Schatten der Vergangenheit

Reaktionen auf ein Buch

15. Mai 2001

Im Dezember 2000 erschien das Buch "Der Reichstagsbrand. Wie Geschichte gemacht wird" ("edition q", Berlin, 863 Seiten) von Alexander Bahar und Wilfried Kugel, dem langjährige Recherchen der beiden Autoren vorausgegangen waren. In einer Vorabbesprechung im Focus(4. Dezember 2000) schrieb Ulrich Völklein:

"Der Historiker Alexander Bahar (40) und der Psychologe und Physiker Wilfried Kugel (51) stießen [...] auf interessante Ungereimtheiten, unterdrücktes Beweismaterial und gewichtige Indizien. Diese legen eine maßgebliche Nazi-Beteiligung am Reichstagsbrand nahe [...] Diese Tatversion kann einen neuen Historikerstreit auslösen."

Bereits zu Beginn des Jahres 2000 berichtete Die Welt ausführlich und kontrovers über einen in der Historischen Zeitschrift erschienenen Beitrag von Jürgen Schmädeke, Alexander Bahar und Wilfried Kugel: "Der Reichstagsbrand in neuem Licht" (Bd. 269, 1999, S. 603-651). Darin präsentierten die Autoren ihre Forschungsergebnisse zum Reichstagsbrand erstmals zusammenfassend der Fachwelt, nachdem sie sich zu verschiedenen Aspekten des Themas bereits zuvor in anderen Zeitungen und Zeitschriften geäußert hatten. Am 21. Dezember 2000 berichtete Ansgar Graw in der Welt unter dem Titel "Der Widerspenstige" über den inzwischen öffentlich ausgebrochenen Streit um die Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an Rudolf Augstein. Zu den Forschungen der Autoren hieß es in einer Randnotiz knapp: "In jüngster Zeit werden allerdings wieder Zweifel an der Lesart geäußert, das [Nazi-]Regime habe mit dem Reichstagsbrand nichts zu tun gehabt".

Ähnlich wie Focus äußerte sich die Berliner Morgenpost am 10. Januar 2001: "Zu bestätigen ist den Autoren allerdings, dass ihre enorm gründliche Vertiefung in erst neuerdings zugängliche Akten (insgesamt 50.000 Blatt!) das Bild weiter aufhellt. [...] Der Begriff [des Indizienbeweises] gibt ihrer Arbeit einen kriminalistischen Beigeschmack. Nicht zu unrecht."

Nach einem längeren und angesichts einer intensiven Pressearbeit des Verlags fast gespenstisch anmutenden Schweigen im Blätterwald startete am 22. Februar 2001 der als Wadenbeißer in Sachen Reichstagsbrand bekannte Berliner Historiker Henning Köhler in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Art Generalangriff auf die Forschungen der Autoren.

Unter dem suggestiven Titel "Bis sich die Balken biegen" überhäufte Köhler die Autoren in geradezu hysterischem Tonfall mit unqualifizierten Fälschungsvorwürfen und üblen Diffamierungen, indem er dreist behauptete, alle von den Autoren vorgetragenen Argumente seien längst als "Phantasieprodukte und Fälschungen", "Legenden" und "Klitterungen" widerlegt worden. Köhler, der bereits in der Vergangenheit mit unqualifizierten Attacken gegen Kritiker der Spiegel -Thesen hervorgetreten war, polemisierte unterhalb der Gürtellinie und unter Missachtung jeder Logik: "Die Methode, nach der das Machwerk [gemeint war unser Buch!] verfertigt wurde, ähnelt dem der Holocaustleugner, man biegt und dreht und fälscht ein Konstrukt zusammen, von dem man hofft, dass es die von der Schuld der Nazis Überzeugten neu motivieren wird." Köhlers großsprecherisches Fazit: Der Versuch der Autoren, die Schuld der Nazis nachzuweisen, sei "kläglich gescheitert". Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass die angeblich so seriöse FAZ sich ohne Begründung weigerte, einen Leserbrief der Autoren mit zahlreichen sachlichen Richtigstellungen zu veröffentlichen.

