Ein Beitrag zur Neubewertung von Vermächtnis und Stellenwert Leo Trotzkis in der Geschichte des 20. Jahrhunderts

Von David North
6. Juli 2001

Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen Vortrag, den David North am 21. Januar 2001 im Rahmen eines internationalen Seminars der australischen Socialist Equality Party in Sydney gehalten hat. David North leitet die Redaktion des WSWS und ist Vorsitzender der Socialist Equality Party der USA.

Einführung: Das IKVI von 1991 bis 2001

Ich möchte mit einem Zitat von Leo Trotzki beginnen. In einem Artikel aus dem Jahr 1923 heißt es:

"Die Revolutionäre unserer Epoche, die nur mit der Arbeiterklasse verbunden sein können, verfügen über nur ihnen eigene psychologische Merkmale, Qualitäten des Intellekts und des Willens. Wo es notwendig und möglich ist, zerschlagen Revolutionäre historische Hindernisse mit aller Kraft. Wo dies nicht möglich ist, nehmen sie einen Umweg. Wenn kein Umweg möglich ist, arbeiten Revolutionäre geduldig und beharrlich an allen Ecken und Enden weiter. Sie sind gerade deshalb Revolutionäre, weil sie sich nicht scheuen, Hindernisse zu zerschlagen oder sich unnachgiebig einzusetzen. Sie wissen um den historischen Wert dieser Dinge. Es ist ihr ständiges Bestreben, ihre destruktive wie kreative Arbeit in vollem Umfang zum Tragen zu bringen. Sie holen aus jeder gegebenen historischen Situation alles heraus, was die revolutionäre Klasse voranbringen kann.

Revolutionäre lassen sich in ihrer Tätigkeit nur von äußeren, nicht von inneren Hindernissen beschränken. Das heißt, sie müssen lernen, ihre Lage, die materielle und konkrete Realität ihres gesamten Tätigkeitsfeldes in allen positiven und negativen Aspekten zu erfassen und politisch richtig einzuschätzen."

Diese Absätze erscheinen mir im Hinblick auf die historische Periode der vergangenen zehn Jahre außerordentlich relevant. Ein Jahrzehnt ist nun vergangen seit 1991, dem Jahr, das im Januar mit dem Golfkrieg begann und im Dezember mit der Auflösung der Sowjetunion endete. Wir alle wissen, dass diese Ereignisse für die Arbeiterklasse auf Weltebene eine der schwierigsten Perioden ihrer Geschichte einleiteten - schwierig nicht in dem Sinne wie die 1930-er und 1940-er Jahre. Jene Perioden waren von einer extremen und explosiven Krise des Kapitalismus geprägt. Doch man kann mit einiger Berechtigung sagen, dass im vergangenen Jahrzehnt das politische Bewusstsein breiter Schichten der Arbeiterklasse entsetzlich gelitten hat. Und dieser Niedergang war das historische Ergebnis der vorangegangenen Jahrzehnte, die von politischen Verdrehungen, Fälschungen und ungezügeltem Opportunismus geprägt waren. Dies war kennzeichnend für sämtliche alten Bürokratien - stalinistische und sozialdemokratische - und beraubte die Arbeiterklasse einer revolutionären politischen Perspektive und Orientierung. Aus diesem Grund war die Arbeiterklasse auf Weltebene unvorbereitet auf die unvermittelten Änderungen der politischen Lage und der Weltwirtschaftsstruktur, mit denen die nationalistischen Programme der alten Organisationen, welche die Interessen der Arbeiterklasse zu vertreten beanspruchten, ihren völligen Bankrott erwiesen.

Das vergangene Jahrzehnt wurde zumeist Zeuge eines allgemeinen Rückgangs der unabhängigen sozialen Kämpfe der Arbeiterklasse. In der ganzen Welt konnte man parallel dazu den Niedergang und Zerfall der alten Organisationen beobachten, welche die Arbeiterklasse zu vertreten behaupteten. Daneben vollzog sich der praktische Zusammenbruch der radikalen Organisationen, die in der einen oder anderen Form eine revolutionäre Orientierung für sich in Anspruch genommen hatten. Es ist in der Tat unmöglich, eine politische Partei auf der Linken zu finden, die während des vergangenen Jahrzehnts in der Lage war, dem zersetzenden Einfluss dieses nahezu universalen Zerfalls standzuhalten. Nur eine Tendenz bildet eine Ausnahme: das Internationale Komitee der Vierten Internationale.

Ich bestreite nicht, dass die Verhältnisse des vergangenen Jahrzehnts vielerlei komplexe Auswirkungen auf unsere Kader hatten. Gegenüber dem Druck der sozialen und politischen Umgebung, in der wir arbeiten, kann sich unsere Bewegung nicht vollständig abkapseln. Die Genossen, aus denen diese Bewegung besteht, sind zehn Jahre älter geworden und mussten mit diversen Problemen fertig werden, die sich einfach mit den Jahren im Leben jedes Menschen einstellen. Wir mussten die Formen unserer tagtäglichen Arbeit in vieler Hinsicht ändern.

Angesichts des Fehlens einer breiten Massenbewegung, die unsere Parteien materiell unterstützen und aufrechterhalten könnte, mussten wir gewisse formale Gepflogenheiten unserer Organisation recht durchgreifend ändern. In vielen Fällen mussten Genossen, die jahrelang hauptamtlich politisch gearbeitet hatten, einen Job suchen und ihren Lebensunterhalt in einer Unternehmenswelt finden, die heute weitaus schwieriger zu bewältigen ist als während der Blüte des Nachkriegsbooms. Solche Umstellungen in einem relativ späten Lebensabschnitt bringen natürlich viele Probleme mit sich.

Wenn jedoch die Geschichte unserer Bewegung geschrieben wird, dann werden diese Erfahrungen meiner Ansicht nach nicht als die ausschlaggebenden Charakteristika unserer Bewegung während dieser Periode gewertet werden. Ins Auge fallen wird vielmehr die unbestreitbare Tatsache, dass das politische und theoretische Niveau unserer Bewegung während der 1990-er Jahre deutlich anstieg und das Internationale Komitee während dieses Jahrzehnts in vieler Hinsicht zum anerkannten Führer des internationalen Sozialismus wurde.

Ausgehend von der Grundwahrheit, dass die revolutionäre Theorie die Triebkraft der revolutionären Praxis bildet, muss man sagen, dass die marxistische Theorie während des vergangenen Jahrzehnts in unserer internationalen Bewegung eine wirkliche Blüte erlebte. Dies ermöglichte uns die Ausarbeitung einer neuen Perspektive für unsere Bewegung, die im Übergang von Bünden zu Parteien Gestalt annahm. Ausgehend von der Analyse tiefgreifender struktureller Veränderungen des Weltkapitalismus und der technologischen Entwicklung wurde diese Perspektive zur Grundlage einer neuen politischen Organisationsform, die in der Gründung der World Socialist Web Site im Februar 1998 zum Tragen kam.

Ich habe die jüngsten Zahlen nicht vorliegen, doch unsere Leserschaft ist im Verlauf der vergangenen zwei Jahre exponentiell gewachsen. Wir verzeichnen anderthalb bis zwei Millionen Hits pro Monat, die für weit über 100.000 individuelle Leser stehen. Das Publikum der trotzkistischen Weltbewegung ist damit auf internationaler Ebene in außerordentlichem Maße gewachsen.

Ich möchte, um nochmals auf das genannte Zitat zurückzukommen, Folgendes betonen: Selbst unter augenscheinlich äußerst ungünstigen objektiven Voraussetzungen, bzw. objektiven Voraussetzungen, unter denen die stalinistischen und diversen radikalen und opportunistischen Organisationen kaum fortbestehen konnten, waren wir in der Lage, das politische Material zu finden, um den Marxismus weiterzuentwickeln und den politischen Einfluss des Internationalen Komitees der Vierten Internationale auszudehnen. Wenn wir dies unter Bedingungen leisten konnten, die von einer tiefen Krise innerhalb der Arbeiterbewegung geprägt waren, dann dürfen wir mit großer Zuversicht erwarten, dass sich ein Aufschwung in den Kämpfen der Arbeiterklasse in einem wahrhaft explosiven Wachstum unserer politischen Tendenz niederschlagen wird.

Politisch widrige Umstände sind die Bewährungsprobe einer politischen Partei. Unsere Bewegung hat ein enormes Maß an Kreativität und Erfindungsreichtum aufgebracht, um die der objektiven Situation innewohnenden Möglichkeiten zu erschließen - keine andere Organisation, die sich auf die Arbeiterklasse beruft, hat dieses Potential erkannt. Wir haben es genutzt, um der Arbeit der internationalen marxistischen Bewegung ein deutlich gesteigertes historisches Gewicht zu verleihen.

Was lag dieser Errungenschaft zugrunde? Betrachtet man die unmittelbare Geschichte des Internationalen Komitees, so war der wichtigste Faktor der Kampf des IKVI gegen den Opportunismus der Workers Revolutionary Party seit 1982. Dieser Kampf war entscheidend, um die Grundprinzipien des Trotzkismus in unserer Organisation wiederzubeleben.

Dies führt uns natürlich zu einem tiefer liegenden Faktor. Was haben wir im Grunde getan? Wir definierten diejenigen Prinzipien, bzw. legten sie wieder frei, die Trotzki erstmals als Entwicklungsgrundlage für die revolutionäre Bewegung etabliert hatte. Das bringt uns zum Thema des heutigen Berichts: der Neubewertung von Trotzkis Vermächtnis und Stellenwert in der Geschichte der Vierten Internationale.

