Rezession und globale Turbulenzen auf den Finanzmärkten kehren zurück

Die Bekanntgabe der Regierung von Singapur in der letzten Woche, dass die von Hightech-Industrien bestimmte Wirtschaft des Landes offiziell in eine Rezession eingetreten sei - definiert als zwei aufeinander folgende Quartale mit negativem Wachstum -, hat die globalen Auswirkungen des Rückgangs in den USA unterstrichen und der Furcht vor einer globalen Rezession neue Nahrung gegeben.

Nach den jüngsten Daten ging das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 10,1 Prozent zurück, nach einem Rückgang im ersten Quartal um elf Prozent.

Gleichzeitig verstärken die von der drohenden Zahlungsunfähigkeit Argentiniens genährten, hektischen Fluktuationen auf den sogenannten "aufstrebenden Finanzmärkten" Befürchtungen, dass das internationale Finanzsystem wieder in ähnlich starke Turbulenzen geraten könnte, wie bei der Asienkrise von 1997/98.

Die jüngste Argentinien-Krise brach letzten Dienstag aus, als die Regierung 14 Prozent Zinsen für 90-tägige Schatzanleihen zahlen musste, um Dollarschulden in Höhe von 850 Millionen zu refinanzieren. Noch letzten Monat hatte sie für ähnliche Anleihen nur neun Prozent Zinsen zahlen müssen.

Weil Argentinien 25 Prozent der Schulden aller aufstrebenden Märkte auf sich vereint, führte die Zinssteigerung zu Reaktionen in aller Welt. In Brasilien fielen die Aktien um mehr als zwei Prozent und die Währung fiel gegenüber dem Dollar auf den tiefsten Stand. Auf den Finanzmärkten Afrikas, Lateinamerikas, Osteuropas und Asiens wurden Aktien, Anleihen und Währungen in einer klassischen Kettenreaktion verkauft.

In London erklärte der oberste Europaökonom von Bear Sterns, David Brown, seinen Kunden: "Auf den aufstrebenden Märkten beginnt die Aufregung wieder von vorne, und bei Investoren macht sich die Angst vor Ansteckung breit." Brown sagte, dass die Besorgnis über Argentinien zwar an erster Stelle stehe, "aber auch die Türkei und Polen stecken tief im Schlamassel".

Bemüht die Krise einzudämmen, erklärte der Internationale Währungsfond, dass die internationale finanzielle Unterstützung in Höhe von fast 40 Milliarden Dollar es der argentinischen Regierung eigentlich ermöglichen sollte, ihrem Schuldendienst dieses Jahr nachzukommen. Aber er musste eingestehen, dass danach "die Arithmetik nicht mehr funktioniert", es sei denn, die Wirtschaft beginne wesentlich schneller zu wachsen.

Aber das ist genau das Problem. Argentinien, das seit drei Jahren in einer Rezession steckt und von 128 Mrd. Dollar Schulden niedergedrückt wird, was ungefähr seinem halben Bruttoinlandsprodukt entspricht, wird jetzt noch zusätzlich von dem internationalen Abwärtssog erfasst, der von der schnellen Abschwächung der US-Wirtschaft ausgeht.

Dieser hat die weit stärkere Wirtschaft Singapurs in die Rezession gezogen. Sie wuchs im letzten Jahr noch um 9,9 Prozent, und die Regierung hatte für dieses Jahr ein Wachstum von fünf bis sieben Prozent vorausgesagt, war aber im April gezwungen, ihre Schätzung auf 3,5 bis 5,5 Prozent zurückzunehmen. Jetzt hat sie ihre Erwartungen weiter auf 0,5 bis 1,5 Prozent reduziert, und es gibt zahlreiche Voraussagen, dass das Wachstum dieses Jahr zum ersten Mal seit 1985 negativ sein könnte.

Der Wirtschaftsabschwung breitet sich in ganz Ostasien aus. Taiwan und Thailand berichten über negatives Wachstum im ersten Quartal, und Hongkong und Südkorea weisen ein abgeschwächtes Wachstum auf.

In Malaysia besteht die Regierung darauf, dass der Wirtschaft keine Rezession drohe, aber die Zahlen weisen doch in diese Richtung. Die Exporte fielen im Mai um fast sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr, und mehr als 3.000 Arbeiter wurden entlassen - fast viermal so viele wie im gleichen Vorjahreszeitraum. Der malaysische Gewerkschaftsdachverband hat den Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen in der Elektronikindustrie vorausgesagt und rechnet damit, dass die Hälfte der Beschäftigten dieses Industriezweigs dieses Jahr entlassen werden könnte.

