Der IWF warnt vor "anhaltendem globalen Rückgang"

Von Nick Beams
12. September 2001

Während die offiziellen Wachstumszahlen der wichtigsten Volkswirtschaften immer noch positiv sind, in den USA und Japan allerdings nur noch minimal, werden die Aussichten für die Weltwirtschaft immer düsterer.

Wenn der Internationale Währungsfond Ende diesen Monats seiner Jahresversammlung in Washington seinen Bericht über die Aussichten für die Weltwirtschaft präsentiert, wird dieser voraussichtlich Prognosen für ein deutlich langsameres Wachstum und Warnungen vor der Möglichkeit einer globalen Rezession enthalten. Laut einem Entwurf dieses Berichts, der letzte Woche an die Öffentlichkeit drang, hat der IWF seine Vorhersagen über das Weltwachstum von geschätzten 3,2 Prozent im letzten April jetzt auf 2,8 Prozent nach unten korrigiert. Der Bericht warnt sogar, dass es zu einem "noch viel tieferen und langandauernden globalen Rückgang" kommen könnte.

Während die Vorhersage für die USA unverändert bei 1,5 Prozent belassen wurde, sind die Prognosen für die zwölf Länder der Eurozone von 2,4 Prozent auf zwei Prozent reduziert worden. Die Wachstumsrate für die deutsche Wirtschaft, die über dreißig Prozent der Eurozone ausmacht, ist von einer früheren Voraussage von 1,9 Prozent für dieses Jahr auf 1,2 Prozent nach unten korrigiert worden.

Es wird erwartet, dass Japan dieses Jahr in eine Rezession gerät, da sich sein Wachstum, im Gegensatz zu einer früheren Prognose von 0,6 Prozent auf minus 0,2 Prozent reduzieren wird. Auch die Aussichten für 2002 wurden nach unten berichtigt - anstatt 1,5 Prozent wird das Wachstum dann nur 0,5 Prozent betragen.

Ein Kommentar über den Bericht, den die Financial Times unter dem Titel "Synchronisierter Niedergang" veröffentlichte, widerspiegelt die Besorgnis, die in Finanz- und Regierungskreisen über das Ausmaß des weltweiten Rückgangs vorherrscht. "Der produzierende Sektor der hochentwickelten Welt ist jetzt in einer tiefen Rezession", heißt es in diesem Kommentar. "Das Wirtschaftswachstum der sieben größten Volkswirtschaften ist beinahe auf dem Nullpunkt. Die Arbeitslosigkeit in Frankreich, Deutschland und Japan steigt an, und in den Vereinigten Staaten verlieren die Konsumenten langsam das Vertrauen."

Der Rückgang belastet die Weltwirtschaft in zweierlei Hinsicht. Erstens hat die zunehmende wirtschaftliche Integration zur Folge, dass die Konjunkturzyklen viel enger miteinander verbunden sind. Wenn in der Vergangenheit ein Abschwung in einem Teil der Welt noch durch einen Aufschwung in einer andern Region aufgefangen werden konnte, ist dies heute nicht mehr der Fall. Aus diesem Grund waren der rapide Niedergang bei den US-Investitionen und im Hightech-Bereich nahezu sofort auf dem gesamten Erdball zu spüren.

Darüber hinaus wirken sich die spezifischen Probleme einer jeden Region auf die globale Wirtschaft als Ganze aus.

In Japan besteht das Hauptproblem in der Verschärfung der Krise der faulen Kredite. In der vergangenen Woche gab der Minister für die Reform der Finanzen, Hakuo Xanagisawa, zu, dass die Halbierung der faulen Kredite innerhalb des Bankensystems bis 2007 dauern könnte - drei Jahre mehr als die Zielvorstellung der Koizumi-Regierung ursprünglich vorsah, und fast zwei Jahrzehnte nach Beginn der Krise.