Sechzig Jahre seit der Ermordung von Leo Trotzki

Vor etwas mehr als sechzig Jahren, am 21. August 1940, starb ein Mann, der unbestreitbar für alle Zeiten als einer der größten Protagonisten im geschichtlichen Befreiungskampf der Menschheit gelten wird. Wenn Historiker in den bevorstehenden Jahren und Jahrzehnten das 20. Jahrhundert studieren, analysieren und interpretieren, wird die Figur Leo Trotzkis eine immer herausragendere Statur gewinnen. In keinem anderen Leben widerspiegelten sich die Kämpfe, Hoffnungen und Tragödien des letzten Jahrhunderts so tiefgreifend und hochherzig wie im Leben Trotzkis. Thomas Mann äußerte die bedeutsame Einsicht, dass sich das Schicksal der Menschheit heute in politischen Begriffen darstellt. Von diesem Standpunkt aus kann man durchaus sagen, dass dieses Schicksal in den sechzig Jahren von Trotzkis Leben seinen bewusstesten Ausdruck fand. In der Biographie Leo Trotzkis konzentrieren sich die wesentlichen Wechselfälle der sozialistischen Weltrevolution während der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Drei Jahre vor seinem Tod erklärte Trotzki im Gespräch mit einem skeptischen und feindseligen amerikanischen Journalisten, dass er sein Leben nicht als Serie verwirrender und letztlich tragischer Episoden auffasste, sondern im Zusammenhang mit den verschiedenen historischen Entwicklungsstadien der revolutionären Bewegung verstand. Sein Aufstieg zur Macht im Jahr 1917 war das Ergebnis eines nie da gewesenen Aufschwungs der Arbeiterklasse. Sechs Jahre lang war seine Machtstellung an die sozialen und politischen Beziehungen gebunden, die dieser Aufschwung geschaffen hatte. Der Niedergang von Trotzkis persönlichem politischen Schicksal ergab sich unerbittlich aus dem Abebben der revolutionären Welle. Trotzki verlor die Macht nicht deshalb, weil er als Politiker weniger fähig gewesen wäre als Stalin, sondern weil die soziale Kraft, auf der seine Macht beruhte - die russische und internationale Arbeiterklasse - den politischen Rückzug antrat. Die Erschöpfung der russischen Arbeiterklasse nach dem Bürgerkrieg, die zunehmende politische Macht der sowjetischen Bürokratie und die Niederlagen der europäischen - insbesondere der deutschen - Arbeiterklasse waren in letzter Analyse die Faktoren, die den Ausschlag über Trotzkis Machtverlust gaben.

Alle folgenden Niederlagen der internationalen Arbeiterklasse hinterließen Spuren in Trotzkis persönlichem Schicksal: die politische Demoralisierung, die durch die Niederlage der chinesischen Revolution 1927 ausgelöst wurde, bot Stalin die Möglichkeit, die Linke Opposition aus der Kommunistischen Internationale auszuschließen und Trotzki zunächst nach Alma Ata und kurz darauf aus der UdSSR überhaupt zu verbannen. Der Sieg Hitlers 1933 - ermöglicht durch die in verbrecherischer Weise verantwortungslose Politik der stalinistisch geführten Kommunistischen Partei Deutschlands - löste eine entsetzliche Ereigniskette aus, die schließlich zu den Moskauer Prozessen, den politischen Katastrophen der stalinistischen Volksfrontpolitik und zu Trotzkis endgültiger Vertreibung aus Europa führte. So verschlug es ihn ins weit entfernte Mexiko.

In Coyoacan, einem Vorort von Mexico City, wurde Trotzki von einem stalinistischen Agenten ermordet. Sein Tod bildete den Höhepunkt der Orgie des Blutvergießens, die von der faschistischen und stalinistischen Konterrevolution angerichtet wurde. Zum Zeitpunkt seines Todes waren die alten Genossen Trotzkis in der Sowjetunion nahezu ausnahmslos liquidiert worden. Seine vier Kinder waren alle tot. Die älteren Töchter waren infolge der Notlagen, in die sie die Verfolgung ihres Vaters gebracht hatte, beide früh gestorben. Die beiden Söhne, Sergej und Lew, wurden vom stalinistischen Regime ermordet. Lew Sedow war zum Zeitpunkt seines Todes - er starb im Februar 1938 in Paris - neben seinem Vater die wichtigste Figur in der Vierten Internationale. Weitere herausragende Mitglieder des Sekretariats der Vierten Internationale - Erwin Wolf und Rudolf Klement - wurden 1937 und 1938 ermordet.

Im Jahr 1940 hielt Trotzki seine eigene Ermordung für praktisch unvermeidbar. Doch dies heißt nicht, dass er sich pessimistisch in sein Schicksal gefügt hätte. Er tat alles, was ihm möglich war, um den Schlag abzuwehren oder zu verzögern, den Stalin und seine Agenten im Apparat der GPU und des NKWD vorbereiteten. Er war sich jedoch im klaren darüber, dass Stalins Verschwörungen von der Konterrevolution genährt wurden. "Ich lebe", schrieb er, "nicht im Einklang mit der Regel, sondern als Ausnahme dazu." Er sagte voraus, dass Stalin den offenen Kriegsausbruch in Westeuropa im Frühjahr 1940 für einen Anschlag ausnutzen werde. Trotzki sollte Recht behalten.

Der erste groß angelegte Mordanschlag fand am Abend des 24. Mai 1940 statt, als die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Hitlers Vormarsch gegen die französische Armee gerichtet war. Der zweite, erfolgreiche Anschlag erfolgte während der Schlacht um England im Spätsommer desselben Jahres.

Weshalb war Trotzki derart gefürchtet, obwohl er sich im Exil befand und augenscheinlich isoliert war? Weshalb war sein Tod notwendig? Trotzki selbst hatte eine politische Erklärung. Im Herbst 1939, mehrere Wochen nach der Unterzeichnung des Stalin-Hitler-Paktes (den er übrigens vorhergesagt hatte) und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, verwies Trotzki auf ein Gespräch zwischen Hitler und dem französischen Botschafter Coulondre, über das eine Pariser Zeitung berichtete. Hitler brüstete sich, dass sein Abkommen mit Stalin ihm freie Hand verschaffen werde, Deutschlands Feinde im Westen zu besiegen. Coulondre unterbrach ihn mit der Warnung: "Der wirkliche Sieger (im Falle eines Kriegs) wird Trotzki sein. Haben Sie das bedacht?" Hitler erklärte sich mit der Einschätzung des französischen Botschafters einverstanden, warf aber seinen Gegnern vor, ihm keine andere Wahl zu lassen. Trotzki kommentierte diesen erstaunlichen Bericht mit den Worten: "Diese Herren geben dem Gespenst der Revolution gern einen Namen... Beide, Coulondre und Hitler, vertreten die Barbarei, die sich über Europa ausbreitet. Gleichzeitig bezweifelt keiner von ihnen, dass ihre Barbarei von der sozialistischen Revolution niedergerungen werden wird."

Die Imperialisten des faschistischen und des demokratischen Lagers fürchteten Trotzki sehr, doch die Angst der Sowjetbürokratie war noch größer. Stalin hatte nicht vergessen, dass die Niederlagen der russischen Armee während des Ersten Weltkriegs die Regierung diskreditiert und die Massen in Bewegung gebracht hatten. Würde diese Gefahr nicht wiederkehren, wenn trotz des Abkommens mit Hitler ein Krieg ausbräche? Solange Trotzki am Leben blieb, blieb er die große revolutionäre Alternative zur bürokratischen Diktatur, die Verkörperung von Programm, Idealen und Geist des Oktober 1917. Deshalb musste Trotzki sterben.

Doch selbst im Tod ließ die Furcht vor Trotzki nicht nach. Welche andere Persönlichkeit verfügte nicht nur zu Lebzeiten, sondern noch Jahrzehnte nach seinem Tod über die Macht, die Herrschenden in Angst und Schrecken zu versetzen? Das historische Vermächtnis Trotzkis widersteht jedem Vereinnahmungsversuch. Zehn Jahre nach Marx‘ Tod war es den Theoretikern der Sozialdemokratie gelungen, seine Schriften an die Perspektive der Sozialreform anzugleichen. Lenin ereilte ein noch schlimmeres Schicksal - seine sterblichen Überreste wurden einbalsamiert; sein theoretisches Vermächtnis wurde gefälscht und in eine bürokratisch sanktionierte Staatsreligion umgemodelt. Bei Trotzki war so etwas nicht möglich. Seine Schriften und sein Handeln waren zu präzise und konkret in ihren revolutionären Implikationen. Die von Trotzki analysierten politischen Probleme, die von ihm definierten sozio-politischen Beziehungen und selbst die Parteien, die er so präzise, treffend und erbarmungslos charakterisiert hatte, blieben noch fast das gesamte Jahrhundert hindurch bestehen.

Im Jahr 1991 veröffentlichte die Duke University eine 1000 Seiten umfassende Studie über die internationale trotzkistische Bewegung. Der Verfasser ist Robert J. Alexander, ein glühender Antimarxist, der in akademischen Kreisen als Experte auf diesem Gebiet gilt. In seiner Einführung trifft Alexander folgende bemerkenswerte Einschätzung: "Bis Ende der 1980-er Jahre sind die Trotzkisten in keinem Land jemals an die Macht gelangt. Obwohl der internationale Trotzkismus im Unterschied zu den Erben des Stalinismus nicht von einem fest etablierten Regime unterstützt wird, muss doch aus der Dauerhaftigkeit der Bewegung in einer Vielzahl unterschiedlicher Länder in Verbindung mit der Instabilität des politischen Lebens in den meisten Nationen der Welt geschlossen werden, dass der Machtantritt einer trotzkistischen Partei für die absehbare Zukunft nicht ausgeschlossen werden kann." ("International Trotskyism", S. 32)

Das "fest etablierte Regime" hat sich kurz nach dem Erscheinen von Alexanders Buch verflüchtigt. Die Sowjetbürokratie hatte Leo Trotzki niemals rehabilitiert. Die Geschichte steckt bekanntlich voller Ironien. Jahrzehnte lang hatten die Stalinisten Trotzki unterstellt, er wolle die Sowjetunion vernichten und habe sich zu diesem Zweck mit den Imperialisten verschworen. Für diese vorgeblichen Verbrechen war Trotzki in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Doch am Ende war es die Sowjetbürokratie selbst, die, wie Trotzki vorausschauend gewarnt hatte, die UdSSR auflöste und liquidierte. Und dies geschah, ohne dass sie jemals offen und geradeheraus die Vorwürfe gegen Trotzki und seinen Sohn Lew Sedow widerrufen hätte. Es fiel Gorbatschow und Jelzin leichter, das Todesurteil gegen die UdSSR zu unterschreiben, als die vollkommene Verlogenheit sämtlicher Anklagen gegen Trotzki einzugestehen.