Am 26. Februar 2001 zog die Hannoversche Allgemeine Zeitung mit einem Beitrag von Ekkehard Böhm unter dem Titel "Noch eine wilde Geschichte" nach. Zwar musste der Rezensent einräumen, "dass die Untersuchungen und der Prozess vor dem Reichsgericht Leipzig gegen van der Lubbe 1933 nicht so geradlinig verlaufen sind, wie die Verantwortlichen nach 1945 behauptet haben. Es gab politischen Druck, und es wurden Spuren außer Acht gelassen, um eine kommunistische Schuld am Brand zu konstruieren..." Auf eine Auseinandersetzung mit den von uns vorgetragenen Indizien und Fakten ließ man sich jedoch gar nicht erst ein und urteilte pauschal: "Den Gegenbeweis, dass die Nationalsozialisten oder andere die Täter waren, bleiben die Autoren aber schuldig. [...] Bahar und Kugel greifen zu abenteuerlichen Windungen, um ihre These zu ‚belegen‘." Böhm konstatierte weiter "persönliche Verdächtigungen und Unterstellungen [...] bis hin zur Beleidigung" des Spiegel -Herausgebers Rudolf Augstein, der "mit der Veröffentlichung von Tobias‘ Serie die Nationalsozialisten" habe reinwaschen wollen - in seiner Redaktion hätten "Altbraune" gesessen.

Die Vorwürfe der Autoren gegen Augstein basieren allerdings auf harten Fakten, auf die in der Vergangenheit insbesondere eine Forschergruppe um den Schweizer Historiker Walther Hofer und der Medienwissenschaftler und langjährige Leiter des "Adolf-Grimme-Instituts", Lutz Hachmeister, in seiner Biographie des SS- und SD-Führers Adolf Sixt ("Der Gegnerforscher") hingewiesen hatten. Zu den ehemaligen NS-, SS- und SD-Führern, die in oder für die Spiegel -Redaktion arbeiteten, gehörten Wilfred von Oven (Ex-Pressereferent von Goebbels), Rudolf Diels, Paul Karl Schmidt, Georg Wolff, Horst Mahnke, Bernhard Wehner etc.

Zu den braunen Flecken in seiner Vergangenheit, insbesondere zu Paul Karl Schmidt (alias Paul Carell), Mitautor der Spiegel -Serie über den Reichstagsbrand von 1959/60, gab das Magazin schließlich in einem am 9. April 2001 ( Spiegel 15/2001) erschienenen zehnseitigen Beitrag "Flammendes Fanal" von Klaus Wiegrefe erstmalig eine öffentliche Rechtfertigung ab: "Der Vorwurf, altbraune Journalisten hätten beim SPIEGEL bei der Reichstagsbrandserie Hand angelegt, ist schon 1960 erhoben worden. Nach dem Krieg heuerten in der Tat Journalisten und andere Deutsche, die Hitler willig zu Diensten waren, in den neuen Zeitungen und Zeitschriften der Bundesrepublik an; eine gute Hand voll, auch das ist seit Jahren bekannt, beim SPIEGEL. Einer von ihnen war Paul K. Schmidt, der ehemalige Pressechef von Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop. Er war freier Mitarbeiter beim Springer-Verlag und arbeitete gleichzeitig eine Weile für den SPIEGEL. In der Öffentlichkeit wurde Schmidt unter dem Pseudonym Paul Carell als Autor von Landserromanen bekannt. Schmidt hatte vor der Deportation der ungarischen Juden aus Budapest 1944 vorgeschlagen, ‚äußere Anlässe und Begründungen für die Aktion (zu schaffen -Red.), zum Beispiel Sprengstoff-Funde in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen...'. 1950 hatte ihn die britische Militärregierung der ‚Welt' als Mitarbeiter empfohlen, möglicherweise in Unkenntnis solcher Vermerke. Mit dem Reichstagsbrand hatte Schmidt allerdings nichts zu tun."

1959 hatte Rudolf Augstein im Spiegel"Endgültiges" verkündet: "Über den Reichstagsbrand wird nach dieser SPIEGEL-Serie nicht mehr gestritten werden. Es bleibt nicht der Schatten eines Beleges, um den Glauben an die Mittäterschaft der Nazi-Führer lebendig zu erhalten. Einer Jahrhundert-Legende wird der Todesstoß, oder, um im Bilde zu bleiben, der Dolchstoß versetzt. Wir haben künftigen Geschichtsschreibern ein kleines Stück Kärrner-Arbeit abgenommen, was dem Journalisten nur höchst selten und mit viel Glück vergönnt ist."

