Eine Präsidentenfamilie in Kriegszeiten

Von Joseph Kay
5. Mai 2001

"Abraham and Mary Lincoln: A House Divided", Produzent und Regisseur: David Grubin, eine Sendung des Public Broadcasting Systems aus der Reihe"The American Experience"

Die Anforderungen der Geschichte sind hart. Sie behandelt den Einzelnen anscheinend oft mit Gleichgültigkeit, ja sogar Verachtung, benutzt und wirft sein Leben nach Gutdünken fort, ohne Rücksicht auf persönliche oder familiäre Interessen.

In Bürgerkriegszeiten nimmt die Geschichte ihre grausamste Form an: Sie ruft Tausende von Männern dazu auf, auf dem Schlachtfeld zu sterben; sie stellt sehr hohe Anforderungen an die geistigen und emotionalen Fähigkeiten des Einzelnen und fordert - im Namen des Fortschritts - körperliche und geistige Opfer. Sie nimmt keine Rücksicht darauf, dass sie oder er auch andere Interessen haben könnten, dass sie oder er eine Familie gründen, lieben, spielen, glücklich sein, leben möchten.

Viele Tausende starben im amerikanischen Bürgerkrieg, ein Krieg, dessen objektives Ziel die Abschaffung der Sklaverei und der endgültige Sieg des Kapitalismus der freien Arbeitskräfte war. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wurde die Beseitigung der Sklavenhalter der Südstaaten als Klasse notwendig. Da diese Klasse ihr Eigentum - d. h. ihre Sklaven - nicht friedlich aufgeben wollte, wurde der Krieg unerläßlich. Dies war ein Ereignis von zutiefst demokratischer und Gleichheit schaffender Bedeutung. Abraham Lincoln hatte die Aufgabe, die Bourgeoisie des Nordens in diesem Krieg anzuführen, und er war eines seiner vielen Opfer.

Die dreiteilige sechsstündige Dokumentation "Ein zweigeteiltes Haus", die vom "Public Broadcasting System" (Öffentliche Rundfunkanstalt) im letzten Monat gesendet wurde, versucht zu analysieren, welche Auswirkungen der Bürgerkrieg auf das Leben der Lincolns - Abraham und seiner Frau Mary Todd - hatte. Die Dokumentation untersucht die Entwicklung ihrer Persönlichkeiten und in welcher Beziehung sie zu den gesellschaftlichen Bedingungen und historischen Ereignissen ihrer Zeit standen; sie liefert eine Menge Informationen über den Charakter und die politische Entwicklung Lincolns.

Was war das Besondere an Lincoln, das ihn im Augenblick der Krise 1861 zum Präsidenten machte? Welche Mischung aus Zufall und Notwendigkeit, Glück und bewusster Wahl stellte sicher, dass er und nicht ein anderes, möglicherweise schwächeres Individuum die Aufgabe zuerteilt bekam, die Streitkräfte des Nordens gegen die südstaatlichen Sklavenhalter zu führen? Wie beeinflussten und veränderten die Anforderungen der Geschichte das persönliche Leben von Lincoln und seiner Familie?

Diese Fragen sind sehr vielschichtig; aber die Dokumentation beschäftigt sich mit ihnen nur teilweise und zeitweise oberflächlich. Ganz allgemein jedoch bietet die Produktion - durch Schilderungen und Interviews mit vielen Historikern - einige interessante Aspekte des persönlichen Lebens von Lincoln und seiner Familie. Der Umgang mit Mary Todd in dieser Sendung, die oft als oberflächlicher und schwacher Charakter dargestellt wurde, die der Größe des Präsidenten unwürdig gewesen sei, ist besonders informativ. Die Dokumentation unterstreicht die außergewöhnlichen Fähigkeiten von Mary Todd und gibt uns damit ein besseres Verständnis der Beziehung zwischen beiden und von Lincoln selbst.