Ohne die ökonomischen und sozialen Veränderungen der vergangenen sechzig Jahre in ihren kolossalen Dimensionen zu unterschätzen, sind wir heute nicht allzu weit von den Problemen, Fragen und Themen entfernt, mit denen sich Trotzki auseinander setzte. Selbst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion behalten Trotzkis Schriften in erstaunlichem Maße ihren zeitgenössischen Charakter bei. Das Studium seiner Schriften ist eine wesentliche Voraussetzung nicht nur für ein Verständnis der Politik des 20. Jahrhunderts, sondern in nicht geringerem Maße auch für die politische Orientierung in der äußerst komplexen Welt, der wir im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gegenüberstehen.

Will man die Größe einer politischen Figur an Umfang und bleibender Bedeutung ihres Vermächtnisses messen, dann nimmt Trotzki unter den Führern des 20. Jahrhunderts den ersten Rang ein. Werfen wir einen kurzen Blick auf die politischen Persönlichkeiten, die in den vierziger Jahren die Weltbühne beherrschten. Die totalitären Führer jener Ära - Hitler, Mussolini, Stalin, Franco - kann man kaum erwähnen, ohne ihren Namen einen Fluch hinterher zu schicken. Außer der Erinnerung an ihre unsäglichen Verbrechen haben sie nichts hinterlassen. Und was die "großen" Führer der imperialistischen Demokratien angeht, Roosevelt und Churchill, so lässt sich nicht bestreiten, dass sie interessante Persönlichkeiten waren und im Rahmen der parlamentarischen Politik gewandt agierten. Churchill, der den amerikanischen Präsidenten überragte, war ein talentierter Redner und verfügte auch über gewisse Fähigkeiten als Schriftsteller. Doch kann man wirklich von einem Vermächtnis dieser beiden Männer sprechen? Kann man ernstlich behaupten, dass die Reden oder Schriften Churchills und Roosevelts (wobei letzterer kein Buch verfasste) Analysen und Einsichten enthalten, die zu einem Verständnis der politischen Probleme zu Beginn des 21. Jahrhunderts beitragen?

Schon zu Lebzeiten überragte Trotzki seine politischen Zeitgenossen. Der Einfluss aller anderen, die ich erwähnte, war direkt bedingt und abhängig von ihrer Kontrolle über die Instrumente der Staatsmacht. Losgelöst von dieser Macht hätten sie schwerlich die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen. Getrennt vom Kreml und seinem Terrorapparat wäre Stalin nur das gewesen, was er vor dem Oktober 1917 war: "ein grauer Fleck".

Im Jahr 1927 hatte man Trotzki sämtliche förmlichen Attribute der Macht genommen. Dennoch war er niemals machtlos. Trotzki zitierte gern den berühmten Satz, mit dem Ibsen seinen Dr. Stockmann den "Volksfeind" abschließen lässt: "Der stärkste Mann hier auf dieser Welt, das ist der, der ganz für sich allein steht". Diese Einsicht des großen norwegischen Stückeschreibers verwirklichte sich im Leben des größten aller russischen Revolutionäre. Die Stärke von Ideen und Idealen, denen die Kraft der historischen Notwendigkeit innewohnt, weil sie dem menschlichen Fortschrittsstreben entsprechen und es artikulieren, zeigte sich nirgends eindringlicher und zeitloser als im Leben Leo Trotzkis.

Trotzki als Schriftsteller

Wenn man über Trotzkis Leben spricht, fällt es schwer der Versuchung zu widerstehen, die gesamte Redezeit einfach auf Zitate aus seinen Schriften zu verwenden. Zumindest würde man damit dem Publikum zu einer außergewöhnlichen ästhetischen Erfahrung verhelfen. Kein Leser, der zu einem objektiven Urteil befähigt ist, könnte - unabhängig von seinen politischen Sympathien - bestreiten, dass Trotzki zu den größten Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts gehört.

Es ist etwa dreißig Jahre her, seit ich zum ersten Mal ein Buch von Trotzki las - seine monumentale Geschichte der russischen Revolution. Ich bin sicher nicht der Einzige, der sich lebhaft an die emotionale und intellektuelle Wirkung dieser ersten Begegnung mit Trotzkis erstaunlicher Prosa erinnert. Da ich Trotzki in einer Übersetzung las, fragte ich mich, wie Leser des russischen Originals seine Statur als Schriftsteller bewerten würden. Es ergab sich eine unerwartete Gelegenheit, meine Neugier zu befriedigen. Ich besuchte einen Vortrag über russische Literatur von einem Experten, der nach der Oktoberrevolution aus seiner Heimat geflohen war. Dieser Mann war jeglicher Sympathien für Trotzki unverdächtig. Zum Abschluss seines Vortrags, der einen Überblick über die russische Literatur des 20. Jahrhunderts gegeben hatte, frage ich ihn nach seiner Meinung über die schriftstellerischen Qualitäten Trotzkis. Ich erinnere mich lebhaft sowohl an seine Antwort, wie auch an den starken Akzent, mit dem er sie vorbrachte: "Trotzki", antwortete er, "ist der größte Meister der russischen Prosa seit Tolstoi."

Viele Jahre später, während meines erstens Besuchs in der Sowjetunion 1989, hörte ich dieselbe Einschätzung von einem Studenten. Die Lektüre Trotzkis, bekannte er, bereite ihm große Mühe. Weshalb? "Wenn ich Trotzki lese", erläuterte er, "muss ich ihm einfach zustimmen - obwohl ich es nicht möchte!"

Die Themenvielfalt in Trotzkis Schriften - Kunst, Literatur und Kultur, wissenschaftliche Entdeckungen, Probleme des Alltagslebens und natürlich Politik - ist nahezu unfassbar. Wir gewöhnliche Sterbliche, die wir mit unseren weitaus bescheideneren Talenten zurechtkommen müssen, stehen den Dimensionen der literarischen Arbeit Trotzkis fassungslos gegenüber. Wie hat er das nur geschafft - vor der Erfindung der Textverarbeitung und der automatischen Rechtschreibprüfung? Ein Teil der Antwort liegt vielleicht in Trotzkis bemerkenswerter Fähigkeit, seine freie Rede ebenso schön und formvollendet zu gestalten wie sein Schreiben. Seine Diktate sind unzweifelhaft eine ansprechendere Lektüre als die ausgefeiltesten Entwürfe selbst hervorragender Schriftsteller.

Viel verdankte Trotzki als herausragende literarische Figur des 20. Jahrhunderts den großen russischen Meistern des 19. Jahrhunderts - insbesondere Turgenjew, Tolstoi, Herzen und Belinski. Derselbe Mann, der in harter martialischer Prosa Proklamationen und Kampfbefehle verfassen konnte, die Millionen bewegten, konnte auch Absätze von bezaubernder Schönheit verfassen, wie beispielsweise folgende Erinnerung an einen Augenblick seiner Flucht aus dem sibirischen Exil im Jahr 1907:

"Gleichmäßig und geräuschlos, gleich einem Kahn auf der Spiegelfläche eines Teiches, glitten wir über den Schnee. In der tiefen Dämmerung nahm der Wald noch gigantischere Dimensionen an. Ich sah den Weg nicht und empfand auch nicht die Vorwärtsbewegung unseres Schlittens. Es schien, als ob die verzauberten Bäume rasch auf uns zueilten, die Sträucher wichen vor uns zur Seite und die alten, schneebedeckten Baumstümpfe, sowie die schlanken Birken blieben weit hinter uns zurück. Alles schien geheimnisvoll... Tschu... tschu... tschu... hörte man das häufige und gleichmäßige Atmen der Rentiere in der lautlosen Stille der Waldnacht und im Rahmen dieses Rhythmus tauchten im Gedächtnis Tausende längst vergessene Laute auf..." (Die russische Revolution 1905, Berlin 1923, Seite 322)

Worüber er auch schrieb, das tiefere und wesentliche Thema von Trotzkis Schriften war stets die Revolution... eine Revolution, die in jedem Aspekt des Lebens organisch zum Ausdruck kam. Mit Vergnügen führte Trotzki seinen Lesern die unerwarteten Erscheinungsformen vor Augen, in denen sich die Revolution manifestierte. In seiner Beschreibung des Prozesses gegen die Arbeiterdeputierten des Sowjets nach der Revolution von 1905 ergötzt er sich an dem Gegensatz zwischen der düsteren und bedrohlichen Örtlichkeit des Gerichtsgebäudes - in dem es von "Gendarmen mit blanken Säbeln" wimmelte - und den "Blumen ohne Ende", die die Bewunderer und Anhänger der angeklagten Revolutionäre in den Gerichtssaal gebracht hatten:

"In den Knopflöchern, in den Händen, auf den Knien, endlich auf der Anklagebank selber - Blumen. Und der Vorsitzende hat nicht den Mut, diese duftende Unordnung zu entfernen. Zuguterletzt überbringen sogar Gendarmerieoffiziere und Gerichtsbeamte, ganz und gar ‘demoralisiert' von der im Gerichtssaale herrschenden Atmosphäre, den Angeklagten die Blumen vom Publikum." (ebenda, Seite 246)