Die Financial Times bezeichnete die gegenwärtige Situation als den "riskantesten Zeitpunkt, seitdem die Immobilienpreise Ende der achtziger Jahre ins Rutschen kamen. Japans Probleme hatten in den neunziger Jahren nur geringe internationale Auswirkungen, weil sie sich nur langsam anhäuften und weil die USA und Europa ein starkes Wachstum verzeichneten. Nun bewegen sich die wichtigsten Volkswirtschaften der Welt gleichzeitig in eine Rezession, und Japans Niedergang beschleunigt sich."

Auch die europäische Wirtschaft kann der Weltwirtschaft keinen neuen Auftrieb geben. Die Industrieproduktion ist in oder nahe an einer Rezession angelangt, die Inlandsnachfrage nimmt ab und die Wachstumsaussichten wurden nach unten korrigiert.

Nach seiner Ankündigung in der vergangenen Woche, die Zinsen um 0,25 Prozent zu senken, erklärte der Präsident der Europäischen Zentralbank, Wim Duisenberg, dass die Bank heute der Ansicht sei, in der Region werde das Wachstum unter zwei Prozent liegen. Anfang des Jahres hatte er noch alle Behauptungen, die Eurozone werde ebenfalls vom Abschwung in den USA betroffen sein, weit von sich gewiesen.

Neben der ständig präsenten Gefahr einer Implosion des japanischen Bankensystems geht eine weitere Bedrohung des globalen Finanzsystems von den Vereinigten Staaten aus.

So schreibt die Financial Times : "Für die Vereinigten Staaten besteht die unmittelbare Gefahr, dass die zyklische Abwärtsbewegung Schwung bekommt, besonders wenn ein weiterer Rückgang der Immobilienpreise und die Angst vor Arbeitslosigkeit die Konsumenten zwingen, sich einzuschränken. Es würde dann die Möglichkeit eines katastrophalen globalen Kollapses bestehen, der durch einen Dollareinbruch und ernsthafte Probleme am Finanzmarkt noch verschärft würde."

Der Artikel fährt fort: "Der IWF, der von einer Überbewertung des Dollars ausgeht, ist von einer derartigen Aussicht offensichtlich beunruhigt. Er sagt, vieles hänge davon ab, ob die amerikanische Produktivität bald eine schnellere Wachstumsrate erreichen könne. Wenn solche Hoffnungen enttäuscht würden, könnten die Wertpapiermärkte und Investitionen weiter fallen. Und wenn ausländische Investoren Angst bekommen, könnte das gegenwärtig hohe amerikanische Leistungsbilanzdefizit den Dollar in den Abgrund reißen."

Einer der Schlüsselfaktoren, der den Kapitalfluss in die USA begünstigt - über eine Milliarde Dollar pro Tag werden benötigt, um das Zahlungsbilanzdefizit auszugleichen - ist bisher das Vertrauen, dass durch die höheren Produktivitätsraten in der amerikanischen Wirtschaft dort getätigte Investitionen profitabler seien als überall sonst auf der Welt.

Aber die Produktivitätszahlen, auf denen diese Einschätzung beruhen, werden in letzter Zeit in Frage gestellt. Der geschätzte Produktivitätszuwachs von 2,6 Prozent für 1999 musste auf 2,3 Prozent nach unten korrigiert, und die Schätzung für das Jahr 2000 musste von 4,3 Prozent auf drei Prozent reduziert werden. Insgesamt wird der Produktivitätsboom der späten neunziger Jahre mehr und mehr als Produkt der amerikanischen Investitions-Seifenblase angesehen, und nicht als reales und beständiges Anwachsen des Produktivitätsniveaus, geschweige denn als Vorläufer einer "New Economy".

Die allgemeine Tendenz, die der globalen Wirtschaft zugrunde liegt, kann man am besten an zwei besonderen Industriezweigen erkennen - der Computer- und der Telekommunikationsindustrie -, die beide den globalen Kapitalismus angeblich in eine neue Ära des Wirtschaftswachstums führen sollten.