Lincoln und die Sklaverei

Der Untertitel der Dokumentation "Ein zweigeteiltes Haus" bezieht sich auf zwei Dinge. Zunächst einmal bezieht er sich auf den berühmten Satz "Ein Haus, das in sich entzweit ist, kann nicht stehen", den Lincoln in seiner Rede von 1858 benutzte; in dieser Rede akzeptierte er die Nominierung der Republikanischen Partei von Illinois, sich als ihr Kandidat für den US-Senat aufstellen zu lassen. Lincoln fuhr fort mit Worten, die seine Unterstützung für die endgültige Abschaffung der Sklaverei zusammenfassten:

"Ich glaube, dass diese Regierung nicht auf Dauer einen halb Sklaven- und halb freien Zustand dulden kann... Es wird entweder ganz das eine oder das andere werden. Entweder werden die Gegner der Sklaverei deren weitere Ausbreitung stoppen und die öffentliche Meinung davon überzeugen, dass sie endgültig auf dem Weg ist, ausgerottet zu werden, oder ihre Befürworter werden sie vorantreiben, sodass sie in allen Staaten gleichermaßen rechtmäßig wird."

Die vordringlichste soziale Frage dieser Zeit, die Frage, die immer häufiger den Inhalt jeder politischen Debatte bestimmte, war die der Sklaverei und ihrer Ausdehnung. Zugunsten der Dokumentation muss gesagt werden, dass sie Lincolns Einstellung gegenüber dieser Frage mit der Komplexität behandelt, die sie verdient. Lincoln war eigentlich nicht dafür, die Sklaverei abzuschaffen, wenigstens nicht bis zum Bürgerkrieg. Sein vorrangiges Ziel war die Erhaltung der Staatseinheit, und bis zum Ende des Jahres 1862 widersetzte er sich Bestrebungen innerhalb der eigenen Partei, eine Proklamation zur Sklavenbefreiung herauszugeben. Obwohl er beständig die Sklaverei verurteilte, sprach er sich dennoch - speziell während seiner Kampagne für den Senatorenposten 1858 - gegen die vollständige Rassengleichheit aus.

Die Entwicklung der Vorstellungen Lincolns über die Sklaverei verdient eine eingehendere Betrachtung, und die Dokumentation zeigt, in welcher Weise sich Lincolns Einstellung zu dieser Frage veränderte. Während Lincoln zunächst Forderungen nach einer Abschaffung der Sklaverei zurückwies, in erster Linie, weil er fürchtete, die Unterstützung der Grenzstaaten zu verlieren, gelangte er nach der "Emancipation Proclamation" (Proklamation zur Befreiung der Sklaven) 1862 zu der Ansicht, dass das vorrangige Ziel der Erhaltung der Staatseinheit untrennbar mit der Abschaffung der Sklaverei als Institution verbunden sei. Und darüber hinaus kam er zu der Überzeugung, dass die bürgerliche Gleichstellung ein moralisches Ziel an sich sei. Diese Überzeugungen kamen in der zu Recht berühmten Rede von Gettysburg 1863 zum Ausdruck - in dieser Rede beschwor Lincoln die Gleichheits-Ideale der amerikanischen Revolution - und genauso in Lincolns Rede zum zweiten Amtsantritt, die es wert ist, zitiert zu werden:

"Herzlich hoffen wir - und inbrünstig beten wir - dass diese mächtige Geißel des Kriegs schnell vorübergehen mag. Aber wenn Gott bestimmt, dass er dauern soll, bis der gesamte Reichtum, den die Sklaven in zweihundertfünfzigjähriger unbezahlter Plackerei angehäuft haben, vernichtet ist und bis jeder Tropfen Blut, den die Peitsche gefordert hat durch ein anderes Blut bezahlt wurde, welche das Schwert fordert, so wie es vor dreitausend Jahren verkündet wurde, dann muss dennoch gesagt werden:,Das Urteil des Herrn ist wahr und gerecht.'"

Einige Historiker haben argumentiert, Lincoln hätte kein großes Interesse an der Befreiung der Sklaven gehabt, und das werde durch die Tatsache bewiesen, dass die "Emancipation Proclamation" nur die Sklaven in den aufständischen Staaten befreite - d. h. in Staaten, über die die Bundesregierung keine unmittelbare Herrschaft hatte. Eine solche Argumentation ignoriert die Tatsache, dass die Sklaverei immer noch in der Bundesverfassung festgeschrieben war, dass Lincoln nach 1862 rückhaltlos die Bemühungen zu ihrer Abschaffung befürwortete und dass er nach dem Krieg einen Verfassungszusatz unterstützte, der die Sklaverei in der gesamten Republik abschaffen sollte.