Kein Geringerer als Bernard Shaw, glaube ich, bemerkte einmal, dass Trotzki, wenn er einem Gegner mit seiner Feder den Kopf abgetrennt hatte, der Versuchung nicht widerstehen konnte, ihn aufzuheben, um allen zu zeigen, dass kein Hirn darin war. Die eigentliche Kraft von Trotzkis Polemik lag allerdings in der Brillanz, mit der er die Kluft zwischen den subjektiven Zielen eines Politikers und der objektiven Entwicklung der gesellschaftlichen Gegensätze in einer revolutionären Epoche aufdeckte. Als Maßstab diente ihm die zwangsläufige Entfaltung des historischen Prozesses, so dass Trotzkis Kritik bei aller Schärfe niemals grausam, sondern einfach richtig war. So schrieb er über den wichtigsten Führer der bürgerlichen provisorischen Regierung im Jahr 1917:

"Kerenski war kein Revolutionär, er hatte sich nur an der Revolution gerieben... Er besaß weder theoretische Vorbereitung, noch politische Schulung, noch Fähigkeit zu verallgemeinerndem Denken, noch politischen Willen. Alle diese Eigenschaften ersetzten flüchtige Aufnahmefähigkeit, leichte Entzündbarkeit und jene Rednergabe, die nicht auf Verstand oder Willen wirkt, sondern auf die Nerven." (Geschichte der russischen Revolution, Band 1, Frankfurt am Main 1973, S. 162)

Und über den Führer der Sozialrevolutionäre, Wiktor Tschernow:

"Mit bedeutenden, aber nicht zu einer Einheit verbundenen Kenntnissen, eher ein Bücherkundiger als ein gebildeter Mensch, hatte Tschernow stets eine unbeschränkte Auswahl passender Zitate zu seiner Verfügung, die lange auf die Phantasie der russischen Jugend gewirkt hatten, ohne sie viel zu lehren. Nur auf eine einzige Frage hatte dieser redselige Führer keine Antwort: wen und wohin führt er? Die eklektischen Formeln Tschernows, aufgeputzt mit Moral und Verschen, vereinigten bis zu einer bestimmten Zeit das bunteste Publikum, das in allen kritischen Stunden nach verschiedenen Richtungen hin zerrte. Es ist nicht weiter verwunderlich, wenn Tschernow seine Methode der Parteibildung selbstzufrieden dem Leninschen ‚Sektierertum' gegenüberstellte." ebd. S. 200)

Und schließlich über den verblassten Theoretiker der deutschen Sozialdemokratie:

"Kautsky hat einen klaren und einzigen Rettungsweg: Die Demokratie. Es sei nur nötig, dass alle sie anerkennen und sich ihr unterordnen. Die rechten Sozialisten müssten die blutigen Gewalttaten aufgeben, die sie dem Willen der Bourgeoisie gemäß ausführen. Die Bourgeoisie selbst müsse dem Gedanken entsagen, mit Hilfe ihrer Noske und Leutnant Vogel ihre privilegierte Stellung bis zu Ende zu verteidigen. Endlich müsse das Proletariat ein für alle Mal dem Gedanken entsagen, die Bourgeoisie durch andere Mittel zu stürzen als diejenigen, die von der Verfassung vorgesehen sind. Bei der Befolgung der aufgezählten Bedingungen werde die soziale Revolution sich schmerzlos in Demokratie auflösen. Für den Erfolg genügt es, wie wir sehen, dass unsere stürmische Geschichte sich eine Nachtmütze auf den Kopf setze und die Weisheit der Tabakdose Kautskys entnehme." (Terrorismus und Kommunismus, Berlin 1920, S. 16)

Man könnte ohne weiteres den ganzen Tag damit zubringen, Absätze zu zitieren, in denen sich Trotzkis literarisches Genie auf glänzende Weise zeigt. Doch dieses Genie lag nicht nur oder in erster Linie in seinem Stil. Es ist ein tiefer liegendes Element, das Trotzkis literarisches Werk in seiner Gesamtheit zu einer der größten intellektuellen Leistungen des 20. Jahrhunderts werden lässt. Insofern die Geschichte im Augenblick ihrer Entfaltung bewussten Ausdruck finden kann, tat sie dies in den Schriften Leo Trotzkis. Im Allgemeinen gibt es nichts Flüchtigeres als einen politischen Kommentar. Die Halbwertszeit selbst einer gut geschriebenen Zeitungskolumne ist für gewöhnlich nicht länger als die Zeit, die man braucht, um eine Tasse Kaffee zu trinken - dann wandert sie direkt vom Frühstückstisch ins Altpapier.

Bei Trotzkis Schriften ist dies anders - und damit beziehe ich mich nicht nur auf seine großen Werke, sondern auch auf seine Kommentare für die Tagespresse. Die Schriften und die Reden Leo Trotzkis scheinen bisweilen der erste Versuch der Geschichte selbst zu sein, sich über ihre Taten und Bestrebungen Rechenschaft abzulegen, so gut es irgend geht. Der wesentliche Zweck von Trotzkis größten politischen Schriften - den Stellenwert der jüngsten Ereignisse in der welthistorischen Entwicklung der sozialistischen Revolution zu bestimmen - schlug sich in den von ihm gewählten Titeln nieder: "Wo stehen wir?", "Wohin treibt England?", "Wohin geht Frankreich", "Kapitalismus oder Sozialismus?" Lunatscharski sagte einmal über Trotzki: Er ist sich stets über seine Stellung in der Geschichte bewusst. Darin lag Trotzkis Stärke. Es bildete die Quelle seiner politischen Widerstandskraft gegen den Opportunismus und gegen jeglichen Druck. Trotzki verstand den Marxismus als "Wissenschaft der Perspektive".

In diesem Zusammenhang muss Eines festgehalten werden: Eine Folge der Vernichtung des revolutionären Kaders durch den Stalinismus und der daraufhin einsetzenden Erosion des Marxismus als theoretischer Waffe des Befreiungskampfs der Arbeiterklasse bestand darin, dass alle möglichen Leute, die mit diesem Kampf überhaupt nichts zu tun hatten, als große Marxisten gefeiert wurden: marxistische Ökonomen, marxistische Philosophen, marxistische Ästhetiker, usw. Wenn sie allerdings versuchten, ihre angebliche Beherrschung der Dialektik auf die politische Analyse der Tagesereignisse anzuwenden, erwiesen sie ihre Inkompetenz. Trotzki war der letzte große Vertreter einer Schule des marxistischen Denkens - nennen wir sie die klassische Schule - deren Beherrschung der Dialektik sich vor allem in der Fähigkeit äußerte, eine politische Situation einzuschätzen, eine politische Prognose zu entwickeln, eine strategische Orientierung auszugeben.

Eine Neubewertung Trotzkis

Die wichtigste Aufgabe, der sich die Vierte Internationale in ihrer gesamten Geschichte verschrieben hatte, war vielleicht die Verteidigung der historischen Rolle Trotzkis gegen die Niedertracht der Stalinisten. Dies bedeutete nicht einfach die Verteidigung eines Individuums, sondern auf einer grundlegenderen Ebene die Verteidigung des gesamten programmatischen Erbes des internationalen Marxismus und der Oktoberrevolution. Mit der Verteidigung Trotzkis bewahrte die Vierte Internationale die historische Wahrheit gegenüber ungeheuerlichen Fälschungen und gegenüber dem Verrat an den Prinzipien, die der bolschewistischen Revolution zugrunde gelegen hatten.

Doch ist die Vierte Internationale mit dieser unnachgiebigen Verteidigung Trotzkis dem politischen und historischen Vermächtnis des "Alten" tatsächlich in vollem Umfang gerecht geworden? Nun, da das Jahrhundert, in dem Trotzki lebte, hinter uns liegt, ist wohl eine grundlegendere Würdigung seines politischen Vermächtnisses und seiner historischen Statur möglich geworden. Beginnen wir dabei mit einer kritischen Neubewertung einer bekannten Passage, in der Trotzki seinen eigenen Beitrag zum Erfolg der Oktoberrevolution von 1917 einschätzte.

In einem Tagebucheintrag mit Datum vom 25. März 1935 schrieb Trotzki: "Wäre ich 1917 nicht in Petersburg gewesen, so würde die Oktoberrevolution dennoch ausgebrochen sein - unter der Voraussetzung, dass Lenin anwesend gewesen wäre und die Führung übernommen hätte. Wären aber sowohl Lenin als auch ich von Petersburg abwesend, so hätte es keine Oktoberrevolution gegeben: Die Führung der bolschewistischen Partei hätte ihren Ausbruch verhindert (daran zweifle ich nicht im geringsten!). Wäre Lenin damals nicht in Petersburg gewesen - ich würde den Widerstand der bolschewistischen Spitze wohl kaum gemeistert haben, der Kampf gegen den ‚Trotzkismus‘ (d. h. also gegen die proletarische Revolution) hätte bereits im Mai 1917 begonnen, und der Ausgang der Revolution wäre in Frage gestellt gewesen. Ich wiederhole aber, dass angesichts Lenins die Oktoberrevolution sowieso zum Siege geführt hätte. Dasselbe lässt sich im großen und ganzen vom Bürgerkrieg behaupten, obwohl in dessen erster Phase, und besonders nach dem Verlust von Simbirsk und Kasan, Lenin wankend wurde und zu zweifeln begann; doch war das sicherlich nur eine vorübergehende Anwandlung, und er hat es sogar wohl kaum jemandem außer mir gestanden. So gesehen, kann ich nicht einmal hinsichtlich der Zeitspanne von 1917 bis 1921 von der ‚Unersetzlichkeit‘ meiner Arbeit sprechen." (Tagebuch im Exil, Köln 1979, S. 72f)

Trifft diese Einschätzung zu? Trotzki bezieht sich in diesem Absatz in erster Linie auf den politischen Kampf innerhalb der bolschewistischen Partei. Als Ausgangspunkt nimmt er berechtigterweise die entscheidende Bedeutung, die der Umorientierung der bolschewistischen Partei im April 1917 zukam. Lenins größte Leistung des Jahres 1917, von welcher der Erfolg der Revolution abhing, bestand darin, dass er den Widerstand der alten bolschewistischen Führer - insbesondere Kamenews und Stalins - gegen eine strategische Wende in der politischen Orientierung der bolschewistischen Partei überwand.