Die Halbleiterindustrie, in der die in PCs, Servern, Mobilfunk- und Telekommunikationsausrüstung verwendeten Chips hergestellt werden, ist mit Umsatzeinbußen von 25 bis 75 Prozent konfrontiert, nachdem sie jährliche Wachstumsraten von über 15 Prozent erlebt hatte.

Der Fall von Fujitsu, dem japanischen Konzern, der letzten Monat 16.000 Entlassungen ankündigte, ist symptomatisch für die Situation in der ganzen Industrie. Fujitsu fasste ursprünglich für dieses Jahr Profite um die fünfzig Mrd. Yen (ca. 850 Mio. DM) ins Auge. Jetzt wird jedoch erklärt, die Verluste würden das Vierfache dieser Summe übersteigen und sich auf 220 Mrd. Yen belaufen, was alles übertrifft, was dieser Konzern je erlebt hat. Toshiba wird Verluste in Höhe von 115 Mrd. Yen verzeichnen, und Mitsubishi Electric hat es überhaupt aufgegeben, Profitvoraussagen zu machen.

So ernst die Situation in der Chipproduktion auch ist, sie wird von der Krise im Telekommunikationsbereich noch überschattet, wo die Finanzblase der letzten vier Jahre das Ausmaß derjenigen der Dotcom-Konzerne noch bei weitem übersteigt.

Von 1997 bis 2001 wurden die Ausgaben für Telekommunikationsausrüstungen und -dienstleistungen in den USA und Europa auf über 4000 Mrd. Dollar (8600 Mrd. DM) geschätzt. Als Ergebnis davon wurde die gigantischste Überkapazität in der Geschichte geschaffen. So sollen lediglich zwei Prozent der gesamten europäischen und US-amerikanischen Fiberglasverkabelung tatsächlich genutzt werden.

Das Ausmaß des Zusammenbruchs wurde in einem Bericht der Financial Times vom 5. September dokumentiert. Darin hieß es, dass in den vergangenen sechs Monaten über 300.000 Arbeitsplätze im Telekom-Bereich verschwunden seien, dazu weitere 200.000 in der Komponenten-Anlieferung und angegliederten Bereichen.

Die Finanz-Zahlen sind ebenfalls atemberaubend. "Seit ihrem Spitzenwert von 6.300 Mrd. Dollar im März 2000 ist der Börsenwert aller Telekom-Hersteller und -Betreiber um 3.800 Mrd. Dollar (8.250 Mrd. DM) gefallen. Zum Vergleich: Während der Asienkrise der späten neunziger Jahre betrug der Gesamtwert der Verluste an allen asiatischen Börsen nur 813 Mrd. Dollar." Darüber hinaus geht der Bericht davon aus, dass neben dem Einbruch bei den Börsenwerten noch weitere 1.000 Mrd. Dollar an Bareinlagen verloren gingen.

Diese Zahlen haben nicht bloß eine ökonomische, sondern auch ein politische Dimension. Ein zentraler Bestandteil des Arguments, die neunziger Jahre hätten den "Tod des Sozialismus" erlebt, war die Behauptung, die Entwicklung der Informationstechnologie stelle den Beginn einer "New Economy" dar, die frei sei von den Krisen der Vergangenheit. Jetzt wird jedoch immer klarer, dass die ökonomische Entwicklung in der kapitalistischen Wirtschaft des letzten Jahrzehnts - weit davon entfernt, die Widersprüche des Profitsystems zu überwinden - in Wirklichkeit einen globalen Zusammenbruch vorbereitet hat, der sich als der schlimmste und weitreichendste der gesamten Nachkriegsperiode erweisen könnte.

Siehe auch:
Globaler Wirtschaftsrückgang vertieft Gegensätze in Genua
(27. Juli 2001)
Rezession und globale Turbulenzen auf den Finanzmärkten kehren zurück
( 19. Juli 2001)

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