Die Dokumentation bringt einige interessante Details in Bezug auf die Veränderungen, denen die Meinung Lincolns über Sklaverei und Rasse unterzogen war. Der große Kämpfer für die Sklavenbefreiung, Frederick Douglass, war anfangs wegen der Weigerung Lincolns frustriert, für die Befreiung der Sklaven einzutreten, und verärgert über Lincolns Vorschlag, das "Neger-Problem" durch eine Ausbürgerung nach Afrika zu lösen. Aber er schätzte Lincoln später sehr hoch, als dieser seine Ansichten änderte. Lincoln war der erste Präsident, der den Rat schwarzer Führer einholte, und Douglass erwähnte, dass Lincoln einer der wenigen weißen Männer war, in deren Gegenwart er nicht die geringste Spur von Diskriminierung oder Ablehnung empfand.

Die Dokumentation zeigt einen Vorfall, der die positive Veränderung von Lincolns Ansichten über Rasse und die moralische und politische Größe des Mannes verkörpert. Auf dem Empfang nach Lincolns zweiter Amtsantritts-Rede versuchten Beamte des Weißen Hauses, Douglass am Betreten des Hauses zu hindern. Lincoln griff jedoch persönlich ein, bestand darauf, dass Douglass hereingebeten wurde und begrüßte ihn wärmstens. Er war der erste Afroamerikaner, der an einem Amtseinführungs-Empfang teilnahm.

In seiner letzten öffentlichen Rede entwarf Lincoln ein Wiederaufbau-Programm, das einigen der Ex-Sklaven die Bürgerrechte verleihen sollte; eine Rede, die Douglass bewunderte, die aber ein anderes Individuum in der Menge - John Wilkes - als ausreichenden Grund ansah, den Präsidenten zu ermorden.

Lincoln und Mary Todd

Der Schwerpunkt der Dokumentation "Ein zweigeteiltes Haus" liegt jedoch nicht auf der amerikanische Gesellschaft als Ganzes, sondern vielmehr auf der Lincoln-Familie - und den Spannungen und Uneinigkeiten, die sich zwischen Abraham und Mary entwickelten. Die Spaltung des amerikanischen "Hauses" erzeugte Spannungen innerhalb des Hauses Lincoln, aber nicht weil das Paar über die Frage der Sklaverei zerstritten war.

Mary war eine Gegnerin der Sklaverei und eine entschiedene Anhängerin der Unionisten, obwohl ihre Brüder auf der Seite der Konföderation kämpften. Aber die Belastungen durch den Bürgerkrieg hatten einen äußerst zerrüttenden Einfluss auf die Familie Lincoln und speziell auf die psychische Stabilität von Mary. Die Dokumentation ist insofern interessant, als sie deutlich macht, auf welche Weise die gesellschaftlichen Bedingungen der Zeit die Psychologie der beiden formten - und letzten Endes die gesellschaftlichen Bedingungen durch ihre Psyche geformt wurden.

Die Beziehung der beiden begann natürlich weit vor dem Ausbruch des Kriegs. Sie heirateten im Jahr 1842. Mary Todd war die Tochter von Robert Todd, einem reichen Aristokraten aus Kentucky, der, obwohl er Sklaven besaß, im Prinzip ein Gegner der Sklaverei war. Er war ein Anhänger der "Whigs" (amerikanische Partei zu dieser Zeit), und im Haus der Todds war der bekannte Führer der Whigs, Henry Clay, ein häufiger Gast.

Mary, das vierte von sechs Kindern, hatte einen sehr reizbaren und empfindlichen Charakter; möglicherweise deshalb, weil Marys Mutter starb, als sie erst sechs Jahre alt war. Durch ihren Vater entwickelte sie ihr Interesse für Politik und ihre Gegnerschaft zur Sklaverei. Sie erhielt außerdem eine streng klassische Erziehung - eine Errungenschaft, die zu dieser Zeit für Frauen ungewöhnlich war - und beherrschte mehrere Sprachen fließend. Als sie Lincoln in Springfield, Illinois, begegnete, hatte sie eine angesehene Stellung in der Gesellschaft, und viele junge Männer bemühten sich um sie.

Die Dokumentation zeigt Mary als eine ehrgeizige junge Frau, intelligent, aber emotional instabil, die auf Grund der gesellschaftlichen Bedingungen dieser Zeit die Chance für ihren persönlichen Erfolg in der Heirat mit einem ehrgeizigen Anwalt und aufstrebendem Politiker sah. Während des größten Teils seiner politischen Karriere diskutierte Lincoln seine Politik mit ihr, und Mary schockierte treue Anhänger der Republikaner nach Lincolns Wahl damit, dass sie in Frage kommende Mitglieder seines Kabinetts vorschlug. Diese Tatsachen erklären, warum Lincoln, eine durch und durch politische Persönlichkeit, ihr sehr nahe blieb, trotz der traumatischen persönlichen Tragödie und den fürchterlichen Narben, die das nationale Trauma des Bürgerkriegs hinterließ.