Und doch unterstrich die entscheidende Bedeutung dieses Kampfes innerhalb der bolschewistischen Partei nur die weitreichenden Implikationen der programmatischen Auseinandersetzungen, die früher innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands stattgefunden hatten. Selbst wenn es in erster Linie Lenin war, der den Widerstand gegen die Machteroberung und gegen die Errichtung einer proletarischen Diktatur innerhalb der bolschewistischen Partei überwand, so kämpfte er doch gegen die Anhänger einer politischen Linie, die Lenin selbst zuvor im Gegensatz zur Perspektive Leo Trotzkis vertreten hatte.

Als Lenin im April 1917 nach Russland zurückkehrte und die Perspektive der "demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" widerrief, wurde dies weithin so interpretiert, dass er - wenn er es auch nicht offen zugab - die politische Linie übernahm, mit der Trotzki seit mehr als zehn Jahren assoziiert wurde: die permanente Revolution.

Trotzki und die theoretische Vorwegnahme des Oktober: die Theorie der permanenten Revolution

Ich möchte kurz auf die grundlegenden Fragen eingehen, mit denen die russische revolutionäre Bewegung in den letzten Jahrzehnten der zaristischen Herrschaft konfrontiert war. In seinem Bemühen, den strategischen Verlauf der soziopolitischen Entwicklung Russlands vorherzusehen, entwickelte das russische sozialistische Denken drei mögliche, einander entgegengesetzte Varianten.

Plechanow, der Vater des russischen Marxismus, sah die gesellschaftliche Entwicklung Russlands in Begriffen einer formallogischen Abfolge, in der die historischen Entwicklungsstadien von einem gegebenen ökonomischen Entwicklungsstand vorgezeichnet waren. Erst sollte der Feudalismus vom Kapitalismus abgelöst werden, und letzterer würde seinerseits, sobald die erforderlichen Voraussetzungen der ökonomischen Entwicklung erreicht wären, dem Sozialismus weichen. Das theoretische Modell, dem nach Plechanow die russische Entwicklung folgen sollte, war dem historischen Muster der bürgerlich-demokratischen Evolution in Westeuropa nachgebildet. Die Möglichkeit, dass Russland vor den weitaus stärker entwickelten Ländern im Westen den Weg des Sozialismus einschlagen könnte, war nicht vorgesehen. An der Wende zum 20. Jahrhundert, so Plechanow, stand Russland die Aufgabe der bürgerlich-demokratischen Revolution noch bevor. Darunter verstand er den Sturz des Zarenregimes und die Schaffung der politischen und ökonomischen Voraussetzungen für eine künftige, noch weit entfernte, soziale Revolution. Aller Wahrscheinlichkeit nach standen Russland viele Jahrzehnte bürgerlich-demokratischer Entwicklung bevor, erst dann würde seine ökonomische und gesellschaftliche Struktur eine sozialistische Umwandlung tragen können. Diese organische Konzeption der russischen Entwicklung war in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts die vorherrschende Lehrmeinung unter breiten Schichten der russischen sozialdemokratischen Bewegung.

Die Ereignisse von 1905 - der Ausbruch der ersten russischen Revolution - stellten die Gültigkeit von Plechanows theoretischem Modell in Frage. Der bedeutsamste Aspekt der russischen Revolution war die dominierende politische Rolle des Proletariats im Kampf gegen den Zarismus. Vor dem Hintergrund von Generalstreiks und Aufstand nahmen sich die Manöver der politischen Führer der russischen Bourgeoisie kleinlich und verräterisch aus. Sie brachte keinen Robespierre oder Danton hervor. Die Kadettenpartei (Konstitutionelle Demokraten) hatte keinerlei Ähnlichkeit mit den Jakobinern.

Lenins Analyse war tiefer und weitgehender als diejenige Plechanows. Er akzeptierte den bürgerlich-demokratischen Charakter der russischen Revolution. Doch mit dieser formalen Definition war die Frage nach den Beziehungen zwischen den Klassen und nach der Machtverteilung in der Revolution noch nicht beantwortet. Lenin beharrte darauf, dass die Aufgabe der Arbeiterklasse darin bestand, durch ihre unabhängige Organisation und ihren unabhängigen Einsatz für eine möglichst umfassende und radikale Entwicklung der bürgerlich-demokratischen Revolution zu sorgen. Er setzte sich also für die kompromisslose Vernichtung aller ökonomischen, politischen und sozialen Überbleibsel des zaristischen Feudalismus ein. Auf diese Weise sollten die günstigsten Voraussetzungen für eine wirklich progressive demokratische Verfassung geschaffen werden, damit sich in diesem Rahmen die russische Arbeiterbewegung entfalten könne. Im Zentrum dieser demokratischen Revolution stand für Lenin die Lösung der "Agrarfrage". Darunter verstand er die Zerstörung aller ökonomischen und rechtlichen Überreste des Feudalismus. Die ausgedehnten Ländereien des Adels bildeten ein enormes Hindernis für die Demokratisierung des russischen Lebens und für die Entwicklung einer modernen kapitalistischen Wirtschaft.

Lenins Auffassung der bürgerlichen Revolution wurde - im Gegensatz zu derjenigen Plechanows - nicht von formalistischen politischen Vorurteilen beschränkt. Er näherte sich der bürgerlich-demokratischen Revolution gewissermaßen von innen heraus. Er ging nicht von einem formalen politischen Schema - der absoluten Notwendigkeit einer parlamentarischen Demokratie als unvermeidliches Ergebnis der bürgerlichen Revolution - aus, sondern bemühte sich um die Ableitung der politischen Form der Revolution aus dem wesentlichen, ihr innewohnenden sozialen Inhalt.

In Anerkennung der enormen gesellschaftlichen Aufgaben, die mit Russlands bevorstehender demokratischer Revolution verbunden waren, beharrte Lenin - im Gegensatz zu Plechanow - darauf, dass diese nicht unter der politischen Führung der russischen Bourgeoisie verwirklicht werden konnten. Der Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution in Russland war nur dann möglich, wenn die Arbeiterklasse den Kampf um Demokratie unabhängig, ja sogar im Gegensatz zur Bourgeoisie führte. Doch aufgrund ihrer zahlenmäßigen Schwäche konnte die Arbeiterklasse allein keine ausreichende Massenbasis für die demokratische Revolution stellen. Das russische Proletariat musste für eine kompromisslose, radikaldemokratische Lösung der Agrarprobleme eintreten, um die millionenköpfige russische Bauernschaft für sich zu gewinnen.

Welche staatliche Form würde also das Regime annehmen, das aus diesem revolutionären Bündnis der beiden großen Volksklassen hervorgehen würde? Lenins Konzeption sah eine "demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft" vor. Die beiden Klassen würden die Staatmacht teilen und gemeinsam über die möglichst umfassende Umsetzung der demokratischen Revolution wachen. Lenin äußerte sich nicht im Einzelnen über die Arrangements der Machtteilung, die in einem solchen Regime gebildet würden, und definierte auch nicht die Staatsformen, in denen diese Diktatur von zwei Klassen ausgeübt werden könnte.

Ungeachtet des außerordentlichen Radikalismus der demokratischen Diktatur betonte Lenin, dass ihr Ziel nicht in der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft liege. Die Revolution würde, was ihr ökonomisches Programm anging, notwendigerweise im Rahmen des Kapitalismus verbleiben. Selbst wenn Lenin für eine radikale Lösung der Landfrage eintrat, betonte er, dass die Verstaatlichung des Bodens - gerichtet gegen die russischen Großgrundbesitzer - keine sozialistische, sondern eine bürgerlich-demokratische Maßnahme sei.

Zu diesem entscheidenden Punkt äußerte sich Lenin in seiner Polemik unmissverständlich. Im Jahr 1905 schrieb er:

"Die Marxisten sind durchaus vom bürgerlichen Charakter der russischen Revolution überzeugt. Was heißt das? Das heißt, dass die demokratischen Reformen..., die für Russland eine Notwendigkeit geworden sind, nicht nur als solche noch keinen Anschlag auf den Kapitalismus bedeuten, keinen Angriff auf die Vorherrschaft der Bourgeoisie, sondern dass sie im Gegenteil zum ersten Mal das Terrain bereinigen für eine breite und schnelle europäische und nicht asiatische Entwicklung des Kapitalismus, dass sie um ersten Mal die Herrschaft der Bourgeoisie als Klasse möglich machen." (Leo Trotzki, Stalin, Essen 2001, S. 472-73)

Trotzkis Position unterschied sich grundlegend sowohl von derjenigen der Menschewiki als auch von derjenigen Lenins. Trotz ihrer unterschiedlichen Schlussfolgerungen begründeten sowohl Plechanow als auch Lenin ihre Perspektiven auf das gegebene Entwicklungsstadium der russischen Wirtschaft und auf die Beziehungen zwischen den sozialen Kräften innerhalb des Landes. Trotzkis eigentlicher Ausgangspunkt dagegen war nicht das bestehende Wirtschaftsniveau Russlands oder dessen interne Klassenbeziehungen, sondern der welthistorische Kontext, innerhalb dessen sich Russlands verspätete demokratische Revolution entfalten musste.

Trotzki zeichnete den historischen Werdegang der bürgerlichen Revolution nach - von ihrer klassischen Manifestation im 18. Jahrhundert durch die Wechselfälle des 19. Jahrhunderts und schließlich im modernen Kontext von 1905. Er erklärte, wie die tiefgreifenden Veränderungen der historischen Bedingungen - insbesondere die Entwicklung der Weltwirtschaft und die Herausbildung der internationalen Arbeiterklasse - die soziale und politische Dynamik der bürgerlich-demokratischen Revolution von Grund auf verwandelt hatte. Traditionelle politische Gleichungen, die aus den Bedingungen abgeleitet waren, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts vorgeherrscht hatten, waren in der neuen Situation von geringem Wert.