Die Rezession in Ostasien hat ihre Ursache ganz direkt in dem scharfen Rückgang in den USA. Die Investmentbank Morgan Stanley stellte fest, dass bis zu zwei Fünftel des Wachstums des Bruttoinlandsprodukts in Ostasien letztes Jahr aus Exporten der Informationstechnologie nach Amerika bestanden. Jetzt ist der Investitionsboom zusammengebrochen, und die neuen Aufträge für Computer und Elektronikprodukte sind bis Mai um ein Drittel zurückgegangen. Als Folge davon sind die Exporte aus Ostasien (ohne China) im letzten Jahr um zehn Prozent zurückgegangen, verglichen mit einer jährlichen Wachstumsrate von 30 Prozent Anfang 2000.

Aber die Auswirkungen des Abschwungs in den USA sind nicht auf Ostasien beschränkt. Sie beginnen sich auch in Europa bemerkbar zu machen, wo Deutschland am Rande einer Rezession steht.

Das Berliner Wirtschaftforschungsinstitut DWI sagte letzte Woche voraus, dass die deutsche Wirtschaft, die für fast ein Drittel der Produktionsmenge der 15 EU-Länder steht, in diesem Jahr nur noch um ein Prozent wachsen wird, nachdem frühere Vorhersagen noch von 2,1 Prozent Wachstum ausgegangen waren. Der IWF hat seine Vorhersage von 1,9 Prozent auf 1,25 Prozent zurückgeschraubt. Das DWI sagte, dass die deutsche Wirtschaft, die stark exportabhängig ist, von der Krise in den USA und Japan stark getroffen sei.

Stagnation in Japan

Die immer noch nicht überwundenen Rezessionstendenzen in der japanischen Wirtschaft werden jetzt noch durch den Rückgang des amerikanischen Wachstums verschärft, weil dadurch die Exporte zurück gehen. Diese Woche veröffentlichte Zahlen zeigen einen 46-prozentigen Rückgang des aktuellen Leistungsbilanzüberschusses. In einer Erklärung zum Zustand der Wirtschaft stellte die Regierung fest, dass die Arbeitslosigkeit weiterhin auf dem Rekordstand von 4,9 Prozent verharrt, die Verbraucherausgaben weiterhin schwach sind und Exporte und Produktion weiter zurückgehen, während die Unternehmensgewinne am Boden liegen.

Die Amtsübernahme der Koizumi-Regierung, die "Wirtschaftsreformen" versprochen hat, löste eine Debatte über die Frage aus, ob die wirtschaftliche "Umstrukturierung" zuerst durch eine Kürzung der Staatsausgaben oder durch die Eliminierung der faulen Kredite aus dem Bankensystem vorangetrieben werden solle. Die Befürworter der ersten Methode betonen, dass die Ausgabenpolitik gescheitert sei und lediglich die verschleierten Interessen der herrschenden Liberaldemokratischen Partei bedienten, deren Macht gebrochen werden müsse, wenn es eine Wiederbelebung der Wirtschaft geben solle.

Die Gegner von Ausgabenkürzungen sagen, dass das Ausmaß an Firmenzusammenbrüchen, das eine Restrukturierung der Banken mit sich brächte, das Land in eine tiefe Rezession stürzen würde, wenn die Regierung der Wirtschaft nicht einen starken Anstoß gebe.

Tatsächlich sind sowohl das Wachstum der Staatsschulden wie auch die faulen Kredite im Bankensystem ein finanzieller Ausdruck der andauernden Stagnation der Wirtschaft.

Es wird geschätzt, dass zwei Drittel des zusätzlichen Haushaltsdefizits, das sich inzwischen bei zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts bewegt, fallenden Steuereinnahmen geschuldet sind - eine Folge geringen Wirtschaftswachstums - und nur ein Drittel auf höhere Staatsausgaben zurückgeht. Das Defizit ist also nur ein Symptom des Problems.

Dieselbe Schlussfolgerung kann in Bezug auf die Bankenschulden gezogen werden. Es wird geschätzt, dass mindestens zehn Prozent der gegenwärtigen faulen Kredite, die die Banken halten, im letzten Jahr entstanden sind. Das Problem verschlimmert sich in dem Maße, wie der fortgesetzte Niedergang der Wirtschaft dazu führt, dass Kredite, die anfänglich tragfähig gewesen sein mögen, sich als faul erweisen.