Lincoln hatte eine völlig andere Kindheit. Seine Kindheit und Jugend hat im amerikanischen nationalen Gedächtnis einen fast mythischen Charakter angenommen. Er war der "Holzfäller", der arme, hart arbeitende Junge aus der Blockhütte, der seinen Weg bis ins höchste politische Amt der Vereinigten Staaten machte. Diese Geschichte enthält nichtsdestotrotz ein starkes Element an Wahrheit, denn seine Ursprünge waren sehr bescheiden. Er war der Sohn eines kleinen Bauern, der von Kentucky nach Indiana zog und von Indiana nach Illinois, Häuser baute und das Land rodete, dass er bebauen wollte. Karl Marx rühmte Lincoln als "zielstrebigen Sohn eines Arbeiters".

Obwohl Mary und Abraham sehr unterschiedliche gesellschaftliche Hintergründe aufwiesen, behauptet die Dokumentation, dass sie sich in gewissen psychologischen Eigenschaften glichen. Lincolns Mutter, Nancy Lincoln, starb ebenfalls sehr früh, als Abe erst neun war, und ihr Tod belastete den Jungen offensichtlich sehr. Er litt den größten Teil seines Lebens an Depressionen und hatte Probleme im Umgang mit anderen, speziell mit Frauen.

Die zweite Frau seines Vaters, Sarah, ermutigte Lincoln zum Selbststudium, und er las, was immer er in die Hände bekam. Er war nur ein Jahr lang auf einer offiziellen Schule, dennoch begann er sich sehr schnell durch seine Intelligenz und seinen Ehrgeiz von den Gleichaltrigen abzuheben.

Im Alter von 22 Jahren verließ Lincoln das Elternhaus und zog nach New Salem, Illinois. Nachdem er sich für ein politisches Amt hatte aufstellen lassen und verlor (acht Monate nach seiner Ankunft), übte er die verschiedensten Beschäftigungen aus, vom Schmied bis zum Ladenbesitzer. Bei seinem zweiten Versuch in der Politik gewann er als Mitglied der Whig-Partei einen Sitz in einer gesetzgebenden Körperschaft des Staates und zog nach Springfield, wo er Rechtsanwalt wurde und schließlich Mary Todd begegnete und heiratete. Dadurch stieg Lincoln endgültig aus der Klasse der bäuerlichen Armen auf.

Die Dokumentation beschäftigt sich ausführlich mit dem Gefühlsleben Lincolns in dieser und der folgenden Zeit. Das dort gezeichnete Bild sagt etwas über den Charakter der Persönlichkeit aus, die 1861 die Präsidentschaft übernehmen sollte, und hilft, den Ursprung seines Erfolgs zu erklären. Seine ständig wiederkehrenden Anfälle von Depression haben ihn möglicherweise auf die emotionalen Bürden vorbereitet, die er während des Kriegs zu tragen hatte.

Lincoln hatte eine Menge Probleme mit Frauen. Er verliebte sich in eine junge Frau, Ann Rutledge, die mit einem anderen Mann verlobt war, und deren Tod zu einer länger anhaltenden Depression führte. Eine andere, die er eigentlich hässlich fand, um deren Hand er aber aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus anhielt, wies ihn ab. Nachdem er um die Hand von Mary angehalten hatte, brach er die Verlobung wieder und verfiel in eine tiefe, fast selbstmörderische Melancholie; einige Monate später kam er jedoch zurück und war mit der Hochzeit einverstanden.

Die Vermutung ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Lincolns persönlichen Probleme wie auch die harten Bedingungen seines gesellschaftlichen Hintergrunds ihm ein Maß an persönlicher Stärke verlieh, die es ihm erlaubte, die Aufgaben zu meistern, die ihm später übertragen wurden. Er eignete sich die Fähigkeit an, seine emotionalen und persönlichen Probleme von seiner Arbeit zu trennen; eine Eigenschaft, die sich während des Kriegs als nützlich erwies, als er gezwungen war, sowohl mit dem Tod eines seiner Söhne, der Krankheit eines anderen als auch dem immer instabileren Zustand seiner Frau fertig zu werden, während er gleichzeitig die Aktionen der Nordstaaten überwachen und leiten musste.