Trotzki spürte die politische Beschränktheit von Lenins Formel auf. Sie war politisch unrealistisch: sie löste das Problem der Staatsmacht nicht, sondern wich ihm aus. Trotzki akzeptierte nicht, dass das russische Proletariat in der Lage sein werde, sich auf Maßnahmen streng demokratischen Charakters zu beschränken. Die Realität der Klassenbeziehungen würde die Arbeiterklasse zwingen, ihre politische Diktatur gegen die ökonomischen Interessen der Bourgeoisie zu richten. Mit anderen Worten, der Kampf der Arbeiterklasse würde unweigerlich sozialistischen Charakter annehmen. Doch wie war dies angesichts der Rückständigkeit Russlands möglich? Angesichts seiner beschränkten ökonomischen Entwicklung war das Land eindeutig nicht reif für den Sozialismus.

Wenn man die russische Revolution nur aus sich heraus betrachtete, schien es keine Lösung für dieses Problem zu geben. Wenn man sie jedoch von außen untersuchte - wenn man die russische Revolution vom übergeordneten Standpunkt der Weltwirtschaft und der internationalen Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie einordnete -, dann zeichnete sich eine überraschende Lösung ab. Schon im Juni 1905, als die erste russische Revolution begann, stellte Trotzki fest, dass "der Kapitalismus die gesamte Welt in einen einzigen ökonomischen und politischen Organismus verwandelt hat". Trotzki erfasste die Implikationen dieses tiefgehenden Wandels in der Struktur der Weltwirtschaft:

"Das verleiht den sich entwickelnden Ereignissen von Anfang an einen internationalen Charakter und eröffnet eine große Perspektive: die politische Emanzipation, geleitet von der Arbeiterklasse Russlands, hebt diese ihre Führerin auf eine in der Geschichte bisher unbekannte Höhe, legt kolossale Kräfte und Mittel in ihre Hand, lässt sie die weltweite Vernichtung des Kapitalismus beginnen, für die die Geschichte alle objektiven Voraussetzungen geschaffen hat." (Die permanente Revolution, Essen 1993, S. 268)

Trotzkis Herangehensweise stellte einen erstaunlichen theoretischen Durchbruch dar. Genau wie Einsteins Relativitätstheorie - ein weiteres Geschenk des Jahres 1905 an die Menschheit - den Begriffsrahmen für die Sicht des Universums grundlegend und unwiderruflich änderte und Probleme lösbar machte, auf die es in der Zwangsjacke der klassischen Newtonschen Physik keine Antworten gegeben hatte, so führte auch Trotzkis Theorie der permanenten Revolution zu einer grundlegenden Verschiebung der analytischen Perspektive, unter der revolutionäre Prozesse betrachtet wurden. Vor 1905 wurden Revolutionen als Resultat fortschreitender nationaler Ereignisse aufgefasst, deren Ergebnis von der Logik ihrer inneren sozio-ökonomischen Struktur und Beziehungen bestimmt wurde. Trotzki trat für eine andere Herangehensweise ein: die Revolution sollte in der modernen Epoche als ein im Wesentlichen welthistorischer Prozess aufgefasst werden, ein Prozess des Übergangs von der Klassengesellschaft, die politisch in Nationalstaaten verwurzelt war, zu einer klassenlosen Gesellschaft, die sich auf der Grundlage einer global integrierten Wirtschaft und der international vereinten Menschheit entwickelt.

Die Analogie zu Einstein ist meiner Meinung nach nicht weit hergeholt. Es bestand eine Parallele zwischen den Erkenntnisproblemen, die sich den Theoretikern der Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellten, und denjenigen der Physiker. In ganz Europa ergaben Experimente Resultate, die nicht mit den vertrauten Formeln der klassischen Newtonschen Physik erklärt werden konnte. Die Materie verhielt sich, zumindest auf der Ebene der subatomaren Teilchen, nicht so, wie sie es nach Herrn Newton eigentlich sollte. Einsteins Relativitätstheorie lieferte den begrifflichen Rahmen für das Verständnis des materiellen Universums.

In ähnlicher Weise war die sozialistische Bewegung mit einer Flut sozioökonomischer und politischer Daten konfrontiert, die innerhalb des bestehenden theoretischen Rahmens nicht angemessen verarbeitet werden konnten. Wegen ihrer schieren Komplexität entzog sich die moderne Weltwirtschaft simplifizierenden Definitionen. Die Entwicklung der Weltwirtschaft schlug sich mit bis dahin unbekannter Stärke innerhalb jeder nationalen Wirtschaft nieder. Selbst rückständige Ökonomien wiesen - infolge von Investitionen aus dem Ausland - einige hoch entwickelte Merkmale auf. Es gab feudalistische oder semi-feudalistische Regime, deren politische Strukturen in Überbleibseln des Mittelalters verhaftet waren, während die Wirtschaft der von ihnen beherrschten Länder stark von der Schwerindustrie geprägt war. Es war auch nicht ungewöhnlich, dass man in Ländern mit verspäteter kapitalistischer Entwicklung auf eine Bourgeoisie traf, die weniger Interesse am Erfolg "ihrer" demokratischen Revolution an den Tag legte als die einheimische Arbeiterklasse. Diese Anomalitäten passten nicht in formalstrategische Schemata, die in ihren Prognosen von gesellschaftlichen Phänomen ausgingen, die weniger von inneren Widersprüchen zerrissen waren.

Trotzkis große Leistung bestand in der Ausarbeitung eines neuen Theorierahmens, der den neuen sozialen, ökonomischen und politischen Komplexitäten gerecht wurde. Es war nichts Utopisches an Trotzkis Ansatz. Er entsprang vielmehr einer tiefen Einsicht in die Auswirkungen der Weltwirtschaft auf das gesellschaftliche und politische Leben. Eine realistische Herangehensweise an die Politik und die Erarbeitung einer wirkungsvollen revolutionären Strategie hingen davon ab, dass die sozialistischen Parteien vom objektiv gegebenen Primat des Internationalen gegenüber dem Nationalen ausgingen. Dies erschöpfte sich nicht im Eintreten für internationale proletarische Solidarität. Ohne ein Verständnis ihrer wesentlichen, objektiven Grundlage in der Weltwirtschaft, und ohne die objektive Realität der Weltwirtschaft zur Grundlage des strategischen Denkens zu machen, würde der proletarische Internationalismus ein utopisches Ideal bleiben, das keinen inneren Zusammenhang zu Programm und Praxis national basierter sozialistischer Parteien aufwies.

Ausgehend von der Realität des Weltkapitalismus und in Anerkenntnis der objektiven Abhängigkeit der russischen Ereignisse von der internationalen ökonomischen und politischen Entwicklung sah Trotzki voraus, dass die russische Revolution unweigerlich eine sozialistische Richtung einschlagen musste. Die russische Arbeiterklasse würde gezwungen sein, die Macht zu erobern und bis zu einem gewissen Grad Maßnahmen sozialistischen Charakters zu ergreifen. Doch auf dem einmal eingeschlagenen sozialistischen Kurs würde die Arbeiterklasse in Russland unvermeidlich an die Schranken der nationalen Umgebung stoßen. Wie würde sie dieses Dilemma lösen? Indem sie ihr Schicksal mit der europäischen und der Weltrevolution verknüpfte, deren Manifestation ihr eigener Kampf letztlich war.

Diese Zusammenhänge erkannte ein Mann, der, wie Einstein, gerade erst 26 Jahre alt geworden war. Trotzkis Theorie der permanenten Revolution ermöglichte eine realistische Konzeption der Weltrevolution. Das Zeitalter der nationalen Revolutionen war zu Ende - oder, um genauer zu sein, nationale Revolutionen konnten nur noch im Rahmen der internationalen sozialistischen Revolution verstanden werden.

Trotzki und die Bolschewiki

Wenn man sich die weitreichenden Implikationen von Trotzkis neuen Einsichten vor Augen führt, gelangt man zu einem besseren Verständnis sowohl der Menschewiki als auch der Bolschewiki. Ich habe nicht die Absicht, in irgendeiner Weise die Bedeutung von Lenins großer Leistung herabzumindern. Tiefer als jeder andere verstand er die politische Bedeutung des Kampfs gegen den Opportunismus in der revolutionären Bewegung. Er führte ihn auf allen Ebenen der Parteiarbeit und der Organisation. Doch so wichtig und entscheidend die Fragen der revolutionären Organisation sind, die Erfahrung des 20. Jahrhunderts lehrt die Arbeiterklasse, bzw. sollte sie lehren, dass selbst die festeste Organisation zu einem Hindernis für die Revolution werden kann und werden wird, wenn sie sich nicht von einer richtigen revolutionären Perspektive leiten lässt.

Trotzki beurteilte sämtliche Tendenzen innerhalb der russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei anhand ihrer Perspektive, ihres Programms. In welchem Maße basierte ihr politisches Programm auf einer zutreffenden Einschätzung der international wirksamen Kräfte, die Evolution und Schicksal der russischen Revolution bestimmen würden? Von diesem Standpunkt aus stand Trotzki Programm und Orientierung der bolschewistischen Partei zu Recht kritisch gegenüber. Ich möchte aus einem Artikel zitieren, in dem er 1909 die verschiedenen Positionen der unterschiedlichen Fraktionen innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands besprach. Er schrieb:

"Lenin glaubt, die Widersprüche zwischen den Klasseninteressen des Proletariats und der objektiven Lage würden gelöst, indem sich das Proletariat eine politische Beschränkung setzt. Diese Selbstbeschränkung würde sich aus der theoretischen Einsicht des Proletariats ergeben, dass die Revolution, in der es eine führende Rolle spielt, eine bürgerliche Revolution sei. Lenin verlagert den objektiven Widerspruch in das Bewusstsein des Proletariats und löst ihn mittels einer Klassenaskese, die nicht im religiösen Glauben, sondern in einem sogenannten wissenschaftlichen Schema wurzelt. Es genügt, dieses intellektuelle Konstrukt deutlich zu sehen, um zu verstehen wie hoffnungslos idealistisch es ist.