2001 hieß es nun aber plötzlich kleinlaut: "Bei fast allen großen Kriminalfällen gibt es ein Restquantum an widersprüchlichen Zeugenaussagen, abweichenden Spuren, unerklärlichen Hinweisen. Beim Reichstagsbrand sind solche Unwägbarkeiten besonders zahlreich. [...] Die Alleintäter-These bleibt die plausibelste Variante." Augstein und sein Spiegel haben also den geordneten Rückzug aus der "Alleintäter-These" eingeläutet!

Dazu sah sich der Spiegel genötigt, nachdem kurz vor Jahreswende die Debatte darüber öffentlich ausgebrochen war, ob der vom Preisrichter und FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher für den Ludwig-Börne-Preis nominierte Augstein auch wirklich ein würdiger Preisträger sei. Zur Sprache kamen dabei u.a. die "braunen Flecken" in der "Spiegel-Vergangenheit": die Beschäftigung ehemaliger NS-Führer in der Spiegel -Redaktion", Augsteins Rolle bei der Etablierung der Alleintäter-These zum Reichstagsbrand sowie der Vorwurf des latenten Antisemitismus, den der Spiegel -Herausgeber mit zumindest zweideutigen Äußerungen genährt hatte. Angesichts dieser Vorwürfe klingt Schirrmachers Begründung für die Preisverleihung an Augstein geradezu wie Hohn, dieser habe es mit seinem Magazin der Bundesrepublik ermöglicht, "wieder in ein Gespräch mit sich selbst und der Umwelt einzutreten. Er hat dem Land damit innere Freiheit wiedergegeben". Augstein stehe damit wie kaum ein anderer in der aufklärerischen Tradition, die der Schriftsteller und Journalist Ludwig Börne (1786-1837) der deutschen Geistesgeschichte begründete". (Thomas Schuler, "Der Mantel der Milde", Berliner Zeitung, 6. November 200).

Die Vorwürfe gegen Augstein stimmten offenbar auch den Gründer und Vorsitzenden der "Ludwig-Börne-Stiftung", Michael Gotthelf, nachdenklich. Immerhin war der revolutionäre Demokrat und politische Journalist Börne ein radikaler und unbestechlicher Vorkämpfer für die geistige und soziale Freiheit, der mit dem Mittel des Wortes gegen Feudalabsolutismus und reaktionären Nationalismus zu Felde gezogen war. Einen politisch zweifelhaften oder gar unwürdigen Preisträger konnte man sich bei diesem Namensgeber nicht leisten.

Am 31. Januar 2001 mahnte Gotthelf in der Süddeutschen Zeitung daher "eine kritische Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit beim ‚Spiegel‘ mit einer Überprüfung der Reichstagsbrandthese im Licht neuer Fakten" an.

Soweit wollte man beim Spiegel dann aber doch nicht gehen, und so erfüllte man Gotthelfs Auflage wenigstens pro forma - offenbar um eine weitere Verschiebung der Preisverleihung oder gar die Aberkennung des Preises zu verhindern. Gleichzeitig gab man sich die größte Mühe, den Spiegel -Leser über die tatsächlichen Forschungsergebnisse und Argumente der Autoren im Unklaren zu lassen und Verwirrung zu stiften.

Da werden zunächst einmal die Kritiker der Spiegel -Thesen (Gerhard Brack, Hersch Fischler, Wilfried Kugel und Alexander Bahar) als "Vierer-Gruppe" von "akademischen Außenseitern" vorgestellt und suggeriert, diese arbeiteten in einem Forschungsteam zusammen, um sich gleichzeitig über angebliche interne Widersprüche innerhalb dieses Teams mokieren und diese gegeneinander ausspielen zu können.