Mary Lincoln beschwerte sich über Abraham: "Wenn er am tiefsten fühlte, offenbarte er seine Gefühle am wenigsten." Mary war eine überschwängliche Person, die Abes Aufmerksamkeit und Konversation verlangte, aber er vergrub sich oft in seiner Arbeit und ließ Mary zu Hause zurück. Diese Probleme verschärften sich noch während des Kriegs.

Die beiden verband jedoch eine gemeinsame politische und emotionale Bande, wie auch der starke Ehrgeiz, Lincolns Karriere zum Erfolg zu führen; ein Wunsch der sich erfüllte, als er 1846 als Whig in den US-Kongress gewählt wurde. Als er sich jedoch deutlich gegen den Mexikanischen Krieg aussprach - ein Krieg, der vor allem von den Südstaaten unterstützt wurde, um die Sklaverei durch Aneignung neuer Staaten im Süden auszudehnen - geriet Lincolns politische Karriere ins Stocken. Da er sich einer Niederlage sicher war, trat er nicht zur Wiederwahl an und zog sich für mehrere Jahre aus dem politischen Leben zurück.

Als sich seine politischen Zukunftsperspektiven verdunkelten und er selbst angesichts der allgemein reaktionären politischen Atmosphäre zu Beginn der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts immer frustrierter wurde, litt die Beziehung zwischen Mary und Abraham Lincoln darunter. Marys Frustration verwandelte sich in Wut, und ihr Verhalten wurde zunehmend unberechenbarer. Lincoln verbrachte sehr viel Zeit mit seiner Arbeit als Rechtsanwalt, zum Teil um den Schwierigkeiten zu Hause zu entfliehen. Diese Spannungen wurden durch den Tod ihres zweiten Sohns Edward Lincoln im Alter von sechs Jahren noch verschärft.

Die Dinge entwickelten sich zur Mitte der 50er Jahre in eine andere Richtung, als der aggressive Charakter der Sklavenhalter der Südstaaten immer offensichtlicher wurde. Die Annahme des Kansas-Nebraska-Gesetzes im Jahr 1854, ein Gesetzentwurf, der von Lincolns Rivalen in Illinois, dem Demokraten Stephen Douglas vorgelegt worden war, brachte Lincoln zurück in die Politik. Das Gesetz kippte den Kompromiss von Missouri aus dem Jahr 1820, der der Ausbreitung der Sklaverei Beschränkungen auferlegt hatte. Lincoln kam in engsten Kontakt mit der immer unbeständiger werdenden politischen Situation. 1856 trat er der Republikanischen Partei bei, die gegen die Sklaverei auftrat, und ließ sich 1858 als ihr Kandidat für den Senat von Illinois aufstellen.

Obwohl er gegen Douglas verlor, war die Wahlkampagne - und die Diskussionen zwischen Lincoln und Douglas, die ein wesentlicher Teil dieser Kampagne waren - ein wichtiger Meilenstein in Lincolns politischer Entwicklung. Zu diesem Zeitpunkt formulierte er seine Vorkriegshaltung zur Sklaverei und wurde zu einem national bekannten Gegner ihrer weiteren Ausbreitung. 1860 nominierte ihn die Republikanische Partei zu ihrem Präsidentschaftskandidaten.

Der PBS-Dokumentation zufolge zeigt das Leben des Paars von dieser Zeit an ein tragisches Element. Die persönlichen Eigenschaften von Abraham und Mary schufen Probleme, und sie waren gleichzeitig eine Quelle für ihren Erfolg. Der letztendliche Erfolg, der alle hätte glücklich machen sollen, schuf wiederum nur noch mehr Probleme. Denn sofort nachdem er die Wahl zum Präsidenten gewonnen hatte, musste er den Norden anführen, als die Nation im Bürgerkrieg versank.

Wie der Historiker James McPherson erwähnt, war "Lincoln der einzige Präsident... dessen gesamte Administration durch die Bedingungen des Kriegs bestimmt war." (James McPherson, Abraham Lincoln and the Second American Revolution, Oxford University Press: 1991, S. 65). Noch bevor er überhaupt den Amtseid gesprochen hatte, fielen mehrere Südstaaten ab. Die erste Entscheidung, die er als Präsident zu treffen hatte, war die Entscheidung über die Verteidigung oder Aufgabe der Sumter-Festung. Dringende militärische Fragen beschäftigten ihn während der nächsten vier Jahre. Dann, als der Krieg im Jahr 1865 zu Ende ging, wurde er ermordet.

