Vereinigte Staaten: Bereits fast eine Million Entlassungen in diesem Jahr

Im vergangenen Monat kündigten amerikanische Unternehmen die Streichung von 205.975 Arbeitsplätzen an, das ist nach einer Studie der Unternehmensberater Challenger, Gray & Christmas die höchste Zahl an Entlassungen in einem Monat, die seit beinahe einem Jahrzehnt registriert wurde. Mit den im Juli bekannt gegebenen Stellenstreichungen summieren sich die Entlassungen im Jahre 2001 auf beinahe eine Million (983.000). Zum Vergleich: 1990/91, als die Vereinigten Staaten zum letzten Mal eine Rezession erlebten, lag die höchste Zahl von Arbeitsplatzverlusten in einem einzelnen Jahr bei 555.000.

Am härtesten betroffen von der Arbeitsplatzvernichtung sind der Produktions- und Technologiesektor, da die amerikanischen Unternehmen - die in den 1990-er Jahren schnell expandierten - ihre Kapitalausgaben, besonders für Computer und Telekommunikationsanlagen, stark gesenkt haben. Die jüngste Runde der Entlassungen fiel zusammen mit einer Reihe von Berichten über gewaltige Profiteinbußen durch Cisco Systems, Lucent Technologies und andere High-Tech-Unternehmen sowie nach unten korrigierte Gewinnerwartungen durch Unternehmen in praktisch jedem Sektor der rückläufigen amerikanischen Wirtschaft.

Einige Analytiker haben auf die Tatsache verwiesen, dass die offizielle Arbeitslosenquote im Juli unverändert 4,5 Prozent betrug, und dies als Zeichen einer Stabilisierung der Wirtschaft interpretiert. Doch die Arbeitslosenquote des vergangenen Monats reflektierte verschiedene saisonale Faktoren, zudem vermitteln die Statistiken über Arbeitslosigkeit aufgrund ihres engen Erfassungsrahmens kein vollständiges Bild der Situation am Arbeitsmarkt. Nach Angaben von Challenger, Gray & Christmas gab es im Monat Juli 65 Prozent mehr Entlassungen als im Vormonat und 222 Prozent mehr als im Juli 2000.

Der Anstieg verweist darauf, dass die amerikanischen Unternehmen nicht auf eine gegenläufige Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte setzen, trotz der wiederholten Zinssenkungen durch die Notenbank, von der erwartet wird, dass sie beim nächsten Treffen in diesem Monat wiederum den Zinssatz senkt. "Wenn die Unternehmen eine Wende im Jahr 2001 voraussehen würden, verbunden mit einer zunehmenden Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen, dann wären wir nicht Zeuge der außergewöhnlich hohen Zahl an Entlassungen in diesem Jahr," sagte der Vorstandsvorsitzende der Fima John A. Challenger.

Die produzierenden Unternehmen in den Vereinigten Staaten - die auch unter dem starken Dollar leiden, der Exporte erschwert - stecken weiterhin in einem seit Jahren anhaltenden Konjunkturrückgang. Nach Angaben von Jared Bernstein, einem Wirtschaftswissenschaftler am Institut für Wirtschaftspolitik in Washington, ist der Anteil der amerikanischen Arbeitsplätze in der Produktion seit April 1998 von 15 Prozent auf 13 Prozent gefallen. Dies ist "eine außergewöhnlicher Veränderung in einer relativ kurzen Periode," sagte Bernstein.

Hersteller im Bereich von Telekommunikation, Computern und Elektronik haben seit Jahresbeginn 358.375 Arbeiter entlassen. Am zweitstärksten von Entlassungen betroffen ist die Automobil- und Industrieproduktion, wo 171.685 Arbeitsplätze vernichtet wurden.

Die Schwäche des produzierenden Sektors - wo zusätzlich zu den Entlassungen die Arbeitszeit verkürzt und Überstunden abgebaut wurden - greift nun auf andere Wirtschaftsbereiche über, wie eine in der vergangenen Woche veröffentlichte Einschätzung der Notenbank zu den regionalen Wirtschaftsbedingungen feststellte. Der Bericht, der wiederum aus den anekdotenhaften Berichten der zwölf Bezirksstellen der Notenbank zusammengestellt ist, bemerkt, dass in vielen Regionen eine fallende Nachfrage nach Büroräumen und Transportdiensten registriert wurde. Zudem wird in dem Bericht festgestellt, dass sich der Konjunkturrückgang nun auch auf den Einzelhandel auswirkt - einen wichtigen Bestandteil der Nachfrage, der den seit Jahren verzeichneten Abschwung verzögerte.