Tatsächlich bestehen zwischen den unabhängig voneinander arbeitenden Forscherteams Brack/Fischler und Bahar/Kugel nicht mehr Gemeinsamkeiten als zwischen beliebigen, am gleichen Forschungsgegenstand arbeitenden Wissenschaftlern. Ihre Positionen sind in entscheidenden Fragen grundverschieden, diejenigen von Hersch Fischler in manchen Punkten (Verdächtigung der Deutschnationalen, Urheber des Reichstagsbrandes zu sein) tatsächlich so abenteuerlich, dass man versteht, was der Spiegel mit seinem Konstrukt einer "Vierer-Gruppe" bezweckt. In dieselbe Richtung zielte ganz offenkundig auch der Verzicht auf klare bibliographische Angaben. So wurde das Buch der Autoren nur als "Wälzer" vorgestellt und der Leser über Titel und Verfasser im Unklaren gelassen. Das Gleiche widerfuhr dem bereits genannten Aufsatz in der "Historischen Zeitschrift" - auch er wurde zwar beiläufig erwähnt, doch wieder ohne Angabe von Titel und Autoren. Klar auch, warum. Die Nennung des Mitverfassers Jürgen Schmädeke, langjähriger Mitarbeiter der Historischen Kommission zu Berlin und in der historischen Zunft beileibe kein Unbekannter, hätte schließlich das Konstrukt von den "akademischen Außenseitern" zerstört.

Die Spiegel -Methode, die Thesen seiner Kritiker zu vermischen, um diese dann wieder gegeneinander auszuspielen, machte auch bei der bis dahin in Sachen Reichstagsbrand beispielhaft unvoreingenommenen Neuen Zürcher Zeitung Schule (Holger Gumprecht: "Mutmaßungen. Eine neue Publikation zum Reichstagsbrand", NZZ, 25. April 2001, S.66.) Darin suggeriert der Rezensent Holger Gumprecht zunächst, die bis 1986 in Ostberlin lagernden Akten der Reichstagsbrandkommission seien in der DDR nicht veröffentlicht worden, was sachlich falsch ist, denn es erschienen in Ostberlin 1982 und 1989 zwei diesbezügliche Dokumentenbände, ein dritter war 1990 in Arbeit. Gumprecht behauptet weiter: "Daraus, dass die DDR-Oberen dies [die Veröffentlichung der Unterlagen und ihre politische Auswertung] unterließen, schließen Bahar und Kugel, das Material habe für eine (allerdings unbeweisbare) Erpressung der Beteiligten dienen sollen."

Diesen ihnen unterstellten sachlich falschen Schluss haben die Autoren (im Gegensatz zu anderen) keineswegs gezogen - auch hier werden also wieder Positionen unterschiedlicher Spiegel -Kritiker miteinander vermischt - ganz offensichtlich in die Autoren diskreditierender Absicht.

Weniger geschickt als der Spiegel -Beitrag, der konkrete Angriffe in auffälliger Weise vermeidet, attackiert Gumprecht die Autoren direkt, indem er ihre Forschungsergebnisse verfälscht und diffamiert: So ist die Rede von "Ungereimtheiten, die der gesunde Menschenverstand nicht hinzunehmen bereit ist, die für die Autoren aber den Stellenwert des Beweises haben. Selbst eine so zwielichtige Gestalt wie [...] Hanussen muss für ihre Argumentation herhalten". Unterschlagen werden auch die gravierenden Indizienbeweise für die viel zu frühe Anwesenheit Görings im brennenden Reichstag. Hierzu heißt es nur dreist: "Warum hätte Göring dies tun sollen?" Gleichzeitig lobt der Rezensent Stil und Lesbarkeit des Buches und attestiert den Autoren, akribisch recherchiert zu haben: "So skeptisch man dieser Veröffentlichung auch gegenüberstehen kann, eines wird niemand den beiden Verfassern absprechen wollen: Ihnen ist es gelungen, ihr Thema nicht nur auf geradezu spannende Weise zu präsentieren, sondern auch in einem bemerkenswert lesbaren Stil. Überdies fällt positiv ins Gewicht, dass sie in ihrer akribisch recherchierten Dokumentation den heute eher weniger bekannten Hintergründen viel Platz einräumen. Das macht das Buch auch weit über den Streitfall ‚Reichstagsbrand‘ hinaus zu einer lohnenswerten Lektüre."

Die bei aller inneren Widersprüchlichkeit tendenziell diffamierende NZZ -Rezension ist insofern erstaunlich, als die NZZ bereits am 19./20. August 1995 (S. 41) den Beitrag der Autoren "Der Reichstagsbrand - Ein Zeichen Gottes. Neue Hinweise auf eine selbst inszenierte Aktion der Nazis" publiziert und damit die Diskussion der neu verfügbaren Akten zum Kriminalfall Reichstagsbrand eingeleitet hatte. In diesem Beitrag berichteten die Autoren unter anderem, dass der mit hohen SA-Führern befreundete "Hellseher" Hanussen nachweislich die Reichstagsbrandstiftung bereits (spätestens) am Abend vor dem Ereignis "vorausgesehen" hatte. In ihrem Buch weisen die Autoren darüber hinaus nach, dass Göring derart früh am brennenden Reichstag erschienen war, dass er vor Polizei und Feuerwehr von der Brandstiftung gewusst haben muss. Beides aber beweist, dass die geplante Brandstiftung vorher bekannt gewesen sein muss und dass die Täter in Nazi-Kreisen zu suchen sind.

