Die Teissier-Affäre

Die Pariser Sorbonne rehabilitiert die Astrologie

Von Stefan Steinberg
27. September 2001

Seit einigen Monaten berichten die Medien ständig über Frankreichs bekannteste Astrologin, Elizabeth Teissier. Um ihre Person rankt sich eine geradezu surrealistisch anmutende Debatte über die Bedeutung der Astrologie für die Wissenschaft.

Im April verteidigte Madame Germaine Elizabeth Hanselmann, besser bekannt unter dem Namen Elizabeth Teissier, an der Pariser Universität Sorbonne ihre Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde, "Kritische Studie zur Astrologie und ihrer Ambivalenz Faszination/Ablehnung in den postmodernen Gesellschaften". Für ihre 900 Seiten umfassende Schrift, die angeblich die wissenschaftlichen Qualitäten der Astrologie nachweisen soll, wurde Madame Teissier anschließend durch Mehrheitsentscheid eines Professorengremiums der Doktortitel der Soziologie verliehen.

Aus der Nähe betrachtet wirft die "Teissier-Affäre" nicht bloß ein entlarvendes Licht auf die bizarre Arbeitsweise eines Präsidenten in diesem hochentwickelten westeuropäischen Land, die Anerkennung von Teissiers Dissertation durch eine prestigeträchtige französische Universität zeigt auch mit aller Deutlichkeit, wie sehr das wissenschaftliche Denken im französischen Erziehungssystem unter dem Einfluss der Ideologen der sogenannten Postmoderne auf den Hund gekommen ist.

Elizabeth Teissier, ein ehemaliges Model des Luxus-, Mode- und Parfumhauses Chanel und in jüngerer Vergangenheit die meist publizierte Astrologin Frankreichs, enthüllte vor einiger Zeit, dass sie dem französischen Präsidenten François Mitterrand sieben Jahre lang als Beraterin gedient hatte. Sie schrieb ein Buch mit dem Titel: "Sous le signe de Mitterrand" (Im Zeichen Mitterrands) über ihre Arbeit für den Präsidenten. Darin behauptet sie, sie habe durch Befragung der Sterne den Präsidenten bei all seinen politischen Entscheidungen beraten - sogar bei seinen Militäraktionen während des Golfkriegs.

Zu Beginn ihrer Zusammenarbeit mit Mitterrand, schreibt sie, habe sie einen größeren internationalen Zwischenfall vorausgesagt, der angeblich im Sommer 1990 stattfinden würde. Im August desselben Jahres, als Irak in Kuwait einmarschierte, habe Mitterrand sie sofort beauftragt, Saddam Husseins Horoskop zu berechnen und den nächsten Schachzug des Diktators zu bestimmen. Im Nachhall der US-Propaganda der damaligen Zeit, die ihre Aggression gegen den Irak durch eine Dämonisierung Saddam Husseins rechtfertigte, erzählt Teissier in ihrem Buch, sie habe vorausgesagt, Saddam würde seine Truppen nur sehr langsam zurückziehen, da er "die gleiche astrologische Konstellation wie Hitler aufweist - einen Stier, mit einer Waage im Aszendenten".

Es ist natürlich schwierig zu sagen, wie viel von Teissiers Erzählungen der Wahrheit entspricht. Was klar herauskommt, ist, dass Teissier eine enge Beziehung zum Präsidenten Mitterrand unterhielt und dafür bekannt war, dass sie ihm regelmäßige Besuche in seinem Büro abstattete. Aktenkundig ist auch, dass Mitterrand von Astrologie, Trance und Geisterwesen fasziniert war. In einer Rede vor einer Wissenschaftlerversammlung warf der Präsident Astrologie und wissenschaftliche Astronomie durcheinander.

Teissier macht klar, dass sie sich stark auf die statistische Forschung von Michel Gauquelin stützt, der beweisen wollte, dass eine Verbindung zwischen den Planetenbahnen und dem Schicksal, der Karriere oder dem Spiel führender Sportler bestehe. In ihrer Dissertation bemüht sich Teissier ihre These zu untermauern, indem sie sich damit brüstet, dass Präsident Mitterrand sie gebeten habe, ein astrologisches Portrait seines Premierministers Pierre Bérégovoy zu zeichnen (dabei müssen ihr die astrologischen Konstellationen irgendwie entgangen sein, die auf Bérégovoys bevorstehenden Selbstmord hingewiesen hätten).