Die Hartnäckigkeit der japanischen Rezession wurde in dem jüngsten Wirtschaftsbericht von Moody's Investor Services beleuchtet, der globalen Kreditratingagentur. Durch ihre Entscheidung, die Kreditwürdigkeit des Landes weiter mit Aa2 zu bewerten, der Stufe, die sie im vergangenen September festgesetzt hatte, gab sie ihrem Zweifel Ausdruck, dass es der Koizumi-Regierung gelingen werde, die Wirtschaft zu beleben. Es gebe weiterhin erhebliche finanzielle, ökonomische und politische Unsicherheiten, hieß es, und die Staatsschulden, die bei 130 Prozent des BIP liegen, zeigten kein Anzeichen von verringertem Anstieg.

"Die Komplexität von Japans ökonomischer Malaise bedeutet, dass keine einzelne politische Strategie und auch kein Mix von Strategien in der Lage war, die Wirtschaft wieder auf einen Kurs nachhaltigen Wachstums zu bringen, und es ist sehr unwahrscheinlich, dass irgendeine einzelne Strategie das Ei des Kolumbus sein wird," schreibt die Agentur.

Diese Bemerkungen könnten mit der gleichen Berechtigung auf die US-Wirtschaft und die Versuche des Federal Reserve Board (Fed) gemünzt werden, der Wirtschaft durch die Senkung der Leitzinsen einen Anstoß zu geben. Das grundlegende Problem dieser Politik besteht darin, dass höhere Zinsen nicht die Ursache des Abschwungs in den USA sind, und deswegen ihre Senkung auch nicht die Lösung bringen kann.

In Wirklichkeit sind der Rückgang der Kapitalinvestitionen, besonders in den Hightech-Industrien, und der dadurch verursachte globale Abschwung teilweise die Folge früherer Zinssenkungen der Fed.

Als die sogenannte Asienkrise mit dem Beinahezusammenbruch des amerikanischen Hedge Fonds Long Term Capital Management im September 1989 ihren wesentlich globalen Charakter erwies, senkte die Fed die amerikanischen Leitzinsen, um eine Systemkrise des Banken- und Finanzsystems zu verhindern. Als Folge davon wurde der schon beginnende Börsenboom noch verstärkt (Greenspan sprach schon im Dezember 1996 von "irrationalem Überschwang") und führte zu massiven Überinvestitionen, vor allem in Hightech- und Kommunikationsindustrien.

Die scheinbare Fähigkeit der Fed, die Asienkrise unter Kontrolle zu bekommen und in den USA einen Boom zu bewirken, ließ die Vorstellung aufkommen, eine "neue Ökonomie" sei entstanden. Aber wie bei allen früheren Investitionsbooms stieß die Illusion, dass im wesentlichen spekulative Gewinne eine neue Ära darstellten, schnell mit der harten Realität der kapitalistischen Wirtschaft zusammen. Mitte letzten Jahres begannen die Profite zu sinken, und das führte zu einer Verminderung der Investitionen und zu einem schnellen Rückgang der Wirtschaft.

Vor drei Jahren konnte die amerikanische Zentralbank eine globale Krise durch mehrere Zinssenkungen abwenden, aber sie beseitigte nicht ihre grundlegenden Ursachen.

Die "Asienkrise" von 1997-98 war ein Ausdruck der wachsenden Überkapazitäten in Schlüsselbereichen der Weltwirtschaft und zeigte klar, was für ein Druck sich daraus auf die Profitraten ergab. Das von den Zinssenkungen der Fed angeheizte schnelle Wachstum der amerikanischen Wirtschaft in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, das etwa 40 Prozent der Steigerung des weltweiten BSP ausmachte, zögerte ihre Auswirkungen hinaus.

Aber genauso wie ein Stoß Adrenalin den menschlichen Körper kurzfristig beleben kann, ohne eine tiefer liegende Krankheit zu heilen, behoben die Zinssenkungen der Fed die Probleme nicht, die der Krise zu Grunde lagen. Im Gegenteil, obwohl sie kurzfristig Erleichterung verschafften, haben sie die Krise langfristig verschärft. Das ist die tieferliegende Bedeutung des erneuten Auftretens einer Rezession in Ostasien und der erneuten Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten.

Siehe auch:
Weitere Artikel zur Weltwirtschaft
Loading