfach nicht den richtigen Klang. Ich habe selbst den Titel geändert, weil ich keine korrekte Übersetzung finden konnte. Außerdem liebe ich die Doppeldeutigkeit des Begriffs "Legende", der im Polizistenjargon auch "falsche Identität" bedeutet.

PM: Welcher Deiner Filme ist Dir am wichtigsten?

VS: Man versucht natürlich, alle seine Kinder zu lieben, und ich habe mittlerweile fast dreißig Filme gedreht. Die Blechtrommel(1979) hat für mich herausragende Bedeutung, denn wenn ich heute über meine eigene Kindheit nachdenke, dann erinnere ich mich an Oskars Kindheit in Die Blechtrommel.

Und ich habe, das klingt seltsam, eine besondere Vorliebe für meinen letzten Film. Ich habe das Gefühl, mich selbst in ihm wiedergefunden zu haben. Ich bin nicht mehr verzweifelt, und dafür bin ich Rita dankbar!

Solch ein Charakter klopft gewissermaßen an meine Tür und bittet, seine Geschichte zu erzählen. So ist es buchstäblich mit Rita passiert. Nun wartet ich auf den nächsten Charakter, der kommt und mich findet.

PM: Glaubst Du, dass Filme zur Aufklärung der Menschen und zur Veränderung der Gesellschaft beitragen können?

VS: Ich weiß nicht, ob Filme die Gesellschaft ändern können. Aber ich glaube, wir brauchen Filme, die das Gewissen anrühren, um unser Leben zu bereichern. Dies kann das Kino leisten. Die Dinge aus der Perspektive zu betrachten und plötzlich festzustellen, dass Menschen an anderen Orten und zu anderen Zeiten ähnliche Kämpfe geführt haben wie wir heute, das ist tatsächlich lehrreich, bereichernd und ermutigend. Wir brauchen das einfach. Ich glaube, Kunst ist für uns eine große Hilfe, um zu überleben.

Siehe auch:
Eine Antwort auf das Interview mit Filmregisseur Volker Schlöndorff
(13. Februar 2001)

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