Wie im Bericht angegeben, hat die zunehmende Zahl an leerstehenden Büro- und Geschäftsräumen in vielen Regionen dazu geführt, dass das Baugewerbe zum Erliegen kam. Außerdem schrumpfen weiterhin die Tourismusbranche und die Nachfrage nach Unternehmensdienstleistungen wie Werbung, Programmierung und Datenverarbeitung.

Die Rezession im Bereich der Telekommunikations- und der Internet-Firmen fordert einen hohen Preis: Zehntausende Arbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz oder werden gezwungen, starke Lohnsenkungen hinzunehmen. Dazu kommt, dass andere Unternehmen, die von diesen Industriezweigen abhängen, mit in den Sog geraten.

Eine von dieser Entwicklung stark betroffene Gegend stellen die nördlichen Vororte von Dallas im Bundesstaat Texas dar, die auch als "Telecom Corridor" bekannt sind. Die Arbeitslosenquote in dieser Gegend, zu der auch die Städte Richardson und Plano zählen, ist in den letzten sechs Monaten um 50 Prozent gestiegen, da mehr als 10.000 Arbeiter ihre Jobs bei Unternehmen wie Nortel, Alcatel und Ericsson verloren haben. Die Arbeiter erlebten auch eine gewaltigen Wertverlust ihrer Aktien, mit denen sie zum Teil bezahlt wurden, eingeschlossen der auf Aktien basierenden Rentenversicherungen. Die Zahl der leer stehenden Büro- und Geschäftsräume hat sich im letzten Jahr verdoppelt, wobei inzwischen etwa 53.000 Quadratmeter Büroraum leer stehen - dies entspricht ungefähr einem Gebäude mit 30 Stockwerken.

Berichte über das Silicon Valley sprechen von dem "brutalen Sommer 2001". Gewaltige Entlassungswellen betrafen hier nicht nur die jungen Internet-Firmen sondern auch Unternehmen, deren Arbeitsplätze zuvor als relativ sicher betrachtet wurden, so wie Hewlett Packard. Seit der Aktienindex für Technologiewerte NASDAQ am 10. März 2000 seinen höchsten Stand erreicht hatte, ist der Aktienwert der 100 größten Technologiefirmen in Nordkalifornien um überwältigende zwei Billionen Dollar gefallen.

Im Silicon Valley und San Francisco, der Heimat der meisten pleite gegangenen Internet-Firmen, ist die Zahl der Arbeitslosen von 29.400 im vergangenen Dezember auf 85.600 im Juli gestiegen. Die Arbeitslosenquote in der Region liegt nun über dem nationalen Durchschnitt. In der Umgebung von San Francisco ist die Zahl der leer stehenden Geschäftsräume auf 20 Prozent gestiegen, nachdem sie vor 18 Monaten noch ein Rekordtief von 0,6 Prozent erreicht hatte.

Restaurants im Stadtzentrum von San Jose wurden früher Steaks für 34,50 Dollar und Weinflaschen für 150 Dollar das Stück an ihre Kunden los, deren Kaufkraft nicht zuletzt darauf beruhte, dass sie Aktienoptionen als Zulagen zum Arbeitslohn erhielten. Die Restaurants haben einen großen Teil ihrer Kundschaft verloren, auch weil entlassene Angestellte der Internet-Branche Einkommenseinbußen von 30.000 Dollar und mehr hinnehmen, um eine neue Anstellung zu finden.

Ein kürzlich erschienener Artikel aus der Seattle Times verwies auf die Zunahme von Obdachlosigkeit und angedrohten Selbstmorde in Santa Clara County, dem Zentrum des Silicon Valley. "Einst bestimmten Spitzenkräfte im Silicon Valley ihr Gehalt selbst," berichtet der Artikel, "nun stellen selbst die, die überhaupt Arbeitslosengeld erhalten, fest, dass die 40 bis 230 Dollar Unterstützungsgeld pro Woche nicht ausreichen, um die Miete für ein Appartement hier zu bezahlen, denn die Mieten betragen durchschnittlich 1.800 Dollar im Monat."