Mary Todd lebte in ständiger Angst vor einer Ermordung Lincolns, und er erhielt in der Tat sehr viele Morddrohungen. Der Tod ihres geliebten Sohns William im Jahr 1862 warf Mary nieder, die von einem Schmerz zerfressen wurde, den Lincoln nicht die Zeit hatte zu teilen oder zu lindern.

Willie war der Sohn, der Lincoln am nächsten stand, aber er konnte nicht zulassen, dass seine persönlichen Tragödien seine politischen Aufgaben behinderten. Um gegen ihre Frustrationen und ihre Depression zu kämpfen, stürzte sich Mary voll und ganz auf das Vorhaben, das Weiße Haus neu einzurichten. Sie tätigte zwanghafte und extravagante Einkäufe und machte ungeheure Schulden, ohne Lincoln davon in Kenntnis zu setzen. Diese Tatsachen werden oft benutzt, um Mary in einseitiger Form als frivol und unverantwortlich darzustellen.

Die Dokumentation zeigt eine vielschichtigere Geschichte: die einer intelligenten und ehrgeizigen Frau, gequält vom Tod ihrer Söhne und der unerbittlichen Last des Bürgerkriegs. Die Qualitäten, die Lincoln zweifellos angezogen hatten, zeigten sich in ihren Aktivitäten während dieser Zeit genauso. Als Mittel gegen ihren Schmerz ging sie nicht nur einkaufen, sondern engagierte sich bei der "Contraband Relief Organization", einer Organisation, die ehemaligen Sklaven half, die zu den Konföderierten übergelaufen waren. Eine ehemalige Sklavin, zu der sie eine enge Beziehung entwickelte, Elizabeth Keckley, brachte sie dazu, sich damit zu beschäftigen.

Als der Krieg sich jedoch hinzog, wurde Mary immer instabiler. Sie wandte sich an Spiritualisten, über die sie mit ihren toten Söhnen Kontakt aufnehmen wollte. Lincolns politischen Probleme, die durch offensichtliche Rückschläge im Krieg noch verschärft wurden, lösten größte Unruhe bei ihr aus.

Ein Vorfall aus dieser Zeit zeigt Lincolns Charakter besonders deutlich. Marys gesamte Familie kämpfte auf Seiten der Konföderation und tatsächlich starben einige ihrer Verwandten in diesem Krieg. Marys Schwester, Emily Todd Helm, verlor ihren Ehemann im Krieg; bei dem Versuch, die Fronten zu überqueren, um zum Haus ihrer Mutter in Kentucky zu reisen, wurde Emily von den Truppen des Nordens aufgehalten. Lincoln lud sie persönlich ins Weiße Haus ein, wo sie viel Zeit mit Mary verbrachte. Die beiden konnten sich gegenseitig in ihrem gemeinsamen Schmerz trösten, der durch die Härten des Kriegs verursacht worden war. Lincolns Bereitschaft, Emily aufzunehmen, zeigt seinen großzügigen und zutiefst menschlichen Charakter, der ihn in die Lage versetzte, das persönliche Leiden zu sehen, welches auf beiden Seiten der Front herrschte.

Selbst als sich das Glück zugunsten des Nordens 1863 und 1864 wendete, und nachdem Lincoln zum zweiten Mal Präsident geworden war, verbesserte sich Marys psychischer Zustand nicht wesentlich. Sie war überzeugt, dass ihre Söhne sie in der Nacht besuchten und trösteten. Sie beschuldigte die Frau eines bekannten Generals, mit ihrem Mann zu flirten. Die Last, die der Krieg der Familie Lincoln auferlegt hatte, und die Bürde, die sie selbst tragen musste, hatten ihre emotionalen Reserven zum großen Teil aufgebraucht.

Mit der Ermordung von Lincoln verlor Mary nicht nur einen weiteren ihrer Lieben (zusätzlich zu zweien und bald danach dem dritten ihrer Söhne), sondern auch die Person, die ihr ihrer Meinung nach gesellschaftliches Ansehen und Bedeutung verliehen hatte - was unter den damaligen Bedingungen der Zeit wohl auch tatsächlich zutraf. Sie lebte, mit Depressionen und unter dem leichten Einfluss von Wahnideen, bis zum Jahr 1882. Mary Todd war ebenfalls ein Opfer des Bürgerkriegs.

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