Die beabsichtigte Übernahme von Honeywell durch den amerikanischen Konzernriesen General Electric für 42 Milliarden Dollar wird zum Brennpunkt der zunehmenden Handelsstreitigkeiten zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten.
General Electric, das größte Unternehmen der Welt, ist Eigner bekannter Marken wie Hotpoint und der weltweit größte Hersteller von Flugzeugmotoren. Der Konzern beschäftigt 197.000 Arbeitnehmer - davon 85.000 allein in Europa.
Honeywell hat mehr als 100.000 Beschäftigte und stellt Produkte für die Luftfahrtindustrie her, außerdem produziert der Konzern Industrieautomaten und Kontrollsysteme und ist Zulieferer des Automobilsektors.
Beide Firmen sind im exklusiven Dow-Jones-Aktienindex vertreten, in dem 30 Spitzenunternehmen aufgelistet sind, doch in letzter Zeit haben sie sich sehr unterschiedlich entwickelt. Im April fielen die Profite von Honeywell um 91 Prozent und das Unternehmen kündigte 6.500 Entlassungen weltweit an. Im Gegensatz dazu stiegen die Gewinne von General Electric (GE) im ersten Quartal trotz der nachlassenden Konjunktur um 16 Prozent und der Konzern konnte einen Profit von 3,017 Milliarden Dollar für diesen Zeitraum verbuchen.
General Electrics geplante Übernahme von Honeywell wurde im vergangenen Oktober vereinbart und wäre die größte in der Industriegeschichte, wobei GE um ein Drittel wachsen würde. Sie wurde in Angriff genommen, nachdem GE Fusionsgespräche zwischen Honeywell und United Technologies (UTC) zum Scheitern gebracht hatte und mit Konkurrenz von Seiten des amerikanischen Konzerns Tyco und der deutschen Firma Siemens konfrontiert war.
Die amerikanische Kartellbehörde billigte die Vereinbarung zwischen Honeywell und GE im Mai unter dem minimalen Vorbehalt, dass der fusionierte Konzern seine Hubschraubermotorenwerke verkaufen müsse. Obwohl sich die amerikanische Regierung unter den Republikanern mit Nachdruck dafür einsetzt, ist es sehr fraglich, ob die Europäische Kommission der Übernahme zustimmen wird.
Die Europäische Kommission ist die Regulierungsbehörde der Europäischen Union (EU) und kann Übernahmen und Fusionen von Unternehmen blockieren oder Änderungen erzwingen, selbst wenn es sich dabei nicht um europäische Firmen handelt. Die Gesetze der EU schreiben vor, dass alle Unternehmen, unabhängig von ihrem Sitz, die Kommission über geplante Fusionen in Kenntnis setzen müssen, wenn ihr weltweiter Jahresumsatz insgesamt fünf Milliarden Euro übersteigt und Geschäfte im Wert von mindestens 250 Millionen Euro in den 15 EU-Staaten getätigt werden.
Die Kommission hat die Befürchtung geäußert, dass der fusionierte Konzern einen zu hohen Anteil an den weltweiten Luftfahrtmärkten halten würde. GE und Honeywell würden gemeinsam beinahe ein Monopol über Motoren für große Kurzstreckenflugzeuge besitzen. Ihre Konkurrenten, wie United Technologies und Rolls Royce, haben die Aufsichtsbehörden gedrängt, auf einer Veräußerung von Geschäftsbereichen und/oder einer Beschränkung der Absatzmöglichkeiten zu bestehen. Die Kommission reagierte darauf mit einer 140 Seiten umfassenden Stellungnahme, in der sie ihre Einwände gegen die Fusion darlegt. Unter anderem wird darin festgestellt, dass GE seine finanzielle Macht einsetzt, um Luftfahrtunternehmen und Flugzeughersteller zum Kauf von GE-Produkten zu drängen. Die Kommission fordert von dem Unternehmen, dass es einige seiner Luftfahrtbetriebe veräußert, die ihm mehr als 6 Milliarden Dollar pro Jahr einbringen.
Sollte die Kommission den Deal blockieren, wäre dies das erste Mal, dass eine europäische Regulierungsbehörde eine in den USA rechtmäßig genehmigte Fusion zwischen amerikanischen Unternehmen verhindert.