Der Haken liegt darin, dass sich die Bolschewiki den Klassenkampf des Proletariats nur bis zum Moment der Revolution und ihres Sieges vorstellen. Danach betrachten sie ihn als vorübergehend in der demokratischen Koalition aufgelöst. Erst nach der endgültigen Errichtung eines republikanischen Systems soll er wieder in reiner Form entstehen, diesmal als direkter Kampf für den Sozialismus. Wenn die Menschewiki, von der Abstraktion ausgehend, unsere Revolution sei bürgerlich, zu dem Gedanken kommen, die gesamte Taktik des Proletariats dem Verhalten der liberalen Bourgeoisie, mit Einschluss deren Eroberung der Staatsmacht, anzupassen, so kommen die Bolschewiki, ausgehend von derselben nackten Abstraktion:,demokratische, nicht sozialistische Diktatur', zu dem Gedanken der bürgerlich-demokratischen Selbstbeschränkung des Proletariats, in dessen Händen sich die Staatsmacht befindet. Der Unterschied zwischen ihnen in dieser Frage ist allerdings recht bedeutend: während die antirevolutionären Seiten des Menschewismus sich in ihrer ganzen Kraft bereits jetzt äußern, drohen die antirevolutionären Züge des Bolschewismus als große Gefahr erst im Falle des revolutionären Sieges." (Our Differences)

Dies war eine überaus scharfsinnige Vorwegnahme der russischen Revolution. Kaum war das zaristische Regime gestürzt, da zeigte sich auch schon die Beschränktheit von Lenins Perspektive der demokratischen Diktatur. Trotzki führte weiter aus, dass die russische Arbeiterklasse gezwungen sein werde, die Macht zu erobern, und "mit den objektiven Problemen des Sozialismus konfrontiert sein wird. Die Lösung dieser Probleme wird aber in einem gewissen Stadium durch die wirtschaftliche Rückständigkeit des Landes verhindert werden. Im Rahmen einer nationalen Revolution gibt es keinen Ausweg aus diesem Widerspruch." Trotzki erkannte also klar, dass die Beschränktheit von Lenins Perspektive nicht nur in ihren politischen Prognosen lag, sondern dass diese Prognosen auf einer nationalen, nicht internationalen Sicht der Umstände beruhten, innerhalb derer sich die russische Revolution entfalten würde.

Er schrieb im Jahr 1909: "Die Arbeiterregierung wird vor der Aufgabe stehen, ihre Kräfte mit jenen des sozialistischen Proletariats Westeuropas zu vereinen. Nur so wird ihre zeitweilige revolutionäre Vorherrschaft zum Prolog der sozialistischen Diktatur werden. So wird die permanente Revolution für das russische Proletariat zu einer Frage des Selbsterhalts als Klasse werden. Wenn sich die Arbeiterpartei nicht ausreichend für eine aggressive revolutionäre Taktik engagiert, wenn sie sich auf die magere Diät einer rein demokratischen und rein nationalen Diktatur beschränkt, dann werden die reaktionären Kräfte Europas ohne Zeitverlust deutlich machen, dass eine Abeiterklasse, die sich einmal an der Macht befindet, ihre ganze Kraft in den Kampf für die sozialistische Revolution werfen muss."

Genau darum ging es. Die unterschiedlichen Entwürfe der politischen Form, welche die künftige Staatsmacht annehmen sollte, ergaben sich letztlich aus unterschiedlichen Einschätzungen über die Bedeutung des internationalen als ausschlaggebendem Faktor für das politische Resultat der revolutionären Bewegung.

Folgendes muss hinsichtlich der Entwicklung der bolschewistischen Partei festgehalten werden. Jedes Programm widerspiegelt letztlich den Einfluss und die Interessen sozialer Kräfte. In Ländern mit verzögerter bürgerlicher Entwicklung, in der die Bourgeoisie unfähig ist, die nationalen und demokratischen Aufgaben der Revolution konsequent zu verfechten, fallen bestimmte Elemente dieser Aufgaben, wie wir wissen, der Arbeiterklasse zu. Die Arbeiterklasse ist verpflichtet, diejenigen demokratischen und nationalen Forderungen, denen noch eine progressive Bedeutung zukommt, aufzugreifen und zu verfechten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts war die sozialistische Bewegung häufig gezwungen, die Verantwortung für solche demokratischen und nationalen Aufgaben zu schultern und Elemente in ihre Reihen aufzunehmen, für die diese Aufgaben im Mittelpunkt standen - und denen die sozialistischen und internationalen Bestrebungen der Arbeiterklasse weitaus weniger bedeuteten. Meiner Ansicht nach hat ein solcher Prozess in der Entwicklung der bolschewistischen Partei eine Rolle gespielt. Lenin vertrat innerhalb der bolschewistischen Partei zweifellos die konsequenteste Opposition gegen diese Art nationalistischer und kleinbürgerlich-demokratischer Voreingenommenheit. Er war sich über ihre Existenz bewusst und konnte sie nicht einfach ignorieren.

Ich möchte aus einem Artikel vorlesen, der im Dezember 1914 nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstand.

"Ist uns großrussischen klassenbewussten Proletariern das Gefühl des nationalen Stolzes fremd? Gewiss nicht! Wir lieben unsere Sprache und unsere Heimat, wir wirken am meisten dafür, dass ihre werktätigen Massen (d.h. neun Zehntel ihrer Bevölkerung) zum bewussten Leben erhoben werden, dass sie Demokraten und Sozialisten werden. Es schmerzt uns am meisten, zu sehen und zu fühlen, welchen Gewalttaten, welcher Unterdrückung und welchen Schmähungen die Zarenschergen, Gutsbesitzer und Kapitalisten unsere schöne Heimat unterwerfen. Wir sind stolz darauf, dass diese Gewalttaten Widerstand in unserer Mitte, im Lager der Großrussen hervorgerufen haben, dass aus diesem Lager Raditschew, die Dekabristen, die Rasnotschinzen-Revlutionäre der siebziger Jahre hervorgegangen sind, dass die großrussische Arbeiterklasse im Jahre 1905 eine mächtige revolutionäre Massenpartei geschaffen, dass der großrussische Bauer zur selben Zeit Demokrat zu werden und den Popen und den Gutsbesitzer davonzujagen begonnen hat.

[...] Wir sind erfüllt vom Gefühl nationalen Stolzes, denn die großrussische Nation hat gleichfalls eine revolutionäre Klasse hervorgebracht, hat gleichfalls bewiesen, dass sie imstande ist, der Menschheit große Vorbilder des Kampfes für die Freiheit und den Sozialismus zu geben und nicht nur große Pogrome, Galgenreihen und Folterkammern, große Hungersnöte und große Kriecherei vor den Popen, den Zaren, den Gutsbesitzern und Kapitalisten." (Lenin Werke Bd. 21, S. 92-93)

Der Autor dieser Zeilen war Lenin. Man täte Lenin Unrecht, würde man diesen Artikel als politisches Zugeständnis an den großrussischen Chauvinismus werten. Seine gesamte Biographie bezeugt seine unversöhnliche Opposition gegen den großrussischen Nationalismus. Der Artikel war ein Versuch Lenins, revolutionären Einfluss auf die tief verwurzelten nationalistischen Empfindungen der arbeitenden Massen zu nehmen und diese Gefühle für revolutionäre Zwecke zu gebrauchen. Er zeigt, dass Lenin die starken nationalistischen Regungen nicht nur in der Arbeiterklasse, sondern auch in Teilen seiner eigenen Partei deutlich empfand. Die Ausnutzung nationalistischer Gefühle für revolutionäre Zwecke - im Gegensatz zur Anpassung revolutionärer Ziele an nationalistische Gefühle - ist eine schwierige Gratwanderung. Die Botschaft, die der Autor vermitteln will, entspricht nicht unbedingt der Interpretation seines Publikums. Unweigerlich leidet die politische Qualität der Botschaft, wenn sie bei einem breiten Publikum ankommt. Was Lenin als Tribut an die revolutionären Traditionen der großen russischen Arbeiterklasse versanden wissen wollte, wurde von eher rückständigen Teilen der Parteiarbeiter aller Wahrscheinlichkeit nach als Loblied auf die revolutionären Fähigkeiten der Großrussen interpretiert. Und dies ist ungeachtet seiner linken Form eine Spielart des Chauvinismus mit gefährlichen politischen Implikationen, wie Trotzki 1915 aufzeigte. Er schrieb damals:

"Geht man im nationalen Rahmen an die Aussichten einer sozialen Revolution heran, verfällt man derselben Beschränktheit, die das Wesen des Sozialpatriotismus ausmacht. Man sollte nicht vergessen, dass der Sozialpatriotismus neben dem vulgärsten Reformismus in der Regel auch ein Element des nationalrevolutionären Messianismus beinhaltet, der dem eigenen Nationalstaat, sei es aufgrund seines industriellen Niveaus oder seiner demokratischen Formen und revolutionären Errungenschaften, die Aufgabe zuschreibt, die Menschheit zum Sozialismus oder zur Demokratie zu führen. Wäre eine siegreiche Revolution im Rahmen einer einzelnen, entwickelteren Nation wirklich denkbar, hätte dieser Messianismus zusammen mit dem Programm der nationalen Verteidigung eine relative historische Berechtigung. Aber in Wirklichkeit ist das unvorstellbar. Der Kampf zur Erhaltung der nationalen Grundlage der Revolution mit derartigen Mitteln hat die Revolution selbst untergraben, die auf einer nationalen Grundlage beginnen, aber aufgrund der gegenwärtigen wirtschaftlichen, militärischen und politischen wechselseitigen Abhängigkeit der europäischen Staaten auf dieser Grundlage nicht vollendet werden kann. Nie ist dies so deutlich geworden wie während des gegenwärtigen Krieges."