Fast 30 Arbeitslose aus dem Technologiesektor befinden sich unter den 100 Menschen im Montgomery Street Inn und andere Obdachlosenquartieren in San Jose, die von InnVision betrieben werden. Der Leiter der Organisation Robbie Reinhart kommentierte: "Sie sind nicht das, was wir uns gemeinhin unter Landstreichern vorstellen. Die meisten von ihnen haben einen akademischen Abschluss."

Flexibilität der Arbeitskräfte

Parallel zum Abschwung der amerikanischen Wirtschaft ist ein Konjunkturrückgang in Europa, Asien und Lateinamerika zu beobachten. Angesichts eines weltweiten wirtschaftlichen Abwärtstrends versuchen multinationale Konzerne die Gehaltslisten drastisch zu kürzen und nutzen dabei die Tatsache aus, dass die Arbeitsgesetze in den Vereinigten Staaten und die Fügsamkeit der amerikanischen Gewerkschaften Entlassungen in den Vereinigten Staaten leichter und billiger machen als in Europa oder Japan. Ein jüngst in der Washington Post erschienener Artikel bemerkte, dass der französische Telekom-Riese Alcatel, der deutsche Chemiekonzern BASF und die in den USA ansässigen Unternehmen Delphi Automotive Systems und Lucent Technologies unverhältnismäßig viele amerikanischen Arbeiter feuern und mehr Fabriken in den Vereinigten Staaten als anderswo schließen.

Ein Hauptgrund hierfür ist der Einsatz von Zeit- und Vertragsarbeitern, die einen großen Anteil der in amerikanischen Geschäftskreisen so gepriesenen "flexiblen Arbeitskräfte" ausmachen. Unternehmen können solche Arbeiter mit geringen oder ganz ohne Abfindungen entlassen, die als nachteilig für die Wettbewerbsfähigkeit der Vereinigten Staaten angesehen werden. Eine demnächst erscheinende Studie der amerikanischen Zensusbehörde über 3.000 Unternehmen fand heraus, dass diese Unternehmen - die einen repräsentativen Querschnitt der amerikanischen Wirtschaft darstellen - an einem typischen Tag 12 Prozent der von ihnen benötigten Arbeitskraft mit Zeit- und Vertragsarbeitern abdecken. An Spitzentagen beträgt dieser Wert 20 Prozent.

Im Juli ging die Arbeitsvermittlung über Zeit- und Leiharbeitsagenturen für den zehnten Monat in Folge zurück - was sich zu einem Verlust von 429.000 Arbeitsplätzen summiert - da die Produzenten und andere Arbeitgeber mit einer fallenden Nachfrage nach ihren Produkten konfrontiert sind und Angestellte entlassen. Der Vorsitzende der Nationalen Produzentenvereinigung Jerry Jasinowski sagte gegenüber der Washington Post: "Obwohl die Konzernleitungen behaupten, dass sie ihre Kürzungen weltweit gleichermaßen und unparteiisch durchführen, gehen sie tatsächlich in den Ländern mit strafferen Bestimmungen behutsamer vor, weil sie wissen, dass sie sich dort größere Kopfschmerzen einhandeln können. In Europa kommt es zu heftigen Reaktionen. Hier in den Vereinigten Staaten gibt es mehr Akzeptanz gegenüber der Idee des wirtschaftlichen Wandels."

Trotz gewisser Hindernisse führen die multinationalen Arbeitgeber gleichzeitig auch Massenentlassungen in Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Ländern durch. In der vergangenen Woche kündigten amerikanische Firmen die Vernichtung von Hunderten Arbeitsplätzen in Europa an, darunter Lucent Technologies, die 550 Arbeiter in Frankreich feuert, und Gateway Computer, deren Hauptquartiere in Irland und Großbritannien geschlossen werden, wobei mindestens 850 Arbeitsplätzen verloren gehen.

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