Der Vorstandsvorsitzende von GE Jack Welch traf sich vergangene Woche zwei Tage lang mit dem EU-Kommissar für Wettbewerbsangelegenheit Mario Monti. Welch schlug vor, den Luftfahrtbereich von Honeywell zu verkaufen, der 2,2 Milliarden Dollar wert ist, und blieb damit weit unter den von der Kommission geforderten Veräußerungen. GE zeigte sich bereit, den Bereich des Kurzstreckenflugs und teilweise die Flugelektroniksysteme von Honeywell abzustoßen, wies aber die Forderung der EU nach einem Verkauf des Tochterunternehmens GECAS zurück, dem höchst profitablen Finanzierungs- und Flugzeugleasingbereich von GE. Monti sagte, die Kommission sei bereit, kleinere Verkäufe im Bereich der Luftfahrtindustrie zu akzeptieren, wenn die zwei Unternehmen sich auf "eine strukturelle Verpflichtung zur Veränderung des Geschäftsverhaltens" von GECAS einlassen würden.
Doch in einer daraufhin veröffentlichten Stellungnahme erklärte GE, das Unternehmen sei "nicht zuversichtlich, dass seine Vorschläge die Billigung der europäischen Regulierungsbehörden finden". Welch konnte gegenüber der Presse seinen Ärger kaum verbergen: "Ich wollte die Transaktion vollenden, aber wir haben immer darauf bestanden, dass es einen Punkt gibt, ab dem wir nicht abschließen würden. Die außergewöhnlichen Forderungen der Kommission gehen weit über diesen Punkt hinaus. Man ist eben nie zu alt, um noch Überraschungen zu erleben." Er fügte hinzu: "Die Forderungen der europäischen Regulierungsbehörde übersteigen alles, was ich oder unsere europäischen Berater für möglich hielten, und unterscheiden sich stark von denen der entsprechenden Kartellbehörden in den Vereinigten Staaten und Kanada."
Die EU kann noch bis zum 12. Juli entscheiden, ob sie die Übernahme ablehnt, aber allein die Erwartung eines ablehnenden Bescheids rief in der vergangenen Woche einen starken Kurssturz am amerikanischen Aktienmarkt hervor. Am 14. Juni fiel der Dow Jones, in dem die Durchschnittsbewertung erstklassiger Industrieunternehmen verzeichnet ist, in der ersten Stunde nach Eröffnung der Börse um 100 Punkte, kurz darauf folgte ihm der Nasdaq, ein gemischt zusammengesetzter Index. Die Verluste von Honeywell und GE machten ein Fünftel der Verluste des Dow-Jones-Index aus, und es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass sich noch stärkere Verluste einstellen können. Wenn die Übernahme scheitert, könnten Hedge Fonds und Investmentbanken mit massiven Verlusten konfrontiert sein. Risiko-Arbitrageurs, die Geld machen, indem sie die Differenz der Aktienpreise zwischen zwei an einer Fusion beteiligten Unternehmen ausnutzen oder indem sie Aktien des Zielunternehmens kaufen, halten nach Schätzungen ein Viertel bis ein Drittel der ausgegebenen Honeywell-Aktien - etwa 200 bis 300 Millionen Aktien. Ein Ausverkauf würde nach Schätzungen drei Milliarden Dollar vernichten.
Während seiner ersten Europareise in der vergangenen Woche brachte der amerikanische Präsident George W. Bush seinen Ärger über die Entscheidung der Kommission gesondert zur Sprache. Bevor er in der polnischen Hauptstadt Warschau eine längere außenpolitische Rede hielt, sagte Bush gegenüber der Presse: "Ich bin besorgt darüber, dass die Europäer sie [die Fusion] abgelehnt haben." Er warnte, dass Amerika "ein starkes Interesse an einer fairen Behandlung" von GE und Honeywell habe. Die Äußerungen des Präsidenten wurden durch den amerikanischen Handelsbeauftragten Robert Zoellick bekräftigt. Die amerikanische Regierung sprach den Fall GE-Honeywell auch auf einem Treffen mit EU-Führern im schwedischen Göteborg an.
Handelsminister Donald L. Evans sprach in der vergangenen Woche bei der Pariser Flugschau mit Reportern und drängte die Kommission, eine positivere Einschätzung zu treffen. Zoellick sagte unterdessen gegenüber der Presse, dass die Bush-Regierung zwar die Souveränität der EU-Kommission nicht in Frage stellen wolle, aber Washington über die offensichtlich ausweglose Situation zwischen der Kommission und den zwei Unternehmen besorgt sei.