Es wäre lohnend, einen genaueren Blick auf die Umstände zu werfen, unter denen Lenin selbst seine politische Perspektive neu bewertete. Zweifellos ermöglichte ihm sein Studium der Weltwirtschaft unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs tiefere Einblicke in die Dynamik der russischen Revolution und veranlasste ihn, im Wesentlichen die Perspektive zu übernehmen, die bereits seit vielen Jahren mit Trotzki in Zusammenhang gebracht wurde.

Als Lenin seine Aprilthesen verlas, war den Zuhörern sofort klar, dass er in seiner Argumentation derjenigen Trotzkis folgte. Auf der Stelle wurde der Vorwurf des "Trotzkismus" erhoben, und schon diese Tatsache allein beweist die Größe von Trotzkis geistigem Beitrag zum Erfolg der Revolution in diesem Jahr. Trotzki hatte bereits einen begrifflichen und politischen Rahmen geschaffen, innerhalb dessen die Debatte in der bolschewistischen Partei voranschreiten konnte. Sie kam nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wenn Lenins Persönlichkeit und sein unumstrittenes Ansehen innerhalb der bolschewistischen Partei einen relativ raschen Sieg der neuen Perspektive ermöglichten, so gilt gleichermaßen, dass Trotzkis Pionierarbeit an diesen Konzeptionen Lenins Kampf begünstigte, insbesondere unter Bedingungen, als sich die Massen in Russland 1917 nach links bewegten.

In gewissem Sinne waren die Ereignisse vom Frühjahr, Sommer und Herbst 1917 ein grundlegenderer und tieferer Ausdruck von politischen Entwicklungen, zu denen es bereits zwölf Jahre zuvor gekommen war. Ich möchte einen interessanten Absatz aus dem Buch "Die Ursprünge des Bolschewismus" von dem Menschewiken Theodor Dan vorlesen. Folgendermaßen äußert er sich über das Jahr 1905:

"Der Hintergrund der Tage der Freiheit [des Höhepunkts der Revolution von 1905] bestand darin, dass, wie wir sahen, in praktischer Hinsicht sowohl die Menschewiki als auch die Bolschewiki dem Trotzkismus zugetrieben wurden. Für kurze Zeit bildete der Trotzkismus, der damals natürlich noch nicht diesen Namen trug, zum ersten und letzten Mal in der Geschichte der russischen Sozialdemokratie deren einigende Plattform."

Unter Bedingungen einer äußerst explosiven Linkswendung der russischen Arbeiterklasse gewann also die Perspektive Trotzkis enorm an Ansehen und Statur. Was im Jahr 1905 geschehen war, wiederholte sich 1917 in noch explosiverer und machtvollerer Weise und machte Geschichte. Der Sieg von 1917 war in hohem Maße der Sieg von Trotzkis Perspektive der permanenten Revolution. Die Ereignisse von 1922 und 1923, d. h. die beginnende politische Reaktion gegen die Oktoberrevolution und das Wiederaufkommen des russischen Nationalismus innerhalb der bolschewistischen Partei schufen die besten Voraussetzungen für das erneute Wachstum der alten, antitrotzkistischen Tendenzen innerhalb der bolschewistischen Partei. Man kann die damaligen Tendenzen nicht getrennt von den politischen Zerwürfnissen betrachten, die es bereits zuvor in der bolschewistischen Partei gegeben hatte. Damit ist nicht gesagt, dass sie genau identisch waren.

Die sozialen Tendenzen, die in den Jahren 1922-23 vorzuherrschen begannen, unterschieden sich stark von denjenigen, auf denen das Wachstum des Bolschewismus im Jahr 1917 beruht hatte. Das Wachstum des Bolschewismus im Jahr der Revolution basierte auf einer stürmischen Radikalisierung der Arbeiterklasse in den großen städtischen Zentren. Die sozialen Kräfte, die dem Wachstum der Partei 1922 und 1923 zugrunde lagen und die Lenin große Sorgen bereiteten, bestanden in hohem Maße aus nichtproletarischen Elementen, insbesondere aus den unteren Mittelklassen in den städtischen Zentren, denen die Revolution unzählige Karrieremöglichkeiten eröffnet hatte - von den Überbleibseln der alten zaristischen Bürokratie ganz zu schweigen. In den Augen dieser Elemente war die russische Revolution mehr oder weniger ein nationales, kein internationales Ereignis. Schon 1922 warnte Lenin vor diesem Phänomen, dem Anwachsen einer Art nationalen Bolschewismus‘. Immer dringlicher warnte er vor dem Anwachsen chauvinistischer Tendenzen. Wie wir wissen, richteten sich diese Warnungen Ende 1922 und Anfang 1923 insbesondere gegen Stalin, den er in seinem letzten Artikel als dasjenige Individuum bezeichnete, welches das Wiedererstehen des brutalen großrussischen Chauvinisten verkörperte.

Der Kampf gegen den Trotzkismus war im Wesentlichen ein Wiedererstarken der politischen Opposition gegen die Theorie der permanenten Revolution innerhalb der Partei. Weshalb hat Trotzki dies nicht offen ausgesprochen? Meiner Ansicht nach liegt die Antwort in den außerordentlich schwierigen Umständen, die durch Lenins letzte Krankheit und durch seinen Tod geschaffen wurden. Trotzki empfand es einfach als unmöglich, so objektiv über seine früheren Differenzen mit Lenin zu sprechen, wie er es vermutlich gern getan hätte. Der einzige Text, in dem diese Differenzen objektiv und ungeschminkt zur Sprache gebracht wurden, ist der berühmte Abschiedsbrief von Joffe an Trotzki. Lenin, so schreibt er darin, habe oft gesagt, dass hinsichtlich der grundlegenden Perspektivfragen - einschließlich der Frage der permanenten Revolution - nicht er, sondern Trotzki Recht gehabt habe.

In den Jahren 1923 und 1924 war Trotzki bemüht, dem Kader der bolschewistischen Partei eine kritischere Haltung gegenüber dem nationalen Milieu zu vermitteln, das er als größtes Hindernis für die Entwicklung einer wirklich sozialistischen Perspektive ansah. In den brillanten Artikeln, die unter dem Titel "Fragen des Alltagslebens" erschienen sind, beleuchtet er an vielen Stellen die Beziehung zwischen der Rückständigkeit des nationalen Milieus in Russland und den großen Schwierigkeiten, denen sich die russische Arbeiterklasse bei der Entwicklung einer sozialistischen Politik und bei der beginnenden Sozialisierung des russischen Wirtschaftslebens gegenübersah. Erst viel später, gegen Ende seines Lebens, erklärte Trotzki ausdrücklich, dass der Kampf gegen den Trotzkismus in der Sowjetunion in den Differenzen wurzelte, die schon vor 1917 in der bolschewistischen Partei geherrscht hatten. Im Jahr 1939 schrieb er: "Man kann sagen, dass der ganze ‚Stalinismus' in ‚theoretischer' Hinsicht aus der Kritik der Theorie der permanenten Revolution, so wie sie im Jahre 1905 formuliert worden war, hervorgegangen ist." (Stalin, Essen 2001, S. 471)

Wie wird man sich künftig an Trotzki erinnern? Worin besteht seine Bedeutung in der Geschichte des Sozialismus? Meiner Ansicht nach wird Trotzki als der Theoretiker der Weltrevolution im Bewusstsein der revolutionären Bewegung bleiben und einen herausragenden Stellenwert einnehmen. Natürlich lebte er länger als Lenin und wurde mit neuen Problemen konfrontiert. Dennoch weisen Trotzkis gesamte Schriften von 1905 bis 1940 eine ganz bestimmte Kontinuität auf. Ihr entscheidendes und wesentliches Thema ist stets die Perspektive der Weltrevolution. Lenins gesamtes Wesen ist in der russischen Revolution aufgehoben. Doch für Trotzki war sie eine Episode in seinem Leben - eine sehr große Episode, gewiss, aber eben doch nur eine Episode im größeren Drama der sozialistischen Weltrevolution.

Trotzki und der klassische Marxismus

Es würde den Rahmen dieses Vortrags sprengen, noch auf Trotzkis Arbeit nach seiner Verdrängung von der politischen Macht einzugehen. Abschließend möchte ich lediglich ein entscheidendes Element in Trotzkis theoretischem Vermächtnis betonen: seine Rolle als letzter großer Vertreter des klassischen Marxismus.

Mit dem Begriff des klassischen Marxismus verbinden wir zwei fundamentale Konzeptionen: erstens, dass die Arbeiterklasse die grundlegende revolutionäre Kraft in der Gesellschaft ist, und zweitens, dass die wichtigste Aufgabe von Marxisten darin besteht, unermüdlich auf theoretischer und auf praktischer Ebene für ihre politische Unabhängigkeit zu kämpfen. Die sozialistische Revolution ist das Endprodukt dieser ständigen, kompromisslosen Arbeit. Die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse erreicht man nicht durch eine clevere Taktik, sondern durch Erziehung im grundlegenden Sinne - vor allem durch die Erziehung ihrer politischen Avantgarde. Es gibt keine Abkürzungen. Wie Trotzki häufig warnte, ist die Ungeduld der größte Feind der revolutionären Strategie.

Das 20. Jahrhundert wurde Zeuge der größten Siege und sehr tragischer Niederlagen der Arbeiterklasse. Es ist notwendig, die Lehren aus den vergangenen einhundert Jahren zu ziehen. Nur unsere Bewegung hat sich dieser Aufgabe angenommen. Die Geschichte kennt keine Vergeblichkeit und kein Vergessen. Der nächste große Aufschwung der internationalen Arbeiterklasse - dessen internationale Ausmaße von der globalen Verflechtung der kapitalistischen Produktion vorgegeben werden - werden zu einem intellektuellen Wiederaufleben des Trotzkismus, d.h. des klassischen Marxismus führen.

(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - September 2001 enthalten.)