Noch am 8. Dezember 2000 schrieb Joachim Güntner in der NZZ("Fragen um Rudolf Augstein") bezüglich der Reichstagsbrandstiftung: "Tatsächlich gelang es Augstein und dem "Spiegel", die Geschichte vom Alleintäter van der Lubbe über Jahrzehnte als kanonisch durchzusetzen. [Die inzwischen der Forschung zugänglichen Ermittlungsakten der Reichstags-brandkommission aber] entlarven nun Dokument um Dokument die ‚Spiegel‘-Version als Legende. [...] Vernachlässigung der journalistischen Sorgfaltspflicht ist das mindeste, was den Blattmachern vorzuwerfen wäre." Von Augstein, seinem Spiegel und dessen Geschichtsfälschungen (Güntner spricht von einem "Sündenregister Augsteins, das geeignet ist, den journalistischen Ruf des ‚Spiegel‘-Chefs‘ nachhaltig zu schädigen") ist aber plötzlich bei Gumprecht mit keinem Wort mehr die Rede. "Herrscht etwa vor der für den 13. Mai 2001 geplanten Verleihung des mit 40.000 DM dotierten "Ludwig-Börne-Preises" für kritischen Journalismus - skandalöserweise ausgerechnet an Rudolf Augstein - jetzt Waffenruhe?" fragten die Autoren in einem bislang unveröffentlichten und unbeantworteten Leserbrief an die NZZ -Redaktion.

Unbeeinflusst von den Attacken der deutschsprachigen Leitmedien gegen die Forschungsergebnisse der Autoren erschienen ausgewogene bis ausgesprochen positive Besprechungen des Buches u. a. in den Rundfunkprogrammen von SFB, NDR, SWR II sowie in "G/Geschichte" (4/2001) im Weser-Kurier(21. April 2001) und auf der World Socialist Website(27. Februar und 13. März 2001.)

In der April-Ausgabe (4/2001) der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft( ZfG) meldete sich schließlich auch Hans Mommsen zu Wort, der einst als aufstrebender und um Anerkennung bemühter junger Wissenschaftler und Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte in München den Spiegel -Thesen seinen wissenschaftlichen Segen erteilt hatte. Dass hierbei allerdings nicht wissenschaftliche Motive, sondern ganz offenbar politische Interessen den Ausschlag gaben, bestätigt ein Aktenvermerk Mommsens von 1963. Darin bezeichnete Mommsen die Veröffentlichung eines damals bereits vom Institut in Auftrag gegebenen Gutachtens, dessen Autor, der Historiker und Oberstudienrat Hans Schneider, der Alleintäter-These aufs Schärfste widersprach, als "aus allgemeinpolitischen Gründen... unerwünscht". Das Veto Mommsens zeitigte Wirkung - das genannte Gutachten wurde nicht veröffentlicht, statt dessen wurde Mommsen mit der Überprüfung der Spiegel -Thesen betraut, die er sich in einem vor Fehlern strotzenden Beitrag in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte kritiklos und wider besseren Wissens zu eigen machte - ein skandalöser Vorgang.

In seinem kaum zitierenswerten Beitrag in der ZfG bemüht sich Mommsen in völlig unsubstantiierter Weise, die von den Autoren vorgelegten neuen Fakten und Indizien für eine NS-Urheberschaft am Reichstagsbrand wider besseren Wissens als alte und bedeutungslose Kamellen hinzustellen - peinlich!