Man könnte Teissiers Wirken und Schreiben als einen schlechten Scherz übergehen, wäre da nicht die Tatsache, dass ihr Werk durch ein Gremium honorabler Professoren der Sorbonne akzeptiert und gewürdigt worden ist. Die Kommission ließ es als Abhandlung über Soziologie zu, obwohl Teissier jede Diskussion der Soziologie zu Beginn ihrer Schrift abrupt abweist, indem sie schreibt: "Eine Diskussion über die Philosophie der Soziologie... wäre hier nicht am Platze." Ihr ganzes 900 Seiten dickes Buch ist von reaktionärem Unsinn durchdrungen. Ohne die Geduld unserer Leser überstrapazieren zu wollen, hier einige Beispiele:

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"Kürzliche Untersuchungen haben uns erlaubt, eine Beziehung zwischen Krebs und sogar AIDS und den Dissonanzen dieser zwei Planeten [Neptun und Pluto] herzustellen, sofern die Geburtskonstellation berücksichtigt wird." (S. 213)

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"... Fehlgeburten, Gebärmutterkrebs und andere gynäkologische Krankheiten sind vorhersehbar, weil sie durch das Vorüberziehen eines dissonanten Sternes wahrscheinlicher werden." (S.239)

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Auf Seite 127 untersucht Teissier das Horoskop des Schriftstellers und früheren gaullistischen Ministers André Malraux und kommt zum Schluss, dass er wahrscheinlich "seine beträchtlichen Talente aus einem früheren Leben erbte".

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Im Verlauf ihrer Schrift macht sie klar, dass sie sich gegen "die aggressiven Rationalisten, die allergisch auf Sterne reagieren" (S. 42) und gegen "die Vorkämpfer der offiziellen Wissenschaften" (S. 767) richtet.

Die Anerkennung, die der Astrologie in Frankreich und anderen Ländern gezollt wird, ist ein klarer Ausdruck für die Krise des gesellschaftlichen Denkens, die in den letzten zehn Jahren besonders ausgeprägte Formen angenommen hat. Es ist wohlbekannt, dass der US-Präsident Ronald Reagan und seine Frau Nancy während seiner Amtszeit die Dienste einer Astrologin in Anspruch nahmen, und in den USA wurde vor kurzem ein College für Astrologie eröffnet.

In Großbritannien ist ein Fonds zur Erforschung des Potentials der Astrologie eingerichtet worden, und auch in Dänemark und Österreich haben geschäftstüchtige Astrologen die Unterstützung bestimmter Universitäten. In Indien hat der Erziehungsminister alle 200 Universitäten aufgefordert, Astrologieseminare anzubieten, und bot ihnen dafür je fünf zusätzliche Dozentenstellen und weiteres Personal an. Er forderte, dass alle Gymnasien Wedische Mathematik [Weda - heilige Schrift des Hinduismus] und Astrologie lehren sollten.

Dennoch hat die Auferstehung der Astrologiedebatte gerade in Frankreich - der Heimat des rationalen Denkens von Descartes - eine besondere Bedeutung. In Frankreich hatte die Astrologie die letzten 300 Jahre über einen schweren Stand. Die Aufklärung hatte sich die Einteilung der wahren Wissenschaften und die Entwicklung einer Enzyklopädie des menschlichen Wissens zur vorrangigen Aufgabe gemacht, was das Denken einer aufstrebenden französischen Bourgeoisie prägte und in der Französischen Revolution von 1789 eine so große Rolle spielen sollte.

Schon hundert Jahre vor der Revolution wurde die Astrologie als Disziplin verachtet, die eines Studiums nicht würdig sei. Der Mann, der sie so einschätzte, war Jean-Baptiste Colbert, erster Minister von König Ludwig XIV. und 1666 Gründer der französischen Akademie der Wissenschaften. Der Prozess gegen den Mystiker und Giftmischer Voisin zwölf Jahre später führte dazu, dass ein königlicher Erlass die Wahrsagerei untersagte. Heute, fast 350 Jahre später, wird die Wahrsagerei an der Sorbonne rehabilitiert.