Monti reagierte darauf, indem er den "politischen Druck" von Bush und seiner Regierung verurteilte und darauf bestand, dass die Fusion streng nach juristischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt würde. "Ich missbillige Versuche, die Öffentlichkeit falsch zu informieren und eine politische Intervention auszulösen", sagte er. "Die Nationalität der Unternehmen und politische Überlegungen haben bei der Beurteilung von Fusionen keine Rolle gespielt und werden sie nicht spielen, weder in diesem Fall noch in anderen."
Montis Stellungnahme ist nicht aufrichtig. Nationalität spielt bei Geschäften dieser Größenordnung fraglos eine Rolle. Eine negative Entscheidung der Kommission würde zweifellos protektionistische Stimmungen in den Vereinigten Staaten verstärken und könnte zu einem ausgewachsenen Handelskrieg eskalieren.
Die Luftfahrtindustrie steht im Mittelpunkt der Handelskonflikte zwischen den Vereinigten Staaten und Europa. Airbus, der größte europäische Flugzeughersteller, verkündete auf der Pariser Flugschau, dass er seinen amerikanischen Rivalen Boeing ausgestochen und sich eine Bestellung von 111 Flugzeugen im Wert von 9,4 Milliarden Dollar des amerikanischen Leasingunternehmens ILFC gesichert hat; unter anderem beinhaltet dieser Auftrag fünf Großflugzeuge des Typs A380, die jeweils bis zu 800 Personen aufnehmen können. Der militärische Bereich von Airbus erhielt die Zusage der EU-Verteidigungsminister 212 Flugzeuge vom Typ A400M zu kaufen, dem ersten seit langer Zeit in Europa gebauten militärischen Last- und Transportflugzeug. Die entsprechenden Verträge sollen im September unterzeichnet werden.
Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Boeing Harry Stonecipher beschuldigte auf Bushs Stellungnahme hin Airbus, die Kommission zu zwingen, sich der Fusion der zwei amerikanischen Konzerne zu widersetzen. Er warnte in einem Interview mit der französischen Tageszeitung Le Monde davor, dass sich der Streit auf das Gebiet des Handels ausdehnen könnte: "Die Vereinigten Staaten bewilligten diese Fusion, und wenn Europa sie ablehnt, was dann? Man schließt nicht gerade Freundschaft." Boeings stellvertretender Vorstandsvorsitzender nannte die europäischen Pläne zur Abnahme von mehr als 200 Transportflugzeugen des Typs A400M von Airbus vom ökonomischen Standpunkt her "absurd", da amerikanische Flugzeuge billiger gebaut werden könnten.
Noel Forgeard, der Vorstandsvorsitzende von Airbus, reagierte verärgert und gab bekannt, dass er ausführliche Gespräche mit der Kommission und Jack Welch, dem Vorstandsvorsitzenden von General Electric, geführt und keine formalen Einwände gegen die Fusion habe. Er beschuldigte Stonecipher, die Kartellbehörde in Brüssel zu bedrohen und "höchst unangebrachte politische Bemerkungen" gegen den französischen Präsidenten und die nationale Sicherheit Frankreichs zu richten.
Der Republikanische Senator Phil Gramm sagte gegenüber dem Sender CNBC, der teilweise GE gehört: "Ich denke, dies ist etwas Besorgnis Erregendes, das wir genau beobachten müssen. Es ist eine sehr reale Frage, welche Macht die EU haben sollte, wenn es um zwei Unternehmen geht, die im Grunde amerikanische Unternehmen sind." Unterdessen haben zwei führende Mitglieder des Regulierungsausschusses im amerikanischen Senat, der Ausschussvorsitzende Herb Kohl und das höchste Mitglied der Minderheitsfraktion Mike DeWine, angekündigt, dass sie untersuchen wollen, warum die amerikanischen und europäischen Kartellbehörden zu so unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. Sie äußerten Bedenken hinsichtlich der Folgen des EU-Standpunktes für andere amerikanische Geschäfte und warnten davor, dass divergierende Positionen zwischen der EU und den Vereinigten Staaten die "Entwicklung freier und offener Märkte behindern und die Bemühungen amerikanischer Unternehmen, sich auf den globalen Märkten zu entfalten, erschweren werden".