Die von den Autoren in ihrem Buch nach jahrelanger Arbeit vorgelegte umfängliche Indizienkette lässt nur einen Schluss zu: Die NS-Führung war nicht nur Nutznießerin des Reichstagsbrandes, der ihr als Vorwand für die bereits am nächsten Tag erlassenen Notverordnungen zur Suspendierung der elementarsten bürgerlichen Grundrechte und zur Ausschaltung und Inhaftierung ihrer politischen Gegner vor den eilig für den 5. März 1933 vorgezogenen Reichstagswahlen diente. Auch als Drahtzieher und Urheber des Reichstagsbrandes kommen ausschließlich die Nationalsozialisten in Frage - aller Wahrscheinlichkeit nach ein nachgewiesenes SA-Brandstifterkommando. Nicht zuletzt haben die Autoren in ihrem Buch auch die Rolle des Spiegel bei der Legendenbildung um den Reichstagsbrand aufgearbeitet, die der Schweizer Historiker Walther Hofer unter Bezugnahme auf den oben zitierten Spiegel -kritischen NZZ -Beitrag in derselben Zeitung (Noch einmal: der Reichstagsbrand, NZZ, 11. Mai 2001) wie folgt beschreibt:

"Dabei [bei der Kritik um Rudolf Augstein im Zusammenhang mit der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises] geht es um zwei Punkte. Einerseits um die ‚braunen‘ Flecken des Magazins, d. h. die Beschäftigung ehemaliger NS-Funktionäre an maßgeblichen Stellen der Redaktion in der Nachkriegszeit (eine peinliche Sache, die man geflissentlich zu vertuschen sucht) und andererseits um die Spiegelversion des Reichstagsbrandes, wonach es sich um die Tat eines Einzelgängers gehandelt habe, Nazis also in keiner Weise involviert gewesen seien. [...]

Die beiden kritisierten Tatbestände stehen, was allzu lange übersehen wurde, in einem inneren Zusammenhang. Und zwar derart, dass bei der ‚Zusammenbastelung‘ der Alleintäterversion einige der erwähnten NS-Funktionäre kräftig mitgemischt haben. Ehemalige Gestapoleute - bis hinauf zum ersten Chef der Gestapo - durften in Augsteins Blatt als Erste die Version von der Unschuld der Nazis in großer Aufmachung verkünden. Sie galten unbesehen als zuverlässige Zeugen."

Mit der Aufdeckung der Spiegel -Geschichtsklitterung um den Reichstagsbrand ist die Glaubwürdigkeit des Hamburger Nachrichtenmagazins, dieses laut Selbsteinschätzung "Sturmgeschütz(es) der Demokratie", nachhaltig schwer erschüttert. Dies wird Fragen nach der Rolle des Spiegel auch in anderen gesellschaftlich und politisch relevanten Fragen und Debatten in der öffentlichen Meinungsbildung schlechthin nach sich ziehen. Über den Reichstagsbrand hinaus gab und gibt es zahlreiche Fälle, wo der Spiegel ganz entschieden nicht auf der Seite von Freiheit und Aufklärung stand und steht, wie er dies selbstgerecht gern für sich in Anspruch nimmt.

Auf die Konsequenzen des Augstein-Skandals weist Martin Rönnberg auf seiner Website (www.marinus-van-der-lubbe.de) in aller Deutlichkeit hin:

"Die Kritiker [der vom Spiegel verbreiteten Alleintäter-These] fordern eine Aufklärung der Frage, welchen politischen Druck Augstein damals veranlaßte, die verfälschende und vom wirklichen Tatbestand ablenkende Alleintäterthese zu verbreiten. Bis heute ist Herr Augstein dieser Pflicht nicht nachgekommen. Er muß aussagen, wie es zur Verbreitung der These und zur Beharrung auf deren Richtigkeit gekommen war. Ferner sollte er über die Verbindungen des ‚Spiegel‘ zu den Nachrichtendiensten in den fünfziger und sechziger Jahren Auskunft geben. Dabei ist nicht nur interessant zu erfahren, welche Nazi- und Nachkriegs-Nachrichtendienstler aktiv für den ‚Spiegel‘ tätig waren, sondern vor allem in welchem Maße die Behörden der inneren Sicherheit bestimmen konnten, welche Stories der ‚Spiegel‘ aufdecken durfte und welche nicht. ‚Herausragend‘ wird das Lebenswerk Augstein erst, wenn er diese Schatten der Vergangenheit aufgeklärt hat, finden die Kritiker, und deshalb soll er den [Ludwig-Börne-]Preis auch erst dann entgegennehmen."

Augstein wird dies freilich nicht tun, denn packte er wirklich aus, dann müsste ihm der Ludwig-Börne-Preis wohl mit Sicherheit nachträglich wieder aberkannt werden.

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