Es ist bezeichnend, dass Teissier ihre Dissertation als einen Beitrag zum Verständnis der Astrologie "in den postmodernen Gesellschaften" auffasst. Das postmodernistische Denken, wie es sich die letzten dreißig Jahre über entwickelte, zeichnet sich durch einen gründlichen Relativismus aus, der jede objektive Wahrheit leugnet und allen Theorien gegenüber, die eine allgemeine Erklärung der Welt liefern, Skepsis bekundet. Für die Postmodernisten ist das wissenschaftliche Studium der Realität auf den Austausch bloßer Reden oder Geschichten beschränkt, wobei die Religion, Formen der Mystik oder selbst die Astrologie gleichrangig mit wissenschaftlichen Disziplinen behandelt oder diesen sogar vorgezogen werden.

Eine empirische Untersuchung zeigt, dass zahlreiche führende Vertreter des postmodernen Denkens zeitweilig in stalinistischen oder anderen Organisationen der radikalen Linken aktiv waren. In seiner Biographie des prominenten französischen Philosophen und Postmodernisten Michel Foucault (1926-1984), "Die Passion des Michel Foucault", beschreibt der Autor James Miller, wie das französische akademische Establishment den Versuch unternahm, den Radikalismus der 1968-er Bewegung zu entschärfen, indem man ihren führenden Köpfen Spitzenpositionen an Schulen und Universitäten anbot. Foucault, der nach 1968 mit den Maoisten sympathisierte, erhielt eine führende Stelle am Collège de France, während sein Freund Gilles Deleuze, ebenfalls Philosoph und Sympathisant der Maoisten, Foucaults alte Stelle an der Universität von Vincennes übernahm.

Nach den Ereignissen von 1968 - als Frankreich durch einen Generalstreik erschüttert wurde und Präsident de Gaulle aus dem Land floh - und nach dem Verrat und der darauf folgenden Diskreditierung der Französischen Kommunistischen Partei, fand eine gewisse Arbeitsteilung in französischen Akademikerkreisen statt. Als mit den "Neuen Philosophen" eine offen rechte, antisozialistische Strömung von Ideologen und Denkern aufkam, konnten die sogenannten Postmodernisten in Frankreich und anderswo noch eine Zeitlang eine gewisse Aura des Radikalismus aufrecht erhalten.

Die Auflösung der Sowjetunion zu Beginn der neunziger Jahre wurde von vielen Radikalen, die sich bereits politisch nach rechts bewegten, als endgültiges Scheitern jeglicher Alternative zum Kapitalismus betrachtet. Angesichts des kometengleichen Aufstiegs der Börsen und des scheinbaren Endsiegs des Molochs "Kapital" kam es zu einem allgemeinen Rückzug vieler Ex-Radikaler in die Formen von Individualismus, Mystik und Idealismus, wie sie für einen Großteil des postmodernistischen Denkens typisch sind. Diese haben heute an den französischen Akademien beträchtlichen Einfluss.

Vor über einem halben Jahrhundert kämpfte der Gründer der Vierten Internationale, Leo Trotzki, gegen eine kleinbürgerliche, radikale Opposition innerhalb der Vierten Internationale. Der pseudo-radikalen Opposition von Burnham und Shachtman, die sich auf die vulgärste Form von Pragmatismus stützte und ihre "Skepsis allen Theorien gegenüber" verkündete, hielt Trotzki entgegen: "Skepsis gegenüber allen Theorien ist nichts weiter als die Vorbereitung auf die persönliche Desertion." Folgendermaßen charakterisierte er die Burnham-Shachtman-Opposition gegen die materialistische Dialektik und das wissenschaftliche Denken: "Der Kampf gegen die materialistische Dialektik drückt (...) eine entfernte Vergangenheit aus, den Konservatismus des Kleinbürgertums, den Eigendünkel der Universitätsroutiniers und... einen Funken der Hoffnung auf ein zukünftiges Leben." (L. Trotzki, "Verteidigung des Marxismus", Berlin 1973, S.285 und S.81)

Mit der Verleihung des Doktortitels an Teissier und der Anerkennung ihrer Bemühungen zur Rehabilitierung der Astrologie haben die Professoren der Sorbonne versucht, aus dem "Funken Hoffnung auf ein zukünftiges Leben" ein Feuer anzufachen. Ihre Entscheidung zeigt ohne jeden Zweifel, dass der Kampf gegen Mystik und ideologische Rückständigkeit nicht in einem Universitätshörsaal, sondern im Aufbau einer sozialistischen Massenbewegung gegen Kapitalismus entschieden wird, die sich auf den enormen Reichtum an materialistischen und wissenschaftlichen Gedanken stützt, der in der marxistischen Bewegung enthalten